"Ein Gleichnis, das ist, wenn etwas gleich ist!"
Zur Entwicklung des Gleichnisverständnisses von Kindern


Kurzbeschreibung
Der Artikel versucht zu beschreiben, wie sich das Gleichnisverständnis von Kindern entwickelt und welche Bedeutung diese Entwicklung für die Auslegung von Gleichnissen für und mit Kindern unterschiedlichen Alters hat.

Gruppengröße / Bedarf an Mitarbeitenden
-/-

Zeitrahmen
Lesezeit ca. 20 Minuten.

Material
-/-

Vorbereitungsaufwand
-/-


Die Ausgangsfrage

Wie entwickelt sich das Gleichnisverständnis von Kindern? Können wir davon ausgehen, dass Kinder die Gleichnisse Jesu so verstehen, wie sie gemeint sind (als bildhafte Veranschaulichungen der Botschaft Jesu vom Reich Gottes)? Oder lässt sich auch hier – wie bei der Entwicklung des Gottesbildes oder des Glaubens an sich (siehe Literatur!) – eine Entwicklung beobachten, die es zu beachten gilt, wenn wir mit Kindern die Gleichnisse Jesu auslegen?
Drei Gleichnisdefinitionen von Menschen unterschiedlichen Alters legen die Vermutung nahe, dass es sich tatsächlich so verhalten könnte:


Drei Gleichnisdefinitionen

So definiert ein siebenjähriges Mädchen den Begriff „Gleichnis“ so: „Ein Gleichnis, das ist, wenn etwas gleich ist!“
Ein zehnjähriger Junge meint: „Ein Gleichnis, das ist, wenn man etwas gleich machen soll wie in der Geschichte.“
Und ein fünfunddreißigjähriger Vater bestimmt das Gleichnis als „Erzählung, mit der man etwas Ungleiches, das Gottesreich, bildhaft darstellt, damit man es sich auch vorstellen kann“.


Drei Stadien des Gleichnisverständnisses

Empirische Untersuchungen haben gezeigt, dass diese drei Definitionen für drei Stadien der Entwicklung des Gleichnisverständnisses stehen können, die es zu beachten gilt, wenn wir mit Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen die Gleichnisse Jesu auslegen wollen. Diese Stadien stehen darüber hinaus – wie nicht anders zu erwarten war! – mit der allgemeinen kognitiven Entwicklung (Entwicklung des Denkens) in einem engen Zusammenhang. Der Religionspädagoge Anton A. Bucher beschreibt sie so:

Stadium 1 (bis zum 9. Lebensjahr)
ist dadurch gekennzeichnet, dass das Gleichnis wortwörtlich verstanden wird, als eine einmalige, punktuelle und konkrete Geschichte (also noch nicht als Gleichnis!), wobei in der Regel angenommen wird, es handele sich um eine Geschichte, die sich so zu Lebzeiten Jesu zugetragen habe.

Stadium 2 (zwischen dem 9. und dem 12. Lebensjahr)
ist dadurch charakterisiert, dass die Übertragung von der Bildhälfte auf die Sachhälfte ansatzweise beginnt, wobei die Reich-Gottes-Gleichnisse aber vor allem noch im Sinne konkret aufgefasster Beispielgeschichten verstanden werden.

Erst in Stadium 3 (ab dem 12. Lebensjahr)
wird der Text von Anfang an gattungsgemäß interpretiert: Die literarische Fiktion wird erkannt, durchgehend beachtet und beeinflusst entscheidend die inhaltliche Auslegung.

Im Folgenden einige Beispiele aus Interviews zu einzelnen Gleichnissen mit Kindern und Erwachsenen unterschiedlichen
Alters, die diese Entwicklung des Gleichnisverständnisses illustrieren:


Ein Beispiel für Stadium 1
Aus: Anton A. Bucher, Eine bloße Geschichte - oder ein Gleichnis? Die Entwicklung des Gleichnisverständnisses als zentrale Komponente der Gleichnisdidaktik. In: Evangelischer Erzieher 41 (1989), Seite 429-439.

Interviewer: Was meinst du, ist diese Geschichte (Mt 25,14-30 – Das Gleichnis von den anvertrauten Geldern) einmal
passiert?
Kind: Ja.
I: Und wann, meinst du?
K: Als der Jesus gelebt hat.
I: Und warum?
K: Der liebe Gott hat diese Geschichte sicher gesehen, und dann hat er sie dem Jesus gesagt, und der hat sie den anderen Leuten gesagt.
I: Könnte eine Geschichte, die das Gleiche aussagt, auch heute noch passieren?
K: Nicht so gut.
I: Und warum nicht?
K: Weil es heute nicht mehr so viele Knechte gibt wie früher (Junge, acht Jahre).
Auch in einer Stadt könne sich eine solche Geschichte heute nicht mehr ereignen, weil es dort keine Knechte mehr gebe. Das gelte auch für Mt 20,1-16 (Die Arbeiter im Weinberg), weil in der Stadt keine Weinberge wüchsen.
Dies sind deutliche Indizien dafür, dass die Gleichnisse konkret-wortwörtlich und noch nicht gattungsgemäß und in einem übertragenen bzw. gleichnishaften Sinn verstanden werden. Auch Aussagen wie die, dass das Geschehen zwischen den Knechten und dem Herrn in diesen Gleichnissen in bildhafter Form die Beziehung Gottes zu den Menschen veranschaulicht, werden noch nicht nachvollzogen. So verneinte ein neunjähriges Mädchen die Frage, ob der Herr in Mt 25,14-30 ein Bild für Gott sein könne:
I: Und warum?
K: Ich muss die ja zuerst sehen.
I: Und warum?
K: Ich müsste sehen, ob sie gleich aussehen.
Und ein Junge von acht Jahren erwiderte auf die Frage, ob der Weinbergbesitzer in Mt 20,1-16 ein Bild für Gott sei, uns also zeige, wie Gott sich zu den Menschen verhält: „Nein, das geht auch nicht. Der Gott ist der Besitzer von der Welt, der hat die ganze Welt gemacht. Und der Weinbergbesitzer, dem gehört nur der Weinberg, und der ganze Himmel und die ganze Welt gehören ihm nicht.“
Wenn der Herr im Gleichnis aufgrund der Interviewfragen („Meinst du, kommt in dieser Geschichte jemand vor, der uns zeigt, wie Gott ist?“ etc.) dann doch in Beziehung zu Gott gebracht wird, dann nicht im Sinne einer analogen Veranschaulichung, sondern im Sinne physikalischer Identität.
I: Könntest du dir vorstellen, dass der Weinbergbesitzer ein Bild ist für Gott?
K: Ja, ich könnte mir das schon vorstellen. Der liebe Gott ist ja auch ein alter Mann, und der Herr ist sicher auch ein alter Mann ... wenn also der Mann schon ein bisschen älter ist, und wenn er einen Bart hat, dann könnte es schon sein ... aber der Bart, der müsste also schon weiß sein (Junge, acht Jahre).
Einige Kinder vertraten sogar die Ansicht, Gott sei kurzfristig in den Weinberg hinunter gekommen. Diese Vorstellung entspricht 1:1 dem anthropomorphen (= menschengestaltigen) Gottesbild von Kindern in diesem Alter!


Ein Beispiel für Stadium 2


Bei Kindern im Jungscharalter kann man ein demgegenüber weiterentwickeltes Gleichnisverständnis erwarten, wie folgende Interviewausschnitte zeigen:
I: Meinst du, hat diese Geschichte (Mt 25,14-30) auch etwas mit Gott zu tun?
K: Ja.
I: Und warum?
K: Er hat sicher auch gedacht, dass das ein Beispiel ist, dass wir später dran denken können, es besser zu machen, also wie die beiden ersten Knechte ... dass wir, wenn wir in der Lehre sind, unser Geld auch vermehren. (Junge, zehn Jahre). Auch die Übertragung vom Herrn in der Parabel auf Gott hin kann nun nachvollzogen werden:
K: Weil man ja auch von Gott sagt: „Der Herr“ (Mädchen, elf Jahre).


Ein Beispiel für Stadium 3

Während jüngere Kinder die Frage, ob sich Lk 16,19ff (Der arme Lazarus) auch heute noch ereignen könne, in der Regel verneinen, weil es heute keine Könige oder Paläste mehr gebe, arbeiten ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Stadium 3 die Tiefenstruktur der Geschichte heraus und versuchen, sie spontan zu aktualisieren.
X: Die Geschichte, also die Vorgeschichte, die passiert ja tagtäglich tausendfach. Oder: Das Verhältnis von diesem reichen Prasser und dem Bettler, das passiert ja tagtäglich (männlich 42).
Mit genau dieser Aussage konfrontiert, sagt hingegen ein Mädchen von acht Jahren: „Das geht ja gar nicht. Wenn er (der Lazarus) gestorben ist, kann er gar nicht mehr auf der Welt sein.“


Fazit

Ich habe schon darauf hingewiesen, dass vor allem das erste Stadium des Gleichnisverständnisses mit den konkretanthropomorphen Gottesvorstellungen von Kindern in diesem Alter zusammen passt. Darüber hinaus passt es auch zu ihrer Auffassung vom „Reich Gottes“ als einem konkreten Herrschaftsbereich, der zumeist im (physikalischen) Himmel verortet wird.
Solange die Kinder über solche konkreten religiösen Vorstellungen verfügen, fällt es ihnen schwer, Gleichnisse als bildhafte Veranschaulichungen oder abstrakte Erschließungen der Gottesherrschaft, das heißt im eigentlichen Sinne als „Reich-Gottes-Gleichnisse“ zu verstehen.
Dies gelingt auch Kindern im Jungscharalter nur begrenzt: Zwar können sie Gleichnisse als bildhafte Geschichten begreifen, in denen etwas über Gott und den Menschen ausgesagt wird, aber sie bewegen sich dabei vor allem im Deutungsmuster der „Beispielgeschichte“. Tiefere Dimensionen der Gleichnisauslegung erschließen sich ihnen nur schwer.
So fällt es ihnen zum Beispiel nicht leicht, das Verhalten des Herrn im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1- 16) als Bild für ein Handeln Gottes zu verstehen, da sein Verhalten von ihnen als „ungerecht“ empfunden wird, Gott aber doch gerade für Gerechtigkeit steht! Und während sie relativ leicht einen Zugang zum Gleichnis vom Barmherzigen Samariter (Lk 10,30-37) finden, haben sie mit dem Gleichnis vom reichen Kornbauern (Lk 12,16-21) noch die größte Mühe.
Das heißt nun aber nicht, dass die Gleichnisse Jesu keine Texte für Kinder im Jungscharalter (und darunter) sind! Es heißt nur, dass wir uns als Mitarbeitende beim Erzählen der Gleichnisse oder bei der gemeinsamen Arbeit an diesen Texten auf den Verstehenshorizont der Kinder einstellen müssen.
Die neuere Gleichnisauslegung, die die Gleichnisse nicht auf „Bild-“ und „Sachhälfte“ und ein einziges „tertium comparationis“ reduziert (s.o. den Artikel von André Heinze), kann dabei eine Hilfe sein, da sie vielfältige metaphorische Zugänge zu diesen Texten ermöglicht. Diese Unterscheidung ganz aufzugeben, empfiehlt sich aus religionspädagogischer Sicht allerdings nicht: Zu deutlich bewegen gerade kleinere Kinder sich ausschließlich in der „Bildhälfte“ der Gleichnisse – und müssen das auch tun dürfen, weil es ihrer kognitiven Entwicklung entspricht. Erst wenn sie, beginnend mit dem Jungscharalter und dann vor allem ab dem 12. Lebensjahr, eine höhere Abstraktionsfähigkeit ausgebildet haben, können sie die Gleichnisse wirklich als Gleichnisse verstehen.
Ausgangspunkt jeder Gleichnisauslegung mit Kindern sollte darum die „Bildhälfte“ sein. Das „Bild“ erschließt dann mehr und mehr (und mit fortschreitendem Alter immer differenzierter) die „Sache“.
Entscheidend wird sein, den Kindern zunächst einmal die Bildwelt der Gleichnisse nahe zu bringen, da diese vielfach nicht mehr ihrem alltäglichen Erfahrungshorizont entspricht. Wenn dies gelingt – oder wenn wir neue, ähnlich starke Bilder finden, die den Kindern näher sind –, können wir anschließend mit ihnen darüber nachdenken, ob und in welcher Weise diese Bilder uns das „Reich Gottes“ nahe und uns dem Reich Gottes näher bringen.


Literatur

Zur Gleichnisauslegung und zur Entwicklung des Gleichnisverständnisses:
  • Anton A. Bucher, Eine bloße Geschichte - oder ein Gleichnis? Die Entwicklung des Gleichnisverständnisses als zentrale Komponente der Gleichnisdidaktik. In: Evangelischer Erzieher 41 (1989), Seite 429-439.
  • A. A. Bucher, Gleichnisverständnisse verstehen lernen. Strukturgenetische Untersuchungen zur Rezeption synoptischer Parabeln im Spannungsfeld von Theologie und Entwicklungspsychologie. Fribourg 1990.
  • A. A. Bucher / F. Oser, Wenn zwei das gleiche Gleichnis hören ... Theoretische und empirische Aspekte einer strukturgenetischen Religionsdidaktik. In: Zeitschrift für Pädagogik 33 (1987),167-183.
  • F. Johannsen, Gleichnisse Jesu im Religionsunterricht. Anregungen und Modelle für die Grundschule, Gütersloh 1986.
  • F. Johannsen, Und er redete zu ihnen vieles in Gleichnissen (Mt 13,3). In: Ulrich Becker / Friedrich Johannsen / Harry Noormann (Hrsg), Neutestamentliches Arbeitsbuch für Religionspädagogen. Verlag W. Kohlhammer Stuttgart / Berlin / Köln 1993, Seite 61-78.

Zur Entwicklung des Gottesbildes:
  • Anton A. Bucher, Alter Gott zu neuen Kindern? Neuer Gott von alten Kindern? Was sich 343 Kinder unter Gott vorstellen. In: Vreni Merz (Hrsg.), Alter Gott für neue Kinder? Das traditionelle Gottesbild und die nachwachsende Generation. Paulusverlag Freiburg Schweiz 1994 (ISBN 3-7228-0335-7), S. 79-100.
  • Helmut Hanisch, Die zeichnerische Entwicklung des Gottesbildes bei Kindern und Jugendlichen. Eine empirische Vergleichsuntersuchung mit religiös und nicht-religiös Erzogenen im Alter von 7-16 Jahren. Calwer Verlag Stuttgart / Evangelische Verlagsanstalt Leipzig 1996 (ISBN 3-7668-3464-9 / 3-374-01587-5).
  • Friedrich Schweitzer, Lebensgeschichte und Religion. Religiöse Entwicklung und Erziehung im Kindes- und Jugendalter. Chr. Kaiser / Gütersloher Verlagshaus Gütersloh 1987, 3., durchgesehene Aufl. 1994 (ISBN 3-459-02260-1).

Zur Entwicklung des Glaubens:
  • J.W. Fowler, Stufen des Glaubens. Die Psychologie der menschlichen Entwicklung und die Suche nach Sinn. Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn 1991.
  • R. Goldman, Religious Thinking from Childhood to Adolescence. London 1964.
  • F. Oser / P. Gmünder, Der Mensch – Stufen seiner religiösen Entwicklung. Ein strukturgenetischer Ansatz. Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn 3. Aufl. 1992.


(c) Volkmar Hamp
Aus: Jungscharhelfer-Jahrbuch Band 1 (2010). Oncken-Verlag: Kassel 2009, Seite 118-121.