Pfingsten
(Apostelgeschichte 2,1-21)


Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,

die Geschichte, um die es heute geht, habt ihr grad im Video für die Kinder gesehen. Wir feiern Pfingsten, pentekoste heméra, den fünfzigsten Tag nach Ostern. Für uns Christen der Geburtstag der Kirche. Doch das konnten die Freunde und Freundinnen Jesu damals noch nicht wissen, als sie sich fünfzig Tage nach der Auferstehung ihres Herrn zum „Pfingstfest“ in Jerusalem versammelten.
Wie Ostern ist Pfingsten also keine Erfindung der Christenheit. Schon lange vorher wurde dieses Fest im Judentum gefeiert. So wie fünfzig Tage davor Passa gefeiert wurde, die jüdische Wurzel für Ostern, das wichtigste Fest der Christenheit.

Das Pfingstfest
Was war das für ein Fest, zu dem die Jesusleute sich fünfzig Tage nach Ostern in Jerusalem wiedertrafen?
Ursprünglich war es ein Erntefest. Man feierte es sieben Wochen nach Beginn der Weizenernte (Dtn 16,9f). Daher auch der hebräische Name dieses Festes: hag schabuot („Wochenfest“). Im Laufe der Geschichte wurde dieses Fest dann mit dem Passafest verknüpft und zum Abschluss der fünfzigtägigen Passafestzeit gefeiert. Im hellenistischen Judentum bekam es dann den griechischen Namen pentekoste – „der fünfzigste (Tag nach dem Passa)“ (Tob 2,1; 2 Makk 12,32).
Hier wuchs dem uralten jüdischen Erntefest auch eine neue Bedeutung zu. Um dem Einfluss des Hellenismus, der griechischen Kultur, etwas entgegenzusetzen und die Identität des jüdischen Volkes zu stärken, begann man im 2. Jahrhundert vor Christus, am Wochenfest an die Bundesschlüsse Gottes mit seinem Volk zu erinnern: an den Bund, den Gott mit Noah geschlossen hatte (Jub 6,15-18), mit Abraham (Jub 6,19f; 14,10-20) und nach dem Auszug aus Ägypten mit Mose und dem ganzen Volk Israel (Jub 5,11). Aus hag schabuot, dem „Wochenfest“, wurde hag schebuot, das „Schwurfest“.

Die Pfingstgeschichte
Zu diesem Fest hatten sich auch in dem Jahr, in dem Jesus gestorben und auferstanden war, fromme Juden aus der ganzen Welt in Jerusalem versammelt. „Wir sind Parther, Meder und Elamiter,“ lässt Lukas sie im Predigttext für den heutigen Sonntag (Apg 2,1-21) sagen, „wir kommen aus Mesopotamien und aus Judäa, aus Kappadozien, aus Pontus und aus der Provinz Asien, aus Phrygien und Pamphylien, aus Ägypten und aus der Gegend von Zyrene in Libyen. Sogar aus Rom sind Besucher hier, sowohl solche, die von Geburt Juden sind, als auch Nichtjuden, die den jüdischen Glauben angenommen haben. Auch Kreter und Araber befinden sich unter uns.“ (Apg 2,9-11) Eine multikulturelle Gemeinschaft jüdischen Glaubens, die den Bund Gottes mit seinem Volk feiern will. Und die Jünger Jesu sind ein Teil davon.
Denn auch sie waren Juden. Ganz selbstverständlich trafen sie sich fünfzig Tage nach dem Passafest, an dem sie die Auferstehung Jesu erlebt hatten, in Jerusalem wieder. Auch sie wollten den Bund Gottes mit seinem Volk feiern. Schließlich waren sie davon überzeugt, dass Gott in Jesus diesen Bund mit Israel und der ganzen Welt erneuert hatte, auch wenn sie noch so gar nicht richtig wussten, was das eigentlich bedeuten sollte.
Und dann geschah es: „Plötzlich setzte vom Himmel her ein Rauschen ein wie von einem gewaltigen Sturm; das ganze Haus, in dem sie sich befanden, war von diesem Brausen erfüllt. Gleichzeitig sahen sie so etwas wie Flammenzungen, die sich verteilten und sich auf jeden Einzelnen von ihnen niederließen. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt, und sie begannen, in fremden Sprachen (griech. „in fremden Zungen“) zu reden; jeder sprach so, wie der Geist es ihm eingab.“ (Apg 2,2-4)
Wind und Feuer als Zeichen der Gegenwart Gottes, das war so ungewöhnlich nicht! Man kannte die alten Geschichten vom Geist Gottes, der bei der Schöpfung über dem Chaos schwebte, der charismatische Männer und Frauen zu großen Taten befähigte. Man wusste, dass Gott mit seinem Knecht Mose aus einem brennenden Dornbusch gesprochen hatte und dass er beim Auszug aus Ägypten tagsüber in einer Wolkensäule und nachts in einer Feuersäule vor dem Volk hergezogen war.
Aber „Feuerzungen“, die dazu befähigten in „fremden Zungen“, in allen möglichen Sprachen zu sprechen? Eine Kraft, die alle seit dem Turmbau zu Babel bestehenden (Sprach-)Barrieren durchbrechen konnte? Das war schon etwas Besonderes!
Darum, so schreibt Lukas, „strömten die Menschen in Scharen zusammen, als nun jenes mächtige Brausen vom Himmel einsetzte. Sie waren zutiefst verwirrt, denn jeder hörte die Apostel und die, die bei ihnen waren, in seiner eigenen Sprache reden. Fassungslos riefen sie: ‚Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wie kommt es dann, dass jeder von uns sie in seiner Muttersprache reden hört?‘ … Alle waren außer sich vor Staunen. ‚Was hat das zu bedeuten?‘, fragte einer den anderen, aber keiner hatte eine Erklärung dafür. So gab es auch einige, die sich darüber lustig machten. ‚Die haben zu viel süßen Wein getrunken!‘, spotteten sie.“ (Apg 2,6-8.12-13)
Eine beliebte Strategie, das Unbegreifliche, das aus dem Rahmen fallende mundtot zu machen: Die sind betrunken! Die haben den Verstand verloren! Die haben keinen Bezug zur Realität mehr! Wie lässt sich dem begegnen? Petrus versucht es mit vernünftigen Worten und mit einem Verweis auf die Hebräische Bibel, die Heilige Schrift von Juden und Christen. Zusammen mit den elf anderen Aposteln tritt er vor die Menge und erklärt mit lauter Stimme:
„Ihr Leute von Judäa und ihr alle, die ihr zur Zeit hier in Jerusalem seid! Ich habe euch etwas zu sagen, was ihr unbedingt wissen müsst. Hört mir zu! Diese Leute hier sind nicht betrunken, wie ihr vermutet. Es ist ja erst neun Uhr morgens. Nein, was hier geschieht, ist nichts anderes als die Erfüllung dessen, was Gott durch den Propheten Joel angekündigt hat. ‚Am Ende der Zeit‘, so sagt Gott, ‚werde ich meinen Geist über alle Menschen ausgießen. Dann werden eure Söhne und eure Töchter prophetisch reden; die Jüngeren unter euch werden Visionen haben und die Älteren prophetische Träume. Sogar über die Diener und Dienerinnen, die an mich glauben, werde ich in jener Zeit meinen Geist ausgießen, und auch sie werden prophetisch reden. Sowohl droben am Himmel als auch unten auf der Erde werde ich Wunder geschehen lassen, und es werden furchterregende Dinge zu sehen sein: Blut und Feuer und dichte Rauchwolken. Die Sonne wird sich verfinstern, und der Mond wird rot werden wie Blut, bevor jener große Tag kommt, an dem der Herr in seiner Herrlichkeit erscheint. Jeder, der dann den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden.‘ (Joel 3,1-5)“ (Apg 2,14-21)

Pfingsten
Das ist Pfingsten, hag schebuot, das „Schwurfest“. Gott erfüllt seinen Schwur, sein Versprechen, seine Verheißung! Er schickt seinen Geist! Zu allen Menschen! Zu Jungen und Alten, zu Armen und Reichen, zu Frauen und Männern, zu Freien und Sklaven!
Der Apostel Paulus hat das in seinem Brief an die Galater so beschrieben: „Ihr alle seid Söhne und Töchter Gottes, weil ihr an Jesus Christus glaubt und mit ihm verbunden seid. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft worden seid, habt ein neues Gewand angezogen – Christus selbst. Hier gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Juden und Griechen, zwischen Sklaven und freien Menschen, zwischen Mann und Frau. Denn durch eure Verbindung mit Jesus Christus seid ihr alle zusammen ein neuer Mensch geworden. Wenn ihr aber zu Christus gehört, seid ihr auch Nachkommen Abrahams und seid damit – entsprechend der Zusage, die Gott ihm gegeben hat – Abrahams rechtmäßige Erben.“ (Gal 3,26-28 NGÜ)
Die Verheißung, die Gott Abraham – und vor ihm Noah und nach ihm Mose – gegeben hat, ist in Jesus erfüllt. Das Versprechen, dass Gott durch den Propheten Joel seinem Volk gegeben hat, wird jetzt eingelöst: grenzenlose, universale Gemeinschaft, zu der jeder und jede eingeladen ist – ohne Ansehen der Person, des Alters, der Herkunft, der ethnischen Zugehörigkeit, der religiösen Tradition, des Geschlechts, der sexuellen Identität, des Bildungsniveaus oder des sozialen Status. „Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden.“ (Apg 2,21)

Kirche
Das ist die Vision, die Jesus vom Reich Gottes hatte. „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken!“ (Mt 11,28) Eine Utopie, wenn man will – ein „guter Ort“, der zugleich ein „Nicht-Ort“ ist, der noch immer darauf wartet, entdeckt, erlebt, verwirklicht zu werden.
Und hier kommt die Kirche ins Spiel. Auch die Baptistenkirche Wedding. Noch warten wir auf die Erfüllung der Verheißung vom Reich Gottes. Und zugleich glauben wir, dass es schon da ist, mitten unter uns, Utopie und heilsame Gegenwart.
In unserem Newsletter, der am Freitag verschickt wurde, habe ich ein paar Gedanken zum Wochenspruch für die kommende Woche aufgeschrieben. Der steht in Sacharja 4,6b: „Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der HERR Zebaoth.“ Der Geist Gottes, das ist nicht ein Geist der Furcht, „sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“ (2 Tim 1,7). Und was brauchen wir in der größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg mehr als Kraft, Liebe und Besonnenheit – also Gottes Geist!
Als Christen glauben wir, dass dieser Geist seit Pfingsten überall in der Welt ist. Er weht in und unter uns. Er weht, wo er will (Joh 3,8). Manchmal auch da, wo wir ihn nicht erwarten oder vermuten. Und alle, die er antreibt, sind „Gotteskinder“ (Röm 8,14). Das ist das Evangelium, die gute Nachricht von Pfingsten.

Pfingsten (Sieger Köder)
Ich möchte mit einem Bild schließen.

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Vor einigen Wochen haben wir an dieser Stelle schon einmal ein Bild von diesem Künstler (Sieger Köder) gezeigt. Auch da dominierte die Farbe Rot, die Farbe der Liebe. Wie hier in diesem Bild, einem Pfingstbild.
Ein ungewöhnliches Bild ist das: Ein Bau entsteht. Unten, in behelfsmäßigen Baugerüsten sitzen müde, verzweifelte, graue Gestalten. Der Turm von Babel. Menschenwerk, das den Himmel nicht erreicht.
Doch darüber erhebt sich ein leuchtendrotes, strahlend schönes Gebäude mit mehreren Etagen und vielen offenen Fenstern: die Kirche, wie Sieger Köder sie sieht.
Im Erdgeschoss die Jünger Jesu, versammelt zum Gebet. Einer hält ein Buch aus dem Fenster, eine Bibel. Das ist wohl Petrus. „Euangélion“ steht da geschrieben, „Evangelium“ – „frohe Botschaft“, „gute Nachricht“.
Von Pfingsten her geht die gute Nachricht von der Liebe Gottes hinaus in die Welt. Stockwerk um Stockwerk wächst die Kirche. In den geöffneten Fenstern der zweiten Etage stehen Christuszeugen des 20. Jahrhunderts: Dietrich Bonhoeffer, der orthodoxe Patriarch Athenagoras, der katholische Papst Johannes XXIII. „Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen“, sagt Jesus; aber alle Bewohner und Bewohnerinnen verbindet „ein und derselbe Geist“ (1 Kor 12).
Pfingsten ist immer und überall, auch heute und hier. Dafür stehen die jungen Leute in der dritten Etage. Sie engagieren sich für den Frieden. Sie stehen für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen und für die Überwindung von Rassismus und Gewalt. Sie sind Repräsentanten der Pfingst-Utopie. Sie sind wir!
Einer hat richtig Spaß an seiner Kirche: „Mit seinem Weihrauchfass macht er Dampf, in einem Haus, in dem es nicht immer nach dem Geist Gottes ‚riecht‘.“ (Theo Schmidkonz)
Das wichtigste Fenster aber ist ganz oben in der vierten Etage. Es ist noch leer, aber ebenfalls weit geöffnet. Hier hört das Bild auf, und die Zukunft der Kirche beginnt: Wohin wird sie führen?

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Ich erinnere noch einmal an den Newsletter von Freitag. Dort habe ich aus dem Buch „Utopien für Realisten“ des niederländischen Historikers Rutger Bregman zitiert. Einen Satz von Oscar Wilde (1854-1900): „Eine Weltkarte, in der das Land Utopia nicht verzeichnet ist, verdient keinen Blick, denn sie lässt die eine Küste aus, wo die Menschheit ewig landen wird.“ Und ein Zitat von Eduardo Galeano (1940-2015): „Utopia taucht am Horizont auf. Ich gehe zwei Schritte darauf zu, und es entfernt sich zwei Schritte. Ich gehe weitere zehn Schritte darauf zu, und der Horizont zieht sich zehn Schritte zurück. So weit ich auch gehe, ich werde ihn nie erreichen. Welchen Sinn hat dann die Utopie? Ganz einfach: dafür zu sorgen, dass wir weitergehen.“
Weitergehen! Das ist die Aufgabe der Kirche. Christinnen und Christen sind Menschen, die weitergehen, indem sie Jesus folgen. Wir gehen miteinander weiter. Und dabei erleben wir immer wieder, was Sacharja seinem Volk verheißt: Andere kommen dazu und sagen: „Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben gehört, dass Gott mit euch ist.“ (Sach 8,23)
Ich glaube, das geschieht, wenn wir uns vom Geist Gottes treiben lassen, der nicht ein Geist der Furcht ist, „sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“ (2 Tim 1,7).

Amen.

(c) Volkmar Hamp