„Zieh hin mit Frieden!“ Die Heilung des Naeman (1. Samuel 16,1-13)


Liebe Geschwister, liebe Freunde,

Mich beschäftigt seit ein paar Wochen eine Geschichte aus dem Alten Testament. Die möchte ich euch gern erzählen und im Erzählen deuten. Denn der letzte Satz dieser Geschichte heißt: „Zieh hin mit Frieden!“ Und das ist doch etwas, das wir uns wünschen für unser Leben: Im Frieden mit uns selbst und mit anderen Menschen unterwegs zu sein. Und vielleicht ist das auch das, was wir erwarten, wenn wir am Sonntagmorgen einen Gottesdienst besuchen: dass da einer ist, der sagt: „Geh deinen Weg im Frieden!“, im Schalom Gottes, heil und geborgen, sicher und geborgen.
Doch die Geschichte, die ich euch erzählen will, beginnt ganz und gar nicht „friedlich“. Sie beginnt nämlich damit, dass uns ein Soldat vorgestellt wird, ein Feldherr, ein Meister seines Fachs: Naeman, der Feldhauptmann des Königs von Aram. „Er war ein trefflicher Mann vor seinem Herrn und wert gehalten“, heißt es von ihm (Vers 1a).
Das ist noch nichts Besonderes. Wenn dem nicht so wäre, hätte Naeman es sicher nicht so weit gebracht in der Militärhierarchie seines Volkes. Interessant ist, was weiter über ihn gesagt wird: „Denn durch ihn gab der HERR den Aramäern Sieg.“ (Vers 1b) Die militärischen Erfolge Naemans verdankten sich also nicht seinem strategischen Geschick, sondern dem Wirken Gottes.
Das ist schon etwas ungewöhnlich. Sollte Gott nicht auf der Seite Israels, seines auserwählten Volkes stehen und dafür sorgen, dass diesem Volk der Sieg gehört? Was hat der Gott Israels mit den militärischen Erfolgen der Aramäer zu schaffen?
Offensichtlich will der Erzähler uns wissen lassen, dass wir nicht selbstverständlich davon ausgehen dürfen, dass Gott immer für uns, für die (vermeintlich) Frommen und Rechtgläubigen, Partei ergreift. Sein Anspruch auf diese Welt ist nicht partikular, als sei er nur zuständig für sein Volk, seine Kirche, das Judentum, das Christentum oder den Baptismus gar. Gottes Anspruch auf diese Welt ist global – und völlig unabhängig davon, ob er bewusst wahrgenommen wird oder nicht. „Gott ist gegenwärtig“ – nicht nur da, wo wir ihn verorten, sondern auch da, wo wir ihn nie und nimmer vermuten würden.
Aber ein erfolgreicher Feldherr macht noch keine Geschichte. Jede gute Geschichte braucht einen Konflikt, ein Problem, das gelöst wird. Sonst entsteht kein Spannungsbogen. Das Problem Naemans ist: „Er war ein gewaltiger Mann, jedoch aussätzig.“ (Vers 1c) Dem offensichtlichen Erfolg – theologisch gesprochen: dem „Segen Gottes“ – in einem Bereich seines Lebens steht ein Fluch, ein Handicap in einem anderen Bereich gegenüber: Aussatz. Eine lebensbedrohliche, hoch ansteckende und damit isolierende und ausgrenzende Krankheit. Beruflicher Erfolg auf der einen – persönliches Leid auf der anderen Seite: Das ist die gar nicht so außergewöhnliche Lebenssituation Naemans, Feldhauptmann des Königs von Aram. Und damit wird er zum Prototyp für menschliches Schicksal überhaupt. Ist doch das Leben in aller Regel eine Mischung aus Glück und Leid, aus guten und schlechten Zeiten, aus Erfolg und Scheitern.
Und jetzt wird’s spannend: Was das Leben Naemans verändert, was unsere Geschichte in Gang und den Stein ins Rollen bringt, ist der Seufzer eines Kindes, eines namenlosen jungen Mädchens mit Migrationshintergrund, Kriegsbeute der Aramäer aus dem Land Israel, ein Mädchen, das als Sklavin im Dienst der Frau Naemans gestrandet ist: „Ach, dass mein Herr wäre bei dem Propheten in Samaria! Der könnte ihn von seinem Aussatz befreien.“ (Vers 3)
In meiner Arbeit im Gemeindejugendwerk beschäftige ich mich seit langem mit dem Thema „Kindertheologie“, mit dem Versuch, Kinder nicht nur als Objekte religiöser Erziehung, sondern als Subjekte eines eigenen Glaubens, eigenen Nachdenkens über Gott, eigener Bibelauslegung, eigener Gotteserfahrung und eigenständiger Theologie zu begreifen. Diese Geschichte ist ein Beispiel dafür: Da teilt ein Kind seinen Glauben – „Der Prophet in Samaria, der könnte meinen Herrn heilen!“ – und die Erwachsenen hören zu, nehmen ernst, ziehen Konsequenzen.
Ich erinnere mich: Vor einigen Jahren, als ich noch im Gemeindejugendwerk hier im Rheinland war, hatten wir in den Osterferien eine Kinderfreizeit. Wunderbar, dachten wir: Ostern – da kann man mit den Kindern über Tod und Auferstehung sprechen, vom Himmel träumen, Hoffnung wecken. Doch dann passierte kurz vor der Freizeit etwas ganz Ähnliches wie dieser Tage in der Schweiz: Ein Bus mit Schulkindern verunglückte. Viele von ihnen waren tot. Und die Kinder, die zu unserer Freizeit kamen, hatten natürlich kein anderes Thema: Wie kann Gott so etwas zulassen? Wer ist schuld? Wie kann man mit solch einem Schicksalsschlag leben?
Wir Mitarbeitende waren vollkommen überfordert! Wie sollten wir diese Fragen beantworten? Wie sollten wir mit dem Schock und der Trauer umgehen, die diese Kinder mitbrachten? Das Geschehen, das konnte man spüren, war ihnen nahegangen. Kein Wunder! Die Kinder in dem Bus waren doch im selben Alter.
Am Ende war es keiner von uns Erwachsenen, sondern ein 12jähriger Junge, der irgendwann das erlösende Wort für unsere Freizeitgruppe fand: „Wisst ihr“, sagte er, „den Kindern, die bei diesem Unglück gestorben sind, denen geht es doch jetzt gut. Die sind bei Gott. Im Himmel. Jetzt muss sich jemand um ihre Familien, die Eltern und Geschwister, kümmern.“ Ein Kind als Seelsorger einer ganzen Gruppe! So wie das Kind in unserer Geschichte: „Der Prophet in Samaria, der könnte meinen Herrn heilen!“
Naemans Frau jedenfalls hört diesem Kind zu und erzählt ihrem Mann, was das Mädchen ihr gesagt hat. Und der nimmt das ernst, geht zu seinem König und erbittet von ihm die Erlaubnis, den verzweifelten Versuch zu wagen, im Feindesland nach Heilung zu suchen. So wird Naeman selber zum Migranten auf Zeit, sucht Hilfe und Unterstützung im Ausland. Zugegeben: ein privilegierter Migrant. Ausgerüstet mit einem Empfehlungsschreiben und jeder Menge Kleingeld. Heute vielleicht mit einem Scheich aus Saudi Arabien zu vergleichen, der nach Deutschland kommt, um sich hier einer schwierigen Bypass-Operation zu unterziehen.
Nur dass Naeman nicht im Krankenhaus landet, sondern am Königshof. Und der König von Israel vermutet hinter seinem Anliegen gleich politisches Kalkül. Er zerreißt seine Kleider als Zeichen der Wut, Angst und Niedergeschlagenheit: „Bin ich denn Gott, dass ich töten und lebendig machen könnte, dass er zu mir schickt, ich solle den Mann von seinem Aussatz befreien? Merkt und seht, wie er Streit mit mir sucht!“ (Vers 7b) Die persönliche Not Naemans droht zum Politikum zu werden. Will der König von Aram einen Streit vom Zaun brechen? Sucht er nur nach einem Grund für einen Militärschlag gegen Israel? Wie soll Israel jetzt reagieren? Einen Präventivschlag führen? Und schon steht der ohnehin labile Friede in der Region auf Messers Schneide. Auch das kommt mir irgendwie bekannt vor. Aram – das ist das heutige Syrien, und ihr wisst, was da im Augenblick los ist.
Gut, dass es in dieser angespannten, hochexplosiven Situation einen „Mann Gottes“ gibt (Vers 8a). Einen, der kühlen Kopf bewahrt und sachlich bleibt. Elisa, den Propheten aus Samaria. Der hört von alledem und mischt sich ein. Der nimmt den Druck vom Kessel. Der löscht die beinahe schon brennende Lunte am politischen Pulverfass, indem er nicht gleich das Schlimmste denkt und befürchtet, sondern einen Boten zu seinem König schickt und seine Hilfe anbietet: „Warum hast du deine Kleider zerrissen? Lass den Naeman zu mir kommen, damit er innewerde, dass ein Prophet in Israel ist.“ (Vers 8b)
Jedes Volk und jede Nation, jede Religion und jede Kirche braucht solche Männer und Frauen, die deeskalierend wirken, die prophetisch reden und handeln, die als Boten Gottes im Namen Gottes zu Frieden und Besonnenheit rufen. Scharfmacher gibt es, weiß Gott, genug – in allen Lagern!
Und so kommt Naeman mit Rossen und Wagen und großen Erwartungen zum Haus des Propheten – und wird erst einmal enttäuscht: Nicht Elisa tritt ihm entgegen, sondern nur sein Bote. Und die Botschaft, die der auszurichten hat, ist auch nicht sonderlich spektakulär: „Geh hin und wasche dich siebenmal im Jordan, so wird dir dein Fleisch wieder heil und du wirst rein werden.“ (Vers 10)
Keine Frage: Das diplomatische Geschick Elisas lässt – bei allem guten Willen – doch zu wünschen übrig. Mit politischer Etikette hat der nichts am Hut. Warum auch? Er spricht im Namen des allmächtigen Gottes! Wieso sollte er da Rücksicht nehmen auf die Eitelkeiten eines irdischen Machthabers?
Hm ... Um einen Krieg mit vielen Toten zu vermeiden vielleicht? Denn so etwas droht nun mal, wenn irdische Machthaber wütend werden! Und genau das droht nun auch hier: „Da wurde Naeman zornig und zog weg und sprach: Ich meinte, er selbst sollte zu mir herauskommen und hertreten und den Namen des Herrn, seines Gottes, anrufen und seine Hand hin zum Heiligtum erheben und mich so von dem Aussatz befreien. Sind nicht die Flüsse von Damaskus, Amana und Parpar, besser als alle Wasser in Israel, so dass ich mich in ihnen waschen und rein werden könnte? Und er wandte sich und zog weg im Zorn.“ (Vers 11-12) Mission gescheitert! Oder etwa nicht?
Nicht ohne Ironie und hintergründigem Humor geht die Geschichte weiter. Und wieder sind es die „kleinen Leute“, die Unscheinbaren und Machtlosen, die den „gewaltigen“ Aramäer auf die richtige Spur bringen: „Da machten sich seine Diener an ihn heran, redeten mit ihm und sprachen: Lieber Vater, wenn dir der Prophet etwas Großes geboten hätte, hättest du es nicht getan? Wie viel mehr, wenn er zu dir sagt: Wasche dich, so wirst du rein!“ (Vers 13) Und Naeman kann sich dieser Logik der „kleinen Leute“ nicht entziehen.
Und das ist wieder etwas, das ich aus dieser Geschichte lernen möchte: Der „natürliche Menschenverstand“, die „Intelligenz der einfachen Leute“ findet manchmal Antworten und Lösungen, auf die die „Gewaltigen“ (und Gewalttätigen) mit all ihrer Macht nicht kommen. Ein theologisches Beispiel dafür ist für mich „Das Evangelium der Bauern von Solentiname“, ein Buch des nicaraguanischen Priesters, Politikers und Dichters Ernesto Cardenal, in dem die Bauern von Solentiname, einer klosterähnlichen Gemeinschaft in Nicaragua, Theologie von unten, Theologie der Befreiung treiben. Und plötzlich erscheinen die Texte des Evangeliums in neuem Licht. Plötzlich wird klar, dass unser Gott ein Gott der kleinen Leute ist, dass er auf der Seite der Unterdrückten und Ausgebeuteten steht. Auf wessen Seite stehen wir?
Naeman jedenfalls geht ein Licht auf, weil er auf seine Diener, die „kleinen Leute“ hört. Er tut, was Elisa ihm geboten hatte – und wird geheilt! Ganz unspektakulär wird das erzählt – wie immer in den Wundergeschichten der Bibel. Es kommt eben nicht auf das Wunder an, sondern darauf, was es bewirkt, was es für Folgen hat. Worüber man sich angesichts des Wunders wundern kann.
Das wiederum ist durchaus spektakulär: „Naeman kehrte zurück zu dem Mann Gottes mit allen seinen Leuten. Und als er hinkam, trat er vor ihn und sprach: Siehe, nun weiß ich, dass kein Gott ist in allen Landen, außer in Israel!“ (Vers 15a) Die Wundergeschichte wird zu einer Missionsgeschichte, zu einer Bekehrungsgeschichte. Dabei hatte Elisa gar nicht die Absicht geäußert, Naeman zu bekehren. Er hat ihm keine Predigt gehalten und ihm nichts von den großen Taten Gottes erzählt. Er hat ihm nur einen Weg gezeigt, wie er gesund, wie er heil werden kann, wie das große Trauma seines Lebens ein Ende findet.
Glaube spielt dabei eine Rolle. Doch nicht der ausgefeilte, theologisch durchdachte und dogmatisch abgesicherte Glaube an den Gott Israels, sondern ein durchaus vorläufiger, unreflektierter, ja, geradezu magischer Glaube an die Macht Gottes, Unheil in Heil zu verwandeln, schwierige Lebenssituationen zu verändern und Hoffnung zu schenken. Das überzeugt den aramäischen Feldherrn! Das lässt ihn dann auch darüber nachdenken, wer dieser Gott denn eigentlich ist, dem er sein Heil verdankt. Das lässt ihn bekennen: „Siehe, nun weiß ich, dass kein Gott ist in allen Landen, außer in Israel!“
Wie schön, könnte man denken! Was für ein Happy End! Ein Ausländer, noch dazu ein mächtiger Soldat und Feldherr, findet zum Glauben! Halleluja! Preist den Herrn! Nun wird doch sicher alles gut! Doch als Hintergrundmusik für diese Szene hätte ein Filmregisseur vielleicht ein Lied der fantastischen Vier ausgesucht: „Es könnte alles so einfach sein – isses aber nicht!“ Auch nicht für Naeman, den Feldherrn der Aramäer. Der muss nämlich wieder nach Hause. In sein altes Leben. In die politischen, sozialen und religiösen Zwänge, die ihn dort erwarten. Und da betet man nun mal nicht zum Gott Israels, sondern zu den Göttern der Aramäer.
Dem würde Naeman sich gern verweigern. Er will nicht mehr anderen Göttern opfern, sondern allein dem Herrn. Er bittet sogar darum, ein paar Kubikmeter Erde mitnehmen zu dürfen aus Israel, um dies auch in seiner ungläubigen Umgebung auf „heiligem Boden“ tun zu können. Doch Naeman ist zugleich Realist. Er weiß schon jetzt, dass er diesen Wunsch nicht bis zur letzten Konsequenz umsetzen können wird, wenn er nicht seinen Job und vielleicht sogar sein Leben riskieren will. Und so hat er eine letzte Bitte an Elisa: „Nur darin wolle der Herr deinem Knecht gnädig sein: wenn mein König in den Tempel Rimmons geht, um dort anzubeten, und er sich auf meinen Arm lehnt und ich auch anbete im Tempel Rimmons, dann möge der Herr deinem Knecht vergeben.“ (Vers 18)
Wäre Elisa ein strammer Evangelikaler, ein aufrechter Katholik oder ein radikaler Islamist gewesen – er hätte sicher einiges zu sagen gehabt zu dieser Bitte: „Na, hör mal, Naeman! So geht es nun aber nicht. Ganz oder gar nicht. Gott oder die Götzen. Und wenn schon Gott, dann – bittschön – mit allen Konsequenzen! Und wenn dich das deinen Job kostet – es wird sich schon was anderes finden! Und wenn dich das deinen Kopf kostet – dir winkt doch das ewige Leben!“
Zum Glück war Elisa weder evangelikal, noch katholisch, noch ein Islamist, sondern einfach nur ein „Mann Gottes“. Und das einzige, was er dem Naeman noch mitgibt auf seinen Weg, ist ein Segen: „Zieh hin mit Frieden!“ Sei gelassen und ruhig. Es wird sich alles finden. Gott ist mit dir.
Ich weiß wohl, dass es auch andere Traditionen gibt in der Bibel. Dass da vom Kreuz die Rede ist, das wir auf uns nehmen sollen, wenn wir Jesus nachfolgen wollen (Lukas 9,23). Und es mag Situationen geben, in denen Menschen um ihres Glaubens willen Leid und Martyrium erfahren. Die aktuellen Nachrichten aus Nigeria sind nur ein Beispiel dafür. Aber ich glaube auch, dass Gott nicht will, dass wir Leid und Martyrium suchen. Er will, dass wir unseren Weg im Frieden gehen. Er will, dass wir ohne Falsch sind wie die Tauben, aber auch klug wie die Schlangen (Matthäus 10,16).
Anfang des Jahres war ich zu einer Konferenz in Beirut im Libanon. Dabei ging es – dem Ort durchaus angemessen – um das Thema „Interreligiöser Dialog mit Kindern und Jugendlichen“. Um die Frage also, wie wir Kinder und Jugendliche dazu befähigen können, ihren eigenen Glauben zu leben und zu bezeugen – und gleichzeitig friedlich und freundschaftlich mit Menschen anderen Glaubens umzugehen. Das war unglaublich spannend – zumal in einer Region der Welt, die noch mehr als Europa von religiösen Konflikten geprägt ist.
In diesem Zusammenhang haben wir dann im Libanon mit Christen und Christinnen aus verschiedenen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens gesprochen. Und sie haben uns erzählt, was es in ihrem Kontext heißt, als Christ in einem nichtchristlichen Umfeld zu leben. Wie „religionssensibel“ sie dort leben; wie sie versuchen, gute Beziehungen zu andersgläubigen Menschen aufzubauen, mit denen sie nun einmal ihre Heimat teilen. Wir haben von Jesusnachfolgern gehört, die – wie messianische Juden – ihren Glauben an Jesus in ihrer muslimischen Kultur, in den Moscheen leben, in denen sie aufgewachsen und beheimatet sind.
Ich fand das hochgradig spannend. Und es hat mich daran erinnert, wozu wir nicht- oder andersgläubige Menschen eigentlich einladen, wenn wir „evangelisieren“, wenn wir ihnen die Gute Nachricht von Jesus Christus nahebringen: Wir laden sie ein, diesem Jesus zu begegnen und ihm nachzufolgen. Wir laden sie nicht ein, einer Religion oder Kirche beizutreten. Das kann und mag sich aus der Jesusnachfolge ergeben – und in den meisten Fällen wird das auch so sein! – aber eben nicht immer und zwangsläufig und ausschließlich. Die Geschichte von Naeman jedenfalls endet, was das betrifft, offen: Naeman tritt nicht zum Judentum über. Er bleibt, was er ist: ein aramäischer Feldherr, der die religiösen Traditionen seines Umfelds zu achten und zu respektieren hat. Aber zugleich ist Naeman nun ein Mensch, der dem lebendigen Gott begegnet ist und darum seinen Weg „mit Frieden“ ziehen kann.
Es gäbe noch mehr zu erzählen von Naeman und Elisa. Und von Gehasi, dem Diener Elisas, der aus der Heilung Naemans durch den Mann Gottes Kapital schlagen will – und wie sich das bitter rächt (2 Könige 5,19b-27)! Auch dies ein Aspekt der Geschichte, der sich wunderbar übertragen ließe auf alle Versuche, mit Glaube und Religion Geschäfte zu machen. Lest das doch einfach mal nach im zweiten Buch der Könige Israels.
Für den Augenblick hoffe ich, dass jeder und jede von euch vielleicht einen guten Gedanken aus dieser Geschichte mit nach Hause nimmt:
  • Dass in guten wie in schlechten Zeiten, in Erfolg wie Misserfolg ein Gott ist, der uns heilsam begegnen will!
  • Dass dieser Gott ein „Gott der kleinen Leute“ ist, der Kinder, der Machtlosen – und wir gut daran tun, auf sie zu hören, sie zu achten und ernst zu nehmen.
  • Dass es überall und immer wieder Menschen braucht, die Konflikte nicht eskalieren lassen, sondern auf Ausgleich und Versöhnung bedacht sind. An welchen Stellen könnt ihr solche Leute sein?
  • Und dass wir unseren Weg im Frieden gehen können, gelassen und voller Zuversicht – auch wenn nicht alle Fragen geklärt, nicht alle Probleme gelöst werden. Weil unser Gott ein Gott ist, der mit uns zieht.

Amen.

(c) Volkmar Hamp