Wasser und Geist
(Johannes 7,37-39)


Sukkot, das jüdische Laubhüttenfest, wird im Herbst, fünfzehn Tage nach Rosch ha-Schana, dem jüdischen Neujahrsfest, und fünf Tage nach Jom Kippur, dem „Versöhnungstag“ gefeiert. Ganz schön was los im jüdischen Festkalender zu dieser Zeit!
In diesem Jahr (2021) soll das größte jüdische Laubhüttenfest der Welt in Deutschland stattfinden. Dafür wurde die Aktion „Sukkot XXL“ ins Leben gerufen – „in Zeiten, in denen ‚Jude‘ wieder zum Schimpfwort auf Schulhöfen geworden ist und antisemitische Verschwörungstheorien zu Corona durchs Land geistern, wichtiger denn je“. Das sagt Joachim Gerhardt, der zweite Vorsitzende des Vereins, der diese Aktion vorbereitet.
„321-2021: 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ heißt dieser Verein. Der Name geht auf eine Erwähnung der Kölner jüdischen Gemeinde in einem Edikt des römischen Kaisers Konstantin aus dem Jahr 321 n. Chr. zurück. Sie gilt als der älteste Beleg für jüdisches Leben in Europa nördlich der Alpen.
2021 beginnt das Laubhüttenfest am Abend des 20. September und endet am 27. September. Darum herum wird ein mehrmonatiges Kulturfestival stattfinden, sowie eine Reihe digitaler Formate von Podcasts über Videos bis hin zu einer Online-Ausstellung. Die Schirmherrschaft für das Ganze hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier übernommen. Angesichts dessen, was gerade in Israel und Palästina passiert, blicken wir auch mit anderen Augen auf 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland.

Laubhüttenfest in Jerusalem vor fast 2000 Jahren. Jesus reist inkognito dorthin. Seine Zeit sei noch nicht gekommen, sagt er seinen Jüngern (Joh 7,6-13). Dann aber lehrt und predigt er doch in aller Öffentlichkeit im Tempel und erregt großes Aufsehen. Seine Gegner wollen ihn ergreifen und ins Gefängnis werfen, doch das gelingt ihnen nicht (Joh 7,14-36). So kommt es am letzten Tag des Festes zum großen Showdown. In diesem Zusammenhang steht der pfingstliche Predigttext für den heutigen Sonntag, Johannes 7,37-39: 37 Aber am letzten, dem höchsten Tag des Festes trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!
38 Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen.
39 Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht.
Drei Verse – drei Gedankengänge, die ich mit euch gehen möchte.


Erster Vers, erster Gedanke:
Jesus, das „Wasser des Lebens“.


Wir, die wir Wasser im Überfluss haben und jederzeit einen Wasserhahn aufdrehen können, um zu trinken, zu duschen oder zu kochen, müssen uns immer wieder klarmachen, wie sehr Wasser und Leben zusammengehören. Ohne Wasser kein Leben! Alles Leben kommt aus dem Wasser. Wasser ist das Lebenselixier schlechthin. Wir selbst, unsere Körper, bestehen – abhängig von Alter und Geschlecht – im Durchschnitt zu 60-80% aus Wasser.
Unser Planet müsste eigentlich „Wasser“ heißen und nicht „Erde“. Schließlich sind 71% der Erdoberfläche von Wasser bedeckt und nur 29% trockenes Land. So erscheint uns die Erde, aus dem Weltraum betrachtet, als „blauer Planet“. Allerdings sind von dem vielen Wasser, das die Erde bedeckt, 97,4% Salzwasser, also nicht ohne Weiteres trinkbar für uns. Nur 2,6% sind Süßwasser, das meiste davon gebunden in Gletschern und Eis. Nur 0,3% des Wassers auf der Erde können wir wirklich nutzen.
Wasser ist kostbar! „Einem anderen das Wasser abgraben“ ist darum ein Sprichwort für unsoziales Verhalten. „Einem anderen das Wasser reichen können“ eine Auszeichnung und ein Kompliment.
Viele Geschichten der Bibel erzählen von der Leben schaffenden, aber auch von der zerstörerischen Kraft des Wassers. „Es wimmle das Wasser von lebendigem Getier“, heißt es im Schöpfungsbericht. Die Sintflut bringt verheerendes Unglück über die Welt. Beim Auszug aus Ägypten schenkt Gott seinem Volk Wasser in der Wüste, führt es trockenen Fußes durch das Schilfmeer. Dürren und Hungersnöte prägen immer wieder die Geschichte Israels. Jesus macht aus Wasser Wein, geht übers Wasser und stillt den angstmachenden Sturm auf dem See.
Und zu der Frau am Jakobsbrunnen sagt er:

„Jeder, der von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr durstig sein. Das Wasser, das ich ihm gebe, wird in ihm zu einer Quelle werden, die unaufhörlich fließt, bis ins ewige Leben.“ (Joh 4,13f)

Jesus – Wasser des Lebens für uns? Was heißt das? Ist das „nur ein Symbol“ für die Hoffnung auf ewiges Leben nach dem Tod? Oder hat das was mit unserem Leben hier und jetzt zu tun?
„Das Wasser, das ich euch geben werde, wird in euch zu einer Quelle werden, die unaufhörlich fließt, bis ins ewige Leben.“ Da ist schon diese Zukunftsperspektive, aber die Quelle sprudelt schon jetzt! Sie fließt „unaufhörlich“. Wenn wir uns an Jesus halten, wenn er uns hält, dann sprudelt schon jetzt „Wasser des Lebens“ in uns, dann sind wir lebendig und helfen der Welt und den Menschen um uns herum zum Leben.
Ich habe vor vielen Jahren einmal versucht, meinen eigenen Glauben, in einem „Glaubensbekenntnis“ in Worte zu fassen. Dabei habe ich Folgendes geschrieben:

Ich glaube an Gott, den Erfinder und Liebhaber des Lebens. Das heißt: Ich vertraue darauf, dass die belebte Natur, deren Teil ich bin, die besondere Zuneigung und Fürsorge Gottes genießt. Alles, was lebt, hat Anteil an der Lebendigkeit, die von Gott kommt. Alles, was lebt, steht unter dem besonderen Schutz Gottes, der selbst das Leben in allem Lebendigen ist. Daraus folgt: Alles, was dem Leben dient und das Leben fördert, entspricht dem Wunsch und Willen Gottes. Alles, was Leben hindert oder zerstört, widerspricht dem Wunsch und Willen Gottes. Meine Hoffnung ist: Nichts kann und wird letzten Endes die Durchsetzung des Lebens durch Gott, den Erfinder und Liebhaber des Lebens, verhindern!

Zweiter Vers, zweiter Gedanke:
Wenn wir uns an Jesus halten, gehen „Sröme lebendigen Wassers“ von uns aus.


Ist das wirklich so? Ich erlebe es oft anders. Manchmal hinterlasse ich verbrannte Erde, statt lebendiges Wasser zu geben. Durch ein unbedachtes Wort, durch Übersehen und Übergehen anderer Menschen, aus Bequemlichkeit, Müdigkeit oder Überforderung.
Und doch sagt Jesus diese Worte: „Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen.“ Er sagt das zu mir. Zu dir. Und wahrscheinlich denkt er bei „der Schrift“ an Worte aus Jesaja 58:

Jesaja 58,9-12
9 Wenn du Unterjochung aus deiner Mitte entfernst, auf keinen mit dem Finger zeigst und niemandem übel nachredest, 10 den Hungrigen stärkst und den Gebeugten satt machst, dann geht im Dunkel dein Licht auf und deine Finsternis wird hell wie der Mittag. 11 Der HERR wird dich immer führen, auch im dürren Land macht er dich satt und stärkt deine Glieder. Du gleichst einem bewässerten Garten, einer Quelle, deren Wasser nicht trügt. 12 Die Deinen bauen uralte Trümmerstätten wieder auf, die Grundmauern vergangener Generationen stellst du wieder her. Man nennt dich Maurer, der Risse schließt, der Pfade zum Bleiben wiederherstellt.


Von euch werden Ströme lebendigen Wassers ausgehen. Nicht im Himmel, sondern hier auf Erden. Überall da, wo ihr gegen Unrecht aufbegehrt. Immer dann, wenn ihr Hungrige speist oder Gebeugte aufrichtet. Eure Superheldennamen heißen: „Maurer, der Risse schließt“ oder „Wegbereiter von Pfaden zum Bleiben“.
Einst ließ Johannes der Täufer – der, der mit Wasser taufte und in Jesus den erkannte, der mit dem Heiligen Geist taufen würde (Mt 3,11) – eben diesen Jesus fragen, ob er wirklich der verheißene Messias sei oder ob sie auf einen anderen warten sollten (Mt 11,1-6). Die Antwort Jesu zeigt, was passieren kann, wenn von einem Menschen „Ströme lebendigen Wassers“ ausgehen: „Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt.“ (Mt 11,5)
Und was passiert, wenn wir in diesen „Strom des Lebens“ eintauchen? Menschen, die blind und taub für das Leid und Elend anderer waren, schauen und hören plötzlich hin. Sie lassen sich berühren von dem, was sie sehen und hören. Träge kommen in Bewegung und setzen sich für andere ein. Ausgegrenzte sind willkommen. Menschen, die am Ende sind, machen einen neuen Anfang. Es gibt einen Ausgleich zwischen Arm und Reich. Wer an Jesus glaubt, wer auf ihn vertraut, von dessen Leib werden Ströme lebendig machenden Wassers fließen.


Dritter Vers, dritter Gedanke:
Es ist der Geist Gottes, der uns zu solchen Menschen macht.


Pfingsten steht vor der Tür. Ursprünglich auch ein jüdisches Fest. Ein Erntefest erst, dann ein Fest der Erinnerung an den Bund, den Gott mir seinem Volk geschlossen hat. So griffen die ersten Christen es auf. Gott erneuert seinen Bund, indem er – wie er es verheißen hat – seinen Geist auf sie ausgießt.

38 Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.
39 Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten.


Gottes Geist wird in uns zur Quelle des Lebens. Gottes Geist lenkt die Ströme lebendigen Wassers, die von uns ausgehen, in die richtigen Kanäle.
In meinem kleinen „Glaubensbekenntnis“ habe ich das vor Jahren so formuliert:
Ich glaube an den „Heiligen Geist“, an die Kraft Gottes, die in dieser Welt wirkt. Ich glaube, dass diese Kraft die Kraft der Liebe ist. Das heißt: Ich vertraue darauf, dass Gott ein Gott der Liebe und durch die Liebe in dieser Welt gegenwärtig ist. Daraus folgt: Wo Gott ist, da ist Liebe. Wo Liebe ist, da ist Gott. Die ganze Ethik lässt sich darum in einem einzigen Satz zusammenfassen: „Liebe – und dann tu, was du willst!“ (Augustinus) Meine Hoffnung ist: Diese Welt und nichts, was auf ihr lebt, kann aus der Liebe Gottes herausfallen! So wie er die Welt am Anfang ins Sein gebracht hat und gegenwärtig im Sein hält, so wird er sie am Ende in Liebe vollenden – und mit ihr auch mich und alles, was lebt.

Gottes Geist, dieser geheimnisvolle Vogel, was soll ich mir darunter vorstellen? Er schwebt über dem Chaos der Urflut (Gen 1,2), steht von Anfang an für die schöpferische Lebenskraft Gottes. Und er ist kein „Er“, sondern eine „Sie“. Im Hebräischen die ruach, die „Geistkraft Gottes“, der Hauch, der Atem, der Menschen belebt und in Bewegung setzt. Das pneuma im Griechischen, pure Energie, Atem des Lebens in uns.

„Die der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“ (Röm 8,14)

„Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit … Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln.“ (Gal 5,22f)

Atme in mir Heiliger Geist.
Ströme aus der Mitte meines Seins.
Sei du mein Rhythmus,
mein Kommen und Gehen,
mein Werden und Wachsen.

Atme in mir Heiliger Geist.
Sei du das Leben, das ich fühle,
sei die Sehnsucht, die mich zieht.
Sei du das Feuer, das in mir brennt
und das Blut, das in mir fließt.

Atme in mir, Heiliger Geist.
Lass mich aufblühen und ein Lob sein.
Lass mich reif werden
und Frucht bringen.
Lass mich ein Segen sein für diese Erde
und für die Menschen auf ihr. Amen.


(c) Volkmar Hamp