Der Lobgesang des Zacharias
(Lukas 1,68-79)



Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,

wir haben diesen Gottesdienst mit einem Wort des Propheten Jesaja begonnen:

„Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott!“ (Jes 40,5).

Im Neuen Testament wird dieses Wort aufgegriffen, auf Johannes den Täufer bezogen und als erfüllt angesehen. Matthäus 3,3:

„Denn dieser (Johannes) ist’s, von dem der Prophet Jesaja gesprochen und gesagt hat: ‚Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg und macht eben seine Steige!“

„Bereitet dem Herrn den Weg“ – das ist der Sinn der Adventszeit. Raum zu schaffen, dass Gott kommen kann. Zu uns und in diese Welt.

In diesem Jahr fällt das besonders schwer. Da ist so viel Belastendes. Die hohen Corona-Infektionszahlen. Die vielen Toten. Die Kontaktbeschränkungen, die kein „normales“ Weihnachten zulassen.
Viele von uns werden die Feiertage nicht – wie gewohnt – ausgelassen im großen Familienkreis, sondern mit der Kernfamilie oder wie „Kevin – Allein zu Haus“ verbringen.
In dieser „besonderen“ Weihnachtszeit ist uns heute, am 3. Advent, ein Bibeltext als Predigttext vorgeschlagen, der es in sich hat: der „Lobgesang des Zacharias“ aus Lukas 1,68-79.

Bild 01: „Zacharias und der Engel“

Wedding2020-12-13_01-Zacharias und der Engel

Zacharias, dem alten Priester und Ehemann der Elisabeth, die mit Maria, der Mutter Jesu, verwandt war, ist der Engel Gabriel erschienen, als er im Tempel ein Opfer darbrachte. Er hat ihm einen Sohn verheißen, einen neuen Elia, der der Vorläufer des lang ersehnten Messias werden soll. Doch weil er und seine Frau schon alt waren, wollte Zacharias ein Zeichen für dieses scheinbar unmögliche Ereignis. Und das bekam er: Bis zur Geburt des Kindes sollte er verstummen, weil er dem Engel nicht geglaubt hatte.

Bild 02: „Geburt Johannes des Täufers“

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Dann wurde das Kind geboren, aus dem später Johannes der Täufer werden sollte, und Zacharias erlangte seine Sprache zurück. Vom Heiligen Geist erfüllt, weissagte er und sprach:

Lukas 1,68-79
68 Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk 69 und hat uns aufgerichtet ein Horn des Heils im Hause seines Dieners David – 70 wie er vorzeiten geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten –, 71 dass er uns errettete von unsern Feinden und aus der Hand aller, die uns hassen, 72 und Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern und gedächte an seinen heiligen Bund, 73 an den Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham, uns zu geben, 74 dass wir, erlöst aus der Hand der Feinde, ihm dienten ohne Furcht 75 unser Leben lang in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen.
76 Und du, Kindlein, wirst Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest 77 und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk in der Vergebung ihrer Sünden, 78 durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, 79 auf dass es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.


Was für eine Weissagung! Was für ein Text!
Gott besucht und erlöst sein Volk. Nicht erst Weihnachten, wenn der Messias geboren wird, sondern schon vorher richtet er ein „Horn des Heils“ auf im Hause seines Dieners David (V. 69).
Ein seltsames, archaisches Bild! Es geht zurück auf einen Vers aus dem ersten Samuelbuch:

„Die mit dem HERRN hadern, müssen zugrunde gehen. Über ihnen wird er donnern im Himmel. Der HERR wird richten der Welt Enden. Er wird Macht geben seinem König und erhöhen das Horn seines Gesalbten.“ (1 Sam 2,10)

Jüdische Gelehrte deuteten diesen Vers auf den Messias. Im „Horn“ eines Tieres dachte man sich dessen konzentrierte Kraft – eine Vorstellung, die heute noch viele Nashörner in Afrika mit dem Leben bezahlen. Wenn Gott ein „Horn des Heils“ aufrichtet im Hause David, dann steht in Israel die Wende zum Guten unmittelbar bevor, dann wird die Herrschaft der Römer ein Ende finden und das „Reich Gottes“ wird aufgerichtet. Das ist die Verheißung, unter der das Leben Johannes des Täufers steht:

„Du, Kindlein, wirst Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk in der Vergebung ihrer Sünden, durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, auf dass es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.“ (V. 76-79)

Zweimal ist in unserem Text davon die Rede, dass Gott uns besucht. Um Kontaktbeschränkungen schert er sich nicht! Er besucht sein Volk in Johannes dem Täufer, der das Kommen des Messias ankündigt. Und er besucht es in dem „aufgehenden Licht“, das der Messias selbst ist: in Jesus Christus, seinem Sohn.
In ihm erscheint Gott all denen, die im Finstern sitzen und auf die der Tod seinen Schatten geworfen hat. Weil sie geliebte Menschen verloren haben – durch Corona oder andere Krankheiten, durch Krieg und Gewalt, durch Hunger und Flucht, durch das Alter und damit einfach durch den Lauf der Dinge. In ihm erscheint Gott all denen, die im Finstern ihrer Traurigkeit und Depression gefangen sind. Durch ihn wird es hell in dieser Welt und in unserem Leben.
Das sehen wir im Symbol der Adventskerzen, die an jedem Adventssonntag heller strahlen. Und wir sehen es in den Lichtern des Weihnachtsbaums, die am Heiligen Abend entzündet werden.

Doch was bewirkt dieses „Licht aus der Höhe“ in unserem Leben und in dieser Welt? Zacharias ist da in seinem Lobgesang ganz klar: „Es richtet unsere Füße auf den Weg des Friedens.“ (V. 79) Frieden – Schalom – umfassendes Heil: Das ist das Ziel aller Wege Gottes mit uns! Corona hin oder her – wir sollen Frieden finden. Mit uns selbst. Mit unseren Lieben. Mit unseren Feinden.

Bild 03: „John Lennon“

Wedding2020-12-13_03-GJohn Lennon

In der vergangenen Woche war der 40. Todestag von John Lennon. Am Abend des 8. Dezember 1980 wurde der Sänger und Gitarrist der Beatles von einem geistig verwirrten Attentäter ermordet. In derselben Nacht noch versammelten sich viele tausend Menschen vor dem Tatort, dem Dakota Building in New York, um gemeinsam die Lieder John Lennons zu singen – darunter auch „Give Peace a Chance“ („Gebt dem Frieden eine Chance“). In dem Lied heißt es:

„Alles, was wir sagen, ist: Gebt dem Frieden eine Chance.
Kommt zusammen, alle zusammen.
Wir schaffen es morgen, heute.
Alles, was wir sagen, ist: Gebt dem Frieden eine Chance!“


Das ist auch die Botschaft von Weihnachten:

„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ (Lk 2,14)

Vielleicht sieht es heute so aus, als sei dieser Friede weiter entfernt denn je! Es herrscht Krieg in Syrien, Afghanistan, Bergkarabach und an vielen anderen Orten dieser Welt. Millionen Menschen sind auf der Flucht und wissen nicht wohin.
Und hier bei uns? Da stehen die Gegner der Corona-Maßnahmen ihren Befürwortern unversöhnlich gegenüber. Konservative streiten mit Liberalen und Progressiven. Und nicht immer wird dieser Streit mit fairen, demokratischen Mitteln geführt.
Und dazwischen wir, die Nachfolger Jesu von Nazareth, des „Lichts aus der Höhe“, die wir auch „Salz der Erde“ und „Licht für die Welt“ sein sollen. Was davon sind wir wirklich? Viel zu wenig, denke ich manchmal. Und dann: Ein wenig Salz reicht doch, um einer Suppe Geschmack zu verleihen! Eine kleine Kerze kann einen großen, dunklen Raum ganz schön hell machen!

„Macht die Tore weit, macht die Türen auf,
denn der König zieht bei euch ein.
Macht die Türen auf, macht die Herzen weit,
denn ihr seid ihm nicht zu klein.“


Wenn du dich zu klein fühlst, um „Salz der Erde“ und „Licht für die Welt“ zu sein, dann ist das einfach nicht wahr! Du bist, was du bist. Und das ist gut so. Gott hat dich, so wie bist, besucht und erlöst. Er besucht und erlöst dich auch diese Weihnachten im Corona-Jahr. Er begegnet dir mit Barmherzigkeit, damit du anderen gegenüber barmherzig sein kannst. Er lässt dir Gerechtigkeit widerfahren, damit du Gerechtigkeit übst. Er macht dich heil, damit du anderen zum Heil verhilfst. Er vergibt dir deine Schuld, damit du denen vergibst, die an dir schuldig werden.
Und wenn Finsternis und die Schatten des Todes über dir zusammenschlagen, ist er dein Licht und ein friedlicher Weg für deine Füße.
Gib ihm eine Chance! Amen.

(c) Volkmar Hamp