Zweig, Stefan (1881-1942)

Stefan Zweig wurde am 28. November 1881 in Wien geboren, lebte von 1919 bis 1935 in Salzburg, emigrierte dann nach England und 1949 nach Brasilien. Früh als Übersetzer Verlaines, Baudelaires und vor allem Verhaerens hervorgetreten, veröffentlichte er 1901 seine ersten Gedichte unter dem Titel "Silberne Saiten". Sein episches Werk machte ihn ebenso berühmt wie seine historischen Miniaturen und biographischen Arbeiten. 1944 erschienen seine Erinnerungen, das von einer vergangenen Zeit erzählende Werk "Die Welt von Gestern". Im Februar 1942 schied er in Petrópolis, Brasilien, freiwillig aus dem Leben.


Schachnovelle (1943)


Das Grunderfordernis der Novelle ist, nach Goethe, die künstlerische Wiedergabe einer "unerhörten Begebenheit". Eine solche Begebenheit ist bei Zweig die Begegnung zweier Schachgenies, von denen das eine eine stumpfe, bäuerliche Natur ist, der sich "die Welt einzig auf die enge Einbahn zwischen Schwarz und Weiß reduziert", die "in einem bloßen Hin und Her, Vor und Zurück von zweiunddreißog Figuren ihre Lebenstriumphe sucht" - das andere ein hochorganisierter, gebildeter Mensch, für den das kalte Fieber des "Spiels der Spiele" einstmals in der zermürbenden Einsamkeit einer Gestapohaft Lebensrettung gewesen ist. Jetzt aber, da er in die Freiheit zurückgekehrt ist, bedeutet ihm dies Spiel weder Spiel noch geistige Flucht aus dem Unerträglichen mehr - es ist für ihn Erprobung der wiedergewonnenen Normalität, Bestätigung der Rückkehr in die Bezirke des Humanen. In erregender Steigerung erleben wir, wie diesem Spieler, der die Spielregeln des Schachs mit virtuoser Bravour beherrscht, die Spielregeln des Lebens abermals zu entgleiten drohen, bis er sich im letzten Augenblick fängt und die "unerhörte Begebenheit" nach einem bedrohlichen Aufflackern beruhigt und besänftigt in die Unauffälligkeit des Alltags mündet.
"Diese Novelle ist ein Vermächtnis. Die Erzählerleidenschaft eines Autors, der in unersättlich produktiver Neugierde die Weltgeschichte durcheilte und mit unfehlbarem Instinkt überall da haltmachte, wo ein verborgener Schatz zu heben, ein psychologisches Rätsel zu lösen war ... findet man auf den noch nicht hundert kleinen seiten dieses Büchleins beispielhaft komprimiert." (Der Tagesspiegel)