Die Verheißung des messianischen Heils - Predigt zum 2. Advent (Jesaja 35,1-10)


Liebe Geschwister, liebe Freunde!

Es gibt wunderbare Adventsbräuche und -rituale! Der Adventskranz gehört dazu und der Adventskalender, Kerzen und Tannenduft, Zimtsterne und Lebkuchen – und das Klagen, Stöhnen und Schimpfen über den Stress und die Hektik in der Vorweihnachtszeit.
Und tatsächlich: Auch wenn Advent Ankunft heißt und bedeutet, dass wir die Ankunft des Herrn erwarten, könnte es doch passieren, dass Gott, wenn er in diesen Tagen tatsächlich zu uns käme, nicht verschlossenen Türen vorfände, aber verlassene Häuser.
Es ist zwar nicht so, dass wir dem kommenden Gott bewusst die Tür vor der Nase zuschlagen oder sie erst gar nicht öffnen, aber es kann schon sein, dass wir einfach nicht zu Hause sind, wenn er bei uns anklopft.
Und damit meine ich nicht nur, dass wir so viele Dinge zu erledigen haben oder von einer Veranstaltung zur nächsten hetzen, sondern vor allem, dass wir innerlich nicht zur Ruhe kommen, dass wir in uns selber nicht „zuhause“ sind und diese Unruhe in uns es Gott schwer machen kann, bei uns anzukommen.
Darum ist es gut, dass dem Weihnachtsfest, an dem wir das Kommen Jesu in diese Welt feiern, die vier Adventssonntage vorgelagert sind, mit deren Hilfe wir uns vorbereiten können auf dieses Fest. Diese Sonntage sind Unterbrechungen, Atempausen im vorweihnachtlichen Trubel, die uns daran erinnern, worum es bei allem Schmücken und Feiern, Einladen und Besuchen, Schenken und Beschenktwerden in dieser Zeit eigentlich geht: um das Geschenk Gottes für seine Schöpfung, um seine Ankunft in dieser Welt und bei uns.
Daran erinnert auch der Predigttext für den heutigen Sonntag. Ich lese aus Jesaja 35,1-10:

1 Die Wüste und das trockene Land sollen sich freuen,
die Steppe soll jubeln und blühen.
2 Sie soll prächtig blühen wie eine Lilie,
jubeln soll sie, jubeln und jauchzen.
Die Herrlichkeit des Libanon wird ihr geschenkt,
die Pracht des Karmel und der Ebene Scharon.
Man wird die Herrlichkeit des Herrn sehen,
die Pracht unseres Gottes.

3 Macht die erschlafften Hände wieder stark
und die wankenden Knie wieder fest!
4 Sagt den Verzagten: Habt Mut, fürchtet euch nicht!
Seht, hier ist euer Gott!
Die Rache Gottes wird kommen und seine Vergeltung;
er selbst wird kommen und euch erretten.

5 Dann werden die Augen der Blinden geöffnet,
auch die Ohren der Tauben sind wieder offen.
6 Dann springt der Lahme wie ein Hirsch,
die Zunge des Stummen jauchzt auf.
In der Wüste brechen Quellen hervor
und Bäche fließen in der Steppe.
7 Der glühende Sand wird zum Teich
und das durstige Land zu sprudelnden Quellen.
An dem Ort, wo jetzt die Schakale sich lagern,
gibt es dann Gras, Schilfrohr und Binsen.

8 Eine Straße wird es dort geben;
man nennt sie den Heiligen Weg.
Kein Unreiner darf ihn betreten.
Er gehört dem, der auf ihm geht.
Unerfahrene gehen nicht mehr in die Irre.
9 Es wird keinen Löwen dort geben,
kein Raubtier betritt diesen Weg,
keines von ihnen ist hier zu finden.
Dort gehen nur die Erlösten.

10 Die vom Herrn Befreiten kehren zurück
und kommen voll Jubel nach Zion.
Ewige Freude ruht auf ihren Häuptern.
Wonne und Freude stellen sich ein,
Kummer und Seufzen entfliehen.


Ludwig van Beethovens Streichquartett Nr. 7 F-Dur von 1806, das erste der sogenannten „Rasumowsky-Quartette“ (op. 59), galt unter Beethovens Zeitgenossen als – sagen wir mal – schwierig. Also so dermaßen schwierig, dass damals ein Musiker zu Beethoven meinte, es sei absolut unspielbar. „Die Noten sind überhaupt gar keine Musik!“, soll er gesagt haben. Und was war Beethovens Antwort darauf? Er sagte: „O, diese Noten sind ja auch nicht für Sie, sondern für eine spätere Zeit.“
Mit manchen Texten der Bibel geht es uns ähnlich. Sie sind, so scheint es, nicht für uns, sondern für eine spätere Zeit geschrieben. Die eben gelesene Beschreibung der Ankunft Gottes in dieser Welt in Jesaja 35 ist ein solcher Text. Und sie muss ihren ersten Adressaten, den Menschen aus dem Volk Israel im 5. Jahrhundert vor Christus, ähnlich atemberaubend und utopisch vorgekommen sein, wie Beethovens Streichquartett den Musikern am Anfang des 19. Jahrhunderts.
Wie sah denn die Realität damals aus? Da kündigt in der Zeit des babylonischen Exils ein namentlich nicht bekannter Prophet, der in der Tradition des großen Jesaja steht, den nach Babylon deportierten Juden ihre Befreiung an. Er versichert ihnen, dass sie ins gelobte Land zurückkehren würden. Er verspricht ihnen den Anbruch einer neuen Zeit des Heils.
Und tatsächlich: Sie kehren zurück. Sie kommen wieder nach Jerusalem, an den Zion, zum Berg Gottes. Die Verheißung des Propheten hat sich, so scheint es, erfüllt. Doch die Freude über die Rückkehr ins gelobte Land ist nicht von langer Dauer. Die erhofften paradiesischen Zustände bleiben aus. Im Gegenteil: Das Paradies entpuppt sich als harte Arbeit unter widrigen Umständen. Enttäuschung macht sich breit. Das soll der Lohn gewesen sein für alle Anstrengungen und Mühen, für die Entbehrungen des Exils und den Aufwand auf dem Weg zurück?
Das Grummeln nimmt zu und die Unzufriedenheit wächst. Was erreicht wurde, wird kleingeredet, und in den Gesprächen zählt nur noch, was fehlt. Kommt euch das irgendwie bekannt vor?
In dieser Situation tritt nun ein neuer Prophet auf, einer, der die Verheißungen aus der Zeit des babylonischen Exils in Erinnerung ruft und sagt: Wer behauptet, diese Verheißungen seien übertrieben gewesen, der irrt. Ihre endgültige Erfüllung steht nur noch aus.
Die Rückkehr ins gelobte Land, die Heimkehr nach Jerusalem – all das waren nur Etappen auf dem Weg. Selbst der Wiederaufbau des Tempels war nur ein Angeld auf die messianische Zeit, die noch vor uns liegt.
Die jetzigen Mühen und Enttäuschungen, so sagt dieser Jesajaschüler, sind kein Grund, an der Verheißung Gottes zu zweifeln. Die Zeit, in der die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden, kommt noch. Die Zeit, in der die Menschen nicht mehr auf Erlösung warten, sondern sie erleben, kommt noch.
Verheißungen sind nun mal Erinnerungen an eine Zukunft, die noch nicht da ist, aber ganz sicher bevorsteht! Und wenn ihr in den Noten, die ihr jetzt vor euch seht, noch keine Musik erkennen könnt, dann nur, weil diese Noten für eine spätere Zeit geschrieben wurden!
Nun kann man – und viele haben das getan – die Verheißungen der Bibel als Utopien abtun. Und in gewissem Sinne sind sie das ja auch: U-topoi – Nicht-Orte – Gedanken, Vorstellungen und Ideen, die in dieser Welt oft noch keinen Ort haben. Allenfalls Asyl an der einen oder anderen Stelle.
Auf der anderen Seite enthalten solche Utopien und Verheißungen eine unglaubliche Lebens- und Überlebenskraft.
Ohne die messianische Hoffnung, die Utopie, dass es wirklich besser werden könnte auf dieser Welt, hätte das Volk Israel die Shoah, die Vernichtung des europäischen Judentums, im vergangenen Jahrhundert wohl nicht überlebt. Ohne die messianische Hoffnung wäre es nicht zur zionistischen Bewegung und zur Gründung des Staates Israel gekommen.
Aber auch hier wiederholt sich die Erfahrung von vor 2.500 Jahren: Wer damit den Anbruch einer messianischen Zeit erwartet hatte, sah sich enttäuscht. Der Verheißung ist zu viel Unfrieden untergemischt – bis heute. Die Friedlosigkeit im Nahen Osten und an vielen anderen Orten dieser Welt macht deutlich: Noch ist es nicht so weit. Immer noch fällt es schwer, die Musik in den Noten zu lesen. Der Messias lässt weiter auf sich warten. Und die Versuchung ist groß, dass wir mutlos werden und die Hoffnung verlieren.
Ein anderes Beispiel: Martin Luther King und sein Traum von Freiheit und Gerechtigkeit für alle Menschen!

Ihr kennt diese wunderbare Rede:
„Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages die Söhne von früheren Sklaven und die Söhne von früheren Sklavenbesitzern auf den roten Hügeln von Georgia am Tisch der Bruderschaft gemeinsam niedersetzen können.
Ich habe einen Traum, dass eines Tages selbst der Staat Mississippi, ein Staat, der in der Hitze der Ungerechtigkeit und in der Hitze der Unterdrückung schmort, in eine Oase der Freiheit und Gerechtigkeit verwandelt wird.
Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht nach der Farbe ihrer Haut, sondern nach dem Wesen ihres Charakters beurteilt werden. Ich habe einen Traum!
Ich habe einen Traum, dass eines Tages unten in Alabama […] kleine schwarze Jungen und schwarze Mädchen kleinen weißen Jungen und weißen Mädchen wie Brüdern und Schwestern die Hände reichen können. Ich habe einen Traum!“

Und dann greift auch Martin Luther King die messianischen Bilder der Jesajaschule auf:
„Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht und jeder Hügel und Berg niedriger werden. Die unebenen Plätze werden flach und die gewundenen Plätze gerade, ‚und die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen’.
Dies ist unsere Hoffnung ... Mit diesem Glauben werden wir den Berg der Verzweiflung behauen, einen Stein der Hoffnung. Mit diesem Glauben werden wir gemeinsam arbeiten können, gemeinsam beten können, gemeinsam kämpfen können, gemeinsam ins Gefängnis gehen können, um gemeinsam aufzustehen für Freiheit mit dem Wissen, dass wir eines Tages frei sein werden ... Wenn Amerika eine großartige Nation sein soll, dann muss dies wahr werden.“

Und wieder droht die Ernüchterung die Hoffnung aufzufressen. Trotz vieler Fortschritte ist Amerika auch heute noch weit davon entfernt, ein Land der Freiheit und Gerechtigkeit zu sein. Und wir hier in Deutschland sind es auch. Von Saudi Arabien, China und Bangladesh mal ganz zu schweigen.
Stellt sich die Frage: Was soll das Ganze dann? Warum erinnern wir uns Jahr für Jahr im Advent an die großen Verheißungen Gottes – wenn die sich dann doch alle Jahre wieder als Noten entpuppen, die nur Zukunftsmusik enthalten? Wem hilft das denn in der Gegenwart?
Dazu ein Gedanke zum Schluss, von dem ich zutiefst überzeugt bin:
Wer keine Hoffnung für die Zukunft hat, hat auch keine Vision für die Gegenwart!
Die Hoffnungsbilder in unserem Text – Blinde, die sehen, Taube, die hören, Lahme, die springen und Stumme, die jauchzen – die werden ja nicht gemalt, um Menschen auf eine unbestimmte Zukunft zu vertrösten, sondern damit diese Menschen im Hier und Jetzt nicht verzweifeln und resignieren:

„Macht die erschlafften Hände wieder stark
und die wankenden Knie wieder fest!
Sagt den Verzagten: Habt Mut, fürchtet euch nicht!
Seht, hier ist euer Gott!“


Darum warten wir als Christen nicht apathisch auf das Ende der Welt, sondern empathisch und sympathetisch – mitfühlend und mitleidend – auf die Wiederkunft Christi, auf das endgültige Kommen Gottes in diese Welt!
Ich habe neulich eine Karikatur gesehen, die das sehr schön zum Ausdruck bringt: Da steht ein Kind traurig und enttäuscht vor seinem Adventskalender und fragt die Mutter mit großen, runden Augen: „Warum hat der denn nur 21 Türchen?“ Und Mutti sagt: „Das ist ein Maya-Adventskalender!“
Es gibt tatsächlich Menschen, die warten apathisch auf das Ende der Welt am 21.12.2012, weil da angeblich der Kalender der Maya-Kultur in Südamerika endet. Das kann man skurril finden und darüber die Nase rümpfen, aber seien wir ehrlich: Viele Christen sehen dem Ende der Welt doch ähnlich apathisch entgegen.
Doch unser Adventskalender hat 24 Türchen. Jedes Jahr wieder. Und jedes Jahr öffnet sich hinter dem 24. Türchen der Blick auf ein kleines Kind in einer Krippe: auf Jesus, von dem wir glauben, dass er der Christus, der Messias ist, der menschgewordene Gott, die Erfüllung aller Hoffnungen und Verheißungen.
Blinde, die sehen, Taube, die hören, Lahme, die springen und Stumme, die jauchzen – das hat es nämlich schon einmal gegeben. In Jesus von Nazareth hat diese Verheißung sich vor 2.000 Jahren schon einmal erfüllt. Das ganze Neue Testament ist voll von diesen Geschichten.
Darum vertrauen wir darauf, dass diese Verheißung sich erneut erfüllen wird.
Darum ist das, was in Jesaja 35 steht, für uns auch keine reine Utopie, sondern die Erinnerung an eine Zukunft, die ganz sicher auf uns zukommt – und schon angefangen hat!
Darum legen wir die Hände nicht in den Schoß, jedenfalls nicht dauernd und für immer, sondern packen mit an, wenn Not am Mann ist und an der Frau.
Darum sagen wir einem, der auf dem rechten Auge blind ist, unsere Meinung, wenn er wieder mal einen rassistischen Spruch raushaut – auch wenn uns vielleicht die Knie zittern dabei.
Darum liegen wir denen, die taub sind für das Schreien der Leidenden und Unterdrückten, permanent in den Ohren – vor allem uns selbst, weil wir ihr Schreien oft auch nicht mehr hören wollen und können und doch nicht überhören dürfen.
Darum treten wir dem einen oder anderen Lahmen, der einfach den Hintern nicht hochkriegt und in Selbstmitleid versinkt, auch mal in denselben, um ihn aus seiner Lethargie zu reißen.
Und mit den Verstummten, die beim besten Willen in den Noten ihres Lebens keine Harmonie finden können, machen wir ganz leise Zukunftsmusik.
Und dann bricht in dem einen oder anderen verwüsteten Leben plötzlich eine Quelle auf.
Dann sprudelt in einer vom Schicksal verödeten Seele ein kleiner Bach.
Und eine, die ihr Leben lang nur über glühenden Sand stolperte, findet endlich eine Oase in der Wüste.
Gott spricht: Du brauchst keine Angst zu haben vor den „großen Tieren“, denn ich bin bei dir.
Gott spricht: Der Weg, den du gehst, darf dein eigener sein. Er wird heilig dadurch, dass ich ihn mitgehe.
Gott spricht: Fehler zu machen, ist erlaubt. Sie führen dich nicht in die Irre, weil nichts dich von meiner Liebe trennen kann.

„Die vom Herrn Befreiten kehren zurück
und kommen voll Jubel nach Zion.
Ewige Freude ruht auf ihren Häuptern.
Wonne und Freude stellen sich ein,
Kummer und Seufzen entfliehen.“


Amen.
© Volkmar Hamp (unter Verwendung einiger Motive aus einer Adventspredigt von Wolfgang Huber)