Zumutung und Anmutung des Glaubens
(Hebräer 11,1-2 und 12,1-3)


Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,

seid ihr auch so müde? Frühjahrsmüde? Corona-müde? Zoom-müde?
Mir geht das so! Ich mag nicht mehr jede Woche stundenlang in Zoom-Konferenzen sitzen. Ich möchte endlich wieder Gottesdienste in der Müllerstraße feiern – leibhaftig, kohlenstofflich, nicht virtuell – in unseren fertiggestellten, neugestalteten Räumen. Ich bin es satt, mich alle paar Wochen mit neuen Corona-Entscheidungen der Regierenden auseinanderzusetzen. Ich möchte keine Angst mehr haben müssen, mich mit diesem bescheuerten Virus anzustecken und vielleicht schwer krank zu werden. Ich will nichts mehr hören von Inzidenzwerten, Reproduktionszahlen und Intensivbettenauslastungen und keine Statistiken zu Corona-Kranken und Corona-Toten mehr zur Kenntnis nehmen.
Ich bin müde. Und ich weiß von vielen anderen, dass sie auch müde sind. Auch von dem einen oder der anderen von euch. Die Passions-zeit 2021 verlangt uns einiges ab an „Passion“, an Leiden und Mitleiden, an Geduld und Verzicht. Und im Augenblick sieht es nicht so aus, als würde Ostern alles anders werden. Im Gegenteil: Nach allem, was wir heute wissen, wird es erst einmal wieder schlimmer werden, bevor es dann – hoffentlich! – im Sommer oder Herbst endlich wirklich besser wird.
In dieser Gefühls- und Stimmungslage feiern wir heute den „Palmsonntag“. Wir erinnern uns an den Einzug Jesu in Jerusalem am An-fang der Karwoche. Heute bejubelt, wird Jesus wenige Tage später fallen gelassen und ans Kreuz geschlagen. Sein Weg zur Auferstehung und Verherrlichung führt durch das tiefe Tal des Todes. Hat dieser Weg eine Bedeutung für uns? Heißt „an Jesus glauben“, „auf ihn ver-trauen“, diesen Weg mit ihm zu gehen, ihn nachzuvollziehen?

„Was ist denn der Glaube?“, „Was ist die Grundlage unseres Vertrauens?“ – das ist die Einstiegsfrage des für den heutigen Tag vorge-schlagenen Predigttextes. „Worauf können wir uns verlassen? Worauf können wir unser Leben bauen?“

Hebräer 11,1-2 und 12,1-3:
11,1 Was ist denn der Glaube? Er ist ein Rechnen mit der Erfüllung dessen, worauf man hofft, ein Überzeugtsein von der Wirklichkeit unsichtbarer Dinge. 2 Weil unsere Vorfahren diesen Glauben hatten, stellt Gott ihnen in der Schrift ein gutes Zeugnis aus. (Und dann folgt eine lange Liste, die die „Großen“ des Glaubens von Anbeginn der Welt aufzählt: Abel, Henoch und Noah, Abraham und Sara, Isaak, Jakob und Josef, Mose, Josua und Rahab, Gideon, Barak, Simson und Jeftah, David und Samuel und die Propheten).
12,1 Wir sind also von einer großen Schar von Zeugen umgeben, deren Leben uns zeigt, dass es durch den Glauben möglich ist, den uns aufgetragenen Kampf zu bestehen. Deshalb wollen auch wir – wie Läufer bei einem Wettkampf – mit aller Ausdauer dem Ziel entgegen-laufen. Wir wollen alles ablegen, was uns beim Laufen hindert, uns von der Sünde trennen, die uns so leicht gefangen nimmt, 2 und unseren Blick auf Jesus richten, den Wegbereiter des Glaubens, der uns ans Ziel vorausgegangen ist. Weil Jesus wusste, welche Freude auf ihn wartete, nahm er den Tod am Kreuz auf sich, und auch die Schande, die damit verbunden war, konnte ihn nicht abschrecken. Deshalb sitzt er jetzt auf dem Thron im Himmel an Gottes rechter Seite.
3 Wenn ihr also in der Gefahr steht, müde zu werden, dann denkt an Jesus! Wie sehr wurde er von sündigen Menschen angefeindet, und wie geduldig hat er alles ertragen! Wenn ihr euch das vor Augen haltet, werdet ihr nicht den Mut verlieren.


Nicht den Mut verlieren! Ist das nicht genau das, was wir gerade dringend bräuchten und was uns zugleich so schwerfällt? Wie kriegen wir das hin? Und wie kann dieser Predigttext aus dem Brief an die Hebräer uns dabei helfen?
Eine Zumutung und eine Anmutung enthält dieser Text – komische Wörter, in denen das Wort „Mut“ vorkommt. Als „Zumutung“ werden im Deutschen verschiedene Dinge bezeichnet: Frechheiten oder Respektlosigkeiten, aber auch „eine durch ihre ‚Zumutbarkeit‘ begrenzte Belastung“. „Zumutbar“ ist etwas, das mit der zur Verfügung stehen-den Kraft zu schaffen ist.
Das Wort „Anmutung“ leitet sich davon ab, meint aber etwas anderes. „Anmutung“ ist ein wichtiger Fachbegriff gestaltender Berufe. Desig-ner verwenden es, Grafiker und Layouter. „Anmutung“ bedeutet, dass die Form, die Gestalt von etwas mit ihrem Zweck, ihrer Intention übereinstimmt. Ein überzeugendes Kosmetikprodukt sollte nicht die „Anmutung“ einer Medikamentenschachtel haben, das Logo einer Bank sollte man nicht mit dem Logo eines Spielcasinos verwechseln.

„Zumutung“ und „Anmutung“ sind also verschiedene Dinge. Was ist die „Zumutung“ in unserem Text?

Wir sind also von einer großen Schar von Zeugen umgeben, deren Leben uns zeigt, dass es durch den Glauben möglich ist, den uns aufgetragenen Kampf zu bestehen. Deshalb wollen auch wir – wie Läufer bei einem Wettkampf – mit aller Ausdauer dem Ziel entgegenlaufen. Wir wollen alles ablegen, was uns beim Laufen hindert, uns von der Sünde trennen, die uns so leicht gefangen nimmt.

Was uns in diesem Text „zugemutet“ wird, ist, den uns aufgetragenen Kampf zu bestehen, mit aller Ausdauer dem Ziel entgegenzulaufen. Immer wieder war in den vergangenen Monaten davon die Rede, dass die Situation, in der wir alle uns zurzeit befinden, einem „Marathonlauf“ gleicht. Sie ist nicht im Sprint zu bewältigen, sondern braucht Ausdauer, Kraft und Geduld, einen langen Atem. Sie ist eine Zumutung.
Darin gleicht sie anderem, was uns im Leben begegnet. Herausforderungen in der Familie und im Beruf. Handicaps, Krankheiten, Entwicklungen im persönlichen und gesellschaftlichen Leben, die nicht „einfach so“ bewältigt werden, sondern uns oft über lange Zeit sehr viel abverlangen. Da kann es dann hilfreich sein, Ballast abzuwerfen, der uns am Laufen hindert. Dinge loszuwerden, die uns belasten. Uns von dem zu trennen, was uns gefangen nimmt und uns das Ziel verfehlen lässt.
Darüber nachzudenken, welche Dinge das sein könnten, das mutet unser Predigttext, das mutet Gott uns zu. Das kann anstrengend sein, aber auch befreiend. Was muss ich loslassen, damit ich die Hände frei bekomme, um etwas Neues anzupacken? Was muss ich ablegen, da-mit ich den Rücken gerade machen und aufrecht weitergehen kann? Was muss ich hinter mir lassen, um nach vorne schauen zu können? Das sind Fragen, die uns etwas zumuten, deren Beantwortung Mut braucht. Gut, dass sie in unserem Text durch eine „Anmutung“ ergänzt werden. Durch ein Ziel. Durch die „Gestalt“ von etwas, dem wir nacheifern, auf das wir hinleben, das wir uns als hilfreiche Perspektive auf unser Leben aneignen können.
Wie das? Indem wir unseren Blick auf Jesus richten, „den Wegbereiter des Glaubens, der uns ans Ziel vorausgegangen ist“ (Hebr 12,2). Vielleicht empfinden wir auch das manchmal als „Zumutung“. Jesus nachfolgen. Aber das ist es nicht. Jedenfalls nicht nur. Jesus ist eine „Anmutung“ dessen, was sein könnte. Er gibt uns eine Vorstellung davon, wie unser Leben – trotz aller Zumutungen – gelingen und gut werden kann.

Was wir am Palmsonntag feiern, ist ein schönes Bild dafür. Da zieht ein neuer König in Jerusalem ein, und er reitet nicht auf einem Pferd, sondern auf einem Esel! Er verzichtet auf die Zeichen königlicher Macht und Würde. Er kommt als einer von uns, ein Mensch, der keine Krone, kein Schwert und kein Zepter trägt.

1. Macht hoch die Tür, die Tor macht weit;
es kommt der Herr der Herrlichkeit,
ein König aller Königreich,
ein Heiland aller Welt zugleich,
der Heil und Leben mit sich bringt;
derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott,
mein Schöpfer reich von Rat.

2. Er ist gerecht, ein Helfer wert;
Sanftmütigkeit ist sein Gefährt,
sein Königskron ist Heiligkeit,
sein Zepter ist Barmherzigkeit;
all unsre Not zum End er bringt,
derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott,
mein Heiland groß von Tat.

3. O wohl dem Land, o wohl der Stadt,
so diesen König bei sich hat.
Wohl allen Herzen insgemein,
da dieser König ziehet ein.
Er ist die rechte Freudensonn,
bringt mit sich lauter Freud und Wonn.
Gelobet sei mein Gott,
mein Tröster früh und spat.


„Macht hoch die Tür“ – ein Adventslied, das auch ein Palmsonntagslied sein könnte. Geschrieben wurde es im 17. Jahrhundert (1623) in Ostpreußen von dem Königsberger Pfarrer Georg Weissel. Und zwar zur feierlichen Einweihung einer neu errichteten Kirche, die am 2. Sonntag im Advent stattfand. Hoffen wir, dass unsere Kirchen-Einweihung nicht so lange auf sich warten lässt!
Man erzählt sich, ein Mann, über dessen abgesperrtes Grundstück ein Weg vom Armenhaus zu dieser neuen Kirche führte, sei durch das Singen dieses Liedes dazu bewogen worden, die verschlossene Pforte seines Gartens zu öffnen und den Weg über sein Grundstück freizugeben. Ich finde, das ist ein schönes Bild dafür, was der Palmsonntag uns lehren kann.
Palmsonntag heißt: Gott kommt nicht mit Macht, Herrschaft und Gewalt in unser Leben, sondern sanftmütig, demütig, durch Machtverzicht, Friedfertigkeit, Liebe und Barmherzigkeit. Das ist, wofür Jesus steht! Das sehen wir, wenn wir unseren Blick auf ihn richten. Das ist die „Anmutung“ der Gottesherrschaft, die wir wahrnehmen, wenn wir Jesus ernstnehmen. Das ist, was wir herbeisehnen, wenn wir darum beten, dass „Gottes Reich“ kommen möge, „im Himmel wie auf Er-den“.
Diese „Anmutung“ der Gottesherrschaft macht uns Mut, wenn die Zumutungen des Lebens uns überwältigen. Es kann, es wird anders werden! Das Reich Gottes kommt! Und es ist schon da, wenn Jesus unter uns Gestalt gewinnt. Wenn wir nicht auf Macht und Gewalt set-zen, sondern auf den sanften Mut der Gottesherrschaft. Noch einmal der Hebräerbrief:

Wenn ihr also in der Gefahr steht, müde zu werden, dann denkt an Jesus! Wie sehr wurde er von sündigen Menschen angefeindet, und wie geduldig hat er alles ertragen! Wenn ihr euch das vor Augen haltet, werdet ihr nicht den Mut verlieren.

4. Macht hoch die Tür, die Tor macht weit,
eu’r Herz zum Tempel zubereit’.
Die Zweiglein der Gottseligkeit
steckt auf mit Andacht, Lust und Freud;
so kommt der König auch zu euch,
ja, Heil und Leben mit zugleich.
Gelobet sei mein Gott,
voll Rat, voll Tat, voll Gnad.

5. Komm, o mein Heiland Jesu Christ,
meins Herzens Tür dir offen ist.
Ach zieh mit deiner Gnade ein;
dein Freundlichkeit auch uns erschein.
Dein Heilger Geist uns führ und leit
den Weg zur ewgen Seligkeit.
Dem Namen dein, o Herr,
sei ewig Preis und Ehr.


Amen.

(c) Volkmar Hamp