"Vater unser im Himmel, dein Name werde geheiligt ..." (Matthäus 6,9-13)


Am heutigen Sonntag (19.4.2009) starten wir hier in der Baptistenkirche Wedding mit einer kleinen Predigtreihe über einen der bekanntesten Texte der Bibel: das Vaterunser. An sechs Sonntagen wollen wir uns mit diesem wichtigsten Gebet der Christenheit beschäftigen. An jedem dieser Sonntage soll ein anderer Aspekt im Mittelpunkt stehen.
Heute geht es schwerpunktmäßig um die erste Bitte: „Dein Name werde geheiligt.“ Doch es ist sicher sinnvoll, zunächst einmal das ganze Vaterunser in den Blick zu nehmen, da sich nur vom Blick auf das Ganze die Einzelheiten erschließen.


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Matthäus 6,9-13

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name,
dein Reich komme,
dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.


Lukas 11,2-4

Vater,
dein Name werde geheiligt,
dein Reich komme.

Unser tägliches Brot gib uns Tag für Tag.
Und vergib uns unsere Sünden;
denn auch wir vergeben allen, die an uns schuldig werden.
Und führe uns nicht in Versuchung.


Im Neuen Testament sind zwei Vaterunser-Fassungen überliefert: eine kurze in Lukas 11,2-4 und die längere und bekanntere Variante in der Bergpredigt Jesu in Matthäus 6,9-13. Beide Fassungen stehen in unterschiedlichen Kontexten:
In Lukas 11 bitten die Jünger Jesus, er möge sie lehren zu beten, „wie schon Johannes seine Jünger gelehrt hat“. Das Vaterunser ist hier also ein Erkennungszeichen derer, die zu Jesus gehören. Es verbindet sie miteinander und unterscheidet sie zugleich von den Mitgliedern anderer religiöser Gemeinschaften.
Gemeinschaften brauchen ja immer etwas, das sie verbindet. In religiösen Gemeinschaften sind dies unter anderem die gemeinsam gesprochenen Gebete. In ihnen verdichten sich Gotteserfahrungen und Inhalte des Glaubens.
Nicht ohne Grund sieht Tertullian, ein Theologe der alten Kirche, schon Anfang des 3. Jahrhunderts nach Christus im Vaterunser eine „Kurzfassung des ganzen Evangeliums“. Andere nennen es ein „Kompendium der himmlischen Lehre“ (Cyprian). Für Luther, in dessen Katechismen es einen besonders großen Raum einnimmt, gibt es kein besseres Gebet als dieses „Gebet für Kinder und einfache Menschen“. „Ich sauge an ihm wie ein Kind“, schreibt er in einer seiner Schriften, „trinke und esse wie ein alter Mensch, kann sein nicht satt werden“ (Eine einfältige Weise zu beten für einen guten Freund, WA 38, 364).
Im Matthäusevangelium ist der Zusammenhang, in dem Jesus seine Jünger das Vaterunser lehrt, ein anderer: Hier geht es um „wahre Frömmigkeit“. Darum, dass sich die Jünger Jesu beim Beten nicht – wie die frommen Heuchler ihrer Zeit – in die Synagogen und an die Straßenecken stellen sollen, damit auch alle sehen, wie fromm sie sind.
Nein, wahre Frömmigkeit, sagt Jesus, ist etwas, das in die „Kammer“, in die eigenen vier Wände gehört, in die Zwiesprache zwischen Mensch und Gott: „Wenn ihr betet“, sagt er, bevor er seine Jünger das Vaterunser lehrt, „dann sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen. Macht es nicht, wie sie; denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet.“ (Matthäus 6,7-8)
Wenn das stimmt – wenn unser Vater im Himmel weiß, was wir brauchen, noch ehe wir ihn bitten – warum sollen wir dann überhaupt noch beten? Offensichtlich nicht, weil Gott es nötig hätte, sondern weil wir es brauchen! Das Vaterunser hilft uns, unser Leben und unseren Glauben im Licht Gottes zu reflektieren. Das Vaterunser erinnert uns daran, worum es wirklich geht im Leben. Und es hilft uns, die Prioritäten für unser Leben und in unserem Glauben richtig zu setzen.


Darum, sagt Jesus, sollt ihr so bitten:

„Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name,
dein Reich komme,
dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“


Der Aufbau dieses Gebetes ist so schlicht wie einprägsam: Auf die Anrede („Unser Vater im Himmel“) folgen drei Bitten in Du-Form („Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe.“). Daran schließen sich drei Bitten in Wir-Form an (um das tägliche Brot, Vergebung der Schuld und Bewahrung vor dem Bösen). Den Schluss bilden ein kurzer Lobpreis („Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit!“) und das abschließende „Amen“.
Der Vergleich der beiden Vaterunser-Fassungen im Matthäus-Evangelium und im Lukas-Evangelium und ein Blick in die Überlieferungsgeschichte des griechischen Textes zeigen aber schnell, dass auch dieser Text – wie viele andere Texte der Bibel auch – seine Geschichte hat. Das ist schon erstaunlich, wie wenig ängstlich und gesetzlich die ersten Christen mit den Worten ihres Herrn umgegangen sind! Selbst ein so zentraler Text wie das Vaterunser ist relativ frei umgestaltet, dem jeweiligen Sprachgebrauch angepasst und ergänzt worden. „Heilige Texte“ in dem Sinne, dass sie buchstäblich wiederholt und bewahrt werden müssten, gab es für die ersten Christen offensichtlich nicht. Auch das Vaterunser ist kein solcher Text. Es ist eine Hilfe zum Beten, ein Leitfaden, an dem entlang man beten darf, ohne sklavisch an den einen oder anderen Wortlaut gebunden zu sein.
Bei Lukas zum Beispiel lautet die Anrede schlicht und einfach „Vater“, während sie bei Matthäus wörtlich „Unser Vater, der du in den Himmeln bist“ heißt. Die dritte Bitte und der zweite Teil der sechsten Bitte fehlen bei Lukas ganz. Ebenso der Schluss. Die vierte und die fünfte Bitte unterscheiden sich in Details.
Wie lassen sich diese Unterschiede erklären? Muss man sie überhaupt erklären? Manche Ausleger versuchen, eine „Urfassung“ des Vaterunsers zu rekonstruieren. Andere meinen, der erste Teil – die „Du-Bitten“ – seien ursprünglich das Gebet Jesu gewesen, der zweite Teil – die „Wir-Bitten“ – hingegen das Gebet, das er seine Jünger gelehrt hat (Philonenko). Ich finde solche Überlegungen interessant, aber nur insofern wichtig, als sie mich einladen, ganz genau hinzuschauen, was da eigentlich steht – und wie es gemeint sein könnte.


Schauen wir also genauer hin:

„Unser Vater im Himmel. Dein Name werde geheiligt.“

Zunächst die Anrede: „Vater“. Vermutlich hat Lukas hier den ursprünglichen Wortlaut bewahrt. Wie kaum ein anderer vor oder nach ihm, fasst Jesus in diesem einen Wort zusammen, worum es in der Beziehung zwischen Gott und Mensch geht.
Dass wir entdecken: Gott ist nicht eine abstrakte Macht, kein „höheres Wesen“, das sich einen Dreck darum schert, was aus seiner Welt und den von ihm geschaffenen Menschen wird. Er ist wie ein liebender Vater, der sich um seine Kinder sorgt und kümmert. Vielleicht ist das die wichtigste Entdeckung, die Jesus gemacht und uns weitergegeben hat: dass wir zu Gott „Vater“ sagen dürfen.
Und Jesus, der nicht Griechisch, sondern Aramäisch sprach, benutzte, wenn er das tat, den Ausdruck „Abba“. Dieses Wort wird im Aramäischen als Anrede von kleinen und erwachsenen Kindern an ihre Väter – oder auch als respektvolle Anrede älteren Männern gegenüber – gebraucht. Es ist „das Herzstück des Gottesverhältnisses Jesu“. Jesus hat „mit Gott geredet wie ein Kind mit seinem Vater: vertrauensvoll und geborgen und zugleich ehrerbietig und bereit zum Gehorsam“ (Joachim Jeremias).

Wie redet ihr eure Eltern an? Oder – wenn sie nicht mehr leben – wie habt ihr sie angeredet? Sagt ihr „Vater“ und „Mutter“? Ich nicht! Ich sage „Mutti“ und „Vati“. Und ich kenne andere, die sagen „Mama“ und „Papa“ oder „Mami“ und „Papi“.
Wenn wir unsere leiblichen Eltern mit diesen liebevollen Kosenamen anreden, dann ist das kein Ausdruck mangelnden Respekts. Es ist Ausdruck dessen, dass das entscheidend Wichtige in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern nicht Unterordnung und Respekt, sondern gegenseitige Liebe ist.
Und das gilt auch für unsere Beziehung zu Gott! Entscheidend wichtig ist, dass wir Gott erleben als jemanden, der uns ohne Vorbehalt und grenzenlos liebt: eben so wie das – im Idealfall – unsere Väter und Mütter tun.
Jesus hat Gott so erlebt. Am Anfang seines Wirkens, lesen wir in den Evangelien, ließ er sich von Johannes im Jordan taufen. „Und als er aus dem Wasser stieg,“ heißt es zum Beispiel bei Markus, „sah er, dass der Himmel sich öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.“ (Markus 1,10-11)

„Du bist mein geliebter Sohn!“ – das ist das Erste und Wichtigste, was Jesus von Gott hört! Seine ganze Gottesbeziehung ist von dieser Erfahrung geprägt. Er weiß: Ich bin ein von Gott geliebtes Kind. Ich darf „Vater“ zu Gott sagen.
Und er weiß ganz sicher auch, dass sich damit eine uralte Verheißung erfüllt: die Zusage Gottes, den Messias zu senden und sein Reich aufzurichten. Wie sollte Jesus, wenn Gott ihn seinen „geliebten Sohn“ nennt, nicht an Psalm 89 gedacht haben:

„Er wird zu mir sagen: Du bist mein Vater, mein Gott und Hort, der mir hilft.
Und ich will ihn zum erstgeborenen Sohn machen,
zum Höchsten unter den Königen auf Erden.
Ich will ihm ewiglich bewahren meine Gnade,
und mein Bund soll ihm fest bleiben.
Ich will ihm ewiglich Nachkommen geben
und seinen Thron erhalten, solange der Himmel währt.“ (Psalm 89,27-30)

Das Selbstverständnis Jesu, seine Botschaft vom anbrechenden Gottesreich, sein ganzes Leben und Lehren gründen in dem Bewusstsein: In mir erfüllt sich diese uralte Verheißung! Ich bin Gottes geliebter Sohn, sein Erstgeborener. Mit mir bricht die Königsherrschaft Gottes an. Alles wird gut!

„Alles wird gut! Das Reich Gottes kommt! Es hat schon angefangen!“ Das ist das Evangelium, die gute Nachricht, die Jesus verkündigt und die darin ihren Ursprung hat, dass er – und wir durch ihn – „Vater“ zu Gott sagen dürfen.
Ist das nicht – im wahrsten Sinne des Wortes – „un-glaublich“? Wie sollen wir das glauben können, dass Gott wie ein Vater ist, der uns liebt? Wie sollen wir das glauben angesichts der täglichen Katastrophenmeldungen in den Nachrichten? Wie sollen wir das glauben, wenn wir an die vielen kleinen und großen Katastrophen in unserem eigenen Leben denken?

Diesen Glauben durchzuhalten, ist auch Jesus nicht leicht gefallen! Seinem ganz persönlichen „Vaterunser“ im Garten Gethsemane ist das abzuspüren: „Abba, Vater, dir ist alles möglich. Nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht, was ich will, sondern, was du willst (soll geschehen).“ (Markus 14,36)
Und dann geschieht, was Gott will? Der Messias wird gekreuzigt? Der Sohn Gottes stirbt am Kreuz – und der Vater schaut tatenlos zu dabei?
Kein Wunder, dass selbst Jesus der Glaube an Gott, den Vater, hier abhanden zu kommen scheint. Glaubt man dem Markusevangelium, waren seine letzten Worte am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“(Markus 15,34) – die einzige Stelle im Neuen Testament, an der Jesus Gott nicht mit „Vater“ anredet!

Vielleicht kennt auch ihr Situationen, in denen ihr Gott nicht als liebenden Vater erlebt. Momente, in denen euch der Glaube an Gott überhaupt abhanden zu kommen droht. Da seid ihr in guter Gesellschaft. Jesus erging es nicht anders!
Aber wir kommen gerade von Ostern her! Und Ostern heißt: Das „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ bleibt nicht das letzte Wort in der Geschichte Gottes mit seinem Sohn. Gott überlässt Jesus nicht dem Tod.
„Er ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!“ Das ist die Antwort Gottes auf die Gottverlassenheit Jesu! Und das ist der Grund, warum ich glaube, dass auch in meinem Leben nicht Leid und Tod das letzte Wort haben werden, sondern Gott, der nun auch zu mir und zu dir sagt: „Du bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter! An dir habe ich Gefallen gefunden!“
So wird aus der ursprünglichen „Vaterunser“-Anrede in der Gemeinde des Matthäus dann auch das „Vater unser im Himmel“, das wir so gut kennen. Wir können es mitbeten, weil durch den Tod Jesu am Kreuz und seine Auferstehung auch wir „Vater“ zu Gott sagen dürfen! Weil Jesus unser Bruder und wir Menschenkinder Gotteskinder geworden sind – und dadurch Geschwister, die miteinander und mit Jesus unterwegs sind zu ihrem Vater im Himmel.

Und dieser „Vater im Himmel“ ist kein namenloser Gott! Er hat seinen Namen und damit zugleich sein Wesen offenbart. Seit Mose wissen wir, wie er heißt: „Jahwe“. Das bedeutet: „Ich bin für dich da!“ Das ist sein Name! Und seit Ostern ist klar: Das stimmt tatsächlich! Gott ist wirklich für uns da – durch alle Krisen in unserem Leben hindurch. Selbst über den Tod hinaus!

„Ich bin für dich da!“ – Wenn das der Name Gottes ist, was bedeutet dann die erste „Vaterunser“-Bitte: „Geheiligt werde dein Name“?


Dazu drei Gedanken:


Der erste:
Für den antiken Menschen bedeutete der Name weit mehr als für uns heute! Der Name steht für die ganze Person. Den Namen eines Menschen (oder Gottes) zu kennen, das hieß Macht über ihn zu haben.
Wer den Namen eines Feindes wusste, der konnte diesen Feind vernichten, zum Beispiel, indem er seinen Namen auf eine Tontafel schrieb und diese durchbohrte. Der Name Gottes, zusammen mit einem Fluch auf ein Papier geschrieben und ins Wasser getaucht, konnte eine schuldige Frau, die dieses Wasser trank, in Krankheit und Elend bringen (4. Mose 5,21-24).
Als aufgeklärte Westeuropäer glauben wir heute nicht mehr an solche „Namenszauber“. Unsere Märchen (z.B. „Rumpelstilzchen“) erinnern uns aber daran, dass die Zeiten, in denen derartige Praktiken auch hier gang und gebe waren, gar nicht so weit zurückliegen. Und wer heute nach Afrika, Asien oder Südamerika reist, wird feststellen, dass solche Dinge dort noch längst nicht der Vergangenheit angehören!
Den Namen eines Menschen (oder Gottes) zu kennen, bedeutet also Macht über hin zu gewinnen. Wenn Gott sich uns namentlich vorstellt – als liebender Vater, als jemand, der für uns da ist – dann begibt er sich damit in unsere Gewalt. Er legt sein Schicksal in unsere Hände. Er macht sich angreifbar. Er wird handhabbar, benutzbar durch uns! Wir können Gott und unser Wissen um ihn missbrauchen: um uns selbst zu betrügen, um uns Vorteile auf Kosten anderer zu verschaffen, um unsere Machtgelüste zu befriedigen, um andere Menschen zu manipulieren und zu missbrauchen. Dies geschieht immer dann, wenn wir eigene Wünsche und Vorstellungen mit „göttlicher Autorität“ versehen und dabei uns selbst oder anderen schaden. Manches, was als besonders „biblisch“ oder „geistlich“ daherkommt, entpuppt sich so bei näherem Hinsehen als „Gotteslästerung“ – als „Blasphemie“. Denn nichts anderes bedeutet dieses Wort als „Missbrauch des Heiligen zum Schaden anderer“.
So erinnert die erste „Vaterunser“-Bitte im Kontext der Bibel und des antiken Judentums zunächst einmal an die zehn Gebote aus dem Alten Testament: Auch hier stellt Gott sich namentlich vor: „Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft geführt hat.“ (2. Mose 20,2)
Dann folgen die „zehn großen Freiheiten“, die aus dieser Befreiungstat Gottes für das Volk Israel resultieren und die zugleich zehn große Gefahren markieren, in denen sich diejenigen befinden, die ihre neu gewonnene Freiheit nicht dazu nutzen, nun auch andere in Freiheit zu setzen. Eine dieser Gefahren ist, den Namen Gottes zu missbrauchen. Darum lautet das dritte Gebot: „Wer die Befreiung durch Gott erlebt hat, wird den Namen Gottes nicht missbrauchen!“ (Exodus 20,7). Ins Positive gewendet und als Gebet formuliert, heißt das nichts anderes als: „Geheiligt werde dein Name!“

Der zweite Gedanke:
Ein Jude, der damals diesen Satz gehört hat, wird unweigerlich an andere jüdische Gebete erinnert worden sein, in denen die Heiligung des Gottesnamens eine Rolle spielt: Zum Beispiel an das Achtzehnbittengebet, in dessen dritter Bitte es heißt: „Du bist heilig und dein Name ist heilig!“ Oder an die erste Bitte des Qaddisch-Gebetes, das am Schluss des Synagogengottesdienstes und oft auch am Ende anderer Gebete gesprochen wurde: „Verherrlicht und geheiligt werde sein Name in der Welt, die er nach seinem Willen geschaffen hat!“
Die Bitte um die Heiligung des Gottesnamens hat also ihre Wurzeln im Alten Testament und im Judentum. Spätestens seit Jesaja ist „der Heilige“ einer der Namen Gottes. Sein Name soll durch das Volk Gottes geheiligt werden, wird aber gerade von ihm immer wieder entweiht. So muss Gott selbst eingreifen und seinen von den Menschen geschändeten Namen wieder heiligen.
Die Heiligung seines Namens ist also zunächst einmal Gottes Werk: Gott heiligt seinen Namen! Er selbst sorgt dafür, dass sein Name nicht missbraucht wird! Im Griechischen wird dies durch eine besondere Sprachform ausgedrückt, die man „göttliches“ oder „ehrerbietiges“ Passiv genannt hat. Schon die Rede vom „Namen Gottes“ ist ja eine Umschreibung, um den Gottesnamen selbst nicht aussprechen zu müssen. Genauso ist das passiv formulierte „Geheiligt werde dein Name!“ eine Umschreibung für eine Bitte, in der Gott das eigentliche Subjekt ist: „Heilige Deinen Namen!“
Die Heiligung seines Namens ist zuallererst das Werk Gottes selbst. Die griechische Verbform, die hier steht, drückt darüber hinaus ein einmaliges Geschehen aus. Es ist also die Bitte um die endgültige Erfüllung der Verheißung, dass Gott irgendwann einmal alles in allem sein und sein Reich aufrichten wird (1. Korinther 15,28).
Dasselbe gilt übrigens auch für die zweite und dritte „Vaterunser“-Bitte, die auf die gleiche Weise konstruiert sind: Gott heiligt seinen Namen! Gott führt sein Reich herbei! Gott sorgt dafür, dass sein Wille geschieht! Und auch wenn das in unseren Ohren wie „Zukunftsmusik“ klingt, es ist die Zukunft, die auf uns zukommt! Das ist mal sicher!

Und ein dritter Gedanke:
So sehr die Heiligung seines Namens, das Kommen seines Reiches, die Durchsetzung seines Willens letztlich Gottes Sache sind – so sehr beinhalten und eröffnen sie Raum für das Handeln des Menschen, für unser Handeln: Wenn Gott seinen Namen heiligt, dann werden wir ihn nicht missbrauchen für unsere eigenen Zwecke! Wenn Gott sein Reich baut, dann tun wir gut daran, uns dem nicht in den Weg zu stellen, sondern daran mitzubauen! Wenn Gott dafür sorgt, dass sein Wille geschieht, dann ist es unsere Aufgabe, diesen Willen so gut wie möglich zu erkennen und umzusetzen.
Das „Vaterunser“ kann uns dabei eine Hilfe sein: Mit seiner Bitte um tägliches Brot, nicht um Gewinnmaximierung. Mit seiner Bitte um Vergebung der Schuld – auch für die, die an uns schuldig geworden sind. Mit seiner Bitte, Gut und Böse unterscheiden und der Versuchung, das Böse zu wählen, widerstehen zu können.
Nicht aus eigener Kraft, sondern weil Gott sein Reich baut! Weil wir aus seiner Kraft leben und seine Herrlichkeit unser Leben herrlich macht. Amen.


(c) Volkmar Hamp