Advent 2.0 (Jesaja 63,15 – 64,3)

2. Advent
Liebe Geschwister, liebe Freunde, während der erste Advent immer ganz überraschend kommt – „Alle Jahre wieder!“ –, hat man beim zweiten immerhin eine Woche Zeit, sich darauf vorzubereiten.
Inzwischen habe selbst ich eine Kerze zuhause. Keine Glitzersterne. Kein Tannengrün. Ich bin halt nicht der Deko-Typ. Auch nicht zu Weihnachten. Und die Weihnachtskirmes am Alexanderplatz, an der ich fast täglich vorbeifahre, verbreitet auch nur mäßig-adventliche Großstadtstimmung. Anderen Weihnachtsmärkten gelingt das vielleicht besser.
Und eine Lehrerin für Islamischen Religionsunterricht in Hannover erzählte mir letzte Woche bei einer Tagung zum Interreligiösen Dialog mit Kindern, wie traumatisch das für sie als Kind war, wenn all die Christenkinder zu Weihnachten Geschenke bekamen – und sie nicht. Auch das ist Advent in einer deutschen Großstadt.
Advent, das heißt „Ankunft“. Wir feiern die „Ankunft des Herrn“, die Menschwerdung Gottes in einem kleinen Kind, damals vor 2.000 Jahren. Und wir feiern die Hoffnung auf die Wiederkunft des auferstandenen und erhöhten Christus am Ende der Zeit, auf das Kommen des Gottesreiches.
Gerade der zweite Adventssonntag hat im Kirchenjahr genau diesen Fokus. Ihm ist unter anderem ein Text aus Lukas 21 zugeordnet, in dem von den „Zeichen“ die Rede ist, die der für das Ende der Zeit erwarteten Wiederkunft Christi vorausgehen:

Lukas 21,25–33:
(25) Und es werden Zeichen sein an Sonne und Mond und Sternen
und auf der Erde Bedrängnis der Nationen in Ratlosigkeit
bei brausendem Meer und Wasserwogen,
(26) während die Menschen verschmachten vor Furcht und Erwartung der Dinge,
die über den Erdkreis kommen, denn die Kräfte der Himmel werden erschüttert werden.
(27) Und dann werden sie den Sohn des Menschen kommen sehen in einer Wolke
mit Macht und großer Herrlichkeit.
(28) Wenn aber diese Dinge anfangen zu geschehen,
so blickt auf und hebt eure Häupter empor, weil eure Erlösung naht.
(29) Und er sprach ein Gleichnis zu ihnen: Seht den Feigenbaum und alle Bäume;
(30) wenn sie schon ausschlagen, so erkennt ihr von selbst, da ihr es seht,
dass der Sommer schon nahe ist.
(31) So erkennt auch ihr, wenn ihr dies geschehen seht, dass das Reich Gottes nahe ist.
(32) Wahrlich, ich sage euch, dass dieses Geschlecht nicht vergehen wird,
bis alles geschehen ist.
(33) Der Himmel und die Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen.


Advent, das heißt: ausgespannt zu sein zwischen jetzt und dann, zwischen Verzweiflung und Hoffnung, zwischen Gegenwart und Zukunft. Advent ist eine „Zwischenzeit“. Und mittendrin wir: Hin und her gerissen zwischen Konsumzwang und Weihnachtsstimmung, zwischen Kitsch und Kunst, zwischen Florian Silbereisen und Johann Sebastian Bach, zwischen Altjahresrückblicken und Neujahrsprognosen, zwischen Vergangenheitsbewältigung und Zukunftshoffnung.
Advent halt. Zwischenzeit. Warten auf Weihnachten. Lichter anzünden, Türchen öffnen, Hoffen, Zweifeln, Glauben, Lieben.
Und in dieser „Zwischenzeit“ schlägt nun die Perikopenordnung der evangelischen Kirche in Deutschland in diesem Jahr für den heutigen zweiten Adventssonntag einen Predigttext vor, der genau das thematisiert: dieses Zerrissensein zwischen „jetzt schon“ und „noch nicht“, zwischen Glaube und Zweifel, zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Ein Text aus dem Buch des Propheten Jesaja.
Nicht von jenem Propheten, den man den „Ersten Jesaja“ nennt und der im 8. Jahrhundert vor Christus dem Volk Israel Eroberung und Deportation anzukündigen hatte. Auch nicht von seinem „Schüler“, dem „Zweiten Jesaja“, der in der Babylonischen Gefangenschaft seinem Volk zur Seite steht, die Befreiung durch den Perserkönig Kyros kommen sieht und seinen Volksgenossen endlich eine Wende ihres Schicksals zum Besseren ankündigen kann: „Tröstet, tröstet, mein Volk!“ – unübertroffen vertont von Georg Friedrich Händel (1685-1759) in seinem „Messias“: „Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist!“ (Jes 40,1-2a) Mit diesen Worten beginnt die Botschaft des zweiten Jesaja.
Doch der Predigttext für den heutigen Sonntag stammt von einem Propheten aus der dritten Generation der Jesaja-Schule. Von einem, der nach den Jahren in der babylonischen Gefangenschaft die Rückkehr ins Gelobte Land miterlebt hat – und nun feststellen muss, dass die Verhältnisse dort längst nicht so „paradiesisch“ sind wie gedacht: Der Wiederaufbau gestaltet sich mühsamer als erwartet. Und das heilige Land ist nach wie vor besetzt, wenn auch jetzt von den Persern, die den von ihnen unterworfenen Völkern eine höhere Autonomie zugestehen als die Assyrer und Babylonier vor ihnen das taten. Doch Israel ist immer noch auf die Gnade seiner Besatzer angewiesen und nicht sein eigener Herr. Und das wird auch so bleiben!
Aber hatte Gott nicht versprochen, das zu ändern? Selbst zu erscheinen, um nun endlich – nach der langen Strafe des Exils – sein Reich zu errichten? Sollten nicht alle Täler erhöht und alle Berge erniedrigt werden, um der anbrechenden Gottesherrschaft den Weg zu ebnen (vgl. Jes 40,3-5)? Nichts davon war sichtbare Realität geworden. Wo war Gott? Warum kam er nicht, um seinem Volk zu helfen?
Und so lebten die Israeliten in einer großen Zerrissenheit, hin und her geworfen zwischen Freude und Dankbarkeit über den Neuanfang im einstmals „Gelobten Land“ und tiefen Zweifeln im Blick auf die nun angeblich anbrechende Heilszeit.
Da denkst du, Weihnachten steht vor der Tür – und was kommt, ist „nur“ der erste Advent. Oder der zweite. Und du hast keine Ahnung, wie viele Wochen, Monate, Jahre, Jahrhunderte vergehen werden, bis endlich das Christkind vor der Tür steht.
Und mitten in dieser Situation sitzt da ein Mann in seiner Stube, ein Prophet aus der Schule des großen Jesaja, und schreibt sich im Licht einer Öllampe den Kummer von der Seele:

Jesaja 63,15 – 64,3:
63,15 So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht?
Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.
16 Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, Herr, bist unser Vater; „Unser Erlöser“, das ist von alters her dein Name.
17 Warum lässt du uns, Herr, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken,
dass wir dich nicht fürchten?
Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind!
18 Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben,
unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten.
19 Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest,
wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.

64,1 Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen,
wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht,
dass dein Name kund würde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten,
2 wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten
3 und das man von alters her nicht vernommen hat.
Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir,
der so wohl tut denen, die auf ihn harren.


Ich sehe ihn quasi vor mir, den Prophetenschüler, im Spannungsfeld zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Sein ganzer Text ist voller Gegensätze und bewegt sich ständig zwischen ihnen hin und her. Und diese Stimmung spiegelt die kirchenjahreszeitliche Spannung wieder, die auch ich im Advent empfinde: die Vorfreude auf Weihnachten, die Sehnsucht nach einer „heilen Welt“, wie sie das Kind in der Krippe und die Engel mit ihrem „Friede auf Erden“ verkünden –, und auf der anderen Seite das Wissen, dass auch diesem Advent und diesem Weihnachten wieder ein Neues Jahr folgen wird, in dem die alten Verhältnisse herrschen:
Die Schuldenkrise wird sich am 1. Januar nicht in Luft aufgelöst haben. Der arabische Frühling treibt nicht automatisch Blüten der Demokratie und der Menschenrechte. Unter dem Puderzucker weißer Weihnacht – sollten wir sie denn trotz des Klimawandels noch erleben – bleibt der braune Sumpf der Neonazis bittere Realität. Und die „religionssensible Schule“ in Hannover wird auch 2012 eine Ausnahmeerscheinung im deutschen Schulbetrieb bleiben.
Und das sind nur ein paar der gesellschaftspolitischen Herausforderungen, die sich im Advent 2011 nicht von selbst erledigen. Dazu kommen dann noch die persönlichen Fragen und Zweifel: Werde ich den Anforderungen meines Berufs im kommenden Jahr noch gerecht werden – oder dämmern da schon Burnout und Depression herauf? Kann ich meine persönlichen Beziehungen im neuen Jahr so gestalten, dass das gegenseitige Verletzungsrisiko minimiert und die allseitige Zufriedenheit maximiert werden – oder stehen mir Abschiede, Trennungen, Neuanfänge ins Haus? Kann ich in all diesen Herausforderungen, Zweifeln und Fragen meinen Glauben bewahren – oder gerät selbst dieser „feste Grund“ ins Wanken?
Wenn ich all diese Fragen an den Predigttext für den heutigen Sonntag stelle, dann finde ich darin zwei Anknüpfungspunkte für eine Antwort.

Der erste: „Bist du doch unser Vater“ (Jes 63,16).
Was der Prophetenschüler der dritten Generation hier vollzieht, ist ein radikaler Bruch mit der eigenen Tradition: „Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, Herr, bist unser Vater; ‚Unser Erlöser’, das ist von alters her dein Name.“ (Jes 63,16)
In diesen Worten finde ich meine eigene Sehnsucht wieder – und das, was ich jedem und jeder von euch wünsche: Gott zu erleben als euren Vater und eure Mutter, als euren Erlöser und eure Erlöserin.
Nicht nur als Gott der Vergangenheit, als den Gott eurer Väter und Mütter! Nicht als fromme Tradition und theologisches Erbe einer zweitausendjährigen Kirchengeschichte! Nicht als dogmatische Position und theoretisches Wissen, sondern als persönliche Erfahrung in diesem Advent: Da ist einer, der „er-löst“ mich. Der löst mich heraus aus den Zwängen meiner Biographie und meines Charakters. Der löst mich heraus aus der Zwangsjacke der Vorurteile und Bilder, die andere sich von mir gemacht haben. Der befreit mich von Selbstüberforderungen und dem Druck, allen gerecht werden zu müssen. Der will nur eins: dass ich lebe, dass ich glücklich werde – und dass ich Leben und Glück auf dieser Welt mehre. Gott, unser Vater!
Friedrich Nietzsche (1844-1900), Philosoph des 19. Jahrhunderts und einer der großen Verächter des Christentums, hat einmal geschrieben: „Bessere Lieder müssten sie mir singen, dass ich an ihren Erlöser glauben lerne: erlöster müssten mir seine Jünger aussehen!“
Und Mahatma Gandhi (1869-1948), der berühmte Freiheitskämpfer und Vertreter des gewaltlosen Widerstands gegen die britische Kolonialherrschaft in Indien, soll einmal gesagt haben: „Ich mag euren Christus. Ich mag nur eure Christen nicht. Eure Christen sind ganz anders als euer Christus.“
Wenn wir mehr wie Christus wären, wenn wir erlöster aussähen – wie viel mehr Advent, wie viel mehr von der anbrechenden Gottesherrschaft würde sichtbar werden in dieser Welt!?

Und das zweite: „Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren.“ (Jes 64,3)
Ist das die Art und Weise, in der du Gott erlebst? Als jemanden, der dir „wohl tut“? Als jemanden, der dein eigenes „Wohlsein“ stärkt und nicht schwächt?
Selbstverständlich ist das nicht. Als Christen sind wir nicht gerade darauf konditioniert, dass es uns gut gehen darf. Selbstaufopferung, Dienst am anderen, Nächstenliebe – das sind Kategorien, die wir mit „Christ sein“ assoziieren.
Doch das sind durchaus „sekundäre Tugenden“. Das primäre, das erste, das eigentliche ist eine Ankündigung, eine Verheißung: „ Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren.“ (Jes 64,3).
Bei Gott geht der Zuspruch immer dem Anspruch voraus. Bei Gott steht vor dem Imperativ – „Du sollst!“ – immer ein Indikativ – „Du bist!“ Du bist geliebt. Du bist begabt. Du bist geachtet und wertgeschätzt. Du bist erlöst, gerettet, befreit.
Ich wünsche dir, dass du deinen Gott so erlebst in diesem Advent 2011: in erster Linie als jemanden, der dir wohl tut, der dich erlöst, befreit, ermutigt und trägt – und erst in zweiter Linie als jemanden, der dich dann auch dazu einlädt, anderen wohl zu tun, anderen zu einem Mehr an Freiheit zu verhelfen, andere zu ermutigen und ihre Lasten mitzutragen. Vielleicht magst du diese drei Gedanken mitnehmen in die zweite Adventswoche:
Gott ist mein Vater! Er erlöst mich. Und er tut mir wohl.
Mehr braucht es nicht für ein glückliches Leben und für ein Leben, das andere glücklich macht!

„Am zweiten Sonntage im Advent“
Zum Schluss ein Gedicht der bekannten deutschen Dichterin Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848). Es heißt „Am zweiten Sonntage im Advent“ und bezieht sich auf die Zeichen für die Wiederkunft Christi, von denen vorhin in dem Text aus Lukas 21 die Rede war:
„Und alsdann werden sie sehen des Menschen Sohn kommen in einer Wolke mit großer Macht und Herrlichkeit. Wenn aber dieses zu geschehen anfängt, dann kommt euer Erlöser ... Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.“
Kein ganz einfacher Text und mit seinen romantischen Naturvergleichen stark dem 19. Jahrhundert verhaftet. Gleichzeitig aber doch ein Text, der die adventliche Spannung dieser „Zwischenzeit“, in der wir auch im 21. Jahrhundert leben, eindrucksvoll in Worte fasst.

Wo bleibst du, Wolke, die den Menschensohn
Soll tragen?
Seh' ich das Morgenrot im Osten schon
Nicht leise ragen?
Die Dunkel steigen, Zeit rollt matt und gleich;
Ich seh' es flimmern, aber bleich, ach, bleich!

Mein eignes Sinnen ist es, was da quillt
Entzündet,
Wie aus dem Teiche grün und schlammerfüllt
Sich wohl entbindet
Ein Flämmchen und von Schilfgestöhn umwankt
Unsicher in dem grauen Dunste schwankt.

So muss die allerkühnste Phantasie
Ermatten;
So in der Mondesscheibe sah ich nie
Des Berges Schatten,
Gewiss, ob ein Koloss die Formen zog,
Ob eine Träne mich im Auge trog.

So ragt und wälzt sich in der Zukunft Reich –
Ein Schemen!
Mein Sinnen sonder Kraft! – Gedanke bleich.
Wer will mir nehmen
Das Hoffen, was ich in des Herzens Schrein
Gehegt als meiner Armut Edelstein?

Gib dich gefangen, törichter Verstand!
Steig nieder
Und zünde an des Glaubens reinem Brand
Dein Döchtlein wieder,
Die arme Lampe, deren matter Hauch
Verdumpft, erstickt in eignen Qualmes Rauch.

Du seltsam rätselhaft Geschöpf aus Ton,
Mit Kräften,
Die leben, wühlen, zischen wie zum Hohn
In allen Säften,
O bade deinen wüsten Fiebertraum
Im einz'gen Quell, der ohne Schlamm und Schaum!

Wehr ab, stoß fort, was gleich dem frechen Feind
Dir sendet
Die Macht, so wetterleuchtet und verneint,
Und starr gewendet
Wie zum Polarstern halt das Eine fest,
Sein Wort, sein heilig Wort, und – Schach dem Rest!

Dann wirst du auf der Wolke deinen Herrn
Erkennen,
Dann sind Jahrtausende nicht kalt und fern,
Und zitternd nennen
Darfst du der Worte Wort, des Lebens Mark,
Wenn dem Geheimnis deine Seele stark.

Und heute schon, es steht in Gottes Hand,
Erschauen
Magst du den Heiland und der Seele Brand
Gleich dem Vertrauen.
Zerfallen mögen Erd' und Himmelshöhn,
Doch seine Worte werden nicht vergehn.


(c) Volkmar Hamp