Canetti, Elias

Elias Canetti wurde am 25. Juli 1905 in Rustschuk/Bulgarien geboren. Er stammt aus einer wohlhabenden jüdischen Familie. Die Sprache seiner Kindheit war ein spätmittelalterliches Spanisch, das sich unter den von der Iberischen Halbinsel vertriebenen Juden jahrhundertelang erhalten hatte. 1911 kam Canetti mit seinen Eltern nach England. Nach dem plötzlichen Tod seines Vaters lebte die Familie zunächst in Österreich und der Schweiz. 1924 begann Canetti in Wien ein Studium der Chemie, das er 1929 mit der Promotion abschloss.
Schon während des Studiums richtete sich sein Interesse vornehmlich auf die Literatur. Erst zu Beginn der 30er Jahre jedoch schloss er seine ersten Werke ab, darunter den Roman Die Blendung (entst. 1931, ersch. 1935) und die Theaterstücke Hochzeit (1932) und Komödie der Eitelkeit (entst. 1934, ersch. 1950).
Nach der Angliederung Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland emigrierte Canetti zunächst nach Paris, später nach London. Von 1939 an konzentrierte er sich auf die Arbeit an dem großangelegten Essay Masse und Macht (1960), mit dem er zum Verständnis der über Europa hereingebrochenen politischen, sozialen und kulturellen Umwälzungen beitragen wollte. Als Ausgleich zur theoretischen Arbeit widmete er sich von 1942 an der täglichen Niederschrift von aphoristischen Notizen, die 1973 gesammelt unter dem Titel Die Provinz des Menschen erschienen. Im Zentrum seines Alterswerks steht seine dreibändige Autobiographie (Die gerettete Zunge, Die Fackel im Ohr, Das Augenspiel), an der er seit 1971 schrieb.

Cannettis Werke sind in Deutschland im Fischer-Verlag erschienen. Zum Beispiel:




Die Blendung. Roman (1931, ersch. 1935)

Dieser Roman 1935 in Wien zum ersten Mal veröffentlicht, aber von ungünstigen Zeitumständen in seiner Wirkung behindert, ist auf Umwegen über England, Amerika und Frankreich, in die deutsche Literatur zurückgekehrt, in der er heute einen wichtigen Platz einnimmt.
Wie Joydes "Ulysses", mit dem die Kritik Canettis Buch immer wieder verglichen hat, ist "Die Blendung" im Grunde eine mächtige Metapher für die Auseinandersetzung des Geistes mit der Wirklichkeit, für Glanz und Elend des einsam reflektierenden Menschen in der Welt.
Protagonist der Handlung ist Kien, ein berühmter Sinologe, der in seiner 25.000 Bände umfassenden Bibliothek ein grotesk eigensinniges Höhlenleben führt. Seine Welt ist im Kopf, aber sein Kopf ist ohne Sinn für die Welt. Als Kien, von seiner Haushälterin zur Ehe verführt, mit den Konventionen und Tatsachen des alltäglichen Lebens konfrontiert wird, "rettet" er sich gewissermaßen in den Irrsinn.




Masse und Macht (1960)




Die Provinz des Menschen. Aufzeichnungen 1942-1972 (1973)

Der hier vorliegende Sammelband bildet nur einen Auszug aus den vielen Bänden der im Laufe der Jahre niedergeschriebenen Notizen. Canettis Aufzeichnungen, oft nur wenige Zeilen, selten mehrere Seiten umfassend, sind Protokolle eines strengen Denkprozesses, in denen der Leser die Entstehung und Verwandlung von Ideen, Beobachtungen und Erinnerungen auf eine unmittelbare und faszinierende Weise verfolgen kann. Sie sind nicht Tagebuchnotizen und Ahorismen, di - wie bei mancham Autor der Weltliteratur - neben anderen Büchern entstanden uund später zu Ruhm gekommen sind, sondern das Ergebnis eines eigenen, ständig fortgeführten Arbeitsprozesses. Canetti sagt selbst, es sei "ein besonderer Teil seines Lebens in diese Aufzeichnungen gegangen". So beanspruchen sie den Status eines eigenständigen Werkes und stellen ein Buch dar, das Zeile für Zeile den zum Nachdenken bereiten leser in Spannung hält.




Der Ohrenzeuge. Fünfzig Charaktere (1974)

In dem Bändchen "Der Ohrenzeuge" nimmt Canetti eine Methode der Beschreibung wieder auf, die in der Antike der Philosoph Theophrast begründet hat. Als hätte er kein Wort von Psychologie oder Soziologie gehört, schildert Canetti Charaktere - etwa den "Größenforscher", den "Leidverweser", die "Tischtuchtolle" -, die in ihrer knappen Sprache und ihren zuweilen surrealistischen Bildern unmittelbar einleuchten und unvergesslich werden. Einsichten und Erfahrungen beim Verfassen seiner großen Werke haben Canetti zu einer außergewöhnlichen dichterischen Kleinform geführt. Diese "Charaktere" haben etwas - wenn auch ganz anderen Ursprungs - von Morgensternschem Humor.




Das Gewissen der Worte. Essays (1975)

Canetti musste über siebzig werden, bis er - wie es seiner Bedeutung schon immer gebührt hätte - auch von einer breiteren Leser-Öffentlichkeit akzeptiert wurde. Inzwischen zählt seine Leserschaft nach Hunderttausenden. Zu entdecken bleibt nach wie vor der Essayist Canetti. Abhilfe schafft hier der Essay-Band "Das Gewissen der Worte", in dem Arbeiten aus den Jahren 1962-1974 versammelt sind.




Die gerettete Zunge (1977)

Canettis autobiographische Geschichte einer Jugend war das literarische Ereignis des Jahres 1977. Das Buch wurde zu einem Bestseller, obwohl das kurzlebige Prädikat zu wenig ist für dieses Alterswerk eines großen Schriftstellers.
"Elias Canettis Autobiographie dürfte zu den wenigen Beispielen dieses literarischen Genres gehören, die sich über die Zeiten hinweg halten, weil sie Wahrheit und Dichtung, kleine private Welt und übergreifende Zeitgeschichte in einem enthält." (Joachim Günther in Der Tagesspiegel)




Die Fackel im Ohr. Lebensgeschichte 1921-1931 (1980)

Mit der "Fackel im Ohr" setzt Elias Canetti seine autobiografischen Erinnerungen fort Diesmal geht es um die Jahre 1921-1931, die Jahre zwischen sechzehn und sechsundzwanzig im leben Canettis, in denen sich der Autor "die Welt mit dem Kopf aneignet".




Das Augenspiel. Lebensgeschichte 1931-1937 (1985)

Mit diesem dritten Teil "Das Augenspiel" schließt Elias Canetti seine großangelegte autobiographische Entwicklungsgeschichte eines Schriftstellers ab. Hier nun spricht der selbstbewusst gewordene Autor der Wiener Jahre ...