Hoffnung (Hiob 14,1-22)

Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,

vielleicht habt ihr den diesjährigen Monatsspruch für den Monat November wahrgenommen. Er steht in Hiob 19,25 und lautet: „Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Ein Vers aus dem Hiobbuch also. Aus dem Buch über jenen frommen, rechtschaffenen, gottesfürchtigen Mann, der in der Hebräischen Bibel zum Prototyp des unschuldig Leidenden wird.

Ein guter Monatsspruch für den Monat November! Der November ist ja ein „stiller Monat“, in dem wir heute den „Volkstrauertag“ und am kommenden Sonntag, dem letzten Sonntag des Kirchenjahres, den „Toten- oder Ewigkeitssonntag“ feiern.

So ist es kein Zufall, dass nicht nur der Monatsspruch, sondern auch der Predigttext für den heutigen Sonntag aus dem Hiobbuch kommt: Hiob 14. In manchen Bibeln ist dieses Kapitel überschrieben mit „Hiobs Hoffnungslosigkeit“. Ob das eine passende Überschrift ist?

Hiob 14
1 Wie vergänglich ist der Mensch! Wie kurz sind seine Jahre! Wie mühsam ist sein Leben! 2 Er blüht auf wie eine Blume – und verwelkt; er verschwindet wie ein Schatten – und fort ist er! 3 Und doch verlierst du ihn nicht aus den Augen und stellst ihn vor dein Gericht! 4 Du musst doch wissen, dass aus Unreinheit nichts Reines entsteht. Wie sollte da ein Mensch vollkommen sein? Alle sind mit Schuld beladen!
5 Die Jahre eines jeden Menschen sind gezählt; die Dauer seines Lebens hast du festgelegt. Du hast ihm eine Grenze gesetzt, die er nicht überschreiten kann. 6 So schau jetzt weg von ihm, damit er Ruhe hat und seines Lebens noch froh wird, wie ein Arbeiter am Feierabend!
7 Für einen Baum gibt es immer noch Hoffnung, selbst wenn man ihn gefällt hat; aus dem Stumpf wachsen wieder frische Triebe nach. 8 Auch wenn seine Wurzeln im Erdreich absterben und der Stumpf langsam im Boden vertrocknet, 9 erwacht er doch zu neuem Leben, sobald er Wasser bekommt. Neue Triebe schießen empor wie bei einer jungen Pflanze.
10 Aber wenn ein Mensch gestorben ist, dann ist er dahin. Er hat sein Leben ausgehaucht. Wo ist er nun? 11 Wie Wasser, das aus einem See ausläuft, und wie ein Flussbett, das vertrocknet, 12 so ist der Mensch, wenn er stirbt: Er legt sich nieder und steht nie wieder auf. Ja, die Toten werden niemals erwachen, solange der Himmel besteht! Nie wieder werden sie aus ihrem Schlaf erweckt!
13 O Gott, versteck mich doch bei den Toten! Schließ mich für eine Weile dort ein, bis dein Zorn verflogen ist! Aber setz dir eine Frist und denk dann wieder an mich! – 14 Meinst du, ein Mensch wird wieder lebendig, wenn er gestorben ist? – Dann könnte ich trotz meiner Qualen auf bessere Zeiten hoffen wie ein Zwangsarbeiter, der die Tage bis zu seiner Entlassung zählt.
15 Denn dann wirst du mich rufen, und ich werde dir antworten. Du wirst dich nach mir sehnen, weil du selbst mich geschaffen hast. 16 Meine Wege siehst du auch dann noch, aber meine Sünden hältst du mir nicht mehr vor. 17 Was immer ich begangen habe, verschließt du wie in einem Beutel, meine Schuld löschst du für immer aus.
18 Doch selbst Berge stürzen und zerfallen, Felsen rutschen zu Tal. 19 Wasser zermahlt die Steine zu Sand, und Sturzbäche reißen den Erdboden fort. Genauso zerstörst du jede Hoffnung des Menschen. 20 Du überwältigst ihn, zwingst ihn zu Boden; mit entstelltem Gesicht liegt er da und stirbt. Du schickst ihn fort – er kommt nie wieder. 21 Ob seine Kinder einst berühmt sind oder ob man sie verachtet, er weiß nichts davon. Ihre Zukunft bleibt ihm völlig verborgen. 22 Er fühlt nur die eigenen Schmerzen und trauert nur über sich selbst.
„Hiobs Hoffnungslosigkeit“ – vielleicht keine schlechte Überschrift! Dreimal ist in dieser Rede Hiobs von „Hoffnung“ die Rede.


Zunächst von der Hoffnung der Bäume. „Für einen Baum“, sagt Hiob, „gibt es selbst dann noch Hoffnung, wenn man ihn gefällt hat. Aus seinem Stumpf können frische Triebe nachwachsen. Sobald er Wasser bekommt, erwacht er zu neuem Leben.“ (Vers 7-9)
„Diese Hoffnung“, sagt Hiob weiter, „gibt es für den Menschen nicht. Wenn ein Mensch gestorben ist, dann ist er dahin. Er legt sich nieder und steht nie wieder auf. Ja, die Toten werden niemals erwachen, solange der Himmel besteht. Nie wieder werden sie aus ihrem Schlaf erweckt!“ (Vers 10-12)

Keine Hoffnung über den Tod hinaus?
Volkstrauertag ohne Trost?
Toten- statt Ewigkeitssonntag?

Auf den ersten Blick scheint genau das Hiobs Botschaft zu sein! Darum lohnt ein zweiter Blick. Hiobs Rede, die ja eigentlich ein Gebet ist, endet nämlich nicht an dieser Stelle. Das Stichwort „Hoffnung“ fällt noch ein zweites Mal.
„O Gott“, sagt Hiob und äußert einen seltsamen Wunsch: „Versteck mich doch bei den Toten! Schließ mich für eine Weile dort ein, bis dein Zorn verflogen ist! Aber setz dir eine Frist und denk dann wieder an mich! – Meinst du, ein Mensch wird wieder lebendig, wenn er gestorben ist? – Dann könnte ich trotz meiner Qualen auf bessere Zeiten hoffen wie ein Zwangsarbeiter, der die Tage bis zu seiner Entlassung zählt.“ (Vers 13-14)
Also doch eine Hoffnung über den Tod hinaus? Nicht, weil das automatisch so wäre und der natürliche Lauf der Dinge, dass die Seele – oder was auch immer – nach dem Tod weiter existiert. Nein, ganz und gar nicht! Für Hiob ist mit dem Tod tatsächlich „Feierabend“ (Vers 6). Da gibt er sich keinen Illusionen hin. Was ihm trotzdem Hoffnung macht, ist, dass die Sehnsucht Gottes nach uns nicht aufhört, wenn wir sterben. „Dann wirst du mich rufen, und ich werde dir antworten. Du wirst dich nach mir sehnen, weil du selbst mich geschaffen hast. Meine Wege siehst du auch dann noch, aber meine Sünden hältst du mir nicht mehr vor. Was immer ich begangen habe, verschließt du wie in einem Beutel, meine Schuld löschst du für immer aus.“ (Vers 15-17)
Wenn es eine Hoffnung gibt über den Tod hinaus, dann nur aus diesem einen Grund: Dass Gott Sehnsucht hat nach uns! Dass er nicht will, dass unser Gespräch mit ihm aufhört!

Sicher ist sich Hiob dieser Hoffnung nicht. Überhaupt scheint in der Hebräischen Bibel, in unserem Alten Testament, die Hoffnung auf Auferstehung und ein Leben nach dem Tod nur ganz am Rande und erst in sehr späten Schriften auf.
Auch Hiob 14 endet eher „hoffnungslos“, was das betrifft: „Selbst Berge stürzen und zerfallen“, sagt Hiob, „Felsen rutschen zu Tal. Wasser zermahlt die Steine zu Sand, und Sturzbäche reißen den Erdboden fort. Genauso zerstörst du jede Hoffnung des Menschen. Du überwältigst ihn, zwingst ihn zu Boden; mit entstelltem Gesicht liegt er da und stirbt. Du schickst ihn fort – er kommt nie wieder. Ob seine Kinder einst berühmt sind oder ob man sie verachtet, er weiß nichts davon. Ihre Zukunft bleibt ihm völlig verborgen. Er fühlt nur die eigenen Schmerzen und trauert nur über sich selbst.“ (Vers 18-22)
Das ist die dritte Stelle, an der in diesem Text von „Hoffnung“ die Rede ist. Damit schließt sich der Kreis. Die Denkbewegung Hiobs kehrt an ihren Ausgangspunkt zurück. Für Bäume mag es Hoffnung geben – für Menschen nicht. Vielleicht ist „Hiobs Hoffnungslosigkeit“ doch die richtige Überschrift für diesen Text?!

Doch was ist das eigentlich: Hoffnung?
Anfang des Jahres (2019) hat die 16jährige schwedische Klima-Aktivistin Greta Thunberg eine bemerkenswerte und viel beachtete Rede vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos gehalten. Dabei hat sie auch über „Hoffnung“ gesprochen. Sie sagte:

„Die Erwachsenen sagen immer, wir müssen den jungen Menschen Hoffnung machen, aber ich will eure Hoffnung nicht. Ich möchte nicht, dass ihr hoffnungsvoll seid. Ich möchte, dass ihr in Panik geratet. Ihr sollt die Angst spüren, die ich jeden Tag spüre. Und ich möchte, dass ihr handelt. Dass ihr so handelt wie in einer Krise. Ich möchte, dass ihr so handelt, als wenn unser Haus brennen würde. Denn es brennt bereits.“

Was Greta Thunberg hier zum Ausdruck bringt, ist, dass Hoffnung etwas sehr Trügerisches sein kann. Hoffnung kann lähmen. Sie kann dazu führen, dass wir die Hände in den Schoß legen und träge darauf warten, dass alles schon irgendwie gut gehen wird. Hoffnung kann missbraucht werden, um Menschen zu vertrösten, um Veränderungen zu verhindern oder zu verzögern. Über Jahrhunderte wurden Menschen mit der Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod ruhiggestellt. Sie sollten die bestehenden Verhältnisse nicht in Frage stellen, sondern auf einen Ausgleich im Jenseits hoffen.

Hoffnung kann aber auch anders! Hoffnung kann ein Antrieb sein, nach vorne zu schauen, aktiv zu werden, das Leben zu gestalten. „Hoffnung“, lese ich bei Wikipedia, „ist die umfassende emotionale und unter Umständen handlungsleitende Ausrichtung des Menschen auf die Zukunft.“ Das heißt: Hoffnung setzt, wenn’s gut läuft, Energie frei, um etwas zu verändern. Um der Zukunft willen.
Weil die Kinder es einmal besser haben sollen, investieren Eltern in deren Zukunft. Weil dieser Planet auch nachfolgenden Generationen noch Raum zum Leben geben soll, hören wir auf ihn auszuplündern. Weil wir an eine gute Zukunft für diese Gemeinde glauben, gestalten wir sie heute mit und geben uns Mühe, sie weiter zu entwickeln.
Hoffnung haben heißt, auf die Zukunft ausgerichtet zu sein. „Guter Hoffnung sein“, sagen wir, wenn jemand ein Kind erwartet. „Man soll die Hoffnung nie aufgeben!“, sagen wir, wenn etwas sich noch nicht so entwickelt hat, wie gewünscht. Und manchmal auch: „Die Hoffnung stirbt zuletzt!“

Doch was, wenn genau das passiert? Wenn die Hoffnung stirbt? Wenn große Zukunftspläne sich in Luft auflösen? Wenn nichts von dem, was wir erhofft haben, eintrifft?

Dann sind wir wieder bei Hiob. Hiob verliert seinen Besitz, seine Söhne und Töchter. Er wird krank, Geschwüre bedecken seinen Körper. Er erhält eine „Hiobsbotschaft“ nach der anderen. Hoffnung? Fehlanzeige!
Und was macht Hiob? Er kämpft mit seinem Gott. Er streitet und klagt. Und er lässt sich von niemandem einreden, dass er letztlich selbst schuld sei an seinem Unglück. Und in alledem hält er – auch ohne die Hoffnung, dass seine Situation wieder besser werden könnte – an Gott fest.
„Wie kannst du das tun?“, fragt ihn seine Frau. „Wie kannst du an Gott festhalten, wenn er dich so ins Elend stürzt?“ Und Hiob antwortet: „Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?“ (Hi 2,10)

Was für ein Satz! Gegen allen Augenschein, gegen alle Erfahrung festhalten an Gott. Nicht nur, wenn er uns Gutes schickt, sondern auch wenn’s böse, wenn’s traurig, wenn’s dunkel wird.

Wie soll das gehen? Wie sollen wir das schaffen?
Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Aber vielleicht ist das auch die falsche Frage. Vielleicht kommt es gar nicht darauf an, dass wir das schaffen, dass wir die Kraft aufbringen, an Gott festzuhalten, sondern dass Gott das schafft, dass er uns hält.

„Dann wirst du mich rufen“, sagt Hiob, „und ich werde dir antworten. Du wirst dich nach mir sehnen, weil du selbst mich geschaffen hast.“ (Vers 15)

Vielleicht entsteht Hoffnung so. Nicht aus unserer Sehnsucht nach Gott, sondern aus Gottes Sehnsucht nach uns. Weil Hiob weiß, dass Gott Sehnsucht nach ihm hat, hält er auch im größten Unglück an Gott fest, weiß er sich von ihm gehalten. Weil Hiob weiß, dass Gott sein Schöpfer ist und dass der Schöpfer seine Geschöpfe liebt und nicht verlieren will, gibt er die Hoffnung nicht auf, sondern formuliert ein trotziges „Aber“:

„Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ (Hi 19,25) Ich weiß, dass da einer ist, der mich liebt und mich hält und mich nicht untergehen lässt.

Das nimmt dem Unglück nicht die Härte und dem Tod nicht den Schrecken. Wir sterben und zerfallen zu Staub. Doch Gottes Sehnsucht nach uns ist stärker als jedes Unglück und als der Tod. Das jedenfalls ist die Botschaft des Hiobbuches, die eigentliche „Hiobsbotschaft“.

Hiob findet ein fantastisches Bild dafür! Er sagt: „Als der Letzte wird Gott über dem Staub sich erheben ... Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen … Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.“ (Hi 19,25-27)

Das Letzte sind also nicht Unglück, Tod und das Zerfallen zu Staub. Das Letzte ist Gott, der sich über den Staub erhebt. Und die Hoffnung, Sehnsucht, Erwartung, dass wir das sehen werden! Wie auch immer. Mit anderen Augen, mit neuen Herzen, auferweckt zu einem neuen Leben.

Nächste Woche endet das Kirchenjahr. Mit dem Ewigkeitssonntag. Mit dem großen „Aber“ Gottes gegen alles Leid. Und gegen den Tod. Dann beginnt ein neues Kirchenjahr. Mit dem Advent. Mit dem Warten darauf, dass Gott – wieder einmal – in dieser Welt und in unserem Leben ankommt. Weil er Sehnsucht hat nach uns. Weil er uns liebt.

Beides gehört zum Leben dazu. Abschied nehmen und Willkommen heißen. Aufbrechen und Ankommen. Anfang und Ende.

Und in beidem ist Gott mit uns.

Amen.


(c) Volkmar Hamp