Verschiedene Formen des Kindergottesdienstes –
Wo hört Kinderbetreuung auf und wo fängt Kindergottesdienst an?

Kindergottesdienst-MitarbeiterInnentag für Haupt- und Ehrenemtliche: "XS - XXL - Kindergottesdienst in altersmäßig gemischten Gruppen"
Samstag, 21. November 2009, Amr für kirchliche Dienste in der EKBO, Berlin



Diese Themenstellung fand ich zunächst verwirrend, dann interessant, dann herausfordernd. Verschiedene Formen des Kindergottesdienstes – da fällt mir schnell das eine oder andere ein. Aber der Untertitel: „Wo hört Kinderbetreuung auf und wo fängt Kindergottesdienst an?“ hat mich aufhorchen lassen.
Zielt dieser Untertitel darauf ab, einen Zeitpunkt oder ein Alter festzulegen, ab dem man mit Kindern „sinnvoll“ Gottesdienst feiern kann? Müssen Kinder laufen, sprechen, malen, schreiben können dafür? Oder zu einem Mindestmaß an gedanklicher Abstraktion fähig sein, um die biblische Botschaft verstehen zu können? Wo finge dann „sinnvoller“ Gottesdienst mit Kindern an? Im Vorschulalter? Im Grundschulalter? In der Pubertät?
Oder bezieht sich die Frage „Wo hört Kinderbetreuung auf und wo fängt Kindergottesdienst an?“ eben auf unterschiedliche Formen von Kindergottesdienst, fragt sie vielleicht nach einer Bewertungsskala von 0-10 für diese Formen? „Nur“ Betreuung wäre dann eine 0, ein bisschen miteinander spielen und singen 3-6 und die komplette Liturgie mit Vaterunser und Glaubensbekenntnis 10!?
Ich fürchte, wir kommen nicht daran vorbei, uns im Zusammenhang mit dieser Frage ein paar grundsätzliche Gedanken zum Thema „Gottesdienst“ zu machen. Deshalb zu Anfang ein paar biblisch-theologische Streiflichter.


1. Biblisch-theologische Streiflichter

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia definiert Gottesdienst als „eine religiös motivierte Zusammenkunft von Menschen mit dem Zweck, mit Gott in Verbindung zu treten, mit ihm Gemeinschaft zu haben oder Opfer zu bringen bzw. eine auferlegte religiöse Pflicht zu erfüllen.“
Er könne in einer eigens dafür vorgesehenen Räumlichkeit stattfinden (einem Gotteshaus, einer Kirche, Synagoge oder Moschee in einer Pagode, einem Tempel, einem Königreichssaal) oder auch im häuslichen Bereich oder in der Natur.
Im Deutschen sei das Wort „Gottesdienst“ ursprünglich die Wiedergabe des lateinischen Begriffes cultus (= „Verehrung“ der Götter oder eines Gottes).
Oft folge ein Gottesdienst „einem ritualisierten, durch Traditionen überlieferten Ablauf“, der durch Agenden („Beschreibungen des zu Tuenden“) und durch Zeremonien („feierliche Formen“) vorgegeben sei. Aber auch „spontane und wenig strukturierte Zusammenkünfte mit der entsprechenden Zielsetzung“ (nämlich „Gott zu verehren“) würden als „Gottesdienst“ bezeichnet.
Diese Definition von Gottesdienst, die vermutlich auch den meisten von uns als erstes einfallen würde, wenn wir definieren sollten, was das denn eigentlich ist: ein Gottesdienst, ist so ziemlich genau das Gegenteil von dem, was Jesus und die ersten Christen unter „Gottesdienst“ verstanden. Ja, sie entspricht eher dem, was gerade Jesus am Gottesdienst seiner Zeit, dem Opferkult im Tempel, kritisiert.


1.1. Jesus

Gottesdienst findet für Jesus nämlich gerade nicht (nur) im Tempel oder in der Synagoge statt, sondern genauso auch, wenn nicht mehr, in der Begegnung mit den Menschen auf der Straße, auf dem Feld, am See – und in besonderer Weise beim ganz normalen gemeinsamen Miteinander-Essen!
Die für die gesamte Antike grundlegende Unterscheidung zwischen dem témenos, dem „heiligen Bezirk“, und dem Profanen, dem Rest der Welt, hebt Jesus erst einmal auf.
Deshalb kann er sich mit Sündern an einen Tisch setzen. Deshalb besteht er darauf, dass der Sabbat für den Menschen da ist und nicht umgekehrt.
Für Jesus ist alles auf Gott ausgerichtete Tun „Gottesdienst“ – vor allem das Tun, das sich in Liebe dem Nächsten, dem Benachteiligten und dem Schwachen zuwendet.
So greift Jesus die Kultkritik der alttestamentlichen Propheten nicht zufällig gerade in solchen Situationen auf, in denen das religiöse Establishment seiner Zeit ihn wegen seines Umgangs mit Zöllnern und Sündern und wegen seiner Haltung zum Sabbat kritisiert.
Zweimal zitiert er den Propheten Hosea – beide Male in solchen Zusammenhängen: „Geht hin und lernt, was das heißt: Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer!“ (Matthäus 9,13; 12,7; vgl. Hosea 6,6)
Und wenn er in einer „prophetischen Zeichenhandlung“ die Händler und Geldwechsler aus dem Tempel wirft (Markus 11,15-19 par.), dann stellt er damit nicht nur die Heiligkeit des Tempels als Ort der Gottesbegegnung wieder her: „Mein Haus soll ein Bethaus heißen ...“ (Matthäus 21,13), er kritisiert damit zugleich den Missbrauch des Heiligen zum Schaden der Menschen: „... ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus!“ (ebd.)
Der Tempel als Ort der Gottesbegegnung und damit des Gottesdienstes darf nicht zum Ort von Machtmissbrauch, Unterdrückung und Ausbeutung werden.
Wenn in genau diesem Zusammenhang dann erzählt wird, dass Jesus im Tempel lehrt (Lukas 19,47) und heilt (Matthäus 21,14), dann machen die Evangelisten damit deutlich, wie Gottesbegegnung in Tempel und Gottesdienst geschehen kann: Sie geschieht immer dann, wenn Menschen Jesus begegnen, von Gott erfahren und dadurch heil werden. Gottesdienst ist also Seelsorge in einem umfassenden, ganzheitlichen Sinn.
Besonders deutlich wird das in der Mahlgemeinschaft, die Jesus mit seinen Jüngern (und allen Menschen) hat.
Das „ganz normale“ Essen (ein Sättigungsmahl) wird durch Verkündigung und Gebet zu einem „heiligen Mahl“ (dem „Abendmahl“). Im „ganz normalen“ Alltag vollzieht sich plötzlich ein „gottesdienstliches“ Geschehen, ereignet sich Gemeinschaft mit Gott und untereinander, öffnet sich ein Fenster zum Himmel.
„Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern“, heißt es im Gleichnis vom „Verlorenen Sohn“ (Lukas 15,24). Die Freude eines gemeinsamen Festes ist die angemessene Antwort auf die Liebe Gottes zu seinen verlorenen Kindern.
Liebe, Zuwendung zu den Mitmenschen – das ist für Jesus der eigentliche Gottesdienst.
Aus ihr wächst das Fest der Gemeinschaft mit Gott und denen, die sich von Jesus zu Gott einladen lassen, das wir „Gottesdienst“ nennen.


1.2. Die frühe Kirche

Und wie sahen nun die Gottesdienste der ersten Christen aus?
Bereits in den Paulusbriefen und in der Apostelgeschichte werden verschiedene Formen von gottesdienstlichen Zusammenkünften der christlichen Gemeinde erwähnt. Ein Beispiel für den urchristlichen Gottesdienst findet sich in 1. Korinther 14,26:
„Wenn ihr zusammenkommt, hat jeder etwas mitgebracht: Der eine singt ein Lied, ein anderer legt die Heiligen Schriften aus. Wieder ein anderer spricht in Sprachen des Geistes, und ein anderer hat eine Erklärung dazu. Dies alles aber geschehe zur gegenseitigen Erbauung.“ (1. Korinther 14,26)
Interessant ist nun, dass der Begriff „Gottesdienst“ (grech.: leitourgía oder latreía) für diese Versammlungen der Gemeinde nun aber gerade nicht benutzt wird.
Wenn im Neuen Testament von Gottesdienst in diesem Sinn und mit diesem Begriff gesprochen wird, dann geht es entweder um den Tempelgottesdienst des Alten Testaments oder um die Aufforderung, das gesamte christliche Leben als „Gottesdienst“ zu begreifen.
Römer 12,1 ist in diesem Zusammenhang eine Schlüsselstelle:
„Ich ermahne euch nun, liebe Brüder (und Schwestern), durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.“ (Römer 12,1)
Und dann wird ausgeführt, was das heißt, einen „vernünftigen Gottesdienst“ im Alltag der Welt zu gestalten:
„Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene.“ (Römer 12,2)
„Gottesdienst“ – in der Definition des Paulus – ist demnach: den Willen Gottes zu tun, das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene zu verwirklichen.
Gottesdienst feiern heißt: als Christ zu leben. So einfach ist das!
Was in der Folgezeit zum „Gottesdienst“ der Christen wurde und dann ab dem 2. Jahrhundert auch wieder mit den alten griechischen Begriffen dafür bezeichnet wird, nennt Paulus selbst „Versammlung“ (ekklesía).
In der griechischen Gesellschaft (der pólis) war die ekklesía die Versammlung der freien Bürger einer Stadt: der Ort gegenseitigen Austauschs über die Themen des alltäglichen Lebens.
Diesen völlig profanen, unkultischen Begriff nimmt Paulus nun und macht ihn zum zentralen Begriff seiner Kirchenlehre (Ekklesiologie) und seines Gottesdienstverständnisses.
Damit liegt er genau auf der Linie Jesu:
Gottesdienst ist also in der Jesusbewegung und im frühen Christentum keine Institution, keine Veranstaltung, keine Kultausübung, sondern alles auf Gott ausgerichtete Tun des Menschen, das aus Liebe zu Gott und zu den Menschen geschieht.
Als „Institution“ hingegen ist Gottesdienst (bei Paulus) ein Ort des Austauschs, der gegenseitigen Ermahnung und Tröstung und der Seelsorge.
Die „Versammlungen“ der frühen Christen setzen damit die Praxis Jesu fort: Hier wird Gemeinschaft mit Gott, mit Jesus und untereinander erlebt. Abgrenzungen und Abstufungen zwischen den Gemeindegliedern (Männern und Frauen, Freien und Sklaven, Juden und Nichtjuden) gibt es in der frühen Kirche nicht (vgl. Gal 3,26). Auch keine „Ämter“, wie sie sich dann in den Pastoralbriefen (1.+2. Tim; Tit) abzeichnen und bei Ignatius von Antiochien zu Beginn des 2. Jahrhunderts fertig ausgeformt sind: der Bischof, die Presbyter und Diakone.
Die Gottesdienste der ersten Christen müssen wir uns als gemeinschaftliche Mahlzeiten vorstellen, in deren Verlauf an Jesu Leben und Sterben erinnert wird. Verkündigung, Lieder und Gebete haben hier ihren Platz. Bekenntnisse kommen hinzu. Aber das gemeinschaftliche Essen und das gegenseitige Sich-Erinnern an die guten Taten Gottes stehen im Mittelpunkt.
Und viele Gemeindeglieder kommen zu Wort: Apostel, Propheten, Lehrende, in unverständlichen Lauten Redende und deren Interpreten, Ausleger der heiligen Schriften (der Hebräischen Bibel) und Vorsänger – eine bunte Vielfalt, die zwar eingedämmt und in eine gewisse Ordnung gebracht werden, aber nicht institutionell für das gottesdienstliche Leben gesichert werden muss (1. Kor 12 und 14).
Ganz selbstverständlich redet man miteinander im Gottesdienst! Die Gemeindeversammlung (ekklesía) ist ein Ort gegenseitigen Austauschs und dadurch auch der Ort einer bestimmten Art von Seelsorge. Und sie ist ein Ort, an dem Verabredungen für die Zeit außerhalb der Versammlungen getroffen werden: gegenseitige Hilfe und Unterstützung wird hier organisiert und gegenseitige Fürsorge, auch in materieller Hinsicht: Nahrungsmittel und Geld werden im Gottesdienst miteinander geteilt.
Die formale Struktur des urchristlichen Gottesdienstes ist also der Kreis. Nicht die Pyramide einer Hierarchie (auch wenn es unterschiedliche Funktionen und erste Ansätze einer Ämterbildung gibt). Und schon gar nicht die eines Blocks von vielen, der auf einen einzelnen angewiesen und ausgerichtet ist, wie im bischöflichen Episkopat der Alten Kirche und in vielen Kirchen und Gemeinden heute.
Der Gottesdienst der frühen Kirche ist die „Schaltzentrale“ der Gemeinde. Und diese Versammlung ist mit dem Leben, mit dem „eigentlichen“ Gottesdienst außerhalb ganz eng verknüpft.
Insofern wäre vielleicht auch die Ellipse mit zwei Polen ein gutes Bild für den christlichen Gottesdienst. Die „Versammlung“ im Gottesdienst ist kein Selbstzweck. Sie dient dem Leben. Sie stärkt die Gemeinde für ihre Sendung in die Welt – durch Verkündigung, Gebet, Gemeinschaft, gegenseitigen Austausch, Seelsorge, Freude, Lobpreis Gottes, Sättigung, Vergewisserung der Nähe Jesu, Verabredung, materielle Hilfe.
Die „Versammlung“ ist ein Teil des „Lebensgottesdienstes“. Sie ist nahtlos in ihn eingefügt: kein heiliger Bezirk, der vom übrigen Leben getrennt ist – keine klaren Grenzen innerhalb!
Die von Jesus gelebte Aufhebung von Sakralem und Profanem wird auch hier deutlich: Sich selbst Gott zur Verfügung zu stellen, das ist der „wahre“, der „eigentliche“ Gottesdienst.
Dies geschieht in der Versammlung nicht deutlicher als im Alltag. Sie stellt so etwas wie das „Wohnzimmer“ der Christen dar, in das sie zurückkehren, um dann – ausgeruht und gestärkt – in der Werkstatt des Lebens den „wahren Gottesdienst“ zu feiern.


2. Die spätere Entwicklung

Und wie ging es weiter?
Schon im 2. Jahrhundert nach Christus kommt es zu einer liturgischen Ausbildung der gottesdienstlichen Zusammenkünfte.
Justin der Märtyrer († 165) zum Beispiel beschreibt in der Mitte des 2. Jahrhunderts einen christlichen Gottesdienst mit Leseordnung, Predigt, Fürbittegebet und Abendmahlsfeier.
Parallel dazu entwickeln sich mit der Zeit besondere priesterliche Ämter, die schließlich zu einer Trennung der Gemeinde in „Geistliche“ und „Laien“ führen.
Die Architektur der gottesdienstlichen Räume spiegelt diese Trennung dann wieder:
Der Altarraum – durch eine steinerne oder hölzerne Schranke (den sog. „Lettner“, von lat. lectórium = „Lesepult“) vom Rest des Kirchenraums getrennt – war den Geistlichen vorbehalten, während die anderen Gemeindemitglieder immer mehr zu Zuschauern und Zuhörern des gottesdienstlichen Geschehens wurden.
Die Reformation versuchte diese Entwicklung rückgängig zu machen.
Vor allem der „linke Flügel“ der Reformation (die Täufer) und die freikirchlichen Bewegungen der Neuzeit (z.B. wir Baptisten) haben die gottesdienstliche Trennung zwischen Geistlichen und Laien vollends aufgehoben. Auch das Zweite Vatikanische Konzil der Römisch-Katholischen Kirche wies den Laien wieder einen aktiveren Platz im Gottesdienstgeschehen zu. In der Orthodoxen Kirche wurde diese Rückbesinnung auf den urchristlichen Gottesdienst allerdings nicht nachvollzogen.


3. Daraus gewonnene Maßstäbe ...

Und was heißt das alles nun für unsere Gottesdienste – und damit auch für die Kindergottesdienste in unseren Kirchen und Gemeinden?
Natürlich können (und sollen!) wir nicht die gottesdienstlichen Mahlzeiten der frühen Christen als „Normalfall“ christlicher Gemeindeversammlungen einfach so 1:1 in unsere Zeit übertragen. Das wäre geschichtslos und dumm.
Aber auf Grund des Evangeliums und angesichts dieser Urform christlichen Gottesdienstes ist nachdrücklich festzustellen, dass der Liebe, vor allem als real erfahrbarer Gemeinschaft, eine zentrale Stellung im Gottesdienst gebührt!
Die Mitte der christlichen Botschaft ist das Evangelium von der Liebe Gottes!
Jesus bringt uns seinen Vater als den bedingungslos liebenden Gott nahe, und er lebt diese bedingungslose Liebe vor.
Unsere Gottesdienste müssen diesem Evangelium von der Liebe Gottes entsprechen, nicht nur mit dem, was sie bewusst ausdrücken, sondern auch mit dem, was sie unbewusst transportieren!
Man kann Liebe nicht auf lieblose Weise verkündigen!
Man kann nicht mit lieblosen Gottesdiensten die Liebe Gottes feiern!
Ein Afrikanisches Sprichwort sagt:
„Was ihr tut, redet so laut, dass ich nicht hören kann, was ihr sagt!“
Im Gottesdienst muss also das Evangelium von der Liebe Gottes Gestalt gewinnen – nicht nur durch das, was wir sagen, sondern vor allem durch das, was wir tun und wie wir es tun!
Und umgekehrt: Überall da, wo das geschieht: wo die Liebe Gottes unter uns Gestalt gewinnt – auch außerhalb unserer gottesdienstlichen Veranstaltungen –, findet so etwas wie „Gottesdienst“ statt: der Gottesdienst im Alltag der Welt nämlich, von dem Paulus spricht!


4. ... und der Kindergottesdienst

Was aber heißt das nun für das Thema dieser Veranstaltung: „Verschiedene Formen des Kindergottesdienstes – Wo hört Kinderbetreuung auf und wo fängt Kindergottesdienst an?“
Ich wage zunächst einmal die sehr grundsätzliche These:
Kindergottesdienst findet überall da statt, wo Kinder der Liebe Gottes begegnen!
Das kann in einer liebevollen Kinderbetreuung genauso geschehen wie in einem „richtigen“ Kindergottesdienst. In der Familie wie in der Schule. In der Krabbelgruppe wie beim Winterspielplatz. Der wichtigste Dienst, den wir Kindern gegenüber tun können, ist: sie die Liebe Gottes spüren zu lassen.
Klassischer Bibeltext in diesem Zusammenhang ist die Geschichte von der Segnung der Kinder durch Jesus (Markus 10,13-16 par.):
„Und sie brachten Kinder zu ihm, damit er sie anrühre. Die Jünger aber führen sie an.
Als es aber Jesus sah, wurde er unwillig und sprach zu ihnen:
Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes.
Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kinder, der wird nicht hineinkommen.
Und er herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie.“
Hier haben wir all das zusammen, was uns auch heute oft begegnet, wenn es um Kinder in der Gemeinde geht:
Eltern, die vielleicht nur eine diffuse Idee davon haben, dass es ihren Kindern gut tun könnte, in die Nähe Jesu zu kommen, von ihm „berührt“ zu werden – was immer das heute heißt.
Eine Gemeindeleitung, die Jesus – und damit vielleicht auch sich selbst und die so gut eingerichtete und schön geordnete Welt der Erwachsenen – vor dem Ansturm der Kinder schützen will.
Jesus und in seiner Nachfolge ganze Generationen von Kindergottesdienstmitarbeiterinnen und -mitarbeitern, die das Recht der Kinder auf Religion, auf die Zuwendung Gottes und auf einen eigenen Glauben einfordern.
Die Kinder werden in dieser Geschichte zu Jesus gebracht, und Jesus macht unmissverständlich klar, dass sie willkommen, berechtigt und zugelassen sind. Darauf können sie sich verlassen – ohne Wenn und Aber.
Kinder bringen ein solches Vertrauen mit, wenn sie geboren werden. Der Psychologe Erik Erikson hat es das „Urvertrauen“ genannt. Kinder vertrauen darauf, dass die Welt es gut mit ihnen meint und dass sie das Recht haben, unter allen Umständen Beachtung, Zuwendung und Aufnahme zu finden.
Für ein Kind gilt nicht, was unter erwachsenen Menschen gilt: dass der andere müde oder mit wichtigerem beschäftigt sein kann. Ein Kind hält sich instinktiv für das wichtigste Wesen auf Erden, und es fordert sein Recht auf Zuwendung und Aufmerksamkeit ein.
Wenn es ruft, möchte es, dass jemand kommt, und es hat ein Recht auf dieses „Entgegenkommen“! Es wird krank und sein Vertrauen wird beschädigt, wenn es immer wieder die Erfahrung macht, dass niemand auf sein Rufen hört.
Und wenn ein Kind zu einem anderen gehen möchte, dann hat es in gewissem Sinne Anspruch auf die „Zugänglichkeit“ dieses anderen. Es würde etwas Wesentliches vermissen und sein Vertrauen würde beschädigt werden, wenn es immer wieder die Erfahrung machen müsste, dass die Welt ihm nicht offen steht und zugänglich ist.
Dieses „Urvertrauen“ bringen Kinder mit, wenn sie in diese Welt geboren werden. Und sie müssen es leben dürfen! Alle Beschränkungen und Bedingungen kommen später. Sie sind buchstäblich sekundär.
Und wie vermittelt Jesus den Kindern nun, dass sie mit ihrem Vertrauen bei ihm – und damit bei Gott – an der richtigen Adresse sind? Er hält ihnen keine Predigt, keinen Vortrag (die hält er den Erwachsenen!). Er segnet sie. Und er tut dies so, dass sie es begreifen können. Denn „Begreifen“ (mit dem Kopf) kommt ja von „Begreifen“ (mit den Händen). Dorothee Sölle hat das einmal so formuliert: „Was sinnenlos wird, wird sinnlos!“
Und so nimmt Jesus die Kinder in den Arm und legt ihnen die Hände auf. So können sie spüren: Gott ist mir nah und hat mich lieb. Und ein „Segen“, das sind nicht nur irgendwelche Worte, die irgendjemand spricht, sondern Machtworte, mit denen mir etwas Gutes von Gott her zugesprochen wird. Und dieses Gute kommt auch an bei mir!
Wo hört Kinderbetreuung auf und wo fängt Kindergottesdienst an? Kinderbetreuung wird dann zum Kindergottesdienst, wenn Kinder in ihr etwas von der Güte Gottes spüren. Dafür braucht es nicht unbedingt große Worte und eine durchgestylte Liturgie. Obwohl die helfen kann! Dafür braucht es aber immer eine liebevolle, zugewandte Atmosphäre, in der Gottes Segen spürbar wird.

Die Religionspädagogin Inger Hermann beschreibt in ihrem Buch „,Halt’s Maul, jetzt kommt der Segen ...’“, wie selbst völlig unreligiös aufgewachsene Großstadtkinder auf der Schattenseite des Lebens in kleinen „Geborgenheitsritualen“ plötzlich etwas von der Liebe Gottes spüren.
Da erzählt sie zum Beispiel von José, der ihr die Stunde schmeißt und sie dermaßen nervt, dass sie am Ende nicht mal mehr den Segen sprechen kann, der sonst immer die Stunde mit den Kindern beschließt.
„Es ist genug. Wenn du dich nicht wie ein Schulkind benehmen kannst ...“ Ich schüttel ihn, weiß nicht weiter.
Es klingelt. Die andern stehen auf. „Ihr könnt gehen.“
„Kein Segen?“
„Nein, jetzt nicht. Ich kann nicht.“
„Sie haben aber gesagt, beten kann man immer, sogar beim Auto fahren“, erinnert Annette.
„Trotzdem, ich kann jetzt nicht. – Ich sag den Segen heute Abend für euch.“
„Für mich auch?“
„Ja.“
„Für mich auch?“
„Für dich auch.“
„Und für mich?“
„Ja. Ich denke an jeden Einzelnen von euch.“
...
Schulschluss. Ich strebe dem Parkhaus zu. Da kommt José hinter mir her gerannt. „Warten Sie doch!“
Ich warte.
„Tun Sie’s für mich auch?“
„Was soll ich tun?“
„Sie wissen schon – heute Abend.“ „Den Segen? Für dich soll ich auch den Segen sagen?“ Er nickt heftig, dreht sich um und läuft johlend zu den anderen zurück.
Einige Wochen später erzählt er uns, dass seine Familie in ihre Heimat, nach Spanien, zurückkehrt. Er freut sich nicht, ist still und bedrückt.
Wir üben den Psalm 23. José, trotz seiner Rappel, hatte ihn als erster auswendig gekonnt.
„Willst du ihn noch einmal sagen?“
José will: „Der Herr ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln,
er weidet mich auf einer grünen Aue,
und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele und führet mich auf rechter Straße ...“
„Wenn du in deinem Land bist, und wir sprechen diesen Psalm, dann können wir ganz fest an dich denken.“
„Tut ihr das dann auch wirklich?“ „Ja. Das tun wir dann wirklich.“
Das war vor eineinhalb Jahren. Aus der dritten ist eine fünfte Klasse geworden und aus dem 23. Psalm der „José-Psalm“. Immer wieder schlägt eines der Kinder vor, den „José-Psalm“ zu sprechen. Neue Schüler wundern sich. Dann erzählen wir ihnen von José, wie schlimm er war, was er alles angestellt hat – und es klingt meist sehr liebevoll.
Neulich musste Petra ins Krankenhaus. Sie hat Angst.
„Sagt ihr für mich auch einen Psalm?“
„Sollen wir miteinander überlegen, welchen?“
Neben dem 23. können wir inzwischen den 139. und den 91. Psalm auswendig.
„Gott beschirmt dich mit seinen Flügeln,
unter seinen Schwingen findest du Zuflucht,
dir begegnet kein Unheil, kein Unglück naht deinem Zelt.
Denn Gott hat seinen Engeln befohlen,
dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“
Ja, den 91. Psalm sollen wir für Petra sprechen, solange sie im Krankenhaus ist.
Ich denke an die völlig daneben gegangene Stunde vor eineinhalb Jahren, an meine pädagogische und menschliche Niederlage, am Boden sitzend im Chaos, nicht mehr fähig und bereit, den Schlusssegen zu sprechen.
Ohne diese Niederlage hätten sechzehn Kinder nicht von der Möglichkeit und der Kraft der Fürbitte erfahren. José, der Unbändige, José, der Schlimme, ihm danken wir es.
(Seite76-78)


5. Wo hört Kinderbetreuung auf und wo fängt Kindergottesdienst an?

Ich habe bewusst einen langen Anmarschweg zu diesem Thema genommen. Aber jetzt wird es Zeit zu fragen: Welche Formen von Kindergottesdienst gibt es denn nun eigentlich? Und in welchen Kindergottesdienstformen erfahren sie besonders gut und eindrücklich und prägend die Zuwendung, Güte und Liebe Gottes, die sie für ihr Leben brauchen?
Nach dem bis hierhin Gesagten, fällt die Antwort auf die letzte Frage leicht: Ich bin überzeugt davon, dass dies in nahezu jeder Form von Kindergottesdienst gelingen kann.


5.1. Sonntagsschule

In vielen freikirchlichen Gemeinden (und in den meisten englischsprachigen Ländern) heißt der Kindergottesdienst auch heute noch Sonntagsschule.(Sunday-School). Das hat mit der Geschichte des Kindergottesdienstes zu tun, der ja tatsächlich einmal aus einer „Sonntagsschule“ hervorgegangen ist.
Der spätere Gründervater des deutschen Baptismus, Johann Gerhard Oncken (1800-1884), gründete 1825 in Hamburg eine der ersten „Sonntagsschulen“ nach englischem Vorbild. Er sah das Elend der Arbeiterkinder in der Hamburger Vorstadt St. Georg und handelte, indem er den Anstoß zur Gründung einer Sonntagsschule nach englischem Muster gab. Hinsehen und Handeln“ – das könnte ein guter Grundsatz für die Entwicklung und Weiterentwicklung von Kindergottesdienstkonzepten sein!
In Johann Wilhelm Rautenberg (1791-1865), der zu jener Zeit lutherischer Pfarrer in diesem Stadtteil war, fand er einen Verbündeten, der – allen Widerständen zum Trotz – das Werk mit auf den Weg brachte. 1832 wird Johann Hinrich Wichern (1808-1881) „Oberlehrer“ dieser Sonntagsschule. Durch seine Mitarbeit im dazu gehörenden Besuchsverein empfängt er entscheidende Impulse, die später zur Gründung des Rauhen Hauses und der Inneren Mission und damit zur Keimzelle der heutigen Diakonie in der Evangelischen Kirche führen.
„Sonntagsschule“ – das hieß damals, dass Arbeiterkinder, die sonst keine Möglichkeit gehabt hätten zur Schule zu gehen, weil es noch keine allgemeine Schulpflicht gab und sie wochentags in den Fabriken des industriellen Zeitalters arbeiten mussten, dass diese Kinder also am Sonntag lesen und schreiben lernen konnten. Die „Sonntagsschule“ war ein „Bildungsprogramm“, das für mehr Bildungsgerechtigkeit zwischen Kindern reicher und armer Eltern sorgen sollte.
Zugleich diente sie aber auch der religiösen Bildung: Kinder aus Verhältnissen, die sich mehr und mehr der Kirche entfremdeten, lernten biblische Geschichten kennen und bekamen eine Unterweisung im Glauben.
So blieben die Sonntagsschulen auch bestehen, als sich die Verhältnisse, die einmal zu ihrer Gründung geführt hatten, durch die Einführung der allgemeinen Schulpflicht änderten. Kennenlernen der Bibel, Unterweisung im Glauben, Einüben ins Beten und in eine christliche Lebensführung – das waren fortan die Ziele der „Sonntagsschule“.
Für viele Kindergottesdienste, gerade in freikirchlichen Gemeinden, stehen diese Ziele auch heute noch im Vordergrund – ob sie sich nun noch Sonntagsschule nennen oder Kindergottesdienst oder Sonntags-Kinder-Club oder welche fantasievollen Namen es da sonst noch geben mag.
Die Struktur eines solchen, in der Sonntagsschultradition stehenden Kindergottesdienstes sieht meistens so aus: Nach einem gemeinsam Anfang im Plenum (mit Singen, Beten, alle betreffenden Ankündigungen o.ä.) gehen die Kinder in altersspezifische Kleingruppen, wo sie sich mit einer biblischen Geschichte oder einem Thema beschäftigen. Der Abschluss des Ganzen, mit gemeinsamem Gebet und Segen, kann dann in der Kleingruppe oder erneut im Plenum erfolgen.


5.2. Kindergottesdienst

Eine etwas andere Entwicklung als diese Sonntagsschularbeit nahm der Kindergottesdienst in den evangelischen Landeskirchen. Hier wurde aus der Sonntagsschule tatsächlich ein Kindergottesdienst. Unter dem Einfluss der „Wort-Gottes-Theologie“ der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts und der aufbrechenden liturgischen Bewegung verstand man Kindergottesdienst mehr und mehr als eine Form des gemeindlichen Gottesdienstes – wenn auch lange Zeit als Vorstufe dem sonntäglichen Hauptgottesdienst untergeordnet.
Spätestens seit der EKD-Synode 1994 in Halle, die einen „Perspektivenwechsel“ im Umgang mit Kindern eingefordert hatte, ist Kindergottesdienst in der EKD ein eigener „Hauptgottesdienst für Kinder“ – diesem nicht unter- sondern nebengeordnet.
Der Kindergottesdienst hat hier weniger unterweisenden Charakter. Er ist mehr Fest und Feier des Glaubens und hat seine eigene Liturgie, zum Beispiel mit folgenden Elementen:
Zusammenkommen und Beten (Eröffnung und Anrufung)
Hören und Antworten (Verkündigung und Bekenntnis)
Feiern (Abendmahl)
Bitten und Segen (Sendung)


5.3. Promiseland

Promiseland ist das Kindergottesdienstkonzept der Willow Creek-Gemeinde in South Barrington in Chicago. Durch viele Kongresse hat dieses Konzept in den vergangenen Jahren in vielen Gemeinden in Landes- und Freikirchen Fuß gefasst.
Grundsatz des Promiselandkonzeptes ist, dass der Kindergottesdienst für die Kinder, die daran teilnehmen, zur „schönsten Stunde der Woche“ werden soll. Die Gemeinde selbst soll eine nach biblischem Vorbild lebende Gemeinschaft von Christen sein, die die Kinder lehrt und ihnen vorlebt, was es bedeutet, Christus nachzufolgen. Dabei möchte der Kindergottesdienst Familien in dem Bemühen unterstützen, im Leben ihrer Kinder ein geistliches Fundament zu legen, auf dem jedes Kind nach seinem eigenen und Gottes Zeitplan eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus eingehen kann. Promiseland ist also ein durch missionarisches Kindergottesdienstkonzept.
Die Werte, die dabei das Ganze prägen, sind folgende:
Die Arbeit soll kinderorientiert sein. Das heißt: Sie orientiert sich in ihren Methoden – im Musikstil, bei der Präsentation biblischer Inhalte – an der gerade vorherrschenden Kinderkultur.
Die Arbeit soll relevant sein für den Alltag der Kinder Das heißt: Die Verkündigung zielt darauf ab, Bezüge zur alltäglichen Lebenswelt der Kinder herzustellen.
Die biblischen Inhalte sollen kreativ vermittelt werden. Das heißt: Es darf keine Langeweile aufkommen. Theaterstücke, Videoclips, kreativ erzählte Geschichten und zeitgemäße Musik stehen dabei im Vordergrund.
Die Kinder werden in Kleingruppen persönlich begleitet: Hier geschieht – nach dem Verkündigungsteil im Plenum – die Vertiefung des Ganzen in einer kleinen, vertrauten Gemeinschaft.
Voraussetzung dafür ist, dass der Kindergottesdienst ein sicherer Ort für Kinder ist: Sie müssen physisch sicher sein. Das heißt, Räumlichkeiten und Material sollen den Bedürfnissen der Kinder angemessen und werden auf ihre Unbedenklichkeit überprüft. Auch die Mitarbeitenden werden nach dem Kriterium der fachlichen und persönlichen Eignung ausgewählt („gabenorientiert“). Hinzu kommt die psychische Sicherheit: Die Kinder werden so angenommen, wie sie sind. Sie werden durch das, was die Mitarbeitenden sagen und tun, bestärkt und gefördert. Last but not least geht es um die geistliche Sicherheit der Kinder: Alle Kinder, Suchende wie Glaubende, müssen einen sicheren Ort haben, an dem sie ihre Fragen – auch schwierige Fragen in Bezug auf den Glauben – stellen dürfen.
Und das Letzte: Promiseland soll den Kindern Spaß machen! Die Kinder sollen Woche für Woche wiederkommen, weil es ihnen dort so gut gefallen hat, dass sie es kaum erwarten können, wiederkommen zu dürfen.

Ein Morgen in Promiseland sieht in der Regel so aus:
20-30 Minuten vor Beginn der Stunde öffnet die Spielstraße. Sie dient dem Beziehungsaufbau, soll Spaß machen und bietet erste, wenn möglich themenorientierte Aktivitäten.
Der Gottesdienst selbst beginnt dann mit einem ersten, Treffpunkt genannnten Treffen der Kinder mit ihren Kleingruppenleitern und -leiterinnen (ca. 5 Minuten). Die Kinder werden begrüßt und kurz ins Thema eingeführt.
Im Plenum findet dann die „biblische Unterweisung“ statt (ca. 35 Minuten). In Form von Theaterstücken, Videos, Liedern und kreativen Erzählungen wird die biblische Geschichte kreativ vermittelt – und auch gleich auf den Alltag der Kinder hin ausgelegt. Hier erleben Kinder, wie biblische Aussagen relevante Themen ihres Lebens ansprechen. Das Tempo, die visuellen Eindrücke, die Abwechslung und die Musik tragen dazu bei, dass die Kinder gerne wiederkommen.
Am Ende des Ganzen steht die Kleingruppe (ca. 20 Minuten), in der das Thema vertieft wird und mit Hilfe von Diskussionsfragen die praktische Umsetzung des Themas in den Alltag hinein erfolgt. Die Kinder beteiligen sich in dieser Zeit an Aktivitäten, die ihnen Spaß machen, und lernen dabei, dass die biblischen Einheiten einen Bezug zu ihrem Leben haben. Vor allem in dieser Zeit werden auch die Beziehungen zwischen den Kindern und ihren Kleingruppenleitern und -leiterinnen gepflegt.

Das Konzept ist natürlich sehr mitarbeiterintensiv. Man braucht Mitarbeitende für Organisation, für die Spielstraße, für das Plenum, für die Kleingruppen, für Dekoration, Technik, Auf- und Abbau. Idealerweise sind es nicht dieselben Mitarbeitenden, die für alles verantwortlich sind, sondern unterschiedliche Mitarbeitende, die sich ihren Gaben entsprechend einbringen.


5.4. Godly Play

Godly Play (die Bezeichnung wurde englisch belassen, weil sie nicht ohne verfälschende Verkürzung ins Deutsche übersetzt werden könnte!) ist eine Form religiöser Bildung für Kinder (und Erwachsene), die auf eine lebendige Beziehung zur biblischen Botschaft, ein persönliches spirituelles Wachstum und eine individuelle Kompetenz zur Verwendung religiöser Sprache zielt.
Godly Play verbindet die theologische Überzeugung, dass sich Gott im Leben eines jeden Menschen erfahrbar machen will, mit dem pädagogischen Konzept von Maria Montessori.
Godly Play ermutigt Kinder zum Theologisieren und traut ihnen zu, Gott spielend und hörend, feiernd und gestaltend, staunend und redend zu begegnen. Godly Play will Kindern zu konstruktiver Selbststeuerung helfen, und beachtet dabei besonders das Spiel als Hauptform kindlicher Welterschließung.
Godly Play wurde von Jerome W. Berryman, Bischof der reformierten Christ Church Cathedral in Houston/Texas entwickelt. Im Kontext der amerikanischen Sonntagsschule hat sich sein Konzept seit 30 Jahren bewährt und findet jetzt auch in Deutschland ökumenische Resonanz in Gemeinde und Schule, Kindergarten sowie Erwachsenen- und Seniorenbildung.
Godly Play geht davon aus, dass Kinder einen geschützten Raum brauchen, wenn sie Erfahrungen existentieller Begegnungen von Selbst, Welt und Gott machen sollen. Besonders wichtig sind hierfür die Beziehungen, die die Kinder untereinander und zu den anwesenden Erwachsenen erleben können. Im Konzept von Godly play prägen die Beziehungen, zusammen mit Raum, Zeit und Materialien, das non-verbale Lernen durch ein Gefühl von Präsenz und Verlässlichkeit.
In Entsprechung zur Montessori-Pädagogik besteht die Hauptarbeit der Erwachsenen im intensiven Wahrnehmen der Kinder, um sie in ihren subjektiven Lerninteressen, Lernwegen und Lernrhythmen unterstützen zu können. Die theologische Produktivität der Kinder wird zutiefst respektiert – das Kind steht in der Mitte! Das Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern lässt sich als „gegenseitiges Segnen“ bezeichnen.
Zwei Erwachsene sitzen mit den Kindern auf dem Boden: Eine Erzählerperson leitet die Einheit, „ankert“ den Kreis der Kinder, bietet eine Geschichte dar und öffnet zugleich den Raum selbständiger Erschließung. Eine Person an der Tür begrüßt die Kinder, verabschiedet die Eltern und hilft den Kindern, sich zu sammeln, kreativ tätig zu werden und sich an der Vorbereitung des „Festes“ zu beteiligen, das jede Einheit abschließt.
Ein Godly Play-Raum hält in niedrigen Regalen ringsum speziell angefertigte, ästhetisch und handwerklich anspruchsvolle Materialien bereit. Dadurch sind die Kinder, wenn sie im Kreis sitzen oder sich kreativ beschäftigen, ständig von anderen, vertrauten oder noch unbekannten Geschichten umgeben und lernen, selbständig und spielerisch mit den Symbolen des christlichen Sprachsystems umzugehen.
Godly Play betrachtet die Grundstruktur des christlichen Gottesdienstes für die bewährteste Form, mit Gott zu kommunizieren. Deshalb umfasst eine Einheit vier Phasen: Im Ankommen und Kreis-Bilden wachsen die Kinder hinein in die Ruhe des Raumes. Im gemeinsamen Hören, Sehen und Sprechen finden die Kinder ihren Weg in eine Geschichte. Danach kann jedes Kind eine eigene Reaktion in einer ausgiebigen Kreativphase gestalten. Einem kleinen, gemeinsamen Fest mit Gebet folgt die persönlich-zusprechende Verabschiedung.
In Raum und Zeit, mit Sprache und Beziehungen wird die kindliche Vorstellungskraft herausgefordert. Man kann Godly Play als ein „imaginatives Konzept religiöser Bildung“ bezeichnen.
Godly Play stellt sich bewusst in die alte Tradition der mündlichen Überlieferung Leben deutender Geschichten. Es werden vier Genres unterschieden:
Glaubensgeschichten wollen den Kindern ein Gefühl von Einheit und Identität im Glauben vermitteln. Manche dieser Geschichten werden in einer „Wüstenkiste“ gespielt.
Gleichnisse nutzen alltägliche Lebensbilder, um unsere kreativen Interpretationen des Reiches Gottes herauszufordern. Die Materialien dazu werden in goldenen Schachteln aufbewahrt, um ihren Charakter als kostbares Geschenk zu symbolisieren, das dennoch dem Verstehen manchmal verschlossen bleibt.
Geschichten zum liturgischen Handeln verbinden Lebenszeit und Lebensraum mit den Zeichen der Kirche, wie dies etwa die Sakramente tun.
Alle drei Genres wurzeln in der Stille, dem vierten Genre, in dem sich die Kinder vertiefen in eine Idee, eine Beschäftigung, eine Begegnung mit Gott.
Die sprachlichen Ausdrucksformen der Erzählskripte konzentrieren die Inhalte auf das grundlegend Einfache. Zusammen mit sparsamen, effektiven Gesten bilden sie einen kraftvollen Ausdruck des immer wiederholten spirituellen „Suchen-und-Findens“.


5.5. Projektorientierter Kindergottesdienst

Als „projektorientierten Kindergottesdienst“ bezeichne ich verschiedene Kindergottesdienstformen, die kein einheitliches Konzept bilden und keine sie verbindende Liturgie haben, sondern eher experimentell in konkreten Gemeindesituationen entstehen und sich dort bewähren. Gemeinsam ist diesen Formen, dass sie sich von dem Gedanken verabschieden, alle Kinder in einem Kindergottesdienst müssten zu jeder Zeit immer dasselbe tun.
In Anlehnung an Howard Gardners Theorie der multiplen Intelligenzen werden da zum Beispiel Kindergottesdienste in Form von verschiedenen Angeboten an unterschiedlichen Stationen vorbereitet. Die Kinder können sich aussuchen, ob sie zu einer biblischen Geschichte oder einem Thema etwas schreiben, lesen, malen, gestalten, musizieren, tanzen oder erforschen wollen. Der Vielfalt der Begabungsprofile der Kinder in einer Gruppe entsprechend, wird eine Vielfalt paralleler Angebote vorbereitet, so dass jedes Kind einen, seinen Interessen und seinem „Intelligenzprofil“ entsprechenden Zugang zum Thema finden kann. Eine gemeinsame Reflexion am Ende einer solchen Einheit dient dazu, die Erfahrungen, die die Kinder so mit einem Text oder einem Thema machen, zusammenzufassen und zu bündeln.
Oder der Kindergottesdienst als Ganzes wird in verschiedene Projektphasen gegliedert: Da gibt es zum Beispiel ein Projekt „Gleichnisse“ – und die Kinder erarbeiten sich über mehrere Wochen in oft altersgemischten Projekt- oder Interessengruppen Aspekte des Themas, die dann – in einer gemeinsamen Abschlusseinheit, einem Fest, einem Familiengottesdienst den anderen Kindern oder auch der gesamten Gemeinde präsentiert werden. Eine Gruppe entwickelt einen Tanz oder eine Choreographie, eine andere schreibt vielleicht eine Geschichte oder gestaltet ein Hörspiel, eine dritte bereitet einen Gottesdienst vor und so weiter ...
Traditionelle Elemente des Kindergottesdienstes werden damit verknüpft (gemeinsames Singen, Beten, Erzählen biblischer Geschichten usw.), treten aber, was den zeitlichen Umfang und ihre Gewichtung betrifft, hinter der handlungs- und erfahrungsorientierten, selbständigen Erarbeitung von Texten und Themen durch die Kinder zurück.


Literatur

Beter Barz / Rabea Rens / Eva Witte, Promiseland – wie Kinder Gott erleben. Neue Ideen für die Arbeit mit Kindern. Gerth Medien: Asslar 2000.
Johannes Blohm (Hrsg.), Kinder herzlich willkommen. Kirche und Gemeinde kinder- und familienfreundlich gestalten. Ideen und Beispiele. Claudius Verlag: MÜNCHEN 1996.
Inger Hermann, „Halt’s Maul, jetzt kommt der Segen ...“ Kinder auf der Schattenseite des Lebens fragen nach Gott. Calwer Verlag: Stuttgart 1999.
Rüdiger Maschwitz, Markenzeichen Kindergottesdienst. Verlag Junge Gemeinde: Leinfelden-Echterdingen 2002.
Regine Schindler, Zur Hoffnung erziehen. Gott im Kinderalltag. Verlag Ernst Kaufmann; Lahr / Theologischer Verlag: Zürich 1999.
Matthias Spenn u.a. (Hrsg.), Handbuch Arbeit mit Kindern – Evangelische Perspektiven. Gütersloher Verlagshaus: Gütersloh 2007.
Ulrich Walter, Kinder erleben Kirche. Werkbuch Kindergottesdienst.Gütersloher Verlagshaus: Gütersloh 1999.
Christoph Haus (Hrsg.), Up To You – Auf dich kommt es an! (Die Konzeption der Kinder- und Jugendarbeit des Gemeindejugendwerks im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland K.d.ö.R.). 4 Bände. GJW Elstal, Julius-Köbner-Str. 4, 14614 Wustermark (
www.gjw.de) 2007.


Volkmar Hamp
Referent für die Arbeit mit Kindern im Gemeindejugendwerk des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland K.d.ö.R.

GJW Elstal
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