Weil, Grete


Meine Schwester Antigone (1980)

Ein Hochhaus in der Frankfurter Innenstadt, in der Attikawohnung eine Frau: alt, ziemlich alt, ein Leben in zunehmender Vereinsamung, ein Leben im Zustand des "Noch" - "Ach, Sie fahren noch Ski?", als ob dies ungehörig wäre. Da ist die Erinnerung an die Verletzungen der Vergangenheit, die Zeit der Verfolgung, die Mitarbeit im Jüdischen Rat in Amsterdam, den Tod der Lebensgefährten. Da sind die Schuldgefühle der Davongekommenen. Erinnerungen, unterbrochen durch Gegenwart: lange Telefongespräche mit Freunden, die flüchtige Begegnung mit einer jungen Frau, die als Sympathisantin mit der Terroristenszene in Verbindung steht, Spaziergänge durch die Frankfurter Innenstadt - und die Beschäftigung mit Antigone, Gegenstand eines Buches, das sie nie zu Ende schreiben wird - Antigone, mythische Gefährtin und Symbol eines Widerstandes, der in seiner Kompromisslosigkeit erschreckend ist. Auch sie hätte Antigone sein können, doch ihr fehlte der Mut. "Ich sagte nicht nein - Neinsagen, die einzige unzerstörbare Freiheit, Antigone hatte sie souverän genutzt."

"Man kann die Bücher von Grete Weil nicht ohne Erschütterung lesen. Diese Schriftstellerin hat, seit sie mit der Erzählung 'Ans Ende der Welt' hervortrat, Verfolgte und Verfolger mit einer Aufrichtigkeit porträtiert, die ihr einen besonderen Platz in der Gegenwartsliteratur zuweist." (Martin Gregor-Dellin)