„Der Adventskranz“

Was ein Adventskranz ist, dazu brauche ich nicht viel zu sagen. Hier hängt einer. Und hier steht einer. Und wahrscheinlich habt ihr auch zuhause einen und heute Morgen schon die erste Kerze angezündet.
Aber wisst ihr auch, woher der Adventskranz kommt? Wer ihn erfunden hat und seit wann es ihn gibt? Nein? Macht nix! Dafür gibt es ja die Sendung mit der Maus – oder den Gottesdienst hier im Wedding, damit man so was lernt. Also: Wenn dieser Adventskranz hier sprechen könnte, dann würde er euch vielleicht folgende Geschichte erzählen:


Foto: kallejipp (www.photocase.de)

Ihr wollt von mir erfahren, woher ich komme und seit wann es mich gibt? Na gut! Doch dafür müsst ihr mit mir in eine Zeitmaschine steigen und 150 Jahre in der Zeit zurückreisen: in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Und diese Reise geht – nach Hamburg!




Es ist die Zeit der Industrialisierung, des technischen Fortschritts. Das heißt: Viele Menschen lebten nicht mehr in kleinen Dörfern auf dem Land, sondern zogen in die großen Städte, wo viele neue Fabriken gebaut wurden.




In diesen Fabriken fanden die vielen ungelernten Arbeiter einen Job.




Und was heute in manchen ärmeren Ländern auf dieser Welt noch üblich ist, das gab es damals auch bei uns in Deutschland: Kinder, die nicht – wie ihr – in die Schule gehen konnten, sondern in diesen Fabriken arbeiten mussten. Manchmal 10, 12, 14 Stunden am Tag!




Das hier, das ist Johann Gerhard Oncken. Den kennt ihr nicht? Macht nix! Der ist ja auch schon lange tot!




Oncken war der Mann, der vor 175 Jahren die erste Baptistengemeinde in Deutschland gegründet hat, den Vorläufer unserer Baptistenkirche hier im Wedding sozusagen. Die ist inzwischen 110 Jahre alt, also 65 Jahre jünger als die, die der Herr Oncken gegründet hat. Aber das ist eigentlich nicht so wichtig!
Hier, auf Onckens Grabstein jedenfalls könnt ihr lesen: „J.G. Oncken gründete am 23.4.1834 die erste deutsche Baptistengemeinde.“ Was das mit dem Adventskranz zu tun hat? Eigentlich nix.




Aber dieser Johann Gerhard Oncken – hier ist er noch mal als alter Mann –, der hatte ein paar Jahre vorher (1825) schon mal was ganz anderes gegründet.




Zusammen mit diesem Mann hier. Der hieß Johann Wilhelm Rautenberg und war Pfarrer. Und die beiden gründeten 1825 die erste Sonntagsschule in Deutschland.




Hier konnten Kinder, die wochentags in den Fabriken arbeiten mussten, am Sonntag lesen und schreiben lernen. Und diese Sonntagsschule war ein Vorläufer dessen, was wir heute „Kindergottesdienst“ nennen – also der Vor-Vor-Vorgänger von unserem Sonntags-Kinder-Club! Klingt komisch, ist aber so! Mit dem Adventskranz hat das immer noch nix zu tun. Aber das ändert sich gleich!




Die Arbeit in den Fabriken damals war nämlich schwer und ungesund. Viele Familien wohnten auf engstem Raum in sogenannten „Mietskasernen“. Das waren große Häuser mit vielen kleinen Wohnungen drin. So ähnliche Häuser gibt’s auch heute noch. Die sehen dann so aus:




Damals war natürlich alles noch viel schlimmer.




Krankheiten verbreiteten sich. Und viele Kinder und Jugendliche wuchsen mehr oder weniger auf der Straße auf.




Einer, der das sah und der was dagegen tun wollte, war dieser schöne junge Mann hier. Der wäre in diesem Jahr 200 Jahre alt geworden. Aber natürlich ist der auch schon tot. Sein Name war Johann Hinrich Wichern. Er war Erzieher und Pastor in Hamburg und hatte eine Zeitlang an Onckens Sonntagsschule unterrichtet. Dort sah er das Elend der Arbeiterkinder in Hamburg und wollte was dagegen tun.




Und so gründete er1833 das sogenannte „Rauhe Haus“. Warum das so hieß, weiß heute keiner mehr. Das Haus gab es nämlich schon länger, und das hieß auch schon immer so. Aber jetzt wurde daraus eine Zufluchtsstätte für verwahrloste Waisenkinder aus Hamburg.




Die Kinder, die hier im „Rauhen Haus“ wohnten, lernten – wie in Onckens Sonntagsschule – schreiben und lesen. Und sie lernten die Geschichten aus der Bibel kennen. Und zu gemeinsamen Andachten und Gottesdiensten versammelten sie sich in diesem großen Betsaal.


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Und jetzt verrate ich euch, was das alles mit unserem Adventskranz zu tun hat!




Wichern – hier ist er noch mal als alter Mann – merkte bald, dass die meisten seiner Jugendlichen nur wenig von der Bibel und von Gott wussten. Darum suchte er immer wieder nach Bildern und Zeichen, mit denen er ihnen die Bedeutung von Jesus Christus sichtbar machen konnte. Und eins dieser Bilder war ... richtig! ...


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... der Adventskranz! Zu Beginn der Adventszeit im Jahr 1839 hing der erste Adventskranz im Betsaal des „Rauhen Hauses“. Der sah noch nicht so aus wie die Adventskränze, die wir heute kennen. Das war nämlich ein großer Holzreifen, auf dem vier große rote Kerzen standen, zwischen denen wiederum zwanzig kleine weiße Kerzen befestigt waren. 4 + 20: Das macht 24.


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Die Kerzen standen also für die 24 Tage vom 1. Dezember bis zum Heiligen Abend. Dieser erste Adventskranz war also eigentlich eher ein Adventskalender. Klingt komisch. Ist aber so. Und mit diesem Kranz gestaltete Wichern nun die Zeit bis Weihnachten.


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An jedem Tag im Dezember wurde eine neue Kerze entzündet. So wurde es jeden Tag ein bisschen heller im Gebetssaal des Rauhen Hauses. Und am Tag vor Weihnachten brannte dann der ganze Kranz. Naja, um genau zu sein: nicht der Kranz, sondern die Kerzen darauf. Aber das ist ja wohl klar!


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An den vier Sonntagen in der Adventszeit wurde immer eine der roten Kerzen entzündet. Dazu las einer der Jugendlichen einen Bibelvers, der die Geburt Jesu ankündigte. Ein Spruch durfte dabei nicht fehlen. Er wurde am ersten Advent gelesen – also heute! – und stammt vom Propheten Sacharja:




„Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.“ Dieser König, von dem da die Rede ist, das ist Jesus. Jedenfalls glauben wir Christen das.


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Auf diese Weise bin ich also entstanden. Im Lauf der Jahre habe ich mich dann etwas verändert: Der Holzreifen wurde rundum mit Tannengrün geschmückt und mit roten Schleifenbändern aufgehängt. Und als immer mehr Familien mich in ihre Wohnungen stellen wollten, hatte ich irgendwann nur noch vier Kerzen und keine 24 mehr und wurde aus Tannengrün geflochten.
Seitdem teile ich die Zeit des Wartens auf Weihnachten in vier Teile. Viele von euch kennen bestimmt das Gedicht dazu:
„Advent, Advent, ein Lichtlein brennt.
Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier,
dann steht das Christkind vor der Tür.“
Jawoll. So ist das!


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Damit könnte die Geschichte eigentlich zu Ende sein. Ist sie aber nicht! Denn auch wenn der alte Wichern mich erfunden hat, bin ich doch nicht so ganz ohne Vorläufer: Wenn ihr mich anschaut, dann seht ihr nämlich zunächst einmal meine kreisrunde Form. Wie ein Kranz oder eine Krone sieht das aus.


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Und schon bei den alten Römern war ein solcher Kranz ein Zeichen für die Würde des Kaisers. Außerdem diente er zur Ehrung von Siegern, zum Beispiel bei der Olympiade. Bis heute kennen wir solche Kronen und Siegeskränze. Was das mit Advent zu tun hat?


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Im Advent warten wir auf das Kommen Jesu in diese Welt. Er ist der König des Friedens, den Gott uns sendet. Christen glauben, dass Jesus durch sein Leiden und Sterben am Kreuz und durch seine Auferstehung sogar über den Tod gesiegt hat. Deshalb ist die Dornenkrone, die er am Kreuz trägt, zugleich ein Siegeskranz.


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Und darum liegt Weihnachten auch um die Zeit der Wintersonnenwende. Im Advent werden nämlich die Tage immer kürzer, bis es ab dem 21. Dezember dann wieder heller wird. Das ist die Zeit, in der eure Vorfahren Lichter angezündet haben, damit die Sonne wieder emporsteigt und die Natur zu neuem Leben erwacht. Für uns Christen ist das ein Bild für den Sieg Jesu über alles Finstere und Dunkle in dieser Welt.


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Außerdem werde ich aus immergrünen Tannenzweigen geflochten. Ihr wisst ja: Grün ist die Farbe der Hoffnung. Darum ist Weihnachten auch das Fest der Hoffnung: Jesus, der Erlöser ist da. Er ist das Licht, das die Welt erhellt.


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Und darum zündet ihr die Kerzen am Adventskranz an. Sie sind Zeichen der Vorfreude und der Wärme, die Jesus, das Licht der Welt, uns schenkt.


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Und noch was: Der Kreis mit den vier Kerzen erinnert auch an den Erdkreis und seine Himmelsrichtungen. Jesus, heißt das, ist der Erlöser für alle Menschen und Völker auf der Erde: im Norden und Süden, im Osten und Westen.


Foto: kallejipp (www.photocase.de)

So. Nun wisst ihr woher ich komme und was ich bedeute! Geschickte Hände hier aus der Gemeinde haben Zweige von einer Tanne oder einer Fichte geschnitten und zu einem Kranz geflochten. Der grüne Kranz ist mit roten Schleifenbändern geschmückt und vier Kerzen stecken darauf.
Das bin ich. Der Adventskranz. Die erste Kerze brennt schon. Noch ist es dunkel. Die Menschen warten auf den Messias, den König, der uns Gottes Frieden bringt. Doch schon bald werden alle vier Kerzen leuchten. Dann ist Weihnachten, und der Retter der Welt ist da!

(c) Volkmar Hamp