Widerspruch riskieren - ohne Blatt vor dem Mund (Hesekiel 2,3-7)


Liebe Geschwister, liebe Freunde,

es ist inzwischen eine gute Tradition, dass wir uns hier in der Baptistenkirche Wedding in der Passionszeit mit „Sieben Wochen ohne“ beschäftigen, der Fastenaktion der Evangelischen Kirche in Deutschland. 2013 steht diese Aktion unter dem Motto „Riskier was, Mensch! Sieben Wochen ohne Vorsicht“. Und das Thema für den heutigen Sonntag heißt: „Widerspruch riskieren – ohne Blatt vor dem Mund“.
Ohne Blatt vor dem Mund? Das sagt man so und meint damit, dass jemand deutlich seine Meinung sagt, ohne Rücksicht darauf, wie das bei den Zuhörenden ankommt. Diese Redewendung stammt wohl aus der Theatersprache. Zu früheren Zeiten machten sich die Schauspieler unkenntlich, indem sie Blätter vor ihr Gesicht hielten. So konnten sie später nicht zur Rechenschaft gezogen werden für das was sie auf der Bühne gesagt hatten. Vielleicht keine schlechte Idee für so manche Predigt! Eine andere Herleitung dieser Redewendung behauptet, sie komme aus der Zeit als die Kirche noch wesentlich mehr Macht hatte als heute. Da hielt man sich dann im Gottesdienst ein Blatt vor den Mund wenn man über Dinge sprechen wollte die nicht unbedingt für die Ohren der anderen Kirchgänger und Gläubigen bestimmt waren.
Wie auch immer: Es geht darum, dass jemand „unverblümt“ (eben „ohne Blatt vor dem Mund“) sagt, was er denkt oder was ihm zu sagen aufgetragen ist. Wer das tut, wer anderen nicht nach dem Mund redet, nicht diplomatisch ist, sich nicht nach allen Seiten absichert, der riskiert Widerspruch, der macht sich angreifbar, der steht auch schon mal auf verlorenem Posten. Aber er oder sie ist auch identifizierbar, eindeutig, klar.

„Widerspruch riskieren – ohne Blatt vor dem Mund“ – der Bibeltext zu diesem Thema nimmt uns mit hinein in die Berufungsgeschichte eines Mannes, der genau dafür stand: ohne Blatt vor dem Mund dem Volk Israel, den Menschen seiner Zeit, die Meinung gesagt zu haben. Es geht um den Propheten Hesekiel, den vielleicht eigenartigsten Propheten von allen.
Hesekiel war der Sohn eines Priesters. Er lebte während der Zeit des babylonischen Exils unter jenen Juden, die König Nebukadnezar 597 und 587 vor Christus von Jerusalem nach Babylon deportiert hatte. Als Angehöriger der Oberschicht gehörte er selbst zu den Verschleppten der ersten Deportation und erlebte nach fünf Jahren in der Verbannung seine Berufung zum Propheten. Dieses Erlebnis wird am Anfang des Hesekiel-Buches ausführlich beschrieben (Hesekiel 1-3). Und wenn man das liest, dann fragt man sich schon ein bisschen: Was hat der Mann bloß geraucht, dass er solche Bilder und Visionen sah? Doch die Berufungsvision Hesekiels ist kein Drogentrip, sondern eine überwältigende Erfahrung der Herrlichkeit Gottes! Hesekiel darf einen Blick in den himmlischen Thronsaal werfen – und was er dort sieht, das haut ihn um. Völlig überwältigt fällt er auf sein Angesicht.
Wann hat eine Begegnung mit Gott dich das letzte Mal umgehauen? Ich muss gestehen, bei mir ist das ziemlich lange her. Ich habe mich an den Gottesgedanken gewöhnt, er ist Teil meines Weltbildes geworden. Und manchmal geht es mir eher so, dass Dinge, die ich erlebe, meinen Glauben in Frage stellen und mein Bild von Gott ins Wanken bringen. In den vergangenen Wochen waren das Todesnachrichten im näheren Bekanntenkreis. Aber oft sind es auch schlicht die Nachrichten in der Tagesschau, die mich zweifeln lassen, ob Gott wirklich der Herr ist, „der alles so herrlich regieret“. Dann tut es mir gut, mich durch einen Text wie die Berufungsvision des Hesekiel daran erinnern zu lassen, dass Gott immer noch der Schöpfer und Erhalter dieser Welt ist – trotz allem, was dagegen spricht. Auch damals, zur Zeit Hesekiels sprach eine Menge dagegen! Und doch lässt der Prophet sich nicht von den widrigen Umständen umhauen, sondern von Gott. Das möchte ich von ihm lernen.
Ein bisschen was davon – also: die absolute Minimalversion! – war für mich in der vergangenen Woche die Rückkehr der Sonne nach Berlin. Nach vier Monaten, die alle November hätten heißen können, waren die ersten Spaziergänge im Sonnenschein nicht nur eine beglückende und belebende Erfahrung sondern auch ein Zeichen, ein Symbol dafür, dass das Leben weitergeht und dass Gott tatsächlich die Fäden des Lebens in der Hand hält. Okay, mit Hesekiels Vision ist das nicht zu vergleichen. Muss es auch nicht. Ich bin ja kein Prophet! Aber ich lese heute, was Hesekiel damals hörte angesichts seiner Vision. Die Stimme Gottes, die zu ihm spricht: „Du Menschensohn, tritt auf deine Füße, so will ich mit dir reden.“ Und ich lerne daraus, dass die Größe und Herrlichkeit Gottes, wie immer sie uns begegnet, uns nicht erschlagen will. Sie stellt unsere Füße auf weiten Raum (Psalm 31,9) und macht uns ansprechbar für das Reden Gottes. So jedenfalls beschreibt es der Prophet: Als Gott so mit mir redete, sagt er, „kam Leben in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete“ (Hesekiel 2,2). Und dann folgt der Predigttext für den heutigen Sonntag, in dem es um das Risiko des Widerspruchs geht, das ein Reden ohne Blatt vor dem Mund mit sich bringt (Hesekiel 2,3-7):

3 Du Menschenkind, ich sende dich zu den Israeliten, zu dem abtrünnigen Volk, das von mir abtrünnig geworden ist. Sie und ihre Väter haben bis auf den heutigen Tag wider mich gesündigt. 4 Und die Söhne, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: „So spricht Gott der Herr!“ 5 Sie gehorchen oder lassen es – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen ist.
6 Und du, Menschenkind, sollst dich vor ihnen nicht fürchten noch vor ihren Worten fürchten. Es sind wohl widerspenstige und stachlige Dornen um dich, und du wohnst unter Skorpionen; aber du sollst dich nicht fürchten vor ihren Worten und dich vor ihrem Angesicht nicht entsetzen – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs, – 7 sondern du sollst ihnen meine Worte sagen, sie gehorchen oder lassen es; denn sie sind ein Haus des Widerspruchs.


Ich erinnere mich noch gut an den Deutschunterricht in meiner Schulzeit. Da stand manchmal neben der einen oder anderen Formulierung in einem Aufsatz von mir mit fetter roter Tinte: „Wiederholung! Vermeiden!“ Erst viel später habe ich gelernt, dass Wiederholungen durchaus nicht immer ein Zeichen schlechten Stils, sondern manchmal auch ein bewusst eingesetztes Stilmittel sind, um etwas besonders hervorzuheben oder zu betonen.
In diesem kurzen Text gibt es viele Wiederholungen. Dreimal heißt es da über das Volk Israel „Sie sind ein Haus des Widerspruchs“. Offensichtlich ist es Gott ein Anliegen, Hesekiel von Anfang an deutlich zu machen, mit wem er es zu tun bekommt, wenn er dem Volk Israel gegenüber als Prophet auftritt. Sie sind ein Haus des Widerspruchs, ein abtrünniges Volk, dickköpfig und hartherzig, widerspenstig wie stachlige Dornen und gefährlich wie giftige Skorpione. Na herzlichen Glückwunsch, Hesekiel! Das sind ja gute Aussichten! Noch ist kein Wort darüber gefallen, was denn eigentlich die prophetische Botschaft Hesekiels sein soll, schon ist klar: Sie wird Widerspruch provozieren!
Umso wichtiger ist es, genau hinzuschauen, womit Hesekiel so viel Widerspruch riskiert. Dass jemandem widersprochen wird, ist ja noch kein Zeichen dafür, dass er Recht hat. Und wer als Christ das prophetische Wächteramt der Kirche so versteht, dass sie prinzipiell gegen alles zu sein hat, was gesellschaftlich gerade angesagt ist, der kultiviert Widerspruch um des Widerspruchs willen und nicht, um den prophetischen Ansagen Gottes Gehör zu verschaffen. Zum prophetischen Reden gehört darum zuallererst das prophetische Sehen und Hören. Wer mit dem Anspruch eines „So spricht Gott der Herr!“ auftritt, der sollte sich schon ziemlich sicher sein, dass das, was er sagen will, auch wirklich das ist, was im Namen Gottes gesagt werden soll. Dazu gleich mehr!
Zuvor noch ganz kurz zu zwei anderen Wiederholungen in diesem Text, die mir wichtig sind: Die eine ist die Aufforderung Gottes an seinen Propheten, sich nicht zu fürchten. Viermal wird das gesagt: „Fürchte dich nicht vor den Menschen und ihren Worten!“ Wer mit der Herrlichkeit Gottes im Rücken prophetisch redet der muss mit Widerstand rechnen aber er braucht sich nicht zu fürchten. Das ist doch mal ein Wort! Und das andere: Prophetisches Reden zwingt dem Gegenüber nichts auf, sondern lässt ihm die Freiheit der eigenen Entscheidung. Auch das steht mehrfach in diesem Text: „Sie gehorchen oder lassen es!“ So einfach ist das. Letztlich ist jeder Mensch selbst verantwortlich, ob er oder sie sich eine prophetische Ansage gefallen lässt oder nicht. Keiner kann und soll dazu gezwungen werden. Aber die Konsequenzen müssen getragen werden.

So weit – so gut! Aber was ist denn nun die Botschaft Hesekiels, für die er kein Blatt vor den Mund nimmt und mit der er so viel Widerspruch riskiert? Und hat diese Botschaft auch für uns heute noch Bedeutung? Es ist nicht ganz leicht, die 48 Kapitel des Buches, in dem diese Botschaft nun festgehalten ist, in ein paar Minuten zusammenzufassen. Ich will es trotzdem versuchen und wenigstens ein paar von Hesekiels prophetischen Ansagen skizzieren. Ihr werdet merken: Die sind auch heute noch ziemlich aktuell!
Die Zeit des Babylonischen Exils war für das Volk Israel und für das Judentum ja – trotz allem Leid, das sie mit sich brachte – eine Zeit der religiösen Weiterentwicklung. Der Glaube und die Beziehung des Menschen zu Gott veränderten sich und Hesekiel hatte einen wesentlichen Anteil daran.
Heute sieht es ganz ähnlich aus: Traditionelle Glaubenssysteme verlieren an Einfluss. Menschen suchen nach neuen, tragfähigeren Formen und Inhalten für ihren Glauben, für die spirituelle Dimension ihres Lebens. Kann die Botschaft des Priesterpropheten Hesekiel hier wegweisend sein?

Neu zum Beispiel ist bei Hesekiel der Gedanke dass Palast und Tempel, Politik und Religion keine strikte Einheit mehr bilden sollen. Da der Jerusalemer Tempelkult im Exil nicht mehr ausgeübt werden kann kommt der Priestersohn (!) Hesekiel zu dem Schluss, dass Gott seinem Volk – unabhängig vom Tempel – überall begegnen kann und es irgendwann heimführen wird ohne dass es der Vermittlung durch ein priesterliches Amt oder religiöse Funktionäre bedarf: „Denn so spricht Gott der Herr: Siehe, ich, ich selbst will nach meinen Schafen fragen, will nach ihnen sehen. […] sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut worden sind […] ich hole sie aus den Ländern zusammen und bringe sie in ihr Land.“ (Hesekiel 34,11-14)
Die für die Neuzeit so wichtige Säkularisierung, die Trennung von Kirche und Staat, von Religion und Politik und die Möglichkeit einer unmittelbaren Beziehung jedes Menschen zu seinem Gott, ohne Vermittlung durch priesterliche Würdenträger deuten sich hier an. Beides Dinge, die gerade für uns als Freikirche identitätsstiftend wichtig sind. Prophetisches Wort Hesekiels nicht nur für seine Zeit, sondern auch für uns!

Neu ist auch, dass in Hesekiels Prophetie die Sippenhaftung endgültig abgeschafft wird: „Ein Sohn soll nicht die Schuld des Vaters, noch ein Vater die Schuld des Sohnes mittragen. Nur dem Gerechten kommt seine Gerechtigkeit zugute, und nur über den Gottlosen kommt seine Gottlosigkeit.“ (Hesekiel 18,20) Was für eine Botschaft der Befreiung! Jeder und jede soll Verantwortung für sein, für ihr eigenes Leben übernehmen. Niemand muss an der Schuld vorheriger Generationen zerbrechen. Und niemand soll seine Schulden nachfolgenden Generationen hinterlassen können. Prophetisches Wort Hesekiels nicht nur für seine Zeit, sondern auch für uns!

Und ein drittes: Bei Hesekiel bekommt das Reden von Gott, die Theologie ein humanistisches, ein menschliches und menschenfreundliches Ziel. Alles prophetische Reden und jede Theologie soll von nun an dem Menschen dienen und dem Leben: „Habe ich etwa Wohlgefallen am Tode des Gottlosen spricht Gott der Herr und nicht vielmehr daran dass er sich von seinem Wandel bekehre und am Leben bleibe?“ (Hesekiel 18,23).
Maßstab für Theologie und Ethik ist bei Hesekiel, ob sie dem Leben dienen oder nicht. Darum kann er nun auch bestimmte Satzungen der Thora, des jüdischen Gesetzes, die bis dahin heilig waren, als Fehler kritisieren: „So habe denn auch ich ihnen Satzungen gegeben, die nicht gut waren, und Gebote, durch die sie nicht am Leben bleiben konnten“ lässt Gott selbstkritisch verkünden (Hesekiel 20,25). Prophetisches Wort Hesekiels auch für unsere Zeit: Dienen unsere Satzungen und Gebote, dient unsere Theologie und Ethik dem Leben oder tut sie das nicht?

Und so könnte man weitermachen: Den engen Vorstellungen religiöser Exklusivität und kultischer Abstammungsreinheit der Israeliten hält Hesekiel entgegen: „So spricht Gott zu Jerusalem: Nach Herkunft und Geburt stammst du aus dem Lande der Kanaaniter, dein Vater war ein Amoriter, deine Mutter eine Hethiterin.“ (Hesekiel 16,3) Und er warnt das auserwählte Volk vor Arroganz und Selbstzufriedenheit (Hesekiel 16,15-62). Prophetisches Wort Hesekiels nicht nur für seine Zeit, sondern auch für uns? Für die Kirche? Auch für die Baptistenkirche hier im Wedding?
Wie auch immer: Festzuhalten bleibt, dass sich in der prophetischen Botschaft Hesekiels der Schwerpunkt der alttestamentlichen Gebote und Verbote verschiebt: weg von Tempelsatzungen und Reinheitsvorschriften hin zu gelebter Mitmenschlichkeit. Glaube und Religion sind nun keine „Dienstleistung“ mehr, die der Mensch Gott gegenüber zu erbringen hat. Glaube und Religion sollen dem Menschen dazu dienen, menschlicher zu werden und zu bleiben.

Und das sind die Gebote der Mitmenschlichkeit, für die Hesekiel Widerspruch riskiert und kein Blatt vor den Mund nimmt:
Soziale Verantwortung: die Schonung von Frauen, Elenden und Armen; dem Hungrigen Brot geben; die Nackten bekleiden. Ist das aktuell oder nicht?
Wirtschaftliche Gerechtigkeit: Verzicht auf Zins und Zuschlag; Fairness im Handel – damals zum Beispiel durch die Nutzung fairer und anerkannter Maßeinheiten. Und heute?
Oder ganz allgemein: Unrecht vermeiden und Gerechtigkeit suchen.
Prophetische Worte Hesekiels nur für seine Zeit, oder auch für uns? Was heißen die in der Sexismus-Debatte unserer Tage, wenn selbst ein Bundespräsident, der früher Pfarrer war, den berechtigten Aufschrei betroffener Frauen verharmlost und als „Tugendfuror“ abkanzelt? Was heißen die, wenn ein Lebensmittelskandal nach dem anderen unser Land erschüttert und doch keiner auf das tägliche Stück Billigfleisch auf seinem Teller verzichten will?

Und das sind die Taten der Gottlosigkeit, vor denen Hesekiel warnt:
Im Religiösen zum Beispiel: Götzendienst; Entweihung des Sabbats; Ignorieren der Propheten; Missbrauch des Heiligen zu unheiligen Zwecken.
Oder im Sozialen: Ehebruch und Inzest; Bedrückung von Elenden und Armen, Schutzlosen und Fremden; Gewalt; Blutvergießen und Vernichten von Leben; Missachtung von Geboten, die den Menschen am Leben erhalten; Vertreibung; Kinderopfer.
Und im Wirtschaftlichen: Einbehaltung von Pfandsachen; Raub, Habgier und Profitgier.
Oder ganz allgemein: Vertragsbruch, Betrug und Bestechung; Schadenfreude und Rachsucht.
Klingt auch alles irgendwie vertraut, oder? Prophetische Worte Hesekiels nicht nur für seine Zeit, sondern auch für uns! Was heißt das für uns heute, wenn die Sonntage rund um das bevorstehende Osterfest doch wieder zu Konsumfeiertagen erklärt werden? Oder wenn homosexuelle Menschen in unserem Land und in unserer Kirche nach wie vor diskriminiert werden und nicht dieselben Rechte haben wie Heterosexuelle?

Widerspruch riskieren – ohne Blatt vor dem Mund.
Wer heute in der Tradition der alttestamentlichen Propheten aufsteht und soziale Verantwortung, wirtschaftliche Gerechtigkeit sowie eine Theologie und Religion mit menschlichem Antlitz einfordert, der riskiert zunächst vielleicht kaum Widerspruch. All das zu fordern ist ja in weiten Kreisen inzwischen „politisch korrekt“.
Aber wer das tut riskiert trotzdem Widerstand. Zuallererst den Widerstand des eigenen inneren Schweinehundes. Denn ernsthaft fordern kann ich solche Dinge doch nur, wenn ich zumindest ansatzweise bereit bin, sie auch in meinem eigenen Leben zu praktizieren! Und ich muss gestehen, davon bin ich manchmal noch weit entfernt. Und dann ist da natürlich auch der Widerstand des Systems: Das Leben ist nun einmal ungerecht, heißt es, man kann ja doch nichts ändern und überhaupt: Wo kämen wir da hin?
Ja. „Wo kämen wir hin, wenn jeder sagte, wo kämen wir hin und keiner ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen.“ So formuliert es der Schweizer Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti. Noch einmal? „Wo kämen wir hin, wenn jeder sagte, wo kämen wir hin und keiner ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen.“ Und der Prophet Hesekiel macht deutlich, wer diejenigen sein sollten, die als Erste losgehen um zu schauen, wohin wir kämen, wenn wir denn nur gingen: die „Hirten Israels“ nämlich, die Priester, die religiöse Elite. Und wenn wir gerade in unserer Freikirche das „Priestertum aller Gläubigen“ hochhalten, dann gelten diese Worte nicht nur den kirchlichen Amts- und Würdenträgern, sondern jedem und jeder von uns: „So spricht Gott der Herr: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst geweidet haben! Sollten die Hirten nicht die Schafe weiden? (...) Das Schwache habt ihr nicht gestärkt, das Kranke nicht geheilt und das Gebrochene nicht verbunden; ihr habt das Versprengte nicht heim geholt und das Verirrte nicht gesucht, und das Kräftige habt ihr gewalttätig niedergetreten. So zerstreuen sich denn meine Schafe, weil kein Hirte da war.“ (Hesekiel 34,1-5)
Wie wäre es, wenn wir als Baptistenkirche Wedding, wenn jeder und jede von uns persönlich dieses „Hirtenamt“ wahrnehmen würde? Wie wäre es, wenn wir darauf achten würden, das Schwache zu stärken, das Kranke zu heilen und das Gebrochene zu verbinden? Wie wäre es, wenn wir uns aufmachten, das Versprengte heim zu holen und das Verirrte zu suchen? Und wenn wir Sorge tragen würden, dass das Kräftige unter uns und um uns nicht niedergetreten, sondern wertgeschätzt und gefördert wird?
Wie wäre es, wenn wir einfach mal losgingen, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen? Wie wäre es, wenn wir Widerspruch riskierten ohne Blatt vor dem Mund und Widerstand überwänden ohne Angst vor den Folgen?
Riskier was, Mensch – nicht nur in diesen sieben Wochen ohne Vorsicht! Amen.

(c) Volkmar Hamp