Wahrhaftig, Gott ist bei euch! 1. Korinther 14,1-25

1 Jagt der Liebe nach! Strebt aber auch nach den Geistesgaben, vor allem nach der prophetischen Rede! 2 Denn wer in Zungen redet, redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; keiner versteht ihn: Im Geist redet er geheimnisvolle Dinge. 3 Wer aber prophetisch redet, redet zu Menschen: Er baut auf, ermutigt, spendet Trost. 4 Wer in Zungen redet, erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, baut die Gemeinde auf. 5 Ich wünschte, ihr alle würdet in Zungen reden, weit mehr aber, ihr würdet prophetisch reden. Der Prophet steht höher als der, der in Zungen redet, es sei denn, dieser legt sein Reden aus; dann baut auch er die Gemeinde auf. 6 Was nützt es euch, Brüder, wenn ich komme und in Zungen vor euch rede, euch aber keine Offenbarung, keine Erkenntnis, keine Weissagung, keine Lehre bringe? 7 Wenn leblose Musikinstrumente, eine Flöte oder eine Harfe, nicht deutlich unterschiedene Töne hervorbringen, wie soll man dann erkennen, was auf der Flöte oder auf der Harfe gespielt wird? 8 Und wenn die Trompete unklare Töne hervorbringt, wer wird dann zu den Waffen greifen? 9 So ist es auch mit euch, wenn ihr in Zungen redet, aber kein verständliches Wort hervorbringt. Wer soll dann das Gesprochene verstehen? Ihr redet nur in den Wind. 10 Es gibt wer weiß wie viele Sprachen in der Welt und nichts ist ohne Sprache. 11 Wenn ich nun den Sinn der Laute nicht kenne, bin ich für den Sprecher ein Fremder, wie der Sprecher für mich. 12 So ist es auch mit euch. Da ihr nach Geistesgaben strebt, gebt euch Mühe, dass ihr damit vor allem zum Aufbau der Gemeinde beitragt. 13 Deswegen soll einer, der in Zungen redet, darum beten, dass er es auch auslegen kann. 14 Denn wenn ich nur in Zungen bete, betet zwar mein Geist, aber mein Verstand bleibt unfruchtbar. 15 Was folgt daraus? Ich will nicht nur im Geist beten sondern auch mit dem Verstand. Ich will nicht nur im Geist Gott preisen sondern auch mit dem Verstand. 16 Wenn du nur im Geist den Lobpreis sprichst und ein Unkundiger anwesend ist, so kann er zu deinem Dankgebet das Amen nicht sagen; denn er versteht nicht, was du sagst. 17 Dein Dankgebet mag noch so gut sein, der andere hat keinen Nutzen davon. 18 Ich danke Gott, dass ich mehr als ihr alle in Zungen rede. 19 Doch vor der Gemeinde will ich lieber fünf Worte mit Verstand reden, um auch andere zu unterweisen, als zehntausend Worte in Zungen stammeln. 20 Seid doch nicht Kinder an Einsicht, Brüder! Seid Unmündige an Bosheit, an Einsicht aber seid reife Menschen! 21 Im Gesetz steht: Durch Leute, die anders und in anderen Sprachen reden, werde ich zu diesem Volk sprechen; aber auch so werden sie nicht auf mich hören, spricht der Herr. 22 So ist Zungenreden ein Zeichen nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen, prophetisches Reden aber ein Zeichen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Glaubenden. 23 Wenn also die ganze Gemeinde sich versammelt und alle in Zungen reden und es kommen Unkundige oder Ungläubige hinzu, werden sie dann nicht sagen: Ihr seid verrückt! 24 Wenn aber alle prophetisch reden und ein Ungläubiger oder Unkundiger kommt herein, dann wird ihm von allen ins Gewissen geredet und er fühlt sich von allen ins Verhör genommen; 25 was in seinem Herzen verborgen ist, wird aufgedeckt. Und so wird er sich niederwerfen, Gott anbeten und ausrufen: Wahrhaftig, Gott ist bei euch!


Liebe Geschwister, liebe Freunde,

wäre das nicht schön: Da kommt ein Gast, ein Fremder, ein in Glaubensdingen „Unkundiger“, ein „Ungläubiger“ gar, jemand, der mit Gott und Jesus und der Kirche nichts am Hut hat, in unseren Gottesdienst und spürt: „Hier ist Gott!“ Er muss sich ja nicht gleich niederwerfen und anbeten, aber wenn er nach dem Gottesdienst sagen würde: „Wahrhaftig, Gott ist bei euch!“, das wäre schon schön, oder?
Dafür machen wir das alles hier doch. Dafür begehen wir den Sonntag nicht nur als arbeitsfreien Tag, sondern als einen Tag, an dem wir miteinander Gottesdienst feiern. Weil wir uns selbst und anderen diese Erfahrung wünschen: „Gott ist bei euch!“
Und das womöglich nicht nur sonntags im Gottesdienst sondern immer. Auch von Montag bis Freitag, wenn ihr arbeiten müsst. Auch am Samstag, wenn ihr einkaufen geht, in der Sonne liegt oder im Stadion seid. An den guten wie an den schlechten Tagen: „Gott ist bei euch!“
Dass wir selbst und andere das glauben können, dafür feiern wir Sonntag für Sonntag Gottesdienst. Denn Gottesdienst feiern heißt nicht, dass wir Gott dienen, sondern dass Gott uns dient. Dass er uns durch das, was im Gottesdienst geschieht, aufbaut, ermutigt, tröstet.
In Korinth, so scheint es, ist das aus dem Blick geraten. Da hat sich ein anderes Verständnis von Gottesdienst eingeschlichen. Da wurde der Gottesdienst und das, was im Gottesdienst geschah, zum Gradmesser für die Frömmigkeit derer, die an diesem Gottesdienst teilnahmen. Wie geistlich, wie fromm, wie nah dran an Gott waren die?
Und zum Kriterium für den Frömmigkeitsgrad der Gottesdienstbesucher wurden bestimmte „Geistesgaben“ gemacht, vor allem die sogenannte „Glossolalie“ oder „Zungenrede“, das Gebet in einer besonderen, anderen Menschen und meistens auch dem Betenden selbst unbekannten Sprache. Wer da nicht mithalten konnte, wer diese Gabe nicht hatte, galt schnell als weniger geistlich, weniger geistbegabt, weniger von Gott gesegnet als die anderen.
Darüber, was es mit dieser „Zungenrede“ auf sich hat, wie sie funktioniert, wie sie theologisch zu verstehen und einzuordnen ist, streiten sich bis heute die Geister. In pfingstlerischen Kreisen und in der charismatischen Bewegung spielt sie nach wie vor eine wichtige Rolle. In traditionellen Baptistengemeinden – und was das angeht, sind wir hier in der Baptistenkirche Wedding wohl eher traditionell – steht man diesem Phänomen eines enthusiastischen Christentums eher skeptisch gegenüber.
Aber darauf kommt es eigentlich gar nicht an, weshalb ich das an dieser Stelle auch nicht vertiefen will. Die Zungenrede ist ja für Paulus nur ein Beispiel dafür, was Gottesdienst, was Gemeinde in seinen Augen nicht sein soll: eine Insiderveranstaltung der Frommen, in der sie sich selbst und ihren Glauben feiern. Käme ein Außenstehender in eine solche Veranstaltung – so Paulus – dann müsse er doch denken: Die sind verrückt! Und das wäre fatal.
Dabei hätte der gar nicht mal so Unrecht! In gewissem Sinne sind wir für Paulus ja „Ver-rückte“. Heraus gerückt aus dem Machtbereich der Sünde und des Todes. Und hinein gerückt in die Gegenwart Gottes und des neuen Lebens, das er schenkt. Oder wie der Evangelist Johannes es ausdrücken würde: „ver-rückt“ aus der Finsternis ins Licht, aus dem Tod ins Leben.
Aber dieses „Verrückt-sein“ ist Paulus eben so wichtig, so zentral, so lebensnotwendig, dass er peinlich genau darauf achtet, dass die Botschaft davon, die er sein „Evangelium“, seine „gute Nachricht“ nennt, nicht vernebelt, verschleiert oder zum Insiderwissen einer religiösen Elite gemacht wird.
Darum stellt er der unverständlichen Zungenrede die klare prophetische Rede als größere und wichtigere Geistesgabe entgegen. Und „prophetische Rede“ meint in diesem Zusammenhang nicht zu wissen, ob am 21.12.2012 nun die Welt untergeht, weil der Mayakalender da endet, oder ob wir Christen aus den apokalyptischen Büchern der Bibel einen anderen Fahrplan dafür errechnen können. Prophetische Rede meint nichts anderes als das Evangelium, die gute Nachricht vom „Verrückt-sein durch Gott“, so weiterzusagen, dass auch andere sich von Gott zurechtrücken lassen!
Zugegeben, bei Paulus klingt das auf den ersten Blick ein bisschen nach „geistlicher Gehirnwäsche“:

„24 Wenn alle prophetisch reden und ein Ungläubiger oder Unkundiger kommt herein, dann wird ihm von allen ins Gewissen geredet und er fühlt sich von allen ins Verhör genommen; 25 was in seinem Herzen verborgen ist, wird aufgedeckt. Und so wird er sich niederwerfen, Gott anbeten und ausrufen: Wahrhaftig, Gott ist bei euch!“

Ich hoffe sehr, dass niemand von euch uns hier im Wedding so erlebt hat, wie diese Verse vordergründig klingen. Und dass niemand, der zum ersten Mal bei uns herein schaut, uns jemals so erlebt. Aber ich glaube auch, dass wir Paulus gründlich missverstanden hätten, wenn wir aufgrund dieser Verse prophetisches Reden als gemeindeinternen Nachrichtendienst verstehen würden, der anderen Menschen ihre Verfehlungen vorhält und sie so zur Umkehr treibt.
Es geht um etwas ganz anderes: Der prophetische Auftrag der Gemeinde ist zwar, das Vordergründige zu durchschauen und durchschaubar zu machen, aber nicht – oder zumindest nicht in erster Linie – auf verborgene Sünden oder moralisches Fehlverhalten einzelner hin, sondern auf die hinter allem Vordergründigen verborgene Gegenwart und Wirklichkeit Gottes hin.
Darum fällt der „ins Herz getroffene Mensch“ in diesem Text auch nicht nieder, um vor dem Forum der Gemeinde ein Schuldbekenntnis abzulegen, sondern um Gott anzubeten und zu bekennen: „Hier habe ich die Gegenwart Gottes gespürt!“ Das ist das Entscheidende! Spüren Menschen in unserer Gegenwart die Gegenwart Gottes? Lassen sich Menschen in unseren Gottesdienst von Gott dienen? Begegnen Menschen, wenn sie uns begegnen, der Liebe und Fürsorglichkeit ihres Schöpfers?

Wie kann das gelingen? Wie wird Gott in einer Gemeinde – auch hier bei uns im Wedding – so spürbar, dass Menschen sagen: „Wahrhaftig, Gott ist bei euch!“?
Auch diese Frage beantwortet der Apostel Paulus. Er nennt dafür vier Kriterien.
Das erste (und wichtigste): die Liebe. „Jagt der Liebe nach!“ Das sind die ersten Worte im 14. Kapitel des 1. Korintherbriefs. Paulus knüpft damit an das Hohelied der Liebe an, das er im vorausgehenden Kapitel 13 gesungen hat:

„13,1 Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. 2 Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.“

Ihr kennt diesen Text. Und wenn ihr ihn nicht kennt oder nicht mehr so ganz genau, dann lest ihn noch einmal nach, wenn ihr nach Hause kommt. Die Liebe wird hier zum alles entscheidenden Kriterium des Christseins überhaupt gemacht. Ihr könnt Zungenrede und Prophetie und alle anderen Geistesgaben vergessen, wenn ihr nicht liebevoll miteinander umgeht. Ihr könnt eure schönen Gottesdienste und euer ganzes soziales Engagement vergessen, wenn sie nicht von Liebe geprägt und motiviert sind.

„13,13 Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe. Diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“

Wie wird Gott in einer Gemeinde so spürbar, dass Menschen sagen: „Wahrhaftig, Gott ist bei euch!“? Wenn in dieser Gemeinde die Liebe Gottes an der Liebe untereinander spürbar wird.
Das heißt nicht, dass es da keine Konflikte, keine unterschiedlichen Meinungen, keinen Streit geben darf. Aber es heißt, dass in alldem ein tragfähiger und verbindender Grund des Zusammenbleibens und Zusammenhaltens bestehen bleibt: die Liebe.
Doch Liebe allein wäre zu wenig. Da bestünde die Gefahr, dass alles, was trennt oder stört, einfach nur mit dem Mantel der Liebe bedeckt und unter den Teppich gekehrt wird. Darum nennt Paulus drei weitere Kriterien, an denen Gott in einer Gemeinde so spürbar wird, dass Menschen sagen: „Wahrhaftig, Gott ist bei euch!“ – Auferbauung, Ermutigung und Trost (Vers 3) oder wie Luther übersetzt: Erbauung, Ermahnung und Tröstung.
Ich bin der festen Überzeugung: Wenn wir – neben der Liebe als Grundlage von allem – diesen Dreiklang von Erbauung, Ermutigung und Tröstung zum Klingen bringen – in unserem persönlichen Leben wie in der Gemeinde –, dann werden Menschen uns abspüren, dass Gott wahrhaftig bei uns ist.

Was heißt das konkret?
Wenn die Liebe unser Leben prägt, dann bauen wir einander und gemeinsam etwas auf. Dann leben wir konstruktiv, nicht destruktiv. Dann richten wir unser Augenmerk auf das, was uns selbst und anderen gut tut. Nicht auf das, was Leben zerstört oder verhindert. Dann sehen wir in jedem anderen Menschen zuallererst ein Geschöpf Gottes – auch wenn er uns unsympathisch ist oder nervt. Wenn wir so „auferbauend“ unseren Glauben leben und Gemeinde gestalten, dann wird Gott unter uns so spürbar, dass Menschen sagen: „Wahrhaftig, Gott ist bei euch!“
Wenn die Liebe unser Leben prägt, dann können wir einander ermutigen und ermahnen. Ich finde es schön, dass das Wort „Paraklese“, das hier im Griechischen steht, in einem Begriff vereint, was bei uns so oft auseinanderfällt: Ermutigung und Ermahnung. Wenn wir einander ermahnen, dann hat das oft etwas Entmutigendes, Demotivierendes. Aber das soll und muss es nicht. Bei Paulus gehört beides zusammen. Ermutigendes Ermahnen und ermahnendes Ermutigen. Wenn das unser Leben und unsere Gemeinde prägt, dann wird Gott unter uns so spürbar, dass Menschen sagen: „Wahrhaftig, Gott ist bei euch!“
Wenn die Liebe unser Leben prägt, dann können wir einander trösten. Wenn einer von uns trauert, wenn jemand verletzt ist, wenn Einsamkeit oder Verzweiflung unser Herz bedrücken oder wenn wir mit einer Niederlage nicht fertig werden, dann brauchen wir jemanden mit der prophetischen Gabe der Tröstung. Keinen billigen, sondern wirklichen Trost, der vielleicht nicht mit großen Worten daherkommt, sondern nur mit einer Geste der Zuwendung, des Beistands, des Daseins. Und mit der Gewissheit, dass stimmt, was Paulus in seinem Hohelied der Liebe schreibt: Wenn alles andere zerbricht – die göttliche Liebe, die unser Leben trägt, bleibt. Sie hört niemals auf (1. Kor 13,8). Vielleicht ist dies das schwerste und zugleich das wichtigste Kriterium, durch das Gott in einer Gemeinde so spürbar wird, dass Menschen sagen: „Wahrhaftig, Gott ist bei euch!“
Erbauung, Ermutigung, Tröstung – und all das umfangen von der Liebe Gottes zu uns und unserer Liebe zueinander: Wenn es uns gelingt, das auch nur annähernd zu leben, davon bin ich überzeugt, dann werden wir hier im Wedding auch in Zukunft Gemeinde nach dem Herzen Gottes sein und Menschen werden uns abspüren, dass dieser Gott wahrhaftig bei uns ist.
Viel tun müssen wir nicht dafür, aber etwas sein: nämlich Menschen, die nicht nur für sich selbst leben, sondern auch für andere. Die Gemeinde nicht nur als Ort der eigenen Erbauung, sondern der gegenseitigen Auferbauung, Ermutigung und Tröstung verstehen und sich so in die Gemeinde einbringen und sie mitgestalten.
Dann werden auch zukünftig Menschen, die uns begegnen und zu uns stoßen, sagen: „Wahrhaftig, Gott ist bei euch!“ – und das ist ein guter Grund für mich, auch bei euch zu bleiben.

Amen