Arme Kinder = ausgeschlossene Kinder!?
Kinderarmut und die Folgen (auch in Sachen „Bildung“)


Armut als Ausschluss von gerechter Teilhabe

Armut hat viele Gesichter. Kinderarmut auch. Die Vereinten Nationen definieren darum den Begriff „Armut“ auf zweierlei Weise. Sie unterscheiden zwischen „absoluter“ und „relativer“ Armut.
Als „absolut arm“ gilt, wer weniger als einen Dollar pro Tag zur Verfügung hat. In diesem Sinne arm sind hier bei uns nur wenige Menschen. In Afrika hingegen ist es die Mehrheit der Bevölkerung.
Als „relativ arm“ gilt, wer weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens in seinem Land zur Verfügung hat. In diesem Sinne arm sind auch hier bei uns viele Menschen. Und überproportional viele Kinder!
Die Evangelische Kirche in Deutschland bringt noch einen anderen Armutsbegriff ins Spiel. Sie definiert Armut als „Ausschluss von gerechter Teilhabe“ (vgl.: Gerechte Teilhabe. Befähigung zu Eigenverantwortung und Solidarität. Eine Denkschrift des Rates der EKD zur Armut in Deutschland. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2006). Sie verbindet damit das Thema Armut mit dem der (sozialen) Gerechtigkeit im biblisch-theologischen Sinne, wonach Gerechtigkeit nicht bedeutet, dass alle dasselbe haben, sondern dass jeder das bekommt, was er braucht.
Von dieser „gerechten Teilhabe“ sind viele Kinder – in der weiten Welt und hier bei uns – nach wie vor ausgeschlossen. Und das gilt nicht nur im Blick auf ihre körperlichen Grundbedürfnisse, sondern auch im Blick auf ihr Recht auf Bildung!


Kinderarmut und AIDS in Südafrika – Bildung rettet Leben

Eine Baptistenkirche irgendwo in einem ehemaligen Township in Südafrika: Ein dunkler, stickiger Raum. Kahle Wände. Ein nackter Betonboden. Sonntags wird hier Gottesdienst gefeiert. Wochentags dient derselbe Raum als Kindertagesstätte.
Auf viel zu großen Stühlen sitzen 30, für europäische Verhältnisse reichlich „verwahrlost“ wirkende Kinder im Stuhlkreis. Aber was heißt unter den Bedingungen hier schon „verwahrlost“?!?
Kindgerechte Möbel gibt es keine. Spielzeug auch nicht. Kein Papier, keine Buntstifte, kein Bastelmaterial. Auf einer Decke liegen zwei von den Kleinsten und schlafen.
Viele der Kinder wirken krank: Ihre Augen tränen, manche leiden unter Hautausschlägen und schlecht verheilenden offenen Wunden. Viele sind HIV-positiv. Alle haben durch AIDS Eltern oder Geschwister verloren.
Die drei Erzieherinnen geben sich Mühe. Sie singen mit den Kindern Lieder, anhand derer diese ihre Körperteile benennen oder die Zahlen von 1 bis 10 kennen lernen sollen. Nur eine von ihnen ist entsprechend ausgebildet und bekommt für ihre Arbeit ein kleines Gehalt. Die beiden anderen helfen „ehrenamtlich“. Müde und resigniert wirken sie alle. Kein Wunder: Die Situation hier ist mehr als trostlos!
So sieht „elementare Bildung“ für arme Kinder in Südafrika aus. Bildung, die hoffentlich irgendwann aus der Armutsspirale herausführt.
Ich stehe dabei und denke über Kinderarmut hier und bei uns in Deutschland nach. Ich will das eine nicht gegen das andere ausspielen! Unser Engagement für gerechte Teilhabe ist hier wie dort gefragt!
Ein Zitat fällt mir ein: „Man kann nicht allen helfen, denkt der Ehrgeizige – und hilft keinem!“ (Marie von Ebner-Eschenbach). Ich wünsche mir in unseren Gemeinden Menschen mit „weiten Herzen“, die – jede/r so wie sie/er es kann! – Kindern eine Zukunft geben: hier bei uns und überall! Teilhabe an Bildung gehört dazu. Spielzeug und pädagogisches Arbeitsmaterial für Kindergärten in Südafrika zu sammeln (s.u.) ist ein kleiner Beitrag dazu.


Kinderarmut in Deutschland!?

Kinder – und unter diesen vor allem die jüngsten Altersgruppen (Kinder unter 10 Jahren) – zählen seit vielen Jahren zu den armutsgefährdetsten Bevölkerungsgruppen in Deutschland.
Gegenwärtig lebt jedes siebte Kind (ca. 2 Millionen) in einem Haushalt, der als „relativ arm“ (s.o.) einzustufen ist. Jedes 14. Kind (ca. 1 Million) ist auf Sozialhilfe angewiesen. In Großstädten, aber auch in ländlichen Gemeinden Nord- und Ostdeutschlands sind Sozialhilfequoten von 20-25 % die Regel. Jedes vierte bis fünfte Kind ist hier arm!
Deutschland befindet sich damit im oberen Mittelfeld jener europäischen Staaten, die den höchsten Anteil an Kinderarmut aufweisen. Eine UNICEF-Studie über „Kinderarmut in reichen Ländern“ stellt fest: Die Armut unter Kindern hat sich in Westdeutschland seit 1989 mehr als verdoppelt und ist auch in Ostdeutschland weiter angestiegen. Dabei steigt die Armutsrate unter Kindern schneller als die der restlichen Bevölkerung. Waren noch Anfang der 90er Jahre Kinder und Erwachsene im gleichen Ausmaß von relativer Armut betroffen, so sind Kinder jetzt deutlich häufiger arm als Erwachsene.

Die Ursachen sind bekannt:
  • Arbeitslosigkeit der Eltern.
  • Aufwachsen in Ein-Eltern-Familien: Kinder mit allein erziehenden Eltern (zumeist Mütter) sind überproportional stark von Armut betroffen. Fast 40 % von ihnen sind relativ arm. Kinder Alleinerziehender sind aber nicht nur häufiger arm, sie bleiben es auch über längere Zeiträume. Ihre Chance, der Armut wieder zu entkommen, liegt deutlich niedriger als bei anderen untersuchten Bevölkerungsgruppen.
  • Kinderreichtum: Mit dem 3. Kind steigt das familiäre Armutsrisiko rapide an!
  • Migrationshintergrund: Der stärkste Anstieg von Kinderarmut ist bei Kindern aus Zuwandererfamilien zu verzeichnen. Dabei gilt: Je kürzer die Ankunft der Familie in Deutschland zurückliegt, desto größer ist das Armutsrisiko für die Kinder.

Die Folgen auch:
  • mangelnde materielle Grundversorgung: Wohnung, Nahrung, Kleidung ...
  • fehlende Partizipationsmöglichkeiten in Sachen Bildung und Kultur – mit den entsprechenden Folgen für die kognitive Entwicklung, für sprachliche und kulturelle Kompetenzen, für Bildung und Ausbildung.
  • Probleme im sozialen Bereich: fehlende soziale Kontakte und Kompetenzen.
  • physische und psychische Mangelerscheinungen: schlechter allgemeiner Gesundheitszustand, gestörte körperliche und psychische Entwicklung, Verhaltensauffälligkeiten ...

Neue Studien zeigen darüber hinaus, dass die Armut mit wächst:
Kinder, die heute in Armut leben, bleiben arm und auch ihre Kinder werden arm sein. Aus dem Kreislauf der Armut ist nur schwer zu entkommen. „Wenn Armut sich in der Biografie der Kinder und in den Familien fortsetzt, dann sind die Entwicklungschancen dauerhaft und in erheblichem Maße eingeschränkt“ (Manfred Ragati, Bundesvorsitzender der Arbeiterwohlfahrt). So haben Kinder aus „fortgesetzt“ armen Familien nicht nur größere Schulprobleme, sie werden oft auch später eingeschult als andere Kinder.
Eine Studie über „Armut im frühen Grundschulalter“ stellt fest: „Aus den Einzelgängern, die arme Kinder häufig bereits im Kindergarten waren, sind in der Grundschule Außenseiter geworden – sie können mit Gleichaltrigen nicht ins Kino oder Schwimmbad gehen und werden seltener zu Hause besucht.“

Was können Gemeinden tun?
Im Rahmen eines „fachlichen Austauschs“ zum Thema Kinderarmut mit den Hauptamtlichen aller Gemeindejugendwerke haben wir vor einiger Zeit dazu ein paar Ideen gesammelt. Vielleicht regt diese Sammlung euch an darüber nachzudenken, was ihr in eurer Gemeinde tun könnt und wollt:
  • am Thema dran sein und bleiben: Themen wie Armut und soziale Gerechtigkeit – hier bei uns und in globaler Perspektive! – dürfen keine Randthemen der Gemeindearbeit sein. Sie gehören ins Zentrum unseres theologischen Nachdenkens, unserer praktischen Arbeit und unseres Gebets!
  • politisch aktiv werden: Soziale Organisationen und Verbände fordern unter anderem die Stärkung realistischer Familienmodelle, flexiblere Beschäftigungsangebote vor allem für Alleinerziehende, ausreichende Angebote der Kinderbetreuung zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die Entlastung von Familien mit Kindern bei der Sozialversicherung sowie eine Grundsicherung durch eine stärkere einkommensabhängige Kinder- und Familienförderung. Machen wir uns solche Forderungen zueigen und unterstützen sie?
  • Kooperationen suchen: mit Sozial- und Jugendämtern, Kindergärten, Schulen, Beratungsstellen und anderen Kirchen. Eine/r allein (auch eine Gemeinde allein!) kann oft nur wenig bewirken. Gemeinsam geht es besser, professioneller und nachhaltiger.
  • Räume zur Verfügung stellen: dem Thema Raum geben (Gemeindeseminare, Gottesdienste, Podiumsdiskussionen, Elternabende) – und den Kindern! Darum:
  • soziale Projekte starten und/oder unterstützen: Suppenküchen, Kleiderkammern, Spielzeugbörsen, Hilfen bei der Kinderbetreuung („Rent a Nanny“ / „Rent a Oma“), Low-Budget-Kinderfreizeiten, kostenfreie Kinderkulturprojekte, Winterspielplätze u.v.a.m.


(c) 2006 Volkmar Hamp,