Wie Kinder glauben
Gottesbilder – religiöse Entwicklung – „Weg-Begleitung“ im Glauben

„Das einzig konstante im Leben ist die Veränderung!“ – Dieser Satz gilt auch für das Leben im Glauben, für unsere Vorstellungen von Gott und für die religiöse Entwicklung, die wir im Laufe unseres Lebens durchmachen.
Kinder glauben anders als Erwachsene. Vorschulkinder haben andere Vorstellungen von Gott als Kinder im Jungscharalter oder Teenager. Wenn wir als Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in der Gemeinde Kinder auf ihrem Glaubensweg begleiten und ihnen gute Erfahrungen mit Gott ermöglichen wollen, dann ist es hilfreich, über diese Zusammenhänge Bescheid zu wissen.


1. Gottesvorstellungen von Kindern

Untersuchungen zur zeichnerischen Entwicklung des Gottesbildes bei Kindern (und Jugendlichen) (s.u.) haben gezeigt, dass ihre Gottesvorstellungen, ihre Gottesbeziehung und ihre sonstige Entwicklung sich wechselseitig beeinflussen.
Kinder bis zu einem Alter von 12/13 Jahren stellen sich Gott überwiegend als ein gütiges, freundliches Wesen vor, das ihnen wohlwollend gegenübersteht.
Ihre Gottesvorstellung ist fast ausschließlich anthropomorph. Das heißt: Sie stellen sich Gott „menschengestaltig“ vor: als den berühmten alten Mann mit weißem Bart, der im Himmel thront und von dort aus das Weltgeschehen lenkt; einige – vor allem Mädchen – auch als weibliches Wesen.
Die Gottesbilder von Kindern sind heute – im Gegensatz zu früher – überwiegend positiv gefärbt: Für die meisten Kinder ist Gott nicht mehr der grimmige „Weltraumpolizist“, nicht das unentrinnbare Auge, das selbst Zimmertüren und Bettdecken durchdringt, und auch nicht generell der Garant einer autoritativ-gesetzlichen Form der Frömmigkeit. Diese Form der „Gottesvergiftung“ (Tilman Moser), wie sie für frühere Zeiten typisch war, ist bei uns heute selten geworden – zum Glück!
Trotzdem ist die Gottesbeziehung von Kindern nach wie vor weit gehend moralisch bestimmt: Er bestraft die Bösen und belohnt die Guten. Kleine Kinder nehmen diese absolute Macht Gottes einfach als gegeben hin, so wie sie die Macht ihrer Eltern über ihr Leben hinnehmen. Größere Kinder – vor allem, wenn sie religiös erzogen werden – entwickeln eine Vorstellung von der „Beeinflussbarkeit Gottes“: Wohlverhalten ihm gegenüber wird Wohlergehen im eigenen Leben zur Folge haben. Auch hier prägen die Erfahrungen mit den Eltern und anderen Erwachsenen die Gottesbeziehung.


2. Gottesbild und Gottesbeziehung

In dem Maße wie Kinder zu abstrakterem Denken fähig werden (etwa ab 12/13 Jahren) und sich kritisch mit ihrem Elternbild auseinandersetzen, bricht der enge Zusammenhang zwischen ihrem Gottesbild und ihrer Gottesbeziehung auf:
Viele Heranwachsende machen die Erfahrung, dass ihre Vorstellung, Gott würde sich gleichsam „automatisch“ für das Gute in der Welt einsetzen, der Realität nicht standhält. Diese Entdeckung kann zu verschiedenen Konsequenzen führen.
Die einen verabschieden sich von Gott. Er wird ihnen gleichgültig und interessiert sie nicht mehr. Die Heranwachsenden entdecken, dass ihr Kinderglaube nicht mehr mit ihren Beobachtungen und Erfahrungen übereinstimmt, und sie verdrängen das ursprüngliche Gottesbild.
Andere stellen sich auf der Basis des kindlichen Gottesbildes die Frage, warum Gott nicht in das Geschehen auf der Welt eingreift. Sie erkennen, dass Gott offenbar nicht nach dem oben angedeuteten moralischen Schema handelt, und schließen daraus, dass seine Wirksamkeit beschränkt sein muss: Gott erscheint ihnen kraftlos und schwach. An die Stelle der ehemals ungebrochenen Gottesbeziehung tritt ein kritisches oder ablehnendes Verhältnis.
Der Widerspruch zwischen der kindlichen Gottesvorstellung auf der einen und der scheinbaren Abwesenheit Gottes auf der anderen Seite, kann aber auch dazu führen, dass der Heranwachsende sein Gottesbild zu ändern beginnt: Anthropomorphe Vorstellungen werden zugunsten symbolischer Bilder revidiert, die helfen, Gott – trotz vieler Fragen und Zweifel – mit den Geschehnissen in der Welt zusammen zu denken.


3. Weg-Begleitung im Glauben

Hier spielt die religiöse Erziehung eine entscheidende Rolle: Untersuchungen haben gezeigt, dass es religiös erzogenen Kindern leichter fällt, eine „erwachsene“ Gottesvorstellung zu entwickeln, als Kindern, die in einem nicht-religiösen oder gar anti-religiösen Kontext aufwachsen.
Aber auch hier gilt es zu differenzieren: Eine vereinnahmende kirchliche Orientierung wird die kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben und der eigenen Gottesvorstellung eher unterdrücken als befördern. Sie steht in der Gefahr, den Heranwachsenden dazu zu veranlassen, kritischen Fragen auszuweichen, weil er die sozialen Konflikte scheut, die damit verbunden scheinen.
Was Kinder brauchen, ist Weg-Begleitung im Glauben. Sie brauchen Menschen, die mit ihnen gemeinsam unterwegs sind zu einem „erwachsenen“ Glauben – im Idealfall zu einem Glauben, in dem das kindliche Gottesbild (im doppelten Sinne des Wortes!) „aufgehoben“ ist: reflektiert, durchdacht und sich der Unzulänglichkeit aller menschlichen Gottesvorstellungen bewusst – und zugleich kindlich vertrauend, dass der gute Gott es letztlich auch gut meint mit der Welt, den Menschen und meinem Leben (vgl. 1. Korinther 13,11-13)!


4. Literatur

  • Anton A. Bucher, Alter Gott zu neuen Kindern? Neuer Gott von alten Kindern? Was sich 343 Kinder unter Gott vorstellen. In: Vreni Merz (Hrsg.), Alter Gott für neue Kinder? Das traditionelle Gottesbild und die nachwachsende Generation. Paulusverlag Freiburg Schweiz 1994 (ISBN 3-7228-0335-7), S. 79-100.
  • Helmut Hanisch, Die zeichnerische Entwicklung des Gottesbildes bei Kindern und Jugendlichen. Eine empirische Vergleichsuntersuchung mit religiös und nicht-religiös Erzogenen im Alter von 7-16 Jahren. Calwer Verlag Stuttgart / Evangelische Verlagsanstalt Leipzig 1996 (ISBN 3-7668-3464-9 / 3-374-01587-5).
  • Friedrich Schweitzer, Lebensgeschichte und Religion. Religiöse Entwicklung und Erziehung im Kindes- und Jugendalter. Chr. Kaiser / Gütersloher Verlagshaus Gütersloh 1987, 3., durchgesehene Aufl. 1994 (ISBN 3-459-02260-1).

Weitere Literatur unter www.gjw.de.


(c) Volkmar Hamp