Das Wunderbare am Wunder (Markus 8,22-26)
Narrative Predigt zu Markus 8



„Das Wunderbare am Wunder ist nicht seine Unerklärbarkeit, sondern die Durchsichtigkeit der Formulierungen, die es als geschehen umschreiben.
Und dann geschieht es.“ (Jürgen Rennert)



Eigentlich war es ein ganz normaler Tag. Aber was ist schon normal, seit ich diesem Jesus von Nazareth begegnet bin und mit ihm durchs Land ziehe?
Vor ein paar Tagen erst hat er es geschafft, mit sieben Broten und ein paar Fischen viertausend Leute satt zu bekommen, und die übrig gebliebenen Brocken füllten am Ende noch sieben Körbe (Markus 8,1-9). Nein, normal ist das Leben mit Jesus nicht!
Gestern waren wir noch in Dalmanuta an der Westseite des Sees Genezareth (Markus 8,10-13). Kein guter Tag! Kaum hatten die Phariäser dort mitbekommen, dass Jesus in der Gegend war, sind sie gleich auf ihn losgegangen und haben in ihrer unnachahmlichen Art einen Streit vom Zaun gebrochen:
„Wenn du tatsächlich der bist, der du zu sein behauptest – der verheißene Messias, der ‚Sohn Gottes’ gar – dann wollen wir ein Zeichen sehen, ein Wunder, einen himmlischen Beweis deiner Macht!“
Tja, die wunderbare Brotvermehrung am Tag zuvor hatten sie leider verpasst! Ob die sieben Körbe mit den Brotresten sie überzeugt hätten? Wahrscheinlich nicht. Ist ja auch egal. Die hatten wir natürlich nicht mitgeschleppt!
Jesus wirkte irgendwie genervt. Obwohl, so genau weiß man das nie bei ihm. Vielleicht war er auch nur traurig, dass gerade die Frommen und Schriftkundigen, die es eigentlich besser wissen mussten, ihn immer wieder auf die Probe stellen wollten!
Jedenfalls hat er die Pharisäer ganz schön abgefertigt: „Warum fordert ihr immerzu Zeichen?“, sagte er zu ihnen. „Wahrlich, ich sage euch: Diesem Geschlecht wird kein Zeichen gegeben werden!“ (Markus 8,12)
Chance vertan! Da hätte er die ganze Mischpoke mit einem kleinen Taschenspielertrick auf seine Seite ziehen können, und was tut er? Er lässt sie abblitzen! Ja, so ist Jesus nun mal: hilft jedem, der es nötig hat, aber missbraucht seinen guten Draht nach oben nicht für eigennützige Machtdemonstrationen. Das wird ihn noch mal Kopf und Kragen kosten! Stehen gelassen hat er die Pharisäer, ist so schnell zurück ins Boot, dass wir kaum nachkamen – und schon ging’s wieder übern See, diesmal nach Betsaida am nordöstlichen Ufer.
Natürlich blieb wieder mal keine Zeit, einkaufen zu gehen, und wir hatten nur noch einen Laib Brot im Boot! Hab ich die sieben Körbe vom Vortag vermisst, als wir das unter uns aufgeteilt hatten! Was ist schon ein Brot, wenn 13 Männer Hunger haben? Aber auch für uns gab’s keine Extrawurst, keine private Brotvermehrung unter Freunden. Stattdessen gute Ratschläge: „Nehmt euch in acht vor dem Sauerteig der Pharisäer und vor dem Sauerteig des Herodes.“ (Markus 8,15)
„Ja, ja,“ dachte ich, „schon klar, die sind gefährlich. Aber jetzt von Sauerteig zu reden, löst nicht unser Essensproblem, sondern sorgt nur dafür, dass die Mägen noch lauter knurren!“
Und wie so oft – als hätte er meine Gedanken gelesen – setzte Jesus noch einen drauf: „Was macht ihr euch Sorgen, dass ihr kein Brot habt“, sagte er kopfschüttelnd. „Versteht ihr noch nichts, und begreift ihr nichts? Habt ihr denn ein verhärtetes Herz?“ (Markus 8,17)
Nein, dachte ich verärgert, einen leeren Magen! Aber Jesus war noch nicht fertig mit uns. Wenn der erst mal losgelegt hatte, war er manchmal schwer zu bremsen.
„Ihr habt Augen und seht nichts, Ohren und hört nichts ... Als ich die fünf Brote brach für die fünftausend, wie viele Körbe voll Brocken habt ihr da aufgesammelt?“
Zähneknirschend antwortete einer von uns: „Zwölf.“
„Und als ich die sieben Brote brach für die viertausend, wie viele Körbe voll Brocken waren es da?“
„Sieben“, sagte ein anderer.
Jesus nickte. „Und trotzdem begreift ihr immer noch nichts“, sagte er dann und verfiel gleich darauf in trübsinniges Schweigen. (Markus 8,14-21)
Das war keine „lustige Seefahrt“ mehr! Alle kauten auf ihren Brotkanten herum und starrten ins Wasser. Jeder hing seinen Gedanken nach. Warum nur war Jesus immer so kompromisslos und prinzipientreu? Sich die fromme Elite des Volkes zum Feind zu machen, war nicht gut. Gar nicht gut! Und was hatten wir davon, ihm nachzufolgen? Außer Blasen an den Füßen und knurrenden Mägen, meine ich!
Diese neue Welt Gottes, von der er immer sprach – wo war die denn? Vielleicht blitzte sie manchmal auf, wenn ein Wunder geschah wie das mit den Broten. Und wenn Jesus vom „Reich Gottes“ redete, dann leuchteten seine Augen und man musste ihm einfach glauben! Doch was hatte man von all den guten Erinnerungen und den schönen Worten, wenn man – wie wir jetzt – mit knurrendem Magen auf dem Boden einer Nussschale hockte und nur hoffen und beten konnte, einmal mehr das andere Ufer zu erreichen?
Vielleicht hatte Jesus ja Recht. Vielleicht hatten wir tatsächlich Augen und sahen nichts, Ohren und hörten nichts. Vielleicht hatten wir wirklich noch nichts begriffen.
So landeten wir schließlich in Betsaida. Ein müder, hungriger Haufen, der sich nichts sehnlicher wünschte als ein heißes Bad, ein richtiges Essen und einen guten Tropfen Wein. Doch nichts von alledem erwartete uns dort! Wieder einmal war uns der gute Ruf Jesu vorausgeeilt, und als wir den Ort betraten, kamen die Dorfbewohner uns schon entgegen. Sie schoben einen Blinden vor sich her und riefen: „Jesus, berühre ihn! Mach ihn gesund!“ Und ich dachte: „Ja, mach das! Aber mach schnell! Ich muss auch mal schlafen!“ Ich hatte inzwischen genug mit Jesus erlebt, um zu wissen, dass er nur ein Wort zu sagen brauchte, und der Mann wäre geheilt!
Doch nichts da! Jesus ließ sich Zeit. Er nahm den Blinden an der Hand und führte ihn langsam und vorsichtig hinaus vor das Dorf.
Auch das war wieder einmal typisch für ihn! Wenn einer seine Hilfe und Zuwendung brauchte, dann bekam er sie. Ganz und ungeteilt. In jenem Augenblick war dieser Blinde für Jesus der wichtigste Mensch auf der Welt. Uns hatte er vollkommen vergessen. Die Menge der anderen interessierte ihn auch nicht mehr. Seine ganze Aufmerksamkeit galt jetzt diesem einen Notleidenden, der ihn brauchte.
Was dann geschah, überraschte selbst mich, und ich habe – weiß Gott – schon eine Menge erlebt mit Jesus! Der spuckte sich doch tatsächlich in die Hand und rieb dann seinen Speichel in die toten Augen des Blinden!
„Bah“, dachte ich, „Speichel! Das ist doch eklig. Wo bleibt denn da die Hygiene?“ Doch was ist schon „Bah“, wenn einer wirklich liebt? Und dass Jesus diesen Blinden liebte und ihm um jeden Preis helfen wollte, das konnte jeder sehen.
Diese ungeheure menschliche Nähe, diese nicht gespielte Zuneigung. Wenn einer einem anderen so nahe kommt, dann kann wohl auch ein Wunder geschehen.

„Wusstet ihr schon, dass die Nähe eines Menschen gesund machen, krank machen, tot und lebendig machen kann? Wusstet ihr schon, dass die Nähe eines Menschen gut machen, böse machen, traurig und froh machen kann? Wusstet ihr schon, dass das Wegbleiben eines Menschen sterben lassen kann, dass das Kommen eines Menschen wieder leben lässt? Wusstet ihr schon, dass die Stimme eines Menschen einen anderen Menschen wieder aufhorchen lässt, der für alles taub war? Wusstet ihr schon, dass das Wort oder das Tun eines Menschen wieder sehend machen kann einen, der für alles blind war, der nichts mehr sah, der keinen Sinn mehr sah in dieser Welt und in seinem Leben? Wusstet ihr schon, dass das Zeithaben für einen Menschen mehr ist als Geld, mehr als Medikamente, unter Umständen mehr als eine geniale Operation? Wusstet ihr schon, dass das Anhören eines Menschen Wunder wirkt, dass das Wohlwollen Zinsen trägt, dass ein Vorschuss an Vertrauen hundertfach auf uns zurückkommt? Wusstet ihr schon, dass Tun mehr ist als Reden? Wusstet ihr das alles schon?“ (nach einem Gedicht von Wilhelm Willms)

In diesem Augenblick wusste ich das. Wenn einer einem anderen so nahe kommt wie Jesus diesem Blinden, dann kann ein Wunder geschehen. Und als Jesus dem Blinden die Hände auflegte und ihn fragte: „Siehst du etwas?“, da blickte der tatsächlich auf und sagte: „Ja ... ja, ich sehe Menschen, denn ich sehe Wesen wie Bäume, nur dass sie umhergehen.“ (Vers 24)
Manchmal ist das so mit Wundern, die ein Leben verändern. Die brauchen Zeit. Da sieht man nicht auf den ersten Blick eine perfekte Lösung oder einen guten Ausweg aus einer verfahrenen Situation. Aber doch ein Licht am Ende des Tunnels.
Ob Jesus deshalb so viel Geduld mit uns hatte? Mir fiel ein, was er noch wenige Stunden zuvor zu uns gesagt hatte: „Ihr habt Augen und seht nichts, Ohren und hört nichts!“ Waren wir – in einem viel tieferen und existentielleren Sinn als dieser Blinde von Betsaida – vielleicht auch blind und taub? Konnten wir die neue Welt Gottes, von der Jesus sprach, deshalb nicht sehen, weil wir kein Organ dafür hatten, weil wir schon diese Welt nicht mit Gottes Augen sehen konnten? Waren all die Zeichen und Wunder und schönen Worte Jesu so etwas wie „umherwandernde Bäume im Nebel“ für uns – und wir erkannten einfach nur nicht, dass da mitten in diesem alten, müden Äon die neue Welt Gottes angebrochen war?
„Ich sehe Menschen, denn ich sehe Wesen wie Bäume, nur dass sie umhergehen.“ (Vers 24) Dabei sollte es nicht bleiben. Noch einmal legte Jesus dem Blinden die Hände auf die Augen. Und diesmal brauchte er ihn nicht zu fragen: „Was siehst du?“ Jeder konnte erkennen, dass der Mann jetzt vollkommen wiederhergestellt war und alles scharf und deutlich sah! (Vers 25) Sein Gesicht strahlte vor Glück!
In diesem Augenblick fühlte auch ich mich ein bisschen „wiederhergestellt“. Als wäre mir etwas „wie Schuppen von den Augen gefallen“. Diese Erkenntnis nämlich, dass der Glaube an Gott nicht darin besteht, mit ihm von einem Höhepunkt zum anderen zu schreiten, sondern den Alltag des Lebens, auch seine Rückschläge und Tiefen, im Vertrauen auf Gott zu gestalten. Im Vertrauen darauf, dass die neue Welt Gottes sich letztlich durchsetzen wird – auch gegen die Intrigen bibelkundiger Heuchler, gegen knurrende Mägen, gegen Ungerechtigkeit, Krankheit und Tod. Vielleicht war das eigentliche Wunder, das an diesem Tag geschah, nicht die Heilung dieses Blinden, sondern die Geburt der Hoffnung und des Glaubens in mir!
Ich bin sicher, Jesus hat das gespürt. Über den Kopf des Blinden, der sehend geworden war, hinweg sah er mich an, als er den Mann nach Hause schickte und zu ihm sagte: „Geh nicht zurück in das Dorf!“
„Geh nicht zurück!“ hörte ich. Geh nicht zurück in die Verhältnisse, aus denen du gekommen bist und die dich blind und taub gemacht haben. Geh nicht zurück in den provinziellen, kleinen Glauben, mit dem du aufgewachsen bist. Der hat deinen Blick eng und dein Herz hart gemacht. Kehre nicht zurück zu den alten Vorurteilen, die dein Leben arm und eintönig gemacht haben. Falle nicht zurück in die alten Muster und Routinen, mit denen du dir das Graue bunt gelogen und das Bunte grau geredet hast. Öffne dein Herz der Weite des Evangeliums, der guten Nachricht vom anbrechenden Gottesreich. Denn: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ (Antoine du Saint-Exupéry).
Ich weiß nicht, ob der Sehende von Betsaida den Rat Jesu befolgt hat oder ob er der Versuchung erlegen ist, in sein vergangenes Leben zurückzukehren. Wir waren wenig später schon wieder unterwegs, auf dem Weg Richtung Norden in die Dörfer, die zu Cäsarea Philippi gehören (Markus 8,27). Aber ich stelle mir vor, dass er natürlich zurückgegangen ist! Vielleicht hat er schon von weitem gerufen: „Leute, ich kann sehen! Ich kann sehen!“ Ich stelle mir vor, dass die Menschen zusammenliefen und ihn auf den Marktplatz führten. Und vielleicht geschah dann Folgendes (nach einer „Variation“ zu Markus 8,22-26 von Helmut Siegel):

Einer von ihnen, der Weinbergbesitzer, rief: „Was siehst du? Sag, was siehst du?“ Und der Mann antwortete erschrocken: „Ich sehe einen Efeu, ja, einen Efeu, der sich windet und mit seiner Gier alles in seiner Umgebung verschlingt!“ Da wurden die Leute still und der Weinbergbesitzer lief rot an. Dann sagte er: „Er hat den Verstand verloren!“
„Lass mich nur machen“, meinte daraufhin der Bürgermeister, „das ist wahrscheinlich nur der Schock!“ Er wandte sich dem vormals Blinden zu und fragte: „Was siehst du jetzt?“ Und der – noch immer arglos – antwortete: „Eine Birke, eine Birke, die sich hin und her wiegt im Wind!“ Ein paar Leute konnten sich das Lachen nicht verkneifen – wussten doch alle, dass der Bürgermeister ein Politiker war, der es sich mit niemandem verderben wollte, mit den Römern nicht und nicht mit den Zeloten. „Er hat tatsächlich den Verstand verloren!“, sagte der Bürgermeister eisig.
Und vielleicht begriff der sehend gewordene Blinde nun langsam, was geschah. Er sah Menschen wie Bäume, einen dunkel drohenden Wald, und er wusste: Das sind meine Dorfgenossen!
„Im Namen des Allmächtigen“, rief da einer. Er kannte die Stimme, das war der Synagogenvorsteher. „Lasst uns ihn prüfen! Auf drei Zeugen soll ein Urteil gründen. Mensch, was siehst du?“ Doch der Mann schwieg. „Ich beschwöre dich bei dem Lebendigen: Sag mir, was du siehst!“ Er schwieg weiter, denn er wusste: Wenn er jetzt sagte: „Einen Dornenstrauch sehe ich, einen Dornenstrauch, der alles Lebendige erstickt!“, dann wäre es um ihn geschehen!
So schwieg der Sehende um sein Leben. Da gab der Synagogenvorsteher auf und sagte zu den anderen: „Ihr seid die Zeugen! Dieser Mann ist entweder blind geblieben oder stumm geworden oder verrückt. Wahrscheinlich stimmt alles drei!“ Und langsam verlief sich die Menge.
Vielleicht wurde der Mann in den folgenden Wochen immer wieder mal gefragt: „Was siehst du?“, wenn einer der Passanten ihm eine Münze hinwarf. Doch er schwieg weiter, und nach ein paar Monaten ließen sie ihn in Ruhe. Es hat lange gedauert, bis er begriff:
Der aus Nazareth hatte ihm eine neue Sicht geschenkt. Er sah die Menschen nun, wie sie waren, sah ihr Inneres, nicht ihr Äußeres.
Und er schwieg. Doch der Nazarener redete weiter, so erzählte man ihm. Und er wusste, wie das enden würde ...


Wir wussten damals noch nicht, wie es enden würde. Wie gesagt, wir waren schon wieder unterwegs, nach Cäsarea Philippi. Da stellte Jesus auch uns eine seltsame Frage, aus heiterem Himmel, möchte ich sagen. Aber natürlich fragte er nicht ohne Grund.
Die Frage lautete: „Für wen halten mich die Leute?“ Einer antwortete: „Sie sagen, du seist Johannes der Täufer.“ Ein anderer: „Sie halten dich für den wiedergekommenen Elia.“ Und ein dritter: „Sie sagen, du seist einer der Propheten.“
Da blieb Jesus stehen, sah uns in die Augen, einem nach dem anderen, und fragte dann: „Und ihr? Für wen haltet ihr mich?“
In diesem Moment wusste ich, was das alles zu bedeuten hatte! Dieses ganze Hin und Her und Auf und Ab der letzten Tage. Die vollen Brotkörbe und der leere Magen. Die verstockten Pharisäer und der geheilte Blinde. All das, so schien mir, diente nur dem einen Zweck, uns eine Antwort auf diese Frage finden zu lassen: „Ihr aber? Für wen haltet ihr mich?“
Da brach es aus mir heraus: „Du bist der Christus, der Gesalbte!“ rief ich. „Die Erfüllung unserer Sehnsucht. Die sichtbar gewordene Menschenfreundlichkeit des Schöpfers dieser Welt. Du bist der Christus!“
Eine Weile herrschte Schweigen. Dann ergriff Jesus erneut das Wort. Er wirkte ernst dabei, ja, fast ein bisschen traurig. Und er sagte nicht: „Ja, der bin ich! Schön, dass ihr das erkannt habt!“ Nein, er gebot uns streng zu schweigen und niemandem etwas davon zu erzählen.
Und dann eröffnete er uns, was auf ihn zukommen würde: Leid und Verachtung und Tod (Markus 8,31-34). Und er sprach davon, dass dies alles geschehen müsse, weil nur so am Ende die Liebe den Sieg über den Tod davontragen könne.
Und dann sprach er von Auferstehung. Und ich dachte: So ein bisschen Auferstehung habe ich heute doch schon erlebt, als das Gesicht dieses Blinden strahlte, nachdem er wieder sehen konnte. Vielleicht war es das, was Jesus uns mit diesem Wunder sagen wollte: dass unsere Auferstehung nicht erst am Ende aller Tage erfolgt, sondern schon jetzt und hier ihren Anfang nimmt.
Wenn wir aufstehen gegen alles, was Menschen blind und taub und bewegungsunfähig macht. Wenn wir aufstehen für die, die keine Perspektive mehr sehen, und uns stark machen für die, die zu schwach sind, für sich selber einzustehen. Wenn wir die Augen nicht verschließen vor der Not anderer und unser Brot mit ihnen teilen. Wenn wir in einem guten Sinne „fromm“ sind und nicht wie die Heuchler, deren Frömmigkeit zum Deckmantel ihrer Menschenverachtung geworden ist.
Und während ich noch über diese „Auferstehung mitten im Leben“ nachdachte, ergriff Jesus noch einmal das Wort:
„Wer mir nachfolgen will,“ sagte er, „der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird's erhalten. Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“ (Markus 8,34-45)
Und ich dachte: Vielleicht ist dies das eigentliche Wunder! Dass Menschen den Mut und die Kraft finden, ihr Kreuz zu tragen und auch darin Jesus nachzufolgen. Dass sie sich nicht nur um sich selber drehen, sondern – wie Christus – auch das Glück anderer suchen. Dass sie sich – gegen alle Vernunft und Erfahrung – nicht abfinden mit dem Status quo, sondern von der neuen Welt Gottes träumen. Und ich nahm mir vor, immer wieder von diesem Wunder zu erzählen. Denn: „Das Wunderbare am Wunder ist nicht seine Unerklärbarkeit, sondern die Durchsichtigkeit der Formulierungen, die es als geschehen umschreiben. Und dann geschieht es.“ (Jürgen Rennert)
Jedes Wunder, das diesen Namen verdient, ist durchsichtig für die dahinter sich auftuende Wirklichkeit Gottes – die Heilung eines Blinden genauso wie der wiedererstarkte Lebensmut eines Verzweifelten oder die erneuerte Liebesfähigkeit eines Enttäuschten.
Ich weiß noch, wie ich als Kind einmal meinen Vater gefragt habe, was es mit den Wundern auf sich habe.

Vater lief erst ein paarmal im Nachthemd im Zimmer herum und rieb sich fröstelnd die Oberarme dabei. Dann blieb er dicht vor mir stehen.
„Liebst du die Menschen?“
Er schien die Luft anzuhalten; man hörte auf einmal seinen Atem nicht mehr.
„Hör mal“, sagte ich, „wo wir doch so viele nette kennen.“
„Also.“ Vater atmete aus und stieg wieder ins Bett.
„Was heißt ,also’?“ fragte ich.
„,Also’ heißt, dann kannst du auch Wunder vollbringen.“
Ich hatte auf einmal Herzklopfen bekommen. „Du meinst, Wunder kriegt jeder fertig?“
„Jeder, der liebt“, verbesserte Vater und boxte sich sein Kissen zurecht.
(Wolfdietirch Schnurre)



(c) Volkmar Hamp