Vom leidenden Gottesknecht (Jesaja 49,1-6)


Liebe Geschwister, liebe Freunde,

es gibt so Wochen, in denen geht alles drunter und drüber. Die vergangene Woche war für mich so eine Woche. Da ein paar Stunden Predigtvorbereitung am Stück unterzubringen, war einfach nicht möglich. Darum habe ich mir gedacht, ich nehme euch heute Morgen mal mit hinein in meine Predigtwerkstatt und lasse euch sozusagen miterleben, wie im Laufe einer Woche eine Predigt entsteht. Anstatt eine Predigt zu halten, lese ich euch also heute Einträge aus meinem Predigt-Tagebuch für diese Woche vor.

Montag, 24.09.
Ich schlage zum ersten Mal den Predigttext für den kommenden Sonntag auf: Jesaja 49,1-6. Jesaja – eins meiner Lieblingsbücher im sogenannten „Alten Testament“.
Ich mag diesen Begriff nicht. Er suggeriert, dass wir es hier mit alten, verstaubten Texten zu tun haben, die vom sogenannten „Neuen Testament“ überholt und außer Kraft gesetzt wurden. Und das stimmt doch nicht. Unser „Altes Testament“ war für Jesus und Paulus die ganze „Heilige Schrift“. Und für unsere jüdischen Brüder und Schwestern ist die Hebräische Bibel das noch heute.
Jesaja also, eins meiner Lieblingsbücher in der Hebräischen Bibel. Jesaja 49. Der „zweite“ oder „Deuterojesaja“. Altes Studienwissen stellt sich ein. Jesaja 1-39, der „erste Jesaja“, der große Prophet des 8. Jahrhunderts vor Christus, der dem Volk Israel den politischen Untergang anzusagen hatte. Dann Jesaja 40-55, der „zweite Jesaja“, einer seiner Schüler, der zwei Jahrhunderte später dem nach Babylon deportierten und gedemütigten Volk die Rückkehr in die geliebte Heimat ankündigen darf. Und dann der „dritte Jesaja“ (Jesaja 56-66), der noch eine Generation später das Werk seiner Vorgänger weiterführt. Jesaja 49 also. Deuterojesaja. Der Prophet, der dem im babylonischen Exil lebenden Volk Mut zuspricht. Ich erwarte darum einen Hoffnung weckenden, aufbauenden Text und freue mich auf die Arbeit an dieser Predigt. Und so lese ich zum ersten Mal den Predigttext für den heutigen Sonntag (Jesaja 49,1-6):

1 Hört auf mich, ihr Inseln, merkt auf, ihr Völker in der Ferne! Der Herr hat mich schon im Mutterleib berufen; als ich noch im Schoß meiner Mutter war, hat er meinen Namen genannt.
2 Er machte meinen Mund zu einem scharfen Schwert, er verbarg mich im Schatten seiner Hand. Er machte mich zum spitzen Pfeil und steckte mich in seinen Köcher.
3 Er sagte zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, an dem ich meine Herrlichkeit zeigen will.
4 Ich aber sagte: Vergeblich habe ich mich bemüht, habe meine Kraft umsonst und nutzlos vertan. Aber mein Recht liegt beim Herrn und mein Lohn bei meinem Gott.
5 Jetzt aber hat der Herr gesprochen, der mich schon im Mutterleib zu seinem Knecht gemacht hat, damit ich Jakob zu ihm heimführe und Israel bei ihm versammle. So wurde ich in den Augen des Herrn geehrt und mein Gott war meine Stärke.
6 Und er sagte: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht für die Völker; damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht.
7 So spricht der Herr, der Befreier Israels, sein Heiliger, zu dem tief verachteten Mann, dem Abscheu der Leute, dem Knecht der Tyrannen: Könige werden es sehen und sich erheben, Fürsten werfen sich nieder, um des Herrn willen, der treu ist, um des Heiligen Israels willen, der dich erwählt hat.
8 So spricht der Herr: Zur Zeit der Gnade will ich dich erhören, am Tag der Rettung dir helfen. Ich habe dich geschaffen und dazu bestimmt, der Bund zu sein für das Volk, aufzuhelfen dem Land und das verödete Erbe neu zu verteilen,
9 den Gefangenen zu sagen: Kommt heraus!, und denen, die in der Finsternis sind: Kommt ans Licht!


Noch mehr Studienwissen stellt sich ein! Ich erinnere mich! Jesaja 49, das ist eins der vier „Gottesknechtslieder“, jener über den zweiten Teil des Jesajabuchs verteilten Texte, in denen von einem geheimnisvollen „Knecht Gottes“ die Rede ist, von dem niemand mit Sicherheit sagen kann, wer genau damit gemeint ist (Jes 42,1-4.7; 49,1-6; 50,4-9; 52,13 – 53,12). Das Volk Israel vielleicht, das als „Knecht Gottes“ dem Heil der Völker dient. Oder der vom Judentum erwartete Messias, der am Ende der Zeit das Königreich des großen Königs David wieder aufrichten soll. Oder Jesus, den einige neutestamentliche Texte mit dem „Gottesknecht“ aus dem Jesajabuch identifizieren.
Da kommt viel Arbeit auf mich zu, denke ich, und werfe einen Blick in meinen Terminkalender für diese Woche. Darin reiht sich Meeting an Meeting, Sitzung an Sitzung, Termin an Termin. Wie soll ich es schaffen, in dieser Woche einen solchen Text auszuloten und auszulegen? Ich weiß es nicht. Zum Glück liegen zwischen den Sitzungen längere Bahn- und Autofahrten. Vielleicht nutze ich die, um mich vorzubereiten?
Für heute lege ich die Bibel erst einmal beiseite, nicht ohne mich zu fragen, welcher Satz aus diesem Text wohl am Ende dieser Woche stehen wird: „Vergeblich habe ich mich bemüht, habe meine Kraft umsonst und nutzlos vertan.“ (Vers 4) Oder: „Ich habe dich geschaffen und dazu bestimmt, der Bund zu sein für das Volk, aufzuhelfen dem Land und das verödete Erbe neu zu verteilen, den Gefangenen zu sagen: Kommt heraus!, und denen, die in der Finsternis sind: Kommt ans Licht!“ (Vers 8-9)

Dienstag, 25.09.

Zwei lange Arbeitstage liegen hinter mir. Ein Tag am Computer: Abgabetermine bei Layoutern und Verlagen stehen ins Haus, die Entwürfe dafür müssen fertig werden. Ein zweiter Tag im Sitzungsraum des Gemeindejugendwerks: Mit befreundeten Kollegen und Kolleginnen aus ganz Europa bereite ich eine internationale Konferenz vor, die Anfang Januar in Prag stattfinden wird.
Jesaja 49 nehme ich mir erst am Abend im Zug wieder vor, auf dem Weg zum Kloster Volkenroda in Thüringen, wo ich die kommenden beiden Tage mit dem nächsten Sitzungsblock verbringen werde.
Zwei Schritte der Predigtvorbereitung kommen mir in den Sinn, die wir Anfang der 90er im Hauptseminar „Predigtlehre“ in Heidelberg durchgekaut haben: „Textmeditation“ auf der einen und „Gemeindemeditation“ auf der anderen Seite.
Was sagt der Text? Was ist seine ureigene Botschaft, seine Aussageabsicht in der Zeit, in der er entstanden ist, und in der Situation, in die er hineingesprochen wurde?
Und wer sind heute die Adressaten dieses Textes, die Menschen, denen ich am Sonntagmorgen gegenüber stehe, um ihnen diesen Text über den garstigen Graben einer 3.000jährigen Geschichte hinweg nahezubringen. Ich beschließe, diesmal mit der „Gemeindemeditation“ zu beginnen.
Mir gegenüber im Zug sitzen zwei junge Leute aus Karlsruhe, die anscheinend zu Bewerbungsgesprächen in Berlin waren. Schicker Anzug, schwarzes Kostüm. Müde sehen sie aus. Und sie schwanken zwischen Zuversicht und Sorge, ob ihre Bewerbung Erfolg haben wird oder nicht.
Dann erzählen sie einander von ihren Prüfungsängsten und wie sie sich auf die Bewerbungssituation vorbereitet haben. Und ich frage mich, was ihr wohl am Sonntag mitbringt in diesen Gottesdienst. Erfolge oder Misserfolge? Großes Glück oder tiefe Traurigkeit? Mut und Zuversicht oder Angst und Zweifel? Die beiden Seiten der Medaille unseres Lebens, die ich auch in Jesaja 49 finde:

„Vergeblich habe ich mich bemüht, habe meine Kraft umsonst und nutzlos vertan. Aber mein Recht liegt beim Herrn und mein Lohn bei meinem Gott.“ (Vers 4)

Könnte das die Schnittstelle sein, an der dieser 3.000 Jahre alte Text und unser Leben sich treffen und etwas Gutes entsteht? Dass wir einmal mehr hören, dass in unserem Leben nicht die eigenen Ohnmachtserfahrungen das letzte Wort haben sollen, sondern die Erfahrung der Gegenwart und Zuneigung Gottes?
Mit diesem Gedanken im Kopf lese ich noch einmal den Anfang des Textes:

„Hört auf mich, ihr Inseln, merkt auf, ihr Völker in der Ferne! Der Herr hat mich schon im Mutterleib berufen; als ich noch im Schoß meiner Mutter war, hat er meinen Namen genannt. Er machte meinen Mund zu einem scharfen Schwert, er verbarg mich im Schatten seiner Hand. Er machte mich zum spitzen Pfeil und steckte mich in seinen Köcher. Er sagte zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, an dem ich meine Herrlichkeit zeigen will.“ (Vers 1-3)

Diesen Gedanken will ich mitnehmen für mich und dann auch weitergeben: Schon vor allem, was ich tun und leisten kann, hat Gott mich angeschaut und mich bei meinem Namen genannt. Schon lange, bevor ich irgendetwas tun konnte – für mich selbst, für andere Menschen oder für ihn –, hat Gott etwas für mich getan, hat er mich berufen, mich herausgerufen aus der Masse der Menschen, mich zu dem „Individuum“ gemacht, das ich heute bin, und an dem er seine Herrlichkeit zeigen will.
Individuum – das Unteilbare, das Ganze. Alle Facetten meiner Persönlichkeit von Gott gewollt, geschaffen und geliebt. Ein scharfes Schwert oder ein spitzer Pfeil möchte ich nicht so gerne sein. Diese Bilder sind mir zu martialisch und gewalttätig. Aber jemand zu sein, an dem andere Menschen etwas von der Herrlichkeit Gottes erkennen können, das wäre schon schön, oder!?
„Verehrte Fahrgäste, in wenigen Minuten erreichen wir Göttingen.“ – Die Durchsage der Zugbegleiterin reißt mich aus meinen Gedanken. In Göttingen muss ich umsteigen. Schnell die Predigtdatei sichern, den Rechner ausschalten und meine Sachen packen!
Von den beiden jungen Leuten aus Karlsruhe verabschiede ich mich mit einem „Viel Glück für Ihre Bewerbungen!“ Sie schauen mich überrascht, aber freundlich an. „Vielen Dank!“ sagen sie.
Ob ihnen der Gedanke, dass auch sie – ganz unabhängig von Erfolg und Leistung – von Gott geschaffene, geliebte und berufene Menschen sind, die Zukunftsangst nehmen und die Sorge mindern könnte?

Freitag, 28.09.
Nach drei weiteren anstrengenden Sitzungstagen komme ich auf meine Predigtvorbereitung zurück. Ich suche im Internet nach Bildern zum Stichwort „Gottesknecht“ – und stoße auf einige Kreuzigungsbilder von Marc Chagall (1887-1985). Zwischen 1909 und seinem Tod im Jahre 1989 malte dieser berühmte jüdische Maler eine große Anzahl solcher Bilder. Darstellungen anderer neutestamentlicher Szenen sind bei ihm, dem Juden, hingegen nur spärlich vertreten. Die Gestalt Jesu, des leidenden Gottesknechts, muss eine besondere Faszination ausgeübt haben auf ihn!

Eins seiner ersten Kreuzigungsbilder stammt aus dem Jahr 1912:

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Marc Chagall, Christus gewidmet (1912) (Ausschnitt)

In einer grünen Aureole, einem Lichtkranz, einem Heiligenschein hängt an einem angedeuteten Kreuzesbalken eine kindliche Gestalt. Unter dem Kreuz stehen eine übergroße männliche und eine kleinere weibliche Figur, von manchen als die Eltern Jesu, Josef und Maria, gedeutet. Beide sind eingebettet in das Grün des Erdbodens, und ihre Gewänder sind verziert mit Blumen und Weinranken, so dass sie einen pflanzenähnlichen Charakter haben. Diese Gestalten sind verwurzelt in der Erde. Ihnen gegenüber erglänzt Jesus in übernatürlichem Blau. Er ist der zentrale Blick- und Schwerpunkt des Bildes. Und der Titel „Christus gewidmet“, unter dem das Bild 1913 ausgestellt wurde, betont dies noch.
Zu diesem Bild sagte Marc Chagall: „In der genauen Bedeutung gab es da kein Kreuz, sondern ein blaues Kind in der Luft. Das Kreuz interessierte mich weniger ...“
Jesus erscheint hier – obwohl oder vielleicht auch weil er leidet und sein Leiden annimmt – voll kindlicher Unschuld und jugendlicher Kraft. Und das Kreuz mit all seinem Grün erinnert an den Baum des Lebens, den wir aus der Paradiesgeschichte der Bibel kennen.
Und dann ist da noch Charon, der Fährmann aus der griechischen Mythologie, der die Toten über den Totenfluss setzt, damit sie ins Reich des Todesgottes Hades gelangen können – vielleicht eine Anspielung auf das, was wir als Christen von Christus glauben: dass er uns ein Leben in Fülle schenkt, das auch den Tod überdauert.
Das Leiden des Gottesknechtes – hier ist es eingebettet in den ganz normalen Lauf des Lebens, in den Rhythmus von Werden und Vergehen. Wie gut zu wissen, dass Jesus in all dem bei uns ist, vom Anfang bis zum Ende und darüber hinaus!

Erst 25 Jahre später wendet sich Marc Chagall erneut dem Motiv des leidenden Gottesknechts zu:
Eines seiner bekanntesten und am häufigsten kommentierten Bilder hierzu ist „Die weiße Kreuzigung“ von 1938.

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Marc Chagall, Die weiße Kreuzigung (1938)

Das Bild zeigt den gekreuzigten Christus vor einem hellen Hintergrund, in den einzelne Bildszenen wie in einen Teppich eingewirkt sind. Es sind nicht die traditionellen Szenen aus der Passionsgeschichte, sondern grauenerregende und erschreckende Kriegsszenen der Gegenwart. Da setzt ein johlender Trupp Soldaten mit schreienden Frauen und Kindern im Boot über einen Fluss. Dort stürmt ein Haufen Soldaten über einen Hügel heran. Sie schwingen Waffen und zwei blutrote Fahnen, fast glaubt man, ihr Siegesgeschrei zu hören. Es bleibt unklar, ob hier angreifende, marodierende Truppen der deutschen Wehrmacht gemeint sind oder befreiende Soldaten der Roten Armee. Das Ergebnis mag das gleiche sein, denn die Ansiedlung davor ist verwüstet. Ein Mensch liegt verwundet, ein anderer erschlagen. Häuser brennen oder stehen kopf. Umgeworfene Grabsteine, ein Hund vor einem leeren Stuhl, aus den Angeln gerissene Türen – so verwüstet, so heimgesucht worden ist dieses Dorf.
Auf der gegenüberliegenden Bildseite hat ein Uniformierter die Synagoge angezündet. Er trägt eine knallrote Kopfbedeckung und eine weiße Armbinde – vielleicht ein Hinweis auf die „Reichskristallnacht“? Eine hohe, orangefarbene Feuerlohe schießt aus der Synagogentür. Vor der Treppe liegen, herausgezerrt und weggeworfen, sakrale Gegenstände. Auch ein umgestürzter Stuhl und heilige Bücher sind weit verstreut.
Im Vordergrund flüchten Menschen. Sie laufen nach rechts und nach links aus dem Bild. Sie drücken das ihnen Liebste fest an sich: Der Mann umschlingt die gerettete Thorarolle, die Frau presst ihr kleines Kind an ihr Herz. Rechts eilt ein Mann mit langem, grünem Kaftan davon. Er rettet seine Habseligkeiten in einem über den Rücken geworfenen Sack. Will er auch die brennende Thorarolle zu seinen Füßen retten?
Links unten, in der äußersten Bildecke Kopf und Oberkörper eines alten, bärtigen Mannes. Er wischt sich Tränen aus den Augen. Über ihm ein anderer Alter. Hilflos und desorientiert irrt er aus dem Inferno. Dieser Mann in hellblauem Gewand hat ein weißes Tuch um den Hals und auf der Brust hängen. Ursprünglich stand in deutscher Sprache darauf: „Ich bin ein Jude.“ Diese Inschrift löschte Chagall wieder. Das leere weiße Brusttuch erschien ihm Andeutung genug!
Im Zentrum des Bildes sehen wir den Gekreuzigten. Scheinbar unberührt von dem Chaos und der Verwüstung, scheinbar friedlich entschlafen. Die Füße gestützt und vom göttlichen Lichtstrahl gehalten bildet sein Körper eine Einheit mit dem weißen Kreuz. Ihm zu Füßen der wie mit einer Aura umgebene siebenarmige, ruhig brennende Tempelleuchter. Neben ihm die ans Kreuz gelehnte vergessene Leiter seiner Mörder.
Merkwürdig, dass alle Menschen im Bildvordergrund auf ihrer Flucht vom Kreuz weg streben. Keiner sucht Zuflucht und Trost beim Gekreuzigten.
Vielleicht ist das auch eure Erfahrung. Ich jedenfalls kenne sie nur zu gut. Gerade, wenn wir es am Nötigsten hätten, wenn in und um uns Chaos und Leid herrschen, fehlt oft die Kraft zu glauben und Hoffnung zu bewahren! Ich verstehe darum Chagalls „weiße Kreuzigung“ als eine Einladung, dieses „Dennoch des Glaubens“ trotzdem zu wagen! Gerade in Zeiten der Angst und Verzweiflung die Nähe des leidenden und mitleidenden Gottesknechtes zu suchen. In Jesus Christus steht Gott nicht unnahbar über unserem Leid, sondern ist an unserer Seite mitten im Leid und gibt uns Hoffnung. Vielleicht auch mit dem heutigen Predigttext:

Ich habe dich geschaffen und dazu bestimmt, der Bund zu sein für das Volk, aufzuhelfen dem Land und das verödete Erbe neu zu verteilen, den Gefangenen zu sagen: Kommt heraus!, und denen, die in der Finsternis sind: Kommt ans Licht! (Vers 8b-9)

Samstag, 29.09.
Ich sitze im Abschlussgottesdienst der jährlichen Ratstagung der Europäischen Baptistischen Föderation in Elstal. In diesem Gottesdienst gedenkt die versammelte Gemeinde der im vergangenen Jahr verstorbenen Menschen, zu denen sie eine besondere Beziehung hatte. Einige alte Pastoren sind darunter, nach einem langen, hoffentlich erfüllten und segensreichen Leben, mit 90 Jahren und mehr „heimgegangen“, wie man so schön sagt. Aber auch die vierjährige Tochter eines Pastors aus Osteuropa ist gestorben und eine 55jährige Missionarin, die in Jordanien ermordet wurde.
Ich denke an die beiden Kreuzigungsbilder von Chagall: Auf der einen Seite das ganz normale Leben: Werden und Vergehen, Wachsen und Verblühen – die ausgebreiteten Arme Jesu als Teil des Lebensbaums.
Und auf der anderen Seite der leidende Gottesknecht, der inmitten aller Angst und Verzweiflung, inmitten von Leid und Tod unter uns ist und mit weit ausgebreiteten Armen den Himmel offen hält für uns.
Ich wünsche mir und euch, dass wir Christus in beidem erfahren: in den guten wie in den schwierigen Zeiten, im ganz normalen Alltag wie in den besonderen Herausforderungen, die uns vielleicht begegnen, in aller Freude und in jedem Leid. Als Menschensohn und leidenden Gottesknecht, der uns liebt und uns nahe ist.

Amen

(c) Volkmar Hamp