Rinser, Luise (1911-2002)



Luise Rinser, 1911 in Pitzling/Oberbayern geboren, studierte in München Pädagogik und Psychologie. Nach dem Examen arbeitete sie als Aushilfslehrerin an verschiedenen oberbayerischen Schulen. Sie verweigerte den obligaten Eintritt in die NS-Partei und kam 1939 der Entlassung aus dem Schuldienst durch eigene Kündigung zuvor. 1940 erschien ihr erster Roman »Die gläsernen Ringe«, der nach der zweiten Auflage verboten wurde. 1944 wurde sie wegen sogenannter »Wehrkraftzersetzung« denunziert und verhaftet, ihre Hinrichtung wurde nur durch das Kriegsende verhindert.. 1945 bis 1958 arbeitete sie als Journalistin und veröffentlichte mehrere Romane. Sie wurde unter anderem mit der Roswitha-Gedenkmedaille der Stadt Gandersheim und dem Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste der DDR ausgezeichnet. Sie lebte lange in Rocca di Papa bei Rom, zuletzt in der Nähe von München. Luise Rinser starb am 17. März 2002.-

Die Werke Luise Rinsers sind im Fischer-Verlag erschienen.


Romane:



Ich bin Tobias (1966)

Dieser Roman bedeutet eine Wende im Werk von Luise Rinser. Mit dialektischer Spannung und in vorherrschend dialogischer Rede wird eine vielfältige Frage gestellt: heutige Jugend forscht zweifelnd nach dem Grund und Sinn ihres Daseins - und fordert damit nicht nur unsere etablierte, doch keineswegs gesicherte Wohlstandswelt heraus, sondern unvermittelt auch die Autorin selbst, die ihrerseits nach dem Wesen und Weg dieser Jugend gefragt hat und nun durch die von nihr geschaffene Figur überwältigt und "verändert" wird.
Luises zweistimmige Erzählweise hat eigenen Atem. Szenen und Gedanken, Rede und Gegenrede sind eng geknüpft; die genau gehörte Alltagssprache der Jugend wird Bestandteil einer rhythmisierten literarischen Komposition.




Der schwarze Esel (1974)

Luise Rinser erzählt in der ersten Person, doch diese Geschichte ist nicht autobiographisch, sondern erfundene Wahrheit - die Geschichte einer Rückkehr und damit einer Überprüfung des Gestern und des Heute. Eine bayerische Mittelstadt, Menschen, Schicksale in ihr. Verschüttetes, Wiederaufgedecktes. Zwei alternde Schwestern, traumumfangene Künstlerin die eine, ganz von nüchterner Sachlichkeit und praktischem Sinn geleitet die bucklige andere. Die bohrenden Fragen der Besucherin werden zögernd beantwortet. Erlebnisse und Taten aus der Nazizeit allmählich aus dem Schatten gezogen, menschliche Triebkräfte, Schwächen, Verstrickungen aufgespürt. Die Lebenswege der so scharf wie rund gezeichneten Figuren in ihrer Kreatürlichkeit, ihrer Festigkeit, ihrer Verführbarkeit und ihrem Widerspruch verknüpfen, die Geschichte der einzelnen und die Geschichte der Zeit verweben sich. Fragen über Fragen: manche müssen offen bleiben - was hat es auf sich mit dem schwarzen Esel?




Bruder Feuer (1975)

Luise Rinsers Roman über Franz von Assisi: Die Gegenwart ist der Ausgangspunkt für ihre Spurensicherung. Sie geht den historischen Überlieferungen nach und projiziert das Leben des Heiligen Franziskus in unsere Zeit. Ein cleverer Zeitungsreporter stöbert im Assisi des 20. Jahrhunderts herum, sucht in den Bergen nach der Kommune des Franz, befragt die Leute, die Gegner und Anhänger. Und so entsteht ein wiedererwecktes Bild des Ordensgründers der Franziskaner. Wie Franz von Assisi heute gelebt hätte - als Urwald-Arzt oder Arbeiterpriester, als Sozialhelfer oder Gefängnispsychologe -, darüber wird der Zeitungsreporter berichten, skeptisch und doch angerührt wie die Historiker vor achthundert Jahren.




Mirjam (1983)

Eine der stärksten und kühnsten erzählerischen Leistungen von Luise Rinser: die Geschichte der Mirjam aus Magdala, die den Mann aus Nazareth bis nach Golgatha begleitete - Rebellin, die zu Freiheit und Bindung findet. Ein Roman aus biblischer Zeit, ein zeitloser Roman.




Abaelards Liebe (1991)

"Abaelards Liebe" erzählt eine bekannte Geschichte: Abaelard, geboren 1079 in der Bretagne, hat bereits eine glänzende Karriere als Philosoph und Theologe hinter sich, als er von dem Pariser Kanonikus Fulbert zum Erzieher der jungen, schönen, hochtalentierten Heloise bestellt wird. Lehrer und Schülerin verlieben sich, Heloise erwartet ein Kind, Abaelard entführt sie, heiratet sie im Geheimen, das Kind wird Abaelards Schwester in Obhut gegeben. Fulbert in seinem Zorn lässt Abaelard entmannen, Heloise geht auf dessen Wunsch ins Kloster, auch Abaelard wird Mönch, lehrt aber weiter, von den Studenten verehrt, von den Orthodoxen verketzert, bedroht von Anschlägen und Prozessen. Im Frieden mit der Kirche stirbt er im Alter von 63 Jahren, Heloise überlebt ihn um 22 Jahre.
Luise Rinser macht zum Erzähler dieser so dramatisch bewegten Geschichte die Person, nach der in der Überlieferung nie jemand gefragt hat: Abaelards und Heloises Sohn. Seine wilden, verzweifelten, fordernden Aufzeichnungen, die das nie gewährte Gespräch mit der Mutter ersetzen, klagen die Eltern an und suchen sie zu begreifen in der Unbedingtheit ihrer Liebe, in ihrem trotzigen Widerstand gegen Konventionen und Lehrmeinungen, in ihrem schuldhaften Ehrgeiz und in der Bitternis ihres außerordentlichen Schicksals.
Wie in ihrem bedeutenden Roman "Mirjam" durchdringt Luise Rinser hier einen alten Stoff von Grund auf, sprengt den Rahmen seiner historischen Bedeutung und lädt die Figuren mit der Leidenschaft ihres Fragens und Mitfühlens auf.


Weitere Bücher von Luise Rinser:



Grenzübergänge. Tagebuch-Notizen (1972)

Nach dem 1946 erschienenen "Gefängnistagebuch" aus der Inhaftierung unter dem nationalsozialistischen Regime veröffentlichte die bekannte und engagierte Schriftstellerin nach vielen Romanen, Erzählungen und Jugendbüchern erst wieder 1970 persönliche Aufzeichnungen unter dem Titen "Baustelle". An diese "Art Tagebuch" aus den Jahren 1967-70 schließen sich unmittelbar die Tagebuch-Notizen "Grenzübergänge" an, Erkundungen aus anderen Ländern, Erfahrungen mit Menschen verschiedenster Herkunft und Positionen aus einer erlebnisreichen Zeit von 1970-72.


Mein Lesebuch (1980)

Luises Rinsers persönliche Auswahl für sie wichtiger Texte von Sri Aurobindo bis Peter Paul Zahl, von der Bibel bis zu Karl Marx.




Mit wem reden (1980)

"Ich habe keinen einzigen Menschen, mit dem ich über meine Probleme reden könnte ... meine Eltern haben weder Zeit noch Lust dazu. Sie sagen, davon verstehen sie nichts ..."
Da ist eine junge Generation, die religiös ist, die heraus möchte aus dem Materialismus, aus dem Konsumzwang. Und so macht es sich Luise Rinser zur Aufgabe, den jungen Menschen mit diesem Buch eine Hilfe zu geben.