Wieso? Weshalb? Warum?
Keine Angst vor Kinderfragen


1. Zum Charakter von Kinderfragen

Kinder fragen, um sich selbst und die Welt, in der sie leben, zu verstehen. Sie haben das Recht zu fragen!
Ihre Fragen unterscheiden sich von Erwachsenenfragen!
Sie fragen öfter als Erwachsene, sie stellen andere Fragen und ihre Fragen haben eine andere Bedeutung als Erwachsenenfragen.

Es gibt keine wichtigen oder unwichtigen Kinderfragen!
Jede Frage, die von Kindern gestellt wird, hat ihren Grund und ist allein schon deshalb wichtig, weil sie gestellt wird.
Keine Kinderfrage ist dumm!
Wäre sie tatsächlich überflüssig, würde das Kind sie nicht stellen.

Auch „peinliche“ Kinderfragen dürfen und können nicht den Kindern angelastet werden.
Vielmehr müssen wir als Erwachsene klären, warum uns die Frage eines Kindes peinlich ist.
Kinderfragen erhalten ihre grundsätzliche Berechtigung aus der Tatsache, dass es zu jedem „Warum?“ auch ein „Darum!“, zu jedem „Weshalb?“ auch ein „Deshalb!“ gibt.

Kinder stellen Fragen, weil sie etwas nicht verstanden oder durchlebt haben. Ihre Fragen tragen dazu bei, neue Erfahrungen zu machen oder gemachte Erfahrungen zu verarbeiten.
Kinderfragen zeigen die ungebremste Neugierde der Kinder, ihr Erlebnisumfeld zu erfassen. Sie sind damit nicht nur Hilfen zur Verarbeitung von Unbekanntem, sondern auch Vorbereitung auf das weitere Leben.

Kinderfragen resultieren häufig aus dem Staunen über etwas, das die Kinder sich durch ihre Fragen in seiner ganzen Breite und Tiefe nutzbar machen wollen. Sie sind das Ergebnis von Betroffenheit.
Und Kinderfragen sind häufig „Sinnfragen“. Die Art der Frage gibt Auskunft darüber, wie dem Kind zumute ist und was seine Seele beschäftigt. Aufgabe der Erwachsenen ist, die Frage herauszufinden, die hinter der eigentlichen Frage steht.

Wir sollten Kinderfragen grundsätzlich sehr ernst nehmen, auch wenn sie sich sehr merkwürdig anhören. Es ist erstaunlich, was kleine Augen sehen und kleine Ohren hören! Kinder nehmen weitaus mehr wahr, als Erwachsene glauben wollen. Und ihre Fragen sind Ausdruck ihres Mutes, das in Erfahrung zu bringen, was ihnen wichtig ist. Nicht ohne Grund war es in dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern ein Kind, das die entscheidende Frage stellte und die „nackte Wahrheit“ sagte.


2. Vom Umgang mit Kinderfragen

Für Kinderfragen gibt es und kann es kein Rezeptbuch geben!
Wer Kindern antwortet, muss sich beständig die Frage stellen, welche Antwort er verantworten kann. Und wer mit Kindern zu tun hat, muss wissen, dass er beständig antwortet, auch wenn keine Frage an ihn gestellt wird.

Kinderfragen resultieren aus der Neugierde, mit der Kinder versuchen, sich die Dinge erklärbar zu machen. Unbeantwortete oder bewertete Fragen können diese Neugierde ersticken und lähmen damit die Kraft, die für das Wachsen der Intelligenz verantwortlich ist.

Darüber hinaus ergeben Kinderfragen sich aus der besonderen Art des Denkens von Kindern. Es ist Aufgabe der Erwachsenen, sich auf dieses oft „magische“, auf Sinnlichkeit und Ganzheitlichkeit angelegte Denken einzulassen und einzustellen. Antworten auf Kinderfragen dürfen nicht abstrakt, sie müssen konkret sein!

Nie sollte man ein fragendes Kind auf später vertrösten oder gar abweisen. Doch kein Erwachsener muss auf jede Frage eines Kindes sofort eine Antwort wissen. Im Gegenteil: „Fertige Antworten“ und die „Sprachfertigkeit“ von Erwachsenen können dazu beitragen, dass Kinder sich mit ihren Fragen unverstanden fühlen. „Kommunikative Fähigkeiten“ hingegen helfen, die Bedeutung der Fragen wirklich zu verstehen.

Kinderfragen halten das Denken in Bewegung. Das Nichtwahrnehmen von Kinderfragen oder die ständige Belieferung mit fertigen Antworten führt zum Stillstand des Denkens. „Belehrungen“ ziehen deutliche Denkgrenzen mit sich („Belehre mich nicht, lass mich lernen!“).

Die Antworten, die Erwachsene auf Kinderfragen geben, sind oft ein Spiegelbild der eigenen Gefühle und lassen eher Rückschlüsse zu auf das eigene Erziehungsverhalten zu als dass sie wirklich hilfreich wären.
Kinderfragen verlangen vor allem danach, dass Erwachsene Zeit für Kinder aufbringen. Schnelles Abspeisen mit fertigen Antworten hilft Kindern kaum oder gar nicht, sich auch mit den Antworten auseinanderzusetzen.

Fragen sind häufig der Anfang für sehr ernst zu nehmende Unterhaltungen. Wer Kinderfragen wertschätzt, nimmt Kinder auch als gleichwertige Gesprächspartner ernst!

Und auch wenn es stimmt, dass Kinder auf viele Fragen eine Antwort haben möchten, so stellt man doch häufig fest, dass sie für sich selbst schon Antworten gefunden und innerlich formuliert haben. Sie vergleichen dann ihre eigenen Antworten mit denen des Erwachsenen. Aufmerksame und freundliche Gegenfragen sind daher nicht selten die besten Antworten!
Kinderfragen enthalten in aller Regel Sach- und Beziehungsaspekte, sie haben Appell- und Selbstoffenbarungscharakter.
Viele Fragen scheinen nur auf das erste Hören nach einer mehr oder weniger einfachen Sachantwort zu verlangen. Bei einer Reihe von Kinderfragen geht es viel mehr um „indirekte“ Antworten, was Erwachsene nur dann begreifen können, wenn sie auf die Selbstoffenbarung in der Frage achten („Was das Kind eigentlich wissen will!“).


3. Gemeinsam nach Antworten suchen

Wenn ich die Frage eines Kindes nicht beantworten kann, dann kann ich das sagen! Auf keinen Fall sollte ich mir eine Antwort ausdenken, wenn ich keine wirkliche Antwort weiß. Ein Kind muss spüren: Ich werde nicht belogen!

Allerdings sollten Erwachsene dafür Sorge tragen, dass das Kind zu (s)einer Antwort findet! So können sie sich zusammen mit dem Kind auf die Suche nach einer Antwort machen. Manchmal ist das gemeinsame Fragen und Suchen viel wichtiger als die Antwort selbst!

Manche Fragen, die nicht beantwortet werden können, finden vielleicht durch Bilderbücher oder Kindertexte eine Antwort. Dort kann ein Kind verweilen. Auch das Internet kann weiterhelfen. Aber nicht jedes Medium eignet sich dazu, Antworten auf Kinderfragen zu finden. Denn Antworten wollen auch durchdacht und verarbeitet werden. Und dann gilt: Wenn Sie eine Antwort gefunden haben, seien Sie auf weitere Fragen vorbereitet!


4. Das Fragen der Kinder fördern

Die Fragen von Kindern sind Ausdruck ihrer Lust, mit den eigenen Gedanken und den Gedanken anderer zu spielen. Das „Frage-und-Antwort-Spiel“ ist darüber hinaus ein fester Bestandteil unserer Kommunikationskultur. Dies gilt auch und besonders für alle, die in der jüdisch-christlichen Tradition leben.

„Wenn dein Kind dich morgen fragt ...“ (5. Mose 6,20) war vor einiger Zeit das Motto des Deutschen Evangelischen Kirchentags! Kinderfragen zu beantworten – oder mit Kindern gemeinsam auf die Suche nach Antworten zu gehen –, bedeutet, diese Kommunikationskultur zu pflegen.

Kinderfragen können sich am besten dort entwickeln, wo Kinder ihre Welt als demokratisch, möglichst vorurteilsfrei und verständnisvoll erleben. Dabei ergeben sich Kinderfragen häufiger aus dem aktiven Tun als aus dem Reden. Darum sollten wir Kindern ermöglichen, möglichst viele Handlungserfahrungen zu machen.
Kinderfragen können sich dann am besten entwickeln, wenn Kinder nicht von einer Menge an Spielzeug, Medieneinflüssen oder Überbehütung erdrückt werden. Allerdings werden Kinder ihre Fragen nur stellen, wenn sie eine grundsätzliche Sicherheit spüren – bei Erwachsenen, die für sie da sind, wenn die Kinder sie brauchen. Fragen und Antworten sind Ausdruck von Beziehung!

Kinderfragen können sich auch aus Fehlern ergeben, die Kinder machen. Da Kindern der Erfahrungsschatz vieler Erwachsener fehlt, können und müssen Vorhaben und Experimente der Kinder auch dann zugelassen werden, wenn wir Erwachsenen im Voraus vom Scheitern bestimmter Tätigkeiten überzeugt sind. Das hat selbstverständlich dort seine Grenzen, wo das körperliche Wohl des Kindes in Gefahr gerät oder andere geschädigt werden!

Kinderfragen entstehen aus der Freiheit der Kinder, sich ihre eigenen Gedanken zu machen. Kinderfragen aufzugreifen und wertzuschätzen bedeutet, Kindern zu dieser Freiheit zu verhelfen.


Literatur:

  • Armin Krenz, Kinderfragen gehen tiefer. Hören und verstehen, was sich hinter Kinderfragen verbirgt. Verlag Herder: Freiburg / Basel / Wien 1995 (ISBN 3-451-04357-2).
  • Rainer Oberthür, Kinder und die großen Fragen. Ein Praxisbuch für den Religionsunterricht. Kösel-Verlag: München 1995 (ISBN 3-466-36439-6).
  • Rainer Oberthür, Kinder fragen nach Leid und Gott. Lernen mit der Bibel im Religionsunterricht. Kösel-Verlag: München 1998 (ISBN 3-466-36493-0).
  • Carola Schuster-Brink, Kinderfragen kennen kein Tabu. Ravensburger Buchverlag Otto Maier: Ravensburg 1991 (ISBN 3-473-42721-7).
  • David R. Veerman u.a., 101 Kinderfragen nach Gott. Hänssler Verlag: Neuhausen/Stuttgart 1996 (ISBN 3-7751-2446-2).
  • Eva Zoller, Die kleinen Philosophen. Vom Umgang mit „schwierigen“ Kinderfragen. Verlag Herder: Freiburg / Basel / Wien 1995 (ISBN 3-451-04344-0).

Weitere Literatur unter www.gjw.de.


(c) Volkmar Hamp