Kinder und Tiere
Ein Grundsatzartikel


Kurzbeschreibung
Vor 10 Jahren haben wir (im „Jungscharhelfer“ 1/2000, Seite 24-28) unter dem Titel „Mein bester Freund ist mein Hund!“ einen ausführlichen Artikel zum Thema „Brauchen Kinder Tiere?“ abgedruckt. Das Folgende ist eine aktualisierte und ergänzte Überarbeitung dieses Artikels.

Gruppengröße / Bedarf an Mitarbeitenden
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Zeitrahmen
15 Minuten Lesezeit.

Material
Literaturverzeichnis.

Vorbereitungsaufwand
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Woran denkt ihr, wenn ihr an das Thema „Kinder und Tiere“ denkt?

An Mädchen mit Pferdetick? Oder an Jungs, die einen Frosch aufblasen, bis er platzt? An Kinder, die um ein Haustier trauern, mit einer Katze kuscheln oder mit einem Hund herumtollen? An einen Besuch im Streichelzoo oder in einem Tierheim?
„Kinder und Tiere“ – das ist ein vielschichtiges Thema! Welche Rolle können Tiere – und dabei denke ich vor allem an Haus- oder Heimtiere, nicht an Wild- und Nutztiere – für Kinder (oder auch für Erwachsene) spielen? Tiere sind:
  • Weggefährten und Tröster: Allein ihre Anwesenheit hilft manchem in seiner Einsamkeit.
  • Dolmetscher: Sie helfen uns, den Eigenwert der nichtmenschlichen Natur zu verstehen.
  • Eisbrecher: Sie erleichtern die Kontaktaufnahme untereinander (z.B. beim gemeinsamen „Gassi gehen“).
  • Entwicklungshelfer: Erwiesenermaßen fördern sie Kinder in ihrer emotionalen und sozialen Entwicklung.
  • Therapeuten: Für Kinder mit Behinderungen gibt es Therapeutisches Reiten, autistische Kinder schwimmen mit Delphinen, und inzwischen setzt auch manches Altersheim auf Tiere als „Hilfstherapeuten“.
  • Lehrer: Sie lehren uns den Respekt für die Natur und die Ehrfurcht vor dem Leben (Albert Schweitzer) – und sie zeigen uns, was wirklich wichtig ist im Leben: ein halbwegs voller Futternapf, ein trockener Platz zum Leben (außer bei Fischen!) und ein Gegenüber, das dafür sorgt, dass dies alles auch so erhalten bleibt, das einem Liebe und Schutz gibt.


Kinder und Tiere

Kinder wachsen heute meist in einer Umgebung auf, die geprägt ist durch Schnelllebigkeit, Leistungsdruck und wenig Zeit füreinander. In städtischer Umgebung gibt es darüber hinaus kaum Gelegenheit für Natur- und Umwelterfahrungen. Dafür muss man dann schon in den Zoo oder Tierpark fahren! Hinzu kommt, dass das Aufwachsen in Klein(st)familien ohne viele Geschwister das soziale Lernen erschwert.
So füllt der Wunsch nach einem (Haus-)Tier bei vielen Kindern eine Lücke: Sie erleben an einem Tier Eigenschaften, die sie sich im Grunde von ihren Eltern oder anderen Erwachsenen wünschen.
Der Wunsch eines Kindes nach einem Tier ist darum manchmal auch als Hilferuf oder Ausdruck eines Defizits zu verstehen.
Doch natürlich ist das nicht alles! Darüber hinaus fördern Tiere – bei entsprechender Begleitung und Unterstützung durch Erwachsene – Kinder in ihrer Entwicklung: Sie sind Spielkameraden, vermitteln Zuneigung, Sympathie, Liebe, Schutz und Geborgenheit. Sie regen Kinder zu kindgemäßen Aktivitäten an, helfen gegen Langeweile und wirken passivem Fernsehkonsum entgegen. Sie regen die Phantasie der Kinder an und helfen ihnen, ihre Umwelt zu erobern. Kinder erfahren, dass sie selbst die Ursache für Erfolg und manchmal auch für Misserfolg im Umgang mit den Tieren sind und entwickeln so ein Gefühl für Selbstverantwortlichkeit. Und sie übernehmen Verantwortung für ein anderes lebendes Wesen. In der Konfrontation mit den Eigenarten und der Eigenwilligkeit eines Tieres lernen Kinder so, sich selber besser zu verstehen. Darüber hinaus fördern Tiere die soziale Entwicklung von Kindern, zum Beispiel in Sachen Empathie (Einfühlungsvermögen) und nonverbaler (nichtsprachlicher) Kommunikation.
Aber Tiere bedeuten im Leben der Kinder nicht nur Freude, sondern auch Leid. Oft findet die erste Konfrontation mit dem Tod über ein totes Wildtier oder ein gestorbenes Haustier statt. Und wenn Kinder realisieren, unter welchen Bedingungen unsere Nutztiere manchmal leben und was mit ihnen geschieht, dann äußert sich ihr Protest dagegen hin und wieder in dem Wunsch nach vegetarischer Ernährung und nach der Befreiung der Tiere aus der menschlichen Sklaverei. All dies sind Anknüpfungspunkte für das gemeinsame Nachdenken über den Wert des Lebens.


Mädchen und Pferde

Der allgemeine Wunsch nach einem Haustier verwandelt sich bei Mädchen in der (Vor-)Pubertät oft in den speziellen Wunsch, ein eigenes Pferd zu besitzen. Psychologen (wie Sigmund Freud und Bruno Bettelheim) deuten diesen Wunsch als „erotische Projektion“. Das ist sicher zu pauschal. Dennoch fällt auf, dass ein Großteil der Mädchenliteratur Pferdeliteratur und Pferdeliteratur meist Mädchenliteratur ist. Und in Reitställen finden sich überwiegend junge Mädchen und Frauen. Erst im Erwachsenenalter ist die Geschlechterverteilung dort wieder annähernd gleich.
Offensichtlich hilft der Umgang mit Pferden Mädchen in ihren „pubertätsspezifischen Problemen“: im Umgang mit Unsicherheit, Selbstzweifel und Minderwertigkeitsgefühlen. Auch die „Macht“, ein relativ großes Tier zu lenken, spielt hier sicher eine Rolle. Und die Möglichkeit, dies „außer Haus“ zu tun, also sich auch dadurch mehr und mehr von zuhause zu lösen. Außerdem bietet der Umgang mit Pferden Mädchen die Möglichkeit, neben eher „weiblichen“ Aspekten – wie Pflegen, Versorgen und Streicheln – auch eher „männliche“ Aspekte des Menschseins zu leben – wie Wettbewerb, Abenteuer und Unabhängigkeit.


Kindliche Tierquälerei

Wenn Kinder Tiere grundsätzlich ablehnen, so haben sie dies meist von Erwachsenen gelernt. Ausgesprochene Tierquälerei hingegen findet in der Regel nicht aus Unkenntnis oder wissenschaftlicher Neugier statt! Kinder wissen ab einem bestimmten Alter schon sehr gut, was Schmerzen verursacht, und sie schreiben dieses Schmerzempfinden auch den Tieren zu.
So steckt hinter kindlicher Tierquälerei schon eine gewisse Aggressivität. Doch oft sind die Tiere auch hier nur ein Ersatzobjekt für kindliche Aggression, die eigentlich Erwachsenen oder der Erwachsenenwelt gilt.
Empirische Studien haben gezeigt, dass es eine Beziehung gibt zwischen zerrütteten Familiensituationen und Akten der Tierquälerei durch Kinder. Oft spielt hier die gestörte oder fehlende Vaterbeziehung eine Rolle. Bemerkenswert ist auch, dass 80-90 % aller Tierquälereien von Jungen und Männern begangen werden!
Darum ist auch heute noch aktuell und notwendig, was der englische Philosoph John Locke (1632-1704) schon 1693 forderte: „Kinder müssen ... von Anfang an so erzogen werden, dass sie eine Abscheu bekommen, irgendein lebendiges Geschöpf zu martern oder zu töten; sie müssen gelehrt werden, kein Wesen zu verderben oder zu zerstören.“


Kinder, Tiere und Naturschutz

Die Beziehung zwischen Kindern und Tieren ist – wie gesagt – sehr vielschichtig. Neben Haus- und Heimtieren spielt auch die Begegnung mit Wildtieren (in der freien Natur, im Zoo oder auch durch Bücher und Filme) eine wichtige Rolle. Kinder sehen Tiere. Sie beobachten, nehmen auf und nehmen teil. Sie fragen, lernen und staunen.
Jedes Tier, dessen Weg sich mit dem eines Kindes kreuzt, hinterlässt eine Spur, einen Gedanken, ein Gefühl bei diesem Kind. Darum brauchen Kinder nicht nur Heimtiere, sondern Tiere im Allgemeinen, Tiere in ihrer natürlichen Lebenswelt. Tragen wir mit unserem Verhalten dazu bei, diese Welt zu erhalten und den Kindern nahe zu bringen!?


Welches Tier für welches Kind?

Hier Ratschläge bezüglich der Anschaffung eines Haustieres zu geben, würde zu weit führen. Wer die Frage „Welches Haustier für mein Kind?“ oder „Kinder und Haustiere“ in eine Suchmaschine eingibt, wird schnell Antworten finden. Auch Zeitschriften wie „Family“ oder „Eltern“ helfen hier weiter und natürlich entsprechende Ratgeber zum Thema (z.B. Bergler, Warum Kinder Tiere brauchen).
Für die Jungschararbeit wird das Thema spannend, wenn man gemeinsam überlegt, „Jungschartiere“ anzuschaffen: Schafe für die Gemeindewiese vielleicht? Stallhasen? Ein Aquarium oder Terrarium?
Gelingt es, die Versorgung und Pflege der Tiere miteinander in der Gruppe zu organisieren? Das wäre mal eine echte Herausforderung!


Ideen für Jungschargruppen

  • Besuch eines Tierheims und Kontaktaufnahme mit der dortigen Kinder- oder Jugendgruppe. Vielleicht entsteht daraus ein regelmäßiger Kontakt?
  • Internet-Recherche zum Thema Tiere/Tierschutz. Vielleicht ergibt sich daraus ein konkretes Projekt?
  • Ein Biotop im Gemeindegarten anlegen oder die Patenschaft für ein Biotop in der Nähe der Stadt übernehmen.
  • Anhand von Fotos oder selbst gemalten Bildern die eigenen Haus- bzw. Lieblingstiere vorstellen (eventuell sogar mitbringen!?) und einander erzählen, was man an ihnen mag, was man mit ihnen erlebt hat und was sie einem bedeuten.
  • Gemeinsam biblische Tiergeschichten entdecken (s.u. Andachten & Stundenentwürfe!).
  • Lieder zum Thema (z.B. von Reinhard Mey) kreativ ausgestalten (z.B. Bilder dazu malen und eine Ausstellung gestalten oder Musikvideos dazu drehen).


Literatur

  • Reinhold Bergler, Warum Kinder Tiere brauchen. Informationen, Ratschläge, Tipps. Herder Verlag Freiburg im Breisgau 1994.
  • Ulrich Gebhard, Kind und Natur. Die Bedeutung der Natur für die psychische Entwicklung. Westdeutscher Verlag Opladen1994.
  • Rüdiger Herrscher / Bernhard Gräßle, Welches Tier für mein Kind? Franck-Kosmos Stuttgart 1994.
  • Kinder & Tiere. Der Ratgeber für alle Familien, die Tiere lieben. Broschüre der Zeitschrift „Eltern“.
  • Reinhard Mey, Frei! Capitol Music 2005. (CD mit 14 Liedern zum Thema Tiere und Tierschutz).
  • Peter Schössow, Gehört das so??! Die Geschichte von Elvis. Carl Hanser Verlag München / Wien, 2005 (Wunderbares Bilderbuch über den Tod eines Kanarienvogels).

(c) Volkmar Hamp
Aus: Jungscharhelfer-Jahrbuch Band 1 (2010). Oncken-Verlag: Kassel 2009, Seite 10-12.