Was sollen wir tun?
(Eine Adventspredigt zu Lukas 3,1-20)


Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,

vor einer Woche haben wir an dieser Stelle mit Rainer Oechslen über Johannes den Täufer nachgedacht, so wie das Johannesevangelium ihn beschreibt. Da kommen Menschen zu Johannes an den Jordan und fragen ihn: „Wer bist du?“ Und anstatt ihre Frage zu beantworten, sagt Johannes ihnen zunächst einmal, wer er nicht ist: „Ich bin nicht der Christus, nicht der Messias, nicht der, auf den ihr wartet!“ (Joh 1,19-20).
Eine ähnliche Szene findet sich auch im Lukasevangelium. Um die soll es heute gehen. Wieder – auf den ersten Blick – kein besonders adventlicher Text. Ich lese ihn trotzdem: Lukas 3,1-20 (in Auszügen):

Lukas 3,1-20 (in Auszügen)
1 Es war im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius (das war im 29. Jahr nach der ersten Weihnacht) ... 2 Da bekam Johannes, der Sohn des Zacharias, in der Wüste von Gott seinen Auftrag. 3 Er durchzog die ganze Jordangegend und rief die Menschen dazu auf, umzukehren und sich taufen zu lassen, um Vergebung der Sünden zu empfangen …
7 Die Menschen kamen in großer Zahl zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen. Doch er sagte zu ihnen: „Ihr Schlangenbrut! Wer hat euch auf den Gedanken gebracht, ihr könntet dem kommenden Gericht entgehen? 8 Bringt Früchte, die zeigen, dass es euch mit der Umkehr ernst ist, und denkt nicht im Stillen: ‚Wir haben ja Abraham zum Vater!‘ Ich sage euch: Gott kann Abraham aus diesen Steinen hier Kinder erwecken. 9 Die Axt ist schon an die Wurzel der Bäume gelegt, und jeder Baum, der keine guten Früchte bringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen.“
10 Da fragten ihn die Leute: „Was sollen wir denn tun?“ 11 Johannes gab ihnen zur Antwort: „Wer zwei Hemden hat, soll dem eins geben, der keines hat. Und wer etwas zu essen hat, soll es mit dem teilen, der nichts hat.“
12 Auch Zolleinnehmer kamen, um sich taufen zu lassen; sie fragten ihn: „Meister, was sollen wir tun?“ 13 Johannes erwiderte: „Verlangt nicht mehr von den Leuten, als festgesetzt ist.“
14 „Und wir“, fragten einige Soldaten, „was sollen wir denn tun?“ Er antwortete: „Beraubt und erpresst niemand, sondern gebt euch mit eurem Sold zufrieden!“
15 Das Volk war voll Erwartung, und alle fragten sich, ob Johannes etwa der Messias sei. 16 Doch Johannes erklärte vor allen: „Ich taufe euch mit Wasser. Aber es kommt einer, der stärker ist als ich; ich bin es nicht einmal wert, ihm die Riemen seiner Sandalen zu lösen. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. 17 Er hat die Worfschaufel in der Hand, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Den Weizen wird er in die Scheune bringen, die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen.“
18 Mit diesen und noch vielen anderen ernsten Worten verkündete Johannes dem Volk die Botschaft Gottes. 19 Er wies auch den Tetrarchen Herodes zurecht, weil dieser dem eigenen Bruder dessen Frau Herodias weggenommen hatte. Johannes hielt ihm außerdem all das Böse vor, das er sonst noch getan hatte. 20 Da fügte Herodes allem begangenen Unrecht auch noch das hinzu, dass er Johannes ins Gefängnis werfen ließ.


Eine frohe Botschaft ist das nicht, was Johannes der Täufer da am Jordan raushaut. Er predigt Gericht. „Die Axt ist schon an die Wurzel der Bäume gelegt, und jeder Baum, der keine guten Früchte bringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen.“ (V 9)
Das entspricht durchaus dem Zeitgeist des ersten Jahrhunderts nach Christus. Die frommen Leute warten auf den Messias, der Ordnung schafft im Land. Der die Besatzung der Römer beendet und das Königreich Davids wieder aufrichtet. Darauf will man vorbereitet sein.
In dieser Stimmung trifft Johannes mit seiner Botschaft einen Nerv. Um auf das Kommen des Messias vorbereitet zu sein, sagt er, reicht es nicht, ein „Kind Abrahams“ zu sein, zum „Volk Gottes“, zum „auserwählten Volk“ zu gehören. Das sind für Johannes nicht die Kriterien, nach denen der Messias, wenn er sein Reich aufrichtet, das Bürgerrecht dafür vergeben wird. Da zählen nicht die ethnische Zugehörigkeit oder die religiöse Tradition. Da zählt, wie die Menschen sind und was sie tun. Welche „Früchte“ sie hervorbringen.
Und so fragen die Menschen im Lukasevangelium den „Rufer in der Wüste“ auch nicht: „Wer bist du?“, sondern: „Was sollen wir tun?“ Johannes hat überraschend klare und einfache Antworten auf diese Frage. Antworten, die auch Jesus hätte geben können. Zwar kommt mit ihm – wie Rainer es letzte Woche formuliert hat – eine nichtchristliche, eine vorchristliche Stimme zu Wort – und wir werden noch sehen, was das bedeutet! –, aber wir tun trotzdem gut daran, auf diese Stimme zu hören.
Das könnte eine erste Lehre aus diesem Text sein. Auf die Frage „Was sollen wir tun? Wie sollen wir leben?“ gibt es viele Antworten. Und sie müssen nicht in der Bibel stehen, um richtig zu sein. Der Geist Gottes weht, wo er will – nicht nur in der Kirche, im Christentum, in der Religion. Er weht mitunter auch in der Philosophie, im gesunden Menschenverstand oder in der Politik. Wir müssen nur darauf achten!
Also: „Was sollen wir tun?“ Die erste Antwort des Johannes auf diese Frage ist: „Teilt!“

„Wer zwei Hemden hat, soll dem eins geben, der keines hat.
Und wer etwas zu essen hat, soll es mit dem teilen, der nichts hat.“ (V 11)


Die Wirtschaftsordnung im Reich Gottes ist eine „Sharing Economy“. Wenn wir miteinander teilen, was Gott uns schenkt, ist genug für alle da. Und das hat durchaus auch mit Advent und Weihnachten zu tun. Gott macht uns das größte Geschenk, das sich denken lässt. Er schenkt uns seinen Sohn. Wie sollten wir uns da nicht untereinander beschenken.
In der Weihnachtsgeschichte stehen die Weisen aus dem Morgenland für diesen Gedanken. Auf der einen Seite symbolisieren ihre Geschenke – Gold, Weihrauch und Myrrhe – die Bedeutung des in der Krippe liegenden Kindes: Sie stehen für seine Königsherrschaft, seine Gottessohnschaft und dafür, dass er der Heiland dieser Welt ist, derjenige, der heilen wird, was in ihr heilungsbedürftig ist.
Auf der anderen Seite stehen diese Geschenke für das Kostbarste, was Menschen einander schenken können. Das Wertvollste ist gerade gut genug für den Windelkönig, der da in der Krippe liegt.
„Eigentum verpflichtet“, heißt es in unserem Grundgesetz. „Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ (Art. 14 Abs 2 GG). Haben als hätte man nicht. Geben, was nötig ist, damit alle genug zum Leben haben. Auch das ist Weihnachten. So einfach ist das. Und gar nicht nur christlich, sondern auch einfach menschlich. Eine Herausforderung vielleicht, aber sicher keine Überforderung.
Das sind auch die Antworten des Johannes auf die beiden nächsten Fragen nicht:

Auch Zolleinnehmer kamen, um sich taufen zu lassen; sie fragten ihn: „Meister, was sollen wir tun?“ Johannes erwiderte: „Verlangt nicht mehr von den Leuten, als festgesetzt ist.“
„Und wir“, fragten einige Soldaten, „was sollen wir denn tun?“ Er antwortete: „Beraubt und erpresst niemand, sondern gebt euch mit eurem Sold zufrieden!“ (V 12-14)


Was immer ihr tut, wo immer ihr euch bewegt – bewahrt ein Mindestmaß an Anstand. Lasst euch das nicht als „Gutmenschentum“ zerreden, sondern haltet daran fest. Dann klappt es nicht nur mit dem Nachbarn, sondern auch mit dem Reich Gottes.

So weit, so gut. Aber wie wird aus dieser Allerweltsbotschaft eine Adventsbotschaft? Advent – das ist doch mehr als ein Aufruf zu Mitmenschlichkeit und einem tugendhaften Leben!
Den Unterschied markiert Johannes, wenn er auf die Frage, ob er der erwartete Messias sei, antwortet:

„Ich taufe euch mit Wasser. Aber es kommt einer, der stärker ist als ich … Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.“ (V 16)

Der Gedanke dahinter: Die Taufe des Johannes „zur Vergebung der Sünden“ bleibt äußerlich. So etwas gibt es in vielen Religionen (und nicht nur dort), dass Menschen sich einer rituellen Reinigung unterziehen, um sich Gott, dem Heiligen, nähern zu können. Da geschieht nichts ein für alle Mal. Da muss man sich immer wieder fragen: Bin ich noch so, dass Gott mit mir zufrieden ist, dass ich ihm genügen kann? Da gibt es kein: „Du bist okay – und das für immer!“ Da gibt es kein bedingungsloses „Ja“, sondern immer nur ein „Ja, aber …“.
Das ändert sich mit dem Kommen Jesu in diese Welt. „Getauft mit Feuer und Heiligem Geist“ – das heißt: Wir können aufhören zu glänzen. Wir müssen nicht immer wieder die Fassade auf Hochglanz polieren. Wir fangen an zu strahlen, von innen heraus, weil da ein göttliches Feuer in uns brennt.
Das ist der Unterschied zwischen Religion und Glaube. Zwischen dem ständigen Bemühen, es Gott recht zu machen und dem Vertrauen darauf, dass wir Gott schon recht sind. Religion lässt uns glänzen, weil etwas Göttliches auf uns fällt, das wir widerspiegeln. So wie der Mond glänzt, weil er das Licht der Sonne spiegelt. Glaube lässt uns strahlen wie die Sonne, weil das Feuer der Liebe Gottes in uns brennt. Auch das hat mit Advent und Weihnachten zu tun. So richtig Weihnachten wird erst, wenn das Glänzen nicht mehr so wichtig ist und das Strahlen beginnt.
Und dann wird alles gut? Im Prinzip schon, aber … Weihnachten ist nicht nur Friede, Freude, Lichterglanz. Die Weihnachtsgeschichte erzählt auch von Armut, Ausgrenzung, Flucht und Vertreibung. Und von der Angst der Mächtigen vor dem ganz anderen König, der da machtlos in der Krippe liegt, von Gewalt und Kindermord.
Daran hat sich in den 30 Jahren bis zum Auftreten Johannes des Täufers nichts geändert, auch wenn inzwischen ein anderer Herodes auf dem Thron sitzt. Und das Lied der Engel vom „Frieden auf Erden“ bleibt wohl auch 2019 Zukunftsmusik.
Unser Text verschweigt das nicht. Vom kommenden Messias heißt es dort:

„Er hat die Worfschaufel in der Hand, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Den Weizen wird er in die Scheune bringen, die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen.“ (V 17)

Wer so redet, macht sich keine Freunde bei denen, die befürchten müssen, nicht zum Weizen, sondern zur Spreu zu gehören. Johannes jedenfalls bringt mächtige Feinde gegen sich auf:

Er wies auch den Tetrarchen Herodes zurecht, weil dieser dem eigenen Bruder dessen Frau Herodias weggenommen hatte. Johannes hielt ihm außerdem all das Böse vor, das er sonst noch getan hatte. Da fügte Herodes allem begangenen Unrecht auch noch das hinzu, dass er Johannes ins Gefängnis werfen ließ. (V 19-20)

Ihr wisst, wie die Geschichte endet. Johannes wird hingerichtet, weil er den Mächtigen zu unbequem wird. Und Jesus ergeht es nicht anders. „Wer von der Krippe singt“, sagt man, „der darf vom Kreuz nicht schweigen.“ Das gilt auch im Advent 2019.

Das bedeutet aber auch, davon zu sprechen, worin Johannes sich geirrt hat. Dass Jesus eben nicht gekommen ist, um zu richten, sondern um zu versöhnen. Dass er nicht die Spreu vom Weizen trennt, sondern selbst zum „Weizenkorn“ wird, das stirbt, um Frucht zu bringen.
Was wir Weihnachten feiern – die Inkarnation, die Menschwerdung Gottes – kommt erst Karfreitag zum Ziel. Im „gekreuzigten Gott“ (Jürgen Moltmann), der mit uns Leid und Tod teilt, und so in unserem ganzen Leben, auch im Leiden und Sterben, bei uns ist.
Das nämlich bedeutet Weihnachten: Gott ist mit uns. Nicht um uns zu verurteilen, sondern um uns zu seinen Kindern zu machen. Er fordert uns heraus, ohne uns zu überfordern: zum Teilen, zu einem menschlichen und menschenwürdigen Miteinander. Er lässt uns strahlen, statt nur zu glänzen. Mit Psalm 73 dürfen wir auf sein Angebot, mit uns zu sein antworten:

Nun bleibe ich für immer bei dir,
und du hast mich bei meiner rechten Hand gefasst.
Du leitest mich nach deinem weisen Plan
und nimmst mich am Ende in Ehren auf. (Ps 73,23-24)


Amen.

(c) Volkmar Hamp