Tierisch gute Musik
Tiergeschichten musikalisch gestalten


Kurzbeschreibung
Eine Tiergeschichte wird mit Hilfe unterschiedlicher Instrumente in der Gruppe musikalisch gestaltet.

Gruppengröße / Bedarf an Mitarbeitenden
6-12 / 1-2

Zeitrahmen
Ca. 45-60 Minuten (je nach Länge der Geschichte).

Material
Tiergeschichte, für jedes Kind ein Instrument

Vorbereitungsaufwand
Geschichte heraussuchen, Instrumente bereitlegen.


Vorbemerkungen

Vielleicht kennt ihr einige „musikalische Tiergeschichten“ aus dem Bereich der klassischen Musik? „Peter und der Wolf“ von Sergej Prokoffief, „Der Karneval der Tiere“ von Camille Saint-Saëns oder auch den „Hummelflug“ von Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow aus dessen Oper „Das Märchen vom Zaren Saltan“.
Für die Jungschar sind diese Werke vielleicht etwas anspruchsvoll, obwohl man durchaus überlegen kann, ob sie sich nicht in der Gruppe kreativ gestalten lassen: Zu „Peter und der Wolf“ könnte man ein (pantomimisches) Theaterstück erarbeiten (mit einer der vielen Aufnahmen, die auf CD erhältlich sind). Aus dem „Karneval der Tiere“ könnte man ein Tanzprojekt machen (wie in dem Film „Rhythm Is It“). Und zu dem kurzen „Hummelflug“ ließe sich vielleicht ein kleiner Trickfilm gestalten.
Weniger aufwendig und leichter umzusetzen ist die musikalische Gestaltung einer Tiergeschichte mit Orff’schen und anderen Instrumenten.


So geht’s

Dazu braucht man zunächst einmal eine geeignete Geschichte. Darin sollten möglichst viele verschiedene Tiere vorkommen, die sich mit unterschiedlichen Klangfarben charakterisieren lassen.
Dann braucht man natürlich Instrumente: für jedes Kind eins. Bastelfreudige Gruppen können einen Teil der Instrumente vorher selber bauen. Vielleicht spielen die Kinder auch Instrumente, die sie mitbringen können. Ansonsten kann man immer wieder gut auf das Orff’sche Instrumentarium zurückgreifen.
Nun wird die Geschichte einmal vorgelesen.
Anschließend überlegen wir gemeinsam mit den Kindern, welches Instrument für welches in der Geschichte vorkommende Tier stehen könnte, zum Beispiel:
• dunkle Trommeltöne für die behäbigen Elefanten,
• die Triangel für einen Schmetterling,
• das Xylophon für das Trippeln von Ameisen,
• Schlaghölzer für einen Specht,
• Flötentöne für die Nachtigall ...
Ihr findet sicher für jedes Tier ein passendes Instrument.
Darüber hinaus können auch andere Elemente aus der Geschichte mit Instrumenten dargestellt werden, zum Beispiel das Brausen des Windes oder die Meeresbrandung.
Jedes Kind sucht sich ein Instrument (und damit ein Tier) aus, das es spielen will. Gemeinsam überlegen wir für jedes Tier, wie es musikalisch gestaltet werden soll. Dann wird ein bisschen geübt.
Wenn alle eine Idee davon haben, wie sie ihr Instrument zur Charakterisierung des jeweiligen Tiers handhaben wollen, lesen wir die Geschichte ein weiteres Mal, und die Kinder gestalten jeweils die Passagen mit, in denen ihr Tier (und damit ihr Instrument) vorkommt.
Dafür müssen wir uns konzentrieren und aufeinander achten – zwei Dinge, die ganz nebenbei zu üben keinem schaden wird!
Geeignete Geschichten finden sich in entsprechenden Büchern (siehe oben Seite 19). Eine sei an dieser Stelle abgedruckt:


Der Oberaffe (Manfred Kyber)
Aus: Manfred Kyber, Märchen und Tiergeschichten.

Es spielen mit:
der Elefant Nalagiri Lappenhaut
der Oberaffe Krakelius Kreckeckeck
einige Affenmütter
einige Affenkinder
einige jugendliche Affen und Äffinnen
die Tigerin Miesimissa Pfotenpuff
ihre Kinder, die kleinen Pfotenpuffs
ihr Mann, Herr Pfotenpuff

außerdem vielleicht:
der blaue Morgenhimmel
die Sonne
der Dschungel

Indiens Morgenhimmel blaute über Indiens Gefilden und tauchte alle Wunder des Daseins in das Licht des jungen Tages unter Brahmas Sonnensegen.
„Sehr weise und sehr lichtvoll ist diese Welt“, sagte der Elefant Nalagiri Lappenhaut, erhob sich vom Schlaf und stellte sich auf seine Säulenbeine, um nachzudenken, das breite Haupt nach Osten gewendet, denn er war voller Erfahrung, und seine Seele war stille und klar wie Indiens Morgenhimmel.
Um ihn herum aber war es nicht stille. Im Geäst der Bäume regte sich vielfältig ein Gewimmel von Köpfen, Beinen, Händen und Schwänzen. Eine Affenversammlung wählte ihren Oberaffen. Wo sich Affen versammeln, wählen sie immer einen Oberaffen, sonst gäbe es kein richtiges Affentheater, und das wollen die Affen überall haben, in Indien und in der ganzen Welt, wo es nur immer richtige Affen gibt – und es gibt sehr viele.
Zum Oberaffen wird immer der Affe gewählt, der das größte Maul und das stärkste Gebiss hat, und eine solche Wahl ist, wie alle Wahlen in der ganzen Welt, wo Affen wohnen, ein Ereignis mit sehr lebhaften Begleiterscheinungen. Zuerst erhebt sich ein entsetzliches Geschnatter, so dass keiner mehr verstehen kann, was der andere sagt, denn das ist bei der Wahl auch gar nicht nötig. Dann fangen sie an sich zu beißen, zu prügeln und zu Knäueln zu ballen, bis sich Knäuel um Knäuel löst und aus dem letzten Knäuel, der sich aus allen Knäueln herausgebissen hat, der also gewählte Oberaffe aufsteigt.
So war es auch dieses Mal, und der Oberaffe des jungen Tages hieß Krakelius Kreckeckeck. Er setzte sich auf die allerhöchste Baumspitze und fletschte die Zähne, wobei er vielfache Falten auf der Nase bekam, was einen überaus unverbindlichen Eindruck machte. Dafür war er der Oberaffe.
„Sehr geräuschvoll sind viele Geschöpfe dieser Erde“, sagte der Elefant Nalagiri Lappenhaut, schloss peinvoll und ergeben die großen Ohren und wechselte die Stellung seiner Säulenbeine, um nachzudenken, das breite Haupt nach Osten gewendet.
„Ich übernehme jetzt die Regierung“, sagte Krakelius Kreckeckeck und fletschte nochmals die Zähne. „Eine Regierung besteht darin, dass sie anderen Beschränkungen auferlegt, vor allem also ...“
„Wir wollen keine Beschränkungen, wir wollen Freiheit!“, brüllten die Affen.
„Maul halten!“, sagte Krakelius Kreckeckeck, „es gibt keine Freiheit für Affen und auch nicht für eine richtige Affenregierung. Es muss alles beschränkt sein. Ihr müsst beschränkt werden, und ich bin schon beschränkt, weil ich amtlich beschränkt bin. Dafür bin ich der Oberaffe!“
Großes Geschnatter.
„Vor allem brauchen die kleinen Affen nicht immer in den Mutterarmen herumzuliegen und verhätschelt zu werden. Das verzärtelt das kommende Geschlecht; wir aber brauchen standhafte und mutige Affen, wie ich einer bin.“
„Was weißt du denn von Kindererziehung?“, grinsten die Affenmütter. „Wir lassen uns unsere süßen Kleinen nicht nehmen.“
„Ich weiß sehr viel von Kindererziehung, weil ich eine Regierung bin“, sagte Krakelius Kreckeckeck, „ich weiß von allem etwas, denn ich weiß es amtlich. Dafür bin ich der Oberaffe!“
„Du weißt von allem etwas und weißt gar nichts“, sagte eine junge Affenmutter und zeigte die Zähne.
„Ferner“, sagte Krakelius Kreckeckeck, „sollen sich die jungen Leute nicht soviel untereinander kratzen. Das schickt sich nicht. Sie sollen lieber Beinübungen machen; das schafft die Jugend, die wir brauchen. Unsere Zukunft liegt in den Beinen.“
Großes Geschnatter.
„Wir kratzen uns, wenn es uns juckt“, schrien die jungen Mädchen und jungen Männer, „du kratzt dich ja auch.“
„Das ist etwas anderes“, sagte Krakelius Kreckekeck, „wenn es mich juckt, so juckt es mich amtlich, und wenn ich mich kratze, so kratze ich mich amtlich. Dafür bin ich der Oberaffe!“
Dabei juckte es ihn, und er kratzte sich amtlich.
„Ferner sollen alle Affen nicht herumlungern, sondern fleißig Früchte sammeln. Das sind unsere Vorräte für die Zeiten der Not, und das ist eine Maßnahme der Regierung.“
„Wir wollen fressen und nicht sammeln“, schrien die Affen.
„Das könnte euch so passen“, sagte Krakelius Kreckekeck, „nur immer so von der Pfote in die Schnauze leben; aber das kann eine Regierung nicht dulden. Ihr sollt sammeln, und was ihr sammelt, sollt ihr mir bringen. Eine richtige Affenregierung steckt alle Früchte ein, die andere sammeln.“
„Um sie selbst zu fressen!“, brüllten die Affen.
„Jawohl“, schrie Krakelius Kreckeckeck, „und wenn ich alles selber fresse, so fresse ich es amtlich. Dafür bin ich der Oberaffe!“
Großes zunehmendes Geschnatter sämtlicher Affen und Affinnen. Es war kein Wort mehr zu verstehen.
Plötzlich verstummte das Geschnatter.
Aus dem Dickicht heraus trat im elegant gestreiften Fellkleid und mit sehr erbostem Gesichtsausdruck die Tigerin, Frau Miesimissa Pfotenpuff. Alles verkroch sich eiligst höher auf die Bäume; denn ein Tiger hat für Leute, die keine Tiger sind, sehr leicht etwas Unbehagliches.
„Was ist das für ein scheußlicher Lärm?“, fauchte Frau Miesimissa Pfotenpuff. „Meine süßen Kinder, die kleinen Pfotenpuffs, können nicht schlafen von eurem dummen Geschnatter.“
„Wir müssen soviel schnattern, weil wir eine Regierung und einen Oberaffen haben“, sagte ein kleiner Affe, ein noch ganz unschuldiges Geschöpf.
„Wo ist euer Oberaffe?“, fragte Frau Pfotenpuff und schlug mit der Tatze bedenklich auf einen Baumstamm.
„Der Oberaffe, der Oberaffe“, schrien die Affen ängstlich und liefen und suchten durcheinander, „der Oberaffe soll uns verteidigen, er soll mit Frau Pfotenpuff reden. Wo ist der Oberaffe?“
Aber der Oberaffe war nicht mehr da.
Endlich entdeckte man in einem Baumloch ein Hinterbein, das einsam und angstvoll herausragte. An diesem amtlichen Hinterbein zog man Krakelius Kreckekeck aus dem Loch hervor und stellt ihn auf seine schlotternden Glieder. Er strebte wieder ins Loch zurück und ruderte heftig mit Armen und Beinen; aber die anderen Affen hielten ihn fest.
„Bist du der Oberaffe?“, fragte Frau Miesimissa Pfotenpuff und leckte sich in einer sehr unangenehmen Weise die Schnauze.
Krakelius Kreckekeck reckte eine Hand und ein Bein in die Höhe, eine Schwurhand und ein Schwurbein.
„Nie bin ich Oberaffe gewesen“, beteuerte er, „niemals. Wie sollte ich Oberaffe werden? Ich bin viel zu schwach und kränklich. Mein Fleisch ist auch nicht gesund, und ich bin ganz mager. Ja, nicht einmal mein Fell ist etwas wert, die Motten sind hineingekommen. Nein, um micht lohnt es sich wirklich nicht, dass Sie sich bemühen. Sie sahen ja, wie man mich aus dem Baumloch herausgezogen hat, ich war vor Schwäche hineingefallen, vor lauter Schwäche.“
„Hast du nicht eben über Kindererziehung geredet? Hast du nicht eben gesagt, dass du standhaft und mutig bist?“, fragte Miesimissa Pfotenpuff.
„Wie sollte ich? Ich verstehe ja nichts von Kindererziehung. Nie hab‘ ich etwas davon verstanden“, sagte Krakelius Kreckekeck und schlotterte an Armen und Beinen. „Und ich und mutig? Ach, du lieber Gott, du lieber Gott ...“ Krakelius Kreckekeck jammerte beweglich.
„Hast du nicht eben vom Jucken und Kratzen der Jugend gesprochen?“, fragte Miesimissa Pfotenpuff und knurrte beängstigend.
Krakelius Kreckekeck setzte fieberhaft seine Schwurhand und sein Schwurbein in Bewegung.
„Niemals, niemals“, beteuerte er, „ich bin froh, wenn es mich selber nicht juckt.“
„Du wolltest aber doch Früchte einheimsen, die andere gesammelt haben“, meinte Miesimissa Pfotenpuff, „also bist du doch ein Oberaffe.“
Die Schwurhand und das Schwurbein bekamen geradezu Zuckungen.
„Beim Tempel von Benares, beim Fell meiner Väter, ich schwöre es mit Armen und Beinen, niemals habe ich solche Dinge gesagt. Wie käme ich dazu? Ach, ich armes, schwaches Geschöpf. Glauben Sie doch das nicht von mir, meine liebe Frau Pfotenpuff!“
„Ich bin nicht deine liebe Frau Pfotenpuff, du dummer Affe“, sagte Miesimissa, „ich werde dir die Flöhe aus dem Fell klopfen.“
Frau Miesimissa Pfotenpuff war eine Dame. Es ist peinlich, es zu sagen, aber sie gebrauchte diesen Ausdruck.
Aus der Tiefe des Dschungels klang leise klagend ein miauendes Weinen, mehrstimmig.
„O Himmel“, sagte Miesimissa Pfotenpuff, „meine süßen Kinder, die kleinen Pfotenpuffs, die ihr gestört habt, weinen nach mir. Sie sind hungrig. Ich muss nach Hause. Aber ich schicke euch meinen Mann, wenn er von der Jagd zurückkommt. Er soll die ganze Angelegenheit untersuchen. Er wird euch was, ihr Affenbande!“
Miesimissa Pfotenpuff verschwand im Dickicht, und bald darauf lagen die kleinen Pfotenpuffs in den mütterlichen Tatzen, tranken mit selig zugekniffenen Augen und schnurrten laut und wonnevoll.
Die Affen beschlossen in sehr begreiflicher Weise, die Ankunft des angekündigten Herrn Pfotenpuffs lieber nicht abzuwarten.
Kaum war Frau Miesimissa Pfotenpuff verschwunden, als eine regellose Flucht einsetzte, ein wirres Gewimmel von Köpfen, Armen, Beinen und Schwänzen – als erster und allen weit voran floh Krakelius Kreckeckeck, denn er floh amtlich. Dafür war er der Oberaffe.
Im Geäst der Bäume wurde es stille. Indiens Morgenhimmel blaute über Indiens Gefilden und tauchte alle Wunder des Daseins in das Licht des jungen Tages unter Brahmas Sonnensegen.
„Sehr weise und sehr lichtvoll ist diese Welt“, sagte der Elefant Nalagiri Lappenhaut und wechselte die Stellung seiner Säulenbeine um nachzudenken, das breite Haupt nach Osten gewendet, „aber sehr unweise und sehr geräuschvoll sind viele Geschöpfe. Sehr unweise und sehr geräuschvoll ist insbesondere das Affentheater auf dieser Erde, und am unweisesten und am geräuschvollsten sind die Oberaffen.“


(c) Volkmar Hamp
Aus: Jungscharhelfer-Jahrbuch Band 1 (2010). Oncken-Verlag: Kassel 2009, Seite 54-57.