Der Tag des Herrn
(1. Thessalonicher 5,1-11)


Liebe Geschwister, liebe Freunde, liebe Vanessa,

der Predigttext für den heutigen Sonntag steht in der ältesten Schrift, die uns im Neuen Testament überliefert ist: in einem Brief, den der Apostel Paulus wohl 50 oder 51. n. Chr., also etwa 20 Jahre nach dem Tod und der Auferstehung Jesu, an die Gemeinde in Thessaloniki geschrieben hat.
Noch herrscht in den urchristlichen Gemeinden gespannte „Naherwartung“. Man rechnet damit, dass der auferstandene Christus bald wiederkommen und das von ihm angekündigte „Reich Gottes“ endlich sichtbar aufgerichtet wird. Sehnsüchtig erwarten viele Christen diesen „Tag des Herrn“.
Doch die Jahre gehen ins Land, und der Herr lässt auf sich warten. Die Gemeinden stellen sich die Frage, was denn mit denen ist, die in der Zwischenzeit gestorben sind. Wie werden sie den „Tag des Herrn“ erleben?
Paulus lässt seine Freunde und Freundinnen in Thessaloniki darüber nicht im Unklaren. In den unserem Predigttext unmittelbar vorangehenden Versen erklärt er ihnen, wie das sein wird, wenn der „Tag des Herrn“ anbricht. Paulus stellt sich das so vor: Wenn Jesus wiederkommt, dann werden die Toten, die „Entschlafenen“, auferstehen und zugleich mit den Lebenden, den „Übriggebliebenen“, in den Himmel „entrückt“, um dort auf ewig in der Gemeinschaft mit ihrem Herrn zu sein (1. Thessalonicher 4,13-18). Das ist der Blick des Apostel Paulus aus der Gegenwart heraus in die Zukunft.
In unserem Predigttext (1. Thessalonicher 5,1-11) schaut Paulus genau andersherum. Da lenkt er den Blick von der Zukunft, dem „Tag des Herrn“, in die Gegenwart zurück. Nicht um die Zukunftshoffnungen der Christen in Thessaloniki zu dämpfen, sondern um ihnen deutlich zu machen, was – bei aller Hoffnung auf eine Zukunft bei Gott – für das Leben im Hier und Jetzt wichtig ist.

Ich lese aus 1. Thessalonicher 5 die Verse 1-11:

1 Von den Zeiten aber und Stunden, Brüder und Schwestern, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; 2 denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht.
3 Wenn sie sagen: „Friede und Sicherheit“, dann überfällt sie schnell das Verderben wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entrinnen.
4 Ihr aber seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. 5 Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis.
6 So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein. 7 Denn die da schlafen, die schlafen des Nachts, und die da betrunken sind, die sind des Nachts betrunken.
8 Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil.
9 Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, die Seligkeit zu besitzen durch unsern Herrn Jesus Christus, 10 der für uns gestorben ist, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben.
11 Darum tröstet euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.


Liebe Geschwister, wie ihr vielleicht wisst, haben wir in der vergangenen Woche meine Mutter beerdigt. Sie ist 88 Jahre alt geworden. Und es ist meinem Vater, mir und Anne, meinen Geschwistern und vielen anderen ein Trost, dass wir darauf hoffen dürfen, sie am „Tag des Herrn“ wiederzusehen und gemeinsam mit ihr für immer in der Gemeinschaft unseres Herrn zu sein. Auch wenn wir keine Ahnung haben, wie das konkret aussehen wird.
Aber wir leben weiter. Wir wissen nicht, wann dieser „Tag des Herrn“ für uns anbricht. Er kommt „wie ein Dieb in der Nacht“. Das hat schon Jesus gesagt und es als Mahnung zur Wachsamkeit gemeint:
In Matthäus 24 sind seine Worte überliefert:

42 Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt. 43 Bedenkt: Wenn der Herr des Hauses wüsste, zu welcher Stunde in der Nacht der Dieb kommt, würde er wach bleiben und nicht zulassen, dass man in sein Haus einbricht. 44 Darum haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.
(Mt 24,42-44; siehe auch Lk 12,39f; vgl. Offb 3,3; 16,15 und 2 Petr 3,10.)


An dieses Jesuswort erinnert Paulus hier, wenn er schreibt:

„Von den Zeiten aber und Stunden, Brüder und Schwestern, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. Wenn sie sagen: ‚Friede und Sicherheit‘, dann überfällt sie schnell das Verderben wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entrinnen.“ (Vers 1-3)

Doch – und das ist die Pointe unseres Textes – der „Tag des Herrn“, die Wiederkunft Jesu, der eigene Tod und was immer dann folgt, muss Leuten, die zu Jesus gehören, keine Angst machen.
Denn sie sind Kinder des Tages, nicht der Nacht. Sie leben im Licht, nicht in der Finsternis. Der „Tag des Herrn“ kann sie nicht überraschen und überfallen wie ein Dieb in der Nacht. Sie sind vorbereitet. Sie erwarten ihn sehenden Auges und voller Hoffnung.
Doch was bedeutet das für ihr Leben im Hier und Jetzt? Das ist die Frage, um die es Paulus geht! Er spekuliert nicht über die Zukunft. Er schaut mit dem Wissen um und mit der Hoffnung auf das, was kommt, auf die Gegenwart und zieht seine Schlüsse:

„So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein. Denn die da schlafen, die schlafen des Nachts, und die da betrunken sind, die sind des Nachts betrunken.
Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil.“ (Vers 6-8)


Zwei Begriffe sind es, die Paulus vom Blick auf die Zukunft her in der Gegenwart für wichtig hält: Wachsamkeit und Nüchternheit.
Ein Lied des Liedermachers Reinhard Mey fällt mir ein, das ich euch in einer Coverversion von Ezé Wendtoin, einem in Dresden lebenden Musiker und Liedermacher aus Burkina Faso einspielen möchte. Dieses Lied wird aktuell manchmal von den falschen Leuten für Ziele missbraucht, die Reinhard Mey sicher nicht gutheißt. Ich denke aber, ihr versteht, wie es gemeint ist!

https://www.youtube.com/watch?v=H_lfVO2r0Ps

Wachsamkeit. Das ist das Eine, das Paulus uns mit dem Blick auf die Zukunft für die Gegenwart empfiehlt. Nüchternheit ist das andere. Das Lexikon belehrt mich, dass dieser Begriff sich auf verschiedene Bereiche beziehen kann: „nicht betrunken sein, keinen Alkohol getrunken haben“ oder „nichts gegessen oder getrunken zu haben“ (zum Beispiel vor einem Arztbesuch), aber auch „sich auf das sachlich Gegebene, auf das Zweckmäßige zu beschränken“, „ohne schmückendes Beiwerk auf das Wesentliche ausgerichtet zu sein“.
In diesem Sinn gebraucht Paulus das Wort. Nüchtern zu sein, das bedeutet für ihn, das Wesentliche im Blick zu behalten. Und das Wesentliche sind für ihn drei Dinge: Glaube, Liebe und Hoffnung.

„Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil.“ (Vers 6-8)

Manche haben aufgrund dieser Worte des Paulus etwas martialisch von der „Waffenrüstung Gottes“ gesprochen, die wir anlegen sollen. Der Verfasser des Epheserbriefes, ein Schüler des Paulus, malt dieses Bild weiter aus (vgl. Eph 6,14-17).
Doch wenn ich das hier bei Paulus lese, dann denke ich nicht an Russell Crowe und den Film „Gladiator“, sondern eher an Astrix und Obelix: an einen kleinen, vielleicht etwas furchtsamen römischen Legionär, der in der Schlacht alle seine Waffen verloren hat. Er trägt nur noch seinen Brustpanzer und seinen bronzefarbenen Helm. Sie sind sein einziger Schutz in dem Kampf, der um ihn tobt:

  • der Glaube, das Vertrauen darauf, dass Gott uns liebt und wir bei ihm geborgen sind,
  • die Liebe, die wir von Gott empfangen und einander weitergeben,
  • und die Hoffnung, dass uns selbst und diese Welt nicht Unheil, sondern Heil erwartet.

Paulus selbst wird diese Trias einige Jahre später in seinem ersten Brief an die Korinther aufgreifen:

„Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei;
doch am größten unter ihnen ist die Liebe.“ (1. Kor 13,13)


Wir leben in einer anstrengenden Zeit. Manche von uns, weil sie persönliche Krisensituationen oder Schicksalsschläge zu verkraften haben. Wir alle, weil die Corona-Pandemie uns nach wie vor im Griff hat und noch längst nicht klar ist, wie wir sie bewältigen. Und dann warten ja auch noch all die anderen Krisen auf uns: die Frage, wie es mit dem Klima weitergeht, was die politische Situation in den USA noch für Auswirkungen hat, wie wir selbst im kommenden Jahr für unsere Zukunft wählen werden.
Mir tut es gut, in solch einer anstrengenden Zeit, Worte zu lesen, die mich an die Zukunft erinnern. Sie geben mir Kraft für die Gegenwart. So lese ich die letzten Verse unseres Predigttextes:

„Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, die Seligkeit zu besitzen durch unsern Herrn Jesus Christus, der für uns gestorben ist, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben. Darum tröstet euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.“

Das ist der Sinn und Zweck von Gemeinde: einander zu trösten, wo immer Trost nötig ist, und einander zu „erbauen“. Den anderen aufzurichten, der anderen den Rücken zu stärken.
Als Familie haben wir unsere Gemeinde – euch! – in den vergangenen Wochen so erlebt. Dafür möchte ich Danke sagen! Und uns alle miteinander ermutigen, so auch die kommenden Wochen und Monate miteinander unterwegs zu sein.

„Tröstet euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.“

Amen.

(c) Volkmar Hamp