Auf dem Weg zu einer kinderfreundlichen Gesellschaft?


Wohl kaum! Das zeigen schon ein paar Schlaglichter auf einige ausgewählte Aspekte der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen heute:


Armut

Die neuesten Studien zum Thema „Kinderarmut in Deutschland“ zum Beispiel sprechen eine deutliche Sprache: Kinder – und unter diesen vor allem die jüngsten Altersgruppen (Kinder unter 10 Jahren) – zählen seit 20 Jahren zu den armutsgefährdetsten Bevölkerungsgruppen! Gegenwärtig lebt jedes siebte Kind (ca. 2 Mio.) in einem Haushalt, der als „relativ arm“ einzustufen ist (d.h. über weniger als die Hälfte des bundesdeutschen Durchschnittseinkommens verfügt). Jedes 14. Kind (ca. 1 Mio.) ist auf Sozialhilfe angewiesen. In Großstädten, aber auch in ländlichen Gemeinden Nord- und Ostdeutschlands sind Sozialhilfequoten von 20 bis 25 % die Regel. Jedes 4. bis 5. Kind ist hier arm. Deutschland befindet sich damit im oberen Mittelfeld jener europäischen Staaten, die den höchsten Anteil an Kinderarmut aufweisen.
Die Ursachen sind bekannt: Arbeitslosigkeit, Leben in Ein-Eltern-Familien, Kinderreichtum und Migrationshintergrund.
Die Folgen auch: mangelnde materielle Grundversorgung, fehlende Partizipationsmöglichkeiten in Sachen Kultur und Bildung, Probleme im sozialen Bereich, physische und psychische Mangelerscheinungen.
Und die Armut wächst mit: Kinder, die heute in Armut leben, bleiben arm und auch ihre Kinder werden arm sein. Aus dem Kreislauf der Armut ist nur schwer zu entkommen.


Familie

Familienkindheit gestaltet sich heute in aller Regel als Klein(st)familienkindheit. Für die Kinder heißt das, dass ihnen ganz elementare Erfahrungen fehlen, die man vor allem im Umgang mit älteren oder jüngeren Geschwistern macht. Die Folgen sind nicht nur in Kindergärten und Schulen, sondern auch in gemeindlichen Kindergruppen zu beobachten.
Die zunehmenden „Brüche“ in vielen Lebens- und Familiengeschichten bringen darüber hinaus vielfältige neue Familienkonstellationen hervor: „Patchworkfamilien“ mit den abenteuerlichsten Kombinationen von Kindern und Eltern aus unterschiedlichen Ursprungsfamilien. Außerdem nimmt die Bedeutung der Eltern für die Erziehung immer mehr ab, während die Bedeutung der Gleichaltrigen („peer-group“) wächst.


Schule

Untersuchungen darüber, „was Kinder von der Schule halten“, kommen zu dem Ergebnis, dass schon von der 5./6. Klasse an die Mehrzahl aller Schüler und Schülerinnen nicht mehr gern zur Schule geht! Vor allem an Noten, Zeugnissen und Leistungsdruck, an Disziplinarmaßnahmen und an den Hausaufgaben wird Kritik geübt.
Wenn sie mit zu bestimmen hätten, würden Schüler und Schülerinnen sich weniger Leistungsstress und mehr sportliche Aktivitäten wünschen, mehr Pausen, eine geringere Anzahl von Wochenstunden, mehr gemeinsame Aktivitäten auch außerhalb der Schule, bessere Sozialbeziehungen unter den Schülerinnen und Schülern, jüngere, besser qualifizierte Lehrerinnen und Lehrer und insgesamt mehr Freiheit und Selbstbestimmung in der Schule.


„Multikulti“-Gesellschaft

Kindheit ist – wie das Leben überhaupt – multikulturell und multireligiös geworden. Stärker noch als unsere „Väter“ können wir die „christliche Kultur“ nicht mehr wie selbstverständlich als weltanschaulichen Hintergrund der Kinder in unseren Gruppen voraussetzen.
Hinzu kommt, dass viele Eltern die „religiöse Erziehung“ ihrer Kinder heute ganz der Kirche / Gemeinde oder dem schulischen Religionsunterricht überlassen. Die Kinder bringen von zu Hause immer weniger religiöses und biblisches Basiswissen mit. Und das, was an „religiösen Vorerfahrungen“ da ist, sieht bei jedem Kind anders aus.


Was ist zu tun?

Wie gesagt: Das waren nur ein paar Schlaglichter! Vieles könnte und müsste ergänzt werden (vgl. „Hinsehen und Handeln“ 64-80). Und nun? Was ist zu tun?
Hinsehen und Handeln! Zunächst einmal kommt es darauf an, die Realität, in der Kinder heute leben, wahrzunehmen. Dabei gewinnt das Evangelium von ihrem bedingungslosen Angenommensein bei Gott und der unbedingten Zuwendung Jesu ihnen gegenüber an Bedeutung (Markus 10,14). Dann gilt es, der Lebensrealität der Kinder entsprechend zu handeln: sich um ihre Bedürfnisse zu kümmern, den privaten Alltag, das Gemeindeleben und das gesellschaftliche Umfeld so zu gestalten, dass die Liebe Gottes auch bei ihnen ankommen kann. Das Evangelium muss erfahren und erlebt werden! Und es muss den Kindern selber Handlungsperspektiven für die Gestaltung ihres Lebens und der Welt aufzeigen!
It’s up to you – Es kommt auf dich an! Hierbei vertrauen wir auf Gott und das Wirken seines Geistes. Und wir investieren in die Aus- und Fortbildung von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen – in eine menschenbezogene, christuszentrierte und handlungsorientierte Kinder- und Jugendarbeit. Last but not least trauen wir aber auch den Kindern selber eine Menge zu! Denn sie sind nicht nur die Zukunft der Gemeinde, sondern ein wichtiger Teil ihrer Gegenwart. Fangen wir an, mit ihnen zusammen unsere Gemeinden und unser Land kinderfreundlicher zu gestalten!


Weiterführende Literatur:


  • Volkmar Hamp, Hinsehen und Handeln. Perspektiven der Sonntagsschul- und Kindergottesdienstarbeit im 21. Jahrhundert. In: Kurt Jägemann, Hinsehen und Handeln. Gemeindejugendwerk Elstal 2000, 59-96. Zu beziehen über den Oncken-Verlag in Kassel.
  • Christoph Haus (Hrsg.), Up to you – auf dich kommt es an!


(c) Volkmar Hamp
Aus: Unterwegs Nr 7 (26. März 2006).