Beten mit Kindern

Kindergottesdienst-MitarbeiterInnentag für Haupt- und Ehrenemtliche: "XS - XXL - Kindergottesdienst in altersmäßig gemischten Gruppen"
Samstag, 21. November 2009, Amr für kirchliche Dienste in der EKBO, Berlin



Bevor wir über das Beten mit Kindern nachdenken, ein paar grundsätzliche Gedanken zum Thema „Gebet“.


1. Grundsätzliche Gedanken zum Thema „Gebet“

In allen Religionen gibt es Gebete als Ausdruck der Zuwendung des Menschen zu seinem Gott oder seiner Gottheit. Der Religionswissenschaftler
Cornelis Petrus Tiele sagt: „Wo das Gebet gänzlich verstummt ist, da ist es um die Religion selbst geschehen.“ (zitiert nach Ratschow 31)


1.1. Altes Testament

Die Hebräische Bibel (unser „Altes Testament“) kennt freilich noch keinen Oberbegriff für das „Gebet“. Das hebräische Denken ist eben nicht begrifflich-abstrakt, sondern sinnlich-konkret. Hier gibt es
tefillá und tehinná, das Klage- bzw. Bittgebet, sowie todá und tehillá, das Dank- und Preislied. Diese Bezeichnungen spiegeln die beiden Pole des Gebets im alten Israel wieder: Klage und Lob.
Ansonsten sind die vielen Verben, die in der Hebräischen Bibel im Zusammenhang mit dem Beten verwendet werden, überwiegend nicht-religiöser Natur. Sie kommen entweder aus der Umgangssprache („rufen“, „um Hilfe schreien“, „preisen“, „rühmen“), oder sie stammen aus der Sprache am Königshof („um Gnade bitten“, „für sich einnehmen wollen“, „besänftigen“).
Das Bitt- und Lobverhalten anderen Menschen oder Höhergestellten gegenüber liefert also das „Sprachmuster“ für das Gebet zu Gott. So ist das Gebet im Alten Testament nie zu einer rein religiösen Übung geworden. Es blieb – trotz aller Ritualisierung – immer auf das alltägliche Leben bezogen.
Außerdem war dieses Beten nie ein reiner Wortvorgang, sondern immer mit begleitenden Handlungen verbunden: „stehen“, „niederknien“, „sich niederwerfen“, „Proskynese vollziehen“ (das heißt: mit Gesicht und Handflächen die Erde berühren oder sie sogar küssen), „die Hände ausstrecken oder erheben“ und im Zusammenhang mit der Klage: „Weinen“, „Zerreißen der Kleider“, „Fasten“. Gebet ist ein ganzheitlicher Vorgang, der alle Sinne berührt und beansprucht.
Auf der einen Seite gehört es zum Kult: Es begleitet die Opfer und andere gottesdienstliche Handlungen. Auf der anderen Seite ist es aber keineswegs auf heilige Orte und heilige Zeiten beschränkt, sondern kann überall und zu jeder Zeit an Gott gerichtet werden. Man kann also zwischen kultischen und privaten Gebeten unterscheiden, muss aber damit rechnen, dass beide sich wechselseitig beeinflusst haben.
Die beiden Pole des alttestamentlichen Gebets – ich sagte es schon – sind dabei die Klage und das Lob: „Das alttestamentliche Gebet ist noch weit stärker als unser heutiges Beten unmittelbare Lebensäußerung: In seinen beiden Polen Klage und Lob ist es direkte Reaktion auf extreme Grenzerfahrungen menschlicher Existenz: Das Klagegebet ist der vor Gott ausgeschüttete Schmerz (Ps 102,1), das Lobgebet die zu Gott hin geäußerte wiedererwachte Lebensfreude. Im alttestamentlichen Beten wird noch die ganze Spannweite menschlicher Existenzerfahrung zwischen tiefster Verzweiflung und aufatmendem Jubel vor Gott gebracht (...).“ (Albertz 35)
Dabei ist das Verhältnis von Klage und Lob durchaus spannungsvoll.
Auf der einen Seite bleiben beide getrennt: „Die Klage gehört in die Situation der Not, das Lob in die Situation der Rettung (...). Dass man Gott in der Not loben kann und soll (Hi 1,21), ist eine für das Alte Testament ganz untypische, extreme Möglichkeit.“ (Albertz 35) So sind die Klagegebete der Hebräischen Bibel in der Regel auch weit radikaler und schärfer als wir uns gemeinhin zu beten trauen.
Und doch gibt es in vielen Klagegebeten eine Bewegung von der Klage zum Lob. „Indem der Leidende seine Not vor Gott bringt, streckt er sich in die Zukunft hinein auf die Wende seiner Not hin aus (...). Wo dieses Sich-Ausstrecken auf Zukunft ausbleibt (Ps 88), wo der Lebenswille zerbricht, da erstirbt letztlich auch das Gebet. An seine Stelle tritt die Verfluchung des Tages der Geburt (Jer 20,14-18; Hi 3), in der Gott nicht mehr angeredet wird.“ (Albertz 35f)
Eine Besonderheit alttestamentlicher Gebete ist vielleicht noch, dass es in ihnen fast immer um ein konkretes Anliegen, um eine konkrete Not geht, die gewendet werden soll. Eine Reihung von Bitten, wie in unseren Fürbittegebeten, findet man hier in der Regel nicht. Die Menschen im alten Israel beten nicht ständig, sondern nur, wenn sie einen wirklichen Anlass dafür haben!
So gibt es viele „Alltagsgebete“: Klagen, Bitten und Wünsche, Vertrauensaussagen, Sünden- und Unschuldsbekenntnisse, Gelübde, Lobgebete einzelner und Siegeslieder. Selbst manche Namen, die Eltern ihren Kindern geben, sind eigentlich kurze Gebete oder Bekenntnisse:
Elnatan („Gott hat geschenkt“) oder Jehoshua („Jahwe ist Rettung“).
Von den Alltagsgebeten kann man die ritualisierten Gebete unterscheiden, wie wir sie dann zum Beispiel in den Psalmen finden: Klagelieder des einzelnen und des Volkes, Danklieder, Hymnen und Liturgien.
Die geschichtliche Entwicklung geht dabei von einer erstaunlichen Direktheit im Umgang mit Gott in der Frühzeit zu einem zunehmenden Bewusstsein des Abstandes zwischen Mensch und Gott in der Spätzeit. Die Anklage Gottes zum Beispiel tritt mehr und mehr zurück und macht einer eher demütigen, gottergebenen Haltung Platz.
Erst der Dichter des Hiobbuches kritisiert diese Entwicklung wieder. Dieses „fromme Gebet“, so will er sagen, ist nicht in der Lage, die Nöte der Menschen seiner Zeit wirklich aufzufangen. So gibt das Hiobbuch auch wieder einer unerhört scharfen Anklage Gottes Raum.


1.2. Neues Testament

Das Gebet spielt auch im frühchristlichen Alltagsleben eine wichtige Rolle. Wir kennen Tischgebete, Abschiedsgebete, Sündenbekenntnisse, Gebete für Israel, Bitten um das Kommen Gottes oder des Geistes, Bitten um Erlösung von Feinden oder bösen Menschen, Gebete um die Geburt eines Kindes, Sterbegebete, Bitten um Heil und Rettung.
Adressat ist immer Gott, auch wenn die Anreden wechseln: „mein Herr“, „mein Gott“, „mein höchster Gott“ oder das schlichte „Vater“ (Abba).
Im Gebet kommt es zum Kontakt mit der himmlischen Welt: Es bereitet ein Wunder vor (Mk 7,34; Apg 9,40 u.ö.) oder Visionen (Lk 1,10f; Apg 10,2f u.ö.). Es begleitet Epiphanien („Gotteserscheinungen“ – Lk 3,21; Lk 9,28 u.ö.) und es bereitet die himmlische Gabe des Geistes, der Weisheit und der Erkenntnis vor (Lk 11,13; Apg 4,31 u.ö.). Eine wichtige Rolle spielt das Gebet auch beim Kampf gegen widergöttliche Mächte (die sog. „Dämonen“ – Mk 9,29; Mt 17,21 u.ö.).
Und das Gebet gehört im Neuen Testament – stärker als in der Hebräischen Bibel – zur Sphäre des Kultus, des Gottesdienstes: Es bedient sich einer sakralen Sprache und fester Formeln, es steht in enger Beziehung zum Opfer und zum Tempel, Fasten gehört in vielen Fällen dazu und Bedingung für Gebetserhörung ist kultische Reinheit und Versöhnung untereinander (1. Tim 2,8; Mk 11,25 u.ö.).
Lehrer des Betens ist vor allem Jesus selbst. „Dass Jesus stets allein, meist in der Einsamkeit, nie mit den Jüngern betet, kennzeichnet ihn als singulären Offenbarungsmittler (...).“ (Berger 56) Sein „Vaterunser“ (Mt 6,9-13; Lk 11,2-4) gehört darum schon früh zu den täglichen Gebeten der ersten Christen (vgl. Did 8,3).
Ansonsten sind es vor allem bestimmte „Amtsinhaber“, die in besonderer Weise mit dem Gebet in Verbindung gebracht werden: Prophetinnen und Propheten, Älteste, die sog. „Witwen“ (als institutionalisierte Träger der Armenfrömmigkeit) oder die Apostel. Und eine besondere Rolle spielt das gemeinschaftliche Gebet der versammelten christlichen Gemeinde. „In der Fürbitte für alle Menschen (...) und für die Obrigkeit (...) leistet die Gemeinde stellvertretend-priesterlichen Dienst für alle.“ (Berger 57; vgl. 1. Tim 2,1 u.ö.).
Beten sollen wir „ohne Unterlass“ und ernsthaft, nicht plappern wie die „Heiden“ oder die „Heuchler“ (Mt 6,7), uns nicht selbst darstellen im Gebet, sondern es „im Verborgenen“ tun (Mt 6,5-6), denn Gott, unser Vater, weiß sowieso schon, was wir brauchen, bevor wir ihn darum bitten (Mt 6,8). Das Gebet dient also nicht der „Manipulation“ und „Beeinflussung“ Gottes, sondern vielmehr der Selbstvergewisserung des Betenden im Glauben.


2. Zum Beten mit Kindern

Wenn wir nun über das Beten mit Kindern nachdenken, hat dieses Nachdenken ganz unterschiedliche Aspekte.

Wir fragen natürlich nach den Kindern:
Wie erlernen und erleben sie das Beten? Welche Erfahrungen machen sie damit? Und wie können wir sie in diesen Erfahrungen – im Sinne einer „Gebetserziehung“ – begleiten?

Wir fragen aber auch nach uns selbst:
Welche Erfahrungen haben wir mit dem Gebet gemacht (auch als Kinder!) und welche Erfahrungen machen wir heute.

Nicht zuletzt fragen wir nach theologischer Orientierung:
Was lässt sich aus theologischer Sich / von der Bibel her zum Thema „Beten“ sagen? Hilft uns das zur Orientierung und Reflexion unserer eigenen Erfahrungen und zur Gestaltung des Betens mit Kindern in Familie und Gemeinde?


2.1. Beginnen wir mit uns selbst!

Denn wann immer wir mit Kindern beten oder mit ihnen – z.B. im Kindergottesdienst – über das Beten nachdenken, schwingt mit, wie wir selbst als Kinder Gebet erlebt (oder auch nicht erlebt) haben: wie in der Kindheit mit uns gebetet wurde und wer oder wie Gott für uns in der Kindheit war. Und es schwingt mit, in welcher Weise wir heute beten, welche negativen oder positiven Erfahrungen wir mit dem Beten verbinden.

Da gibt es ganz unterschiedliche Vorerfahrungen!
Für den einen ist das Beten ein Ritus, der ihm anerzogen wurde: Tischgebete, Gute-Nacht-Gebete, Hände falten und Augen schließen beim Beten ... Gebet als Ritual. Das muss auch gar nicht schlecht sein! Kinder brauchen Rituale, und gute Rituale geben Orientierung und Halt im Chaos des Alltags. Aber die Riten müssen mit Inhalt gefüllt sein. Echtes Erleben muss sich darin ausdrücken können, sonst ist das Ganze „nur ein Ritus“. Nachfragen fallen ins Leere oder werden mit Klischees beantwortet. Und irgendwann ist man da herausgewachsen und „leer“. Es fehlt der innere Zugang und die gefühlsmäßige Beteiligung beim Beten.
Eine Andere hat vielleicht die eigene Mutter / den eigenen Vater mit „Innigkeit“ beten gesehen, konnte Fragen stellen und hat sie auch beantwortet bekommen und auf diese Weise so etwas wie eine „Geborgenheit im Gebet“ gespürt, eine „spirituelle Erfahrung“ gemacht dabei.
Ein Dritter hat vielleicht nie gebetet und sagt auch heute: „Ich bete nicht!“ Aber wenn es mir schlecht geht, dann ertappe ich mich manchmal dabei, dass ich doch irgendwie mit einer „höheren Macht“ rechne, die mir hilft. Das ist aber mehr ein „verborgenes Beten“, „ungelernt“.

=> Was Beten mir bedeutet / Was Beten für mich ist!


2.2. Und dann kommen die Kinder

Die eigenen Kinder oder Kinder in der Gemeinde, und man wird ganz neu herausgefordert:

Wie kann ich mit ihnen beten?
Will ich überhaupt mit ihnen beten?
Und wenn ja: Was?
Wie kann ich mich darin mit meinen eigenen Erfahrungen wieder finden und den Erfahrungen der Kinder Raum geben?
Vielleicht auch: Wo kann ich auf Erfahrungen zurückgreifen, die vor langer Zeit verschüttet wurden oder schon lange brach liegen?
Und: Wo will ich etwas Neues lernen? Wie kann ich vom Beten der Kinder für mein eigenes Gebet und meine Beziehung zu Gott profitieren?

So gehen Erwachsene und Kinder, wenn sie miteinander beten lernen, einen gemeinsamen Weg: Es ist ein gegenseitiges Beschenken und Beschenkt werden, ein Voneinander lernen. Und – wie alles in der religiösen Erziehung – keine Einbahnstraße!
Dabei ist es wichtig, sich klar zu machen, dass Beten für Kinder erst einmal nichts Ungewöhnliches, Fremdes, weit Hergeholtes ist! Kinder fragen nach Gott. Sobald sie das Wort „Gott“ kennen lernen, machen sie sich eine Vorstellung von dem, den dieses Wort bezeichnet. Und wie von selbst entsteht so etwas wie eine „Gottesbeziehung“.
Interessant ist, was neuere Untersuchungen zur zeichnerischen Entwicklung des Gottesbildes bei Kindern und Jugendlichen gezeigt haben: Bis zum Alter von 12/13 Jahren macht es dabei kaum einen Unterschied, ob Kinder religiös erzogen werden oder nicht! Sie alle stellen sich Gott „anthropomorph“ (d.h. „menschengestaltig“) vor: als den guten alten Opa mit dem weißen Bart, der die Welt geschaffen hat, über den Wolken thront und von dort „alles herrlich regieret“.
Der Wert „religiöser Erziehung“ (oder besser: der Begleitung in der religiösen Entwicklung) liegt nun darin, dass Kinder, denen diese Begleitung fehlt, mit der Pubertät nicht nur ihre Kindheit hinter sich lassen, sondern auch gleich ihren „Kinderglauben“ mit über Bord werfen. Es gelingt ihnen nicht, ihre kindlich-anthropomorphen Gottesvorstellungen zu „transformieren“ und zu einem „erwachsenen“ Glauben zu finden, in dem – zum Beispiel – auch die „dunklen Seiten“ Gottes, Erfahrungen des Scheiterns und der Gottesferne mit „aufgehoben“ sind. So haben nicht-religiös erzogene Jugendliche oft noch mit 15/16 Jahren dieselben kindlichen Vorstellungen von Gott, die sie auch als 7- oder 8-Jährige hatten.
Bei religiös erzogenen Kinder hingegen wandelt sich mit der Pubertät das Gottesbild: Sie malen Gott nun nicht mehr als menschengestaltigen Opa, der über den Wolken thront, sondern finden andere, ihrer sonstigen Entwicklung angemessene Bilder und Ausdrucksformen: Symbole wie die übergroßen Hände, die die Welt halten, die Sonne, die alles überstrahlt, das Kreuz, das Himmel und Erde verbindet.

Was lernen wir aus solchen Untersuchungen?

1. Kinder sind religiös. Sie tragen die Sehnsucht nach Gott oder – allgemeiner formuliert – nach Sinn, Geborgenheit, Ganzheit in sich. Sie stellen Fragen nach Leben und Tod, nach Schöpfung und Vollendung, nach Himmel und Hölle.
Darum ist in der UN-Konvention über die Rechte der Kinder – neben vielem anderen – auch festgehalten, dass Kinder ein Recht auf Spiritualität / auf Religion haben! Leider kommt das in der deutschen Übersetzung der UN-Kinderrechtskonvention nicht wirklich gut rüber, so dass hier bei uns zwar viel über die Umsetzung der Kinderrechte in deutsches Recht debattiert wird, dabei aber das Recht auf Religion oft kaum eine Rolle spielt.
2. Kinder brauchen, wenn sie über die Krise der Pubertät hinaus ihren Gottesglauben bewahren und entfalten können sollen, Begleitung, so etwas wie „religiöse Erziehung“, Menschen, die mit ihnen unterwegs sind im Glauben und ihnen helfen, ihr Leben im Horizont der Wirklichkeit Gottes zu gestalten und zu deuten.
Es ist eine große Herausforderung für Eltern und andere Erwachsene, ihre eigenen Gottes- und Glaubenserfahrungen zu reflektieren und zu überlegen, wie sie dem Recht der Kinder auf Religion (und damit auch auf Gebet!) gerecht werden können. Und wie sie Kindern helfen können, von einem naiven, kindlichen Glauben zu einem reflektierten, Leben fördernden „erwachsenen“ Glauben zu finden.

=> Rückfragen, Einsprüche, Gedanken dazu


2.3. Manche Probleme mit Glaube und Gebet hängen an einem falschen Gottesbild

Wenn Gott in Familie und Gemeinde als „Erziehungshilfe“ missbraucht wird („Pass auf, kleines Auge, was du siehst!“), dann wird es Kindern schwer fallen, zu diesem Gott eine Beziehung zu entwickeln, in der vertrauensvolles, angstfreies Beten sich entfalten kann.
Oder wenn Gott als „Zauberer“ vorgestellt wird, als omnipotenter Wundertäter, der alle Wünsche erfüllen kann – wenn er will und wenn wir „richtig“ glauben –, dann zerbricht die Gottesbeziehung (und damit das Gebet), sobald sich Erfahrungen mit unerhörten Gebeten und unerfüllten Wünschen mehren.
Der Gott der Bibel ist anders. Wie ein liebender Vater oder eine liebende Mutter nimmt er Anteil an unserer Freude und unserem Leid. Er schenkt Geborgenheit, führt und leitet (wie ein „guter Hirte“), setzt Maßstäbe für ein gelingendes Leben (die 10 Gebote), macht durch Vergebung immer wieder einen Neuanfang möglich (das Kreuz).
Manchmal erscheint dieser Gott aber auch dunkel, rätselhaft und fern („Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ / Hiob). Er lässt sich in Liebe ganz auf den Menschen ein und bleibt doch selbst frei. Darum gibt es auch keinen „Automatismus“ in Sachen Gebetserhörung. Gott bleibt letztlich „unverfügbar“.


2.4. Was ist eigentlich alles Beten?

=> Gebetsformen und -inhalte sammeln!

Dank
Bitte
Lob
Anbetung
Fürbitte
Segen
Meditation
Gespräch
Klage
Anklage


2.5. Es gibt ganz verschiedene Formen und Inhalte des Betens!

Beten beginnt schon mit ein wenig „Aufmerksamkeit“ und „Nachdenklichkeit“
Das geht allen Worten und Sätzen voraus. Wir nehmen das Erlebte nicht
einfach so hin, wie es kommt, sondern wir nehmen es bewusst auf, geben ihm Gewicht und rücken es in die Beziehung zu Gott.
Was bedeutet ein Ereignis für uns?
Womit bereichert es uns?
Womit will Gott uns beschenken?

Vorformulierte Gebete und Gebetsrituale können helfen
Vor allem kleinere Kinder brauchen solche Rituale, weil sie Geborgenheit, Struktur und Dauer vermitteln. Abend- und Tischgebete gehören dazu. Aber auch die großen Gebete unserer christlichen Tradition: der Psalm 23 und das Vaterunser.
Aber hier muss man aufpassen! Es gibt schwierige Formulierungen, z.B. das Lied von Paul Gerhardt:

„Breit aus die Flügel beide,
o Jesu, meine Freude,
und nimm dein Küchlein ein.
Will Satan mich verschlingen,
so lass die Englein singen:
Dies Kind soll unverletzet sein.“

Kinder können falsche Assoziationen damit verbinden („Mir kann nichts passieren!“). Vorformulierte Gebete geben Heimat, aber sie können sich auch zu leeren Formeln entwickeln. Gut, dass Kinder heute oft so selbstbewusst sind, dass sie dann auch aktiven Widerstand leisten („Hab ich Unrecht heut getan, geht dich lieber Gott nix an!“).

Frei formulierte Gebete
Schön, wenn Kinder lernen, mit Gott zu sprechen „wie mit einem Freund“. Beten wird so zu einer Selbstverständlichkeit im Umgang mit Gott. Kinder bleiben im Gespräch mit ihm und deuten ihren Alltag von Gott her.
Dies kann zum Beispiel beim Abendgebet geschehen (Aufnahme des Tages: was schön, was schwierig war ...). Oder wenn wir – wie selbstverständlich – vor einer längeren Autofahrt noch einmal um Bewahrung bitten.

Beten in Gemeinschaft
Das eigene, laute oder stille, persönliche Gebet ist das eine. Kinder können und sollen aber auch lernen, in Gemeinschaft zu beten. Zum Beispiel im Gottesdienst (Vaterunser, Psalmen), in der Kindergartengruppe, in der Schule, bei einer Geburtstagsfeier.
Hier helfen besondere Formen: Gebetskette, schriftliches Gebet, Klagemauer, Klagefeuer, Dankaltar ... Kreativität ist gefragt, um auch solchen Kindern einen Zugang zum Gebet zu ermöglichen, die nicht so gerne vor anderen reden oder beten.

Beten in Notsituationen
Wie selbstverständlich werden Kinder dann auch in Notsituationen beten (Beispiel: Nachtwanderung!).

Auch Segen ist eine Form des Gebets
Segen ist die Antwort Gottes auf mein Beten! Besonders wichtig an
Wendezeiten des Lebens (Taufe, Konfirmation, Trauung, in Krankheit, beim Sterben), aber nicht nur. Segen sollte viel öfters „gefühlt“ werden. Als ermutigender Zuspruch von Gott für mein Leben, meist mit Handauflegung oder auch Salbung. Segen ist sozusagen die „gefühlte“ Antwort Gottes!

=> Bewegungsgebete gestalten (4. Mose 6,24-26 / Psalm 121)


2.6. Warum eigentlich Beten?

Weil Kinder Gebet brauchen
Kinder fragen nach Gott, sie haben religiöse Bedürfnisse. Man darf sie nicht mit existenziellen Fragen wie Glauben, Sterben und Sinn allein lassen.
Durch das Gebet wird den Kindern klar: Es gibt noch jemanden, außer den
Eltern, für den ich wichtig bin, dem ich alles anvertrauen kann. Das ist
Grund legend für das Vertrauen ins Leben.
Gebet stärkt die Gewissheit, nicht alleine zu sein, auch wenn die Eltern
nicht da sind oder andere Personen. Gebet gibt Hilfe in einer Notsituation
und schafft Geborgenheit.
Gebet erzieht zur Selbstständigkeit. Kinder können ihre Gefühle verarbeiten, auch die schwierigen Gefühle wie z.B. Eifersucht und Ärger auf Geschwister.
Gebet hat eine reinigende Wirkung auf die Seele (siehe Klage in der Bibel!). Auch wenn die Situation sich nicht ändern wird, kann man beim Beten Wut und Aggression loswerden, das eigene Leben wird „verarbeitet“.


2.7. Das Gebet bei Kindern entwickelt sich

Eine Familie mit drei Kindern: Ruth, 13 Jahre, Samuel, 10 Jahre, und Lisa, 6 Jahre. Der Opa, an dem alle sehr hängen, ist lebensbedrohlich erkrankt. Der Arzt tut sein Bestes, weiß aber nicht, ob er den alten Mann wieder gesund machen kann. Die drei Kinder beten. Sehr unterschiedlich, wie es ihrer Weltsicht entspricht:
Lisa (6):
„Lieber Gott, du kannst alles. Mach den Opa wieder gesund.“
Samuel (10): „Lieber Gott, hilf dem Arzt das Richtige für unseren Opa zu tun, damit unser Opa wieder gesund wird.“
Ruth (13): „Lieber Gott, unser Opa ist schwer krank. Hilf dem Arzt und uns, alles zu machen, was ihm gut tut und tröste ihn in seiner Trauer. Du bist doch den Menschen ein Freund.“
Offensichtlich beten Kinder verschiedener Altersstufen unterschiedlich und es gibt eine Entwicklung:

1./2. Lebensjahr
Kurze Gebete mit dem Kind; Erfahrung von Geborgenheit.

3.-6. Lebensjahr (Kindergartenzeit)
Das Kind hat eine magische Vorstellung von der Welt. Es macht die Erfahrung, dass die Welt nicht gemäß seiner Erwartung funktioniert (noch kein Nachdenken darüber, sondern Trotzreaktion) – magische Verarbeitung (z.B. Blasen der Schürfwunde – Kind sieht Schmerz zum Himmel fortfliegen).
Auch das Gebet stellt sich das Kind magisch vor: Gott greift ein, wenn ich ihn bitte. Gebet vermittelt ihm das Gefühl, seine Ängste mit Gottes Hilfe unter Kontrolle zu bringen. (Vorformulierte Gebete, Abendrituale)

7-10 Jahre (Grundschulalter)
Gedanken und Gefühle können in Worte gefasst werden – Gedanke: bei Gott gibt es ausgleichende Gerechtigkeit „wenn ich – dann du“. (Gebet als spirituelle Hilfe; Angebote von Gegenleistungen)

11/12. Lebensjahr (Vorpubertät)
Immer noch Vorstellung von Lohn und Strafe, jedoch wachsende Einsicht in Möglichkeiten der Menschen. Verständnis: Gott und Mensch handeln
nebeneinander her.
Wichtig: Betonung, dass göttliches und menschliches Handeln miteinander zu tun haben. Gott gibt in Freiheit – nicht nur Reaktion auf Mensch – Gott gibt, nicht weil Menschen gut sind, sondern weil er gut ist.

ab 13 Jahren (Teeny- / Jugendalter)
Gott ist mehr ein Gefühl als ein Gegenüber. Das Gebet ist vielfach gefühlsbetont und innerlich; man formuliert eigene Gebetstexte. Das Gebet ist eine Kommunikationsform, um Ängste und Sorgen in Bezug auf die „Welt“ zu äußern – auch Engagement für eine bessere Welt.
Die Reifezeit bringt meist eine Krise in Bezug auf die Gottesvorstellung und damit auch für das Gebet. Verweigerung gegenüber bisher Geübtem: „Ich bin doch kein Baby mehr!“ Das bedeutet: Gebete sind für Kinder!
Die größte Schwierigkeit beim Beten:
Gott als Gegenüber bleibt unsichtbar. Es kommen Zweifel auf: Ist Gott wirklich ansprechbar, hört er uns? (Hallo Gott, hörst du mich?). Gibt es Gott überhaupt?
Das Bejahen, dass Gott ein Gegenüber ist, ist die Voraussetzung für das
Gebet, sonst bleibt es rein innerweltliche Meditationsübung.


2.8. Was ist mit unerfüllt gebliebenen Gebeten?

Die Oma stirbt trotz großer Hoffnungen und mancher Gebete. Gebet kann enttäuschen. Die Hoffnung, an der „Allmacht“ Gottes Anteil zu
gewinnen, wird enttäuscht. Es ist notwendig, zu lernen, dass wir Menschen auf Gott keinen Einfluss haben. Solche Vorstellungen, dass Gott all unsere Wünsche erfüllt, sind entwicklungsbedingt unvermeidlich, aber wo Kinder sich nicht wieder von ihnen lösen, führen sie zu Fehlentwicklungen. Gott ist kein Automat!
Das heißt aber nicht auf Wünsche zu verzichten! Zum Beispiel darf immer gebetet werden:
„Bitte, lieber Gott, mach meine Oma wieder gesund.“ Da ist keine Abschwächung nötig, wie z.B.: „Sei bei der Oma in der Krankheit.“ Bitten, auch mit Nachdruck bitten, ist wichtig und legitim – siehe die biblische Geschichte vom bittenden Freund (Lukas 10):
Jesus spricht mit seinen Jüngern über das Beten und erzählt folgende Geschichte:
Dann sagte er zu ihnen: Wenn einer von euch einen Freund hat und um
Mitternacht zu ihm geht und sagt: Freund, leih mir drei Brote; denn einer meiner Freunde, der auf Reisen ist, ist zu mir gekommen, und ich habe ihm nichts anzubieten!, wird dann etwa der Mann drinnen antworten: Lass mich in Ruhe, die Tür ist schon verschlossen, und meine Kinder schlafen bei mir; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben?
Ich sage euch: Wenn er schon nicht deswegen aufsteht und ihm seine Bitte erfüllt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seiner Zudringlichkeit aufstehen und ihm geben, was er braucht.
Darum sage ich euch: Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet. Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet.
Darauf achten, dass kein Missverständnis entsteht im Sinne von: Gott kann überredet werden – wer nur stark genug betet, erreicht, was er will.
Die Geschichte macht folgende Aussage: Du sollst Gott bitten, auch dringlich und nachdrücklich. Habe keine Scheu vor konkretem Gebet, unsere Wünsche sind wichtig!


2.9. Darf man eigentlich um alles bitten?

Ist es sinnvoll, wenn Schulkinder im Gebet um bessere Noten bitten? Mit der Zeit muss reifen: Ich kann die Verantwortung für mein Handeln nicht auf Gott abschieben – ich bin selbst gefragt und muss mich selbst bemühen. Und: beim Beten nicht nur mich selbst in den Blick nehmen, sondern auch andere (Fürbitte).
Aber trotzdem: Es kann sein, dass Gebet unerfüllt bleibt, aber nicht, weil Gott nicht hört, sondern weil er als Gegenüber auf geheimnisvolle Weise frei bleibt – als Freund ist er uns dennoch immer in Liebe zugewandt. Gebet geschieht also in der Spannung zwischen den großen Wünschen und deren Begrenzung.
Jesus betet in Gethsemane, dass Gott das Unabwendbare noch abwendet, aber sein großer Wunsch mündet in die Worte: „Doch nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.“ Dahin zu kommen, ist ein Reifungsprozess – im Gebet bleiben – nicht aufhören – und nicht vorher schon verstummen, weil das Gebet ja nichts nützen könnte. So gehen wir ja auch nicht mit Freunden um. Bei ihnen sind wir auch nicht sicher, wie sie reagieren, aber unsere Grundeinschätzung bleibt: sie sind uns zugewandt.


Literatur

Carl Heinz Ratschow, Gebet I. Religionsgeschichtlich. In: Theologische Realenzyklopädie 12. Walter de Gruyter: Berlin / New York 1984, 31-34.
Rainer Albertz, Gebet II. Altes Testament. In: Theologische Realenzyklopädie 12. Walter de Gruyter: Berlin / New York 1984, 34-42.
Klaus Berger, Gebet IV. Neues Testament. In: Theologische Realenzyklopädie 12. Walter de Gruyter: Berlin / New York 1984, 47-60.
Claudia Filker, Unser Kind fragt nach Gott. Wie Sie mit Ihrem Kind über Gott reden können. Oncken Verlag: Wuppertal und Kassel 2000 (S. 39-59: Mit Kindern beten).
Regine Schindler, Zur Hoffnung erziehen. Gott im Kinderalltag. Verlag Ernst Kaufmann: Lahr / Theologischer Verlag: Zürich 1999 (Seite 68-82: Beten; Seite 83-90: Das „Vaterunser“).


Volkmar Hamp
Referent für die Arbeit mit Kindern im Gemeindejugendwerk des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland K.d.ö.R.

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(c) Volkmar Hamp