Sohn Gottes – Gotteskinder
(Matthäus 3,13-17)

Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,

„Dies ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Freude!“ Das ist der zentrale Satz aus dem heutigen Predigttext. Um diesen Satz soll es heute gehen.
Könnt ihr euch an Situationen aus eurem Leben erinnern, in denen ihr einen ähnlichen Satz gehört habt? „Das ist mein Sohn da vorne, der mit dem besten Notendurchschnitt des ganzen Jahrgangs!“ – „Das ist meine Tochter, die da gerade den Elfmeter verwandelt hat!“ Oder auch ohne eine besondere Leistung hervorzuheben, ein besonderes Lob zum Ausdruck zu bringen: „Du bist mein Kind. Ich liebe dich, was auch immer geschieht!“ Es gibt keine andere Beziehung, die so grundlegend, so wichtig für unser Leben ist, wie die zwischen Eltern und ihren Kindern.
Dieses Bild, diese Erfahrung wird aufgegriffen, wenn Jesus in der Bibel „Sohn Gottes“ genannt wird. Das ist uns so selbstverständlich, Teil unseres Glaubensbekenntnisses, dass wir kaum einmal darüber nachdenken, was das eigentlich bedeutet, wenn wir Jesus „Sohn Gottes“ nennen. Der Predigttext für den heutigen Sonntag lädt uns ein, darüber nachzudenken. Und genau das möchte ich mit euch tun.

Matthäus 3,13-17: 13 Auch Jesus kam aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen. 14 Johannes wehrte sich entschieden dagegen: „Ich hätte es nötig, mich von dir taufen zu lassen, und du kommst zu mir?“ 15 Aber Jesus gab ihm zur Antwort: „Lass es für diesmal geschehen! Es ist richtig so, denn wir sollen alles erfüllen, was Gottes Gerechtigkeit fordert.“ Da willigte Johannes ein.
16 In dem Augenblick, als Jesus nach seiner Taufe aus dem Wasser stieg, öffnete sich über ihm der Himmel, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen. 17 Und aus dem Himmel sprach eine Stimme: „Dies ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Freude.“


Jesus, Sohn Gottes? Was uns so geläufig ist, ist eigentlich eine Ungeheuerlichkeit. Der Gott der Bibel, der Schöpfer und Erhalter der Welt, hat keine Kinder. Keinen Sohn. Keine Tochter. Er wandelt nicht – wie die Götter der Griechen – heimlich in Menschengestalt über die Erde, um mit Menschenfrauen Kinder zu zeugen. Was – bitteschön – wäre das für eine Vorstellung? Und so scheiden sich an diesem Titel „Jesus, Sohn Gottes“ auch die Geister. Ein großartiger Mensch! Ja. Ein Prophet! Meinetwegen. Aber „Sohn Gottes“?
Uralt ist dieses Bekenntnis. Vielleicht kennt ihr den Fisch als geheimes Symbol der ersten Christen. „Fisch“, griechisch „Ichthys“ – die Buchstaben dieses Wortes sind im Griechischen eine Abkürzung für eines der ältesten christlichen Glaubensbekenntnisse: „Jesus Christus Gottes Sohn Retter“. In einem Bild und fünf Worten ist hier zusammengefasst, was die ersten Christen glaubten: Dass dieser Mensch Jesus von Nazareth der Christus sei, der Messias, der Gesalbte Gottes, sein Sohn, der Retter der Welt!
Jesus – Sohn Gottes? In die Wiege gelegt war ihm dieser Titel sicher nicht. Auch wenn wir – so kurz nach Weihnachten – geneigt sind, etwas anderes zu glauben. Aber die Geschichten von der Geburt des Gottessohnes im Stall von Bethlehem stehen ja nicht am Anfang des Weges Jesu, sondern am Ende des theologischen Nachdenkens über diesen Weg im 1. Jahrhundert nach Christus.
Das älteste unserer Evangelien, das Markusevangelium, weiß zum Beispiel nichts von einer wunderbaren Geburt des Gottessohnes in der Heiligen Nacht und spricht trotzdem von Jesus als „Sohn Gottes“. Es tut dies bezeichnenderweise mit genau der Geschichte, die in unserem Predigttext auch Matthäus erzählt: „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Freude.“ (Mk 1,11)
Wie kommen die ersten Christen dazu, Jesus „Gottes Sohn“ zu nennen? Die Hebräische Bibel, ihr Altes Testament, taugt da nur sehr begrenzt als Quelle. Im Gegenteil! Das Judentum grenzt sich gerade ab von den Religionen und Kulturen in seiner Umwelt, in denen manche Menschen, vor allem die Kaiser und Könige, so auftraten, als wären sie Söhne der Götter.
Der Prophet Hosea bezeichnet einmal das Volk Israel als „Sohn Gottes“ (Hos 11,1). Und in manchen Psalmen wird der König Israels so genannt (Ps 2,7; Ps 28). Aber gerade nicht in dem Sinne, dass er „physich“ von Gott gezeugt, also göttlich oder ein „Halbgott“ wäre, sondern so, als habe Gott ihn „adoptiert“, ihn „wie einen Sohn“ angenommen und in sein Herz geschlossen.
Wenn hier, in der Geschichte von der Taufe Jesu, genau darauf angespielt wird (Zitat von Ps 2,7; Jes 42,1), dann ist auch das der Versuch, das Sohn-Gottes-sein Jesu mit traditionellen Kategorien zu verstehen und zu deuten. Wie einst König David von Gott „an Sohnes statt“ angenommen wurde, so wird Jesus hier durch den Titel „Sohn Gottes“ als König der anbrechenden Gottesherrschaft inthronisiert. Doch es gibt noch einen anderen Grund, warum die ersten Christen von Jesus nicht nur als Prophet, als Retter, als Messias, als Herr, als König sprechen, sondern ihn „Sohn Gottes“ nennen. Ich glaube, das hat zutiefst damit zu tun, wie Jesus selbst sich und seine Beziehung zu Gott verstanden hat. Immer wieder nennt er Gott seinen „Vater im Himmel“. Und mit dem „Vaterunser“ lehrt er seine Jünger (und damit auch uns), Gott als „Vater“ anzusprechen und uns selbst als Gotteskinder zu verstehen.
Dabei bedient er sich bewusst einer sehr persönlichen, kindlichen Art, den eigenen Vater anzusprechen. Er nennt seinen „Vater im Himmel“ Abba, das heißt Papa. Ich glaube, das ist das Besondere, vielleicht Einzigartige an Jesus, dass er seine und unsere Beziehung zu Gott nicht in Bildern heiliger Distanz, sondern familiärer Nähe beschreibt. Das Gleichnis vom Verlorenen Sohn (Lk 15,11-32) ist ein schönes Beispiel dafür. Wenn Gott zu Jesus (und zu uns) wie ein Vater ist, dann gibt es nichts, was uns von ihm und seiner Liebe trennen kann. Dann wird er auch für uns sorgen, wie Eltern für ihre Kinder sorgen. Jesus selbst hat das in seiner Bergpredigt so formuliert:

„Würde jemand unter euch seinem Kind einen Stein geben, wenn es ihn um Brot bittet? Würde er ihm eine Schlange geben, wenn es ihn um einen Fisch bittet? Wenn also ihr, die ihr doch böse seid, das nötige Verständnis habt, um euren Kindern gute Dinge zu geben, wie viel mehr wird dann euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn darum bitten.“ (Mt 7,9-11)

Gott ist zu uns wie ein guter Vater. In einer nicht patriarchalen Gesellschaft hätte Jesus auch sagen können: wie eine gute Mutter. Unsere Beziehung zu Gott ist nicht nur geprägt durch die Abhängigkeit eines Geschöpfs von seinem Schöpfer oder eines Untertanen von seinem König. Sie ist zutiefst geprägt durch die Liebe, wie sie ein Vater / eine Mutter für ihr Kind empfindet. Und umgekehrt!
Das ist die Erfahrung, die Jesus gemacht hat: „Ich bin ein geliebtes Kind Gottes!“ Und diese Erfahrung gibt er den Menschen weiter: „Auch ihr seid geliebte Kinder Gottes. Nichts kann euch von seiner Liebe trennen. Vertraut darauf!“
Dem religiösen und politischen Establishment seiner Zeit war diese Botschaft suspekt. Wenn die Beziehung der Menschen zu Gott und untereinander plötzlich von Liebe bestimmt sein sollte und nicht mehr von Angst, Gehorsam und Unterordnung der einen unter die anderen – was würde dann aus der Macht der Mächtigen und der Herrschaft von Menschen über andere Menschen werden? Misstrauisch verfolgen sie jeden Schritt dieses armen Wanderpredigers aus Nazareth, suchen und finden Gründe ihn loszuwerden, bringen ihn schließlich ans Kreuz.
Und Jesus? Sein Selbstverständnis, sein Vertrauen in Gott, den Vater im Himmel, wird auf eine harte Probe gestellt. „Abba, Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir!“, betet er kurz vor seiner Gefangennahme im Garten Gethsemane (Mk 14,36 par). „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, schreit er kurz darauf am Kreuz (Mk 15,34 par). Wie soll er, wie sollen wir angesichts dieser Leiden, dieses Todes, die für alles Leid und jedes Sterben in dieser Welt stehen, noch an einen liebenden Vater im Himmel glauben können? Geht das überhaupt?
„Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“ bekennt der römische Hauptmann, der beim Kreuz steht und das Sterben Jesu bewacht (Mk 15,39 par). Wahrlich, diese Menschen in dem ukrainischen Flugzeug, das da versehentlich in Teheran abgeschossen wurde, sind Gottes Kinder gewesen! Diese Menschen, die bei den Buschfeuern in Australien, in der Flut in Jakarta, in den Flüchtlingsbooten auf dem Mittelmeer, auf den Straßen von Berlin ums Leben kamen, sind Gottes Kinder gewesen! Kinder, die an Krebs erkranken, alte Menschen, denen die Kräfte schwinden, Männer und Frauen, die nicht mehr ein noch aus wissen vor Arbeit, Verantwortung, Überforderung – alle Gottes Kinder!
Es fällt nicht immer leicht, das glauben zu können. „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9,24) ist darum eine gute Jahreslosung! Was hilft unserem Unglauben? Was lässt uns trotz unserer Zweifel am Vertrauen festhalten?
Die ersten Christen haben sich in solchen Situationen an einer Erfahrung festgehalten, die sie drei Tage nach der Kreuzigung Jesu gemacht haben. An Ostern, an der Auferweckung Jesu von den Toten. Dass Jesus auferstanden, dass er nicht im Grab geblieben ist, deuteten sie als Bestätigung Gottes für seine Botschaft und ihren Glauben.
„Durch die Auferstehung von den Toten“, schreibt der Apostel Paulus am Anfang seines Briefes an die Gemeinde in Rom, wurde Jesus „eingesetzt zum Sohn Gottes in Kraft“ (Röm 1,4). Was Jesus immer schon war – Gottes geliebtes Kind – hat Gott bestätigt, indem er ihn von den Toten auferweckt und zum Herrn über sein Reich gemacht hat.
Was bedeutet das für uns? Wenn Gott wirklich „unser Vater im Himmel“ ist, dann lässt er nicht den Tod über das Leben triumphieren. Dann gibt es nichts, was uns aus seiner Hand reißen oder von seiner Liebe trennen kann. „Ist Gott für uns, wer kann gegen uns sein?“, heißt es wenig später im Römerbrief. „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann, von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ (Röm 8,31.38-39)
Das bedeutet es, Kind Gottes zu sein! Und Gottes Kinder sind wir, weil Jesus, Gottes Sohn, unser Menschenbruder geworden ist. Noch einmal Paulus:

„Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen Geist der Kindschaft empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! Der Geist selbst gibt Zeugnis unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind. Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, da wir ja mit ihm leiden, damit wir auch mit ihm zur Herrlichkeit erhoben werden.“ (Röm 8,14-17)

Du bist Gottes geliebter Sohn, Gottes geliebte Tochter. Er hat Freude an dir. Darum fürchte dich nicht, sondern glaube. Er hilft deinem Unglauben!

Amen.
(c) Volkmar Hamp