Das andere Ich (Herodeshimmelskind)

Eine Adventsandacht zu Matthäus 2


Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,

vor einem Jahr waren Anne und ich – wie jedes Jahr – über die Weihnachtstage bei Annes Eltern in Düsseldorf. Zur Christvesper gehen wir dann immer in die Johanneskirche Stadtkirche Düsseldorf. Da kommen so 1.000 Leute, die Kantorei singt aus dem Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach und der leitende Pfarrer, Dr. Uwe Vetter, hält die Weihnachtspredigt.
Im letzten Jahr ging es dabei um die Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland, König Herodes und den Kindermord von Bethlehem. Und auf dem Programm zur Christvesper war folgende kleine Geschichte abgedruckt:
Traf neulich mein altes Ich bei Starbucks. Wir saßen über Eck und musterten einander mit einiger Neugier. „Nun“, fragte ich mein Gegenüber, „Was denkst du? Bin ich der, der du später werden wolltest?“ Mein schlaksiges Frühstadium warf mir einen abschätzigen Blick zu, als hätte er eine Wahl. „Naja“, meinte er dann, „hätte schlimmer kommen können.“ Leicht verschnupft verfiel ich in jenen näselnd-altväterlichen Ton, den ich zeitlebens gehasst hatte, und erklärte dem Naseweis die Welt. Er hörte weg, hatte wohl kein Wohlgefallen daran, die Zukunft zu wissen. Dann hatten wir den Kaffee auf und verabschiedeten uns, gesittet. Draußen fiel mir ein, dass unser Treffen doch friedlicher verlaufen war als das zwischen König Herodes und seinem Gegenbild, dem neugeborenen Windelkönig von Bethlehem, auf dem alle Hoffnungen ruhten. Es ist nicht leicht, dem Menschen zu begegnen, der man hätte sein wollen. Doch auch dazu ist Gott ja Mensch geworden, dass wir Frieden machen mit dem, was menschlich an uns ist.
Ich finde, das ist eine schöne Geschichte. Und eine wunderbare Auslegung von Matthäus 2. Da kommen die drei Weisen aus dem Morgenland und suchen in Jerusalem am Königshof nach dem neugeborenen König der Juden. Eigentlich der richtige Ort, sollte man meinen. Doch weit gefehlt! Der amtierende König, Herodes der Große, weiß nichts von einem neugeborenen Königskind und fürchtet sogleich um seine Macht.
Ihr kennt die Geschichte. Aus Angst vor der Konkurrenz, die ihm da erwachsen könnte, lässt Herodes alle männlichen Kinder unter zwei Jahren töten. „Rahel weint um ihre Söhne“ (Jer 31,15), und Maria und Josef können das Jesuskind nur retten, indem sie mit ihm nach Ägypten fliehen.
Warum reagiert Herodes so brutal? Ich finde den Gedanken spannend, er könnte in dem Windelkönig von Bethlehem sein eigenes Gegenbild erkannt haben. Den König, der er selbst eigentlich hätte sein wollen. Sein jüngeres Ich vielleicht. Einen guten König. Voller Ideale für eine bessere Welt.
Ist Jesus nicht genau das? Der Mensch, der wir eigentlich hätten sein wollen? Darum folgen wir ihm doch nach. Weil wir glauben, dass unser eigenes Leben und diese Welt besser wären, wenn alle Menschen ein bisschen mehr wären wie Jesus. Wenn wir vertrauen und lieben könnten wir er.
Doch das ist nur der eine Teil der Weihnachtsbotschaft. Die Einladung, sich auf diesen Jesus einzulassen und ihm immer ähnlicher zu werden. Der andere Teil ist: nicht verzweifeln zu müssen, wenn das nicht immer gelingt. Die Weihnachtsbotschaft „und Friede auf Erden“ gilt auch in dem Sinne, dass wir Frieden machen dürfen mit uns selbst. Mit unserem alten Ich, das vielleicht nicht in allem so geworden ist, wie wir uns das einmal gedacht haben. Mit unseren Fehlern und Macken, die Jesus nicht immer so widerspiegeln, wie wir uns das eigentlich wünschen. Mit unserem Versagen und unserer Schuld, weil nichts davon uns von der Liebe Gottes trennen kann. Denn auch dazu ist Gott ja Mensch geworden, dass wir Frieden machen mit dem, was menschlich an uns ist.
In diesem Sinne: Eine gute letzte Adventswoche euch und dann gesegnete Weihnachten!
Amen.

(c) Volkmar Hamp