„Brich dem Hungrigen dein Brot“ (Jesaja 58,7-12)


Liebe Kinder, liebe Jugendliche, liebe Erwachsene,

wir feiern heute Erntedank. Wir sind dankbar dafür, dass Gott uns mit allem versorgt, was wir zum Leben brauchen. Auch wenn wir nicht mehr selbst auf dem Feld stehen und säen und ernten, sondern im Supermarkt kaufen, was andere für uns gesät und geerntet oder auf andere Weise hergestellt haben.
Vor drei Tagen haben wir den Tag der deutschen Einheit gefeiert. Wir sind dankbar dafür, dass die Bürger der DDR vor 30 Jahren in einer friedlichen Revolution die Teilung Deutschlands überwunden haben, so dass wir heute in einem wiedervereinigten, demokratischen, friedlichen Land leben können.
Und neben diesen großen Dingen, für die wir alle dankbar sein können, hat jeder und jede von uns eigene kleine Gründe zur Dankbarkeit: Gesundheit, Familie, Freunde, Interessen, Erfolg, Freude, Spaß am Leben, erfüllte Wünsche, ein bisschen Luxus hier und da.

Was macht das mit uns? Wohin führt uns die Dankbarkeit?

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Alten Testament, im Buch des Propheten Jesaja (Jes 58,1-12). Von Dankbarkeit ist da erst einmal nicht die Rede, sondern vom Fasten. Menschen verzichten für eine bestimmte Zeit auf etwas, um sich auf Gott zu konzentrieren. Der Hunger und der Durst, dem sie sich eine Zeit lang aussetzen, erinnert sie daran, dass Essen und Trinken nicht selbstverständlich sind, sondern ein Geschenk Gottes.
Fasten ist also eine Übung, die zur Dankbarkeit führt. Wer eine Zeit lang - oder auf Dauer - freiwillig auf etwas verzichtet, das er eigentlich braucht oder doch gerne hätte, lernt das Vermisste wertzuschätzen. Nach einer Zeit des Fastens schmecken Wasser und Brot, Wein und Schokolade gleich nochmal so gut. Fasten führt zu Dankbarkeit.
Dankbarkeit aber kann unterschiedliche Formen haben. Sie kann unterschiedliche Wege nehmen. Es gibt eine Dankbarkeit, die kreist um sich selbst. ICH bin dankbar für das, was ICH habe - und genieße es. Das ist auch gar nicht falsch. So beginnt das Dankbarsein. Aber der Prophet Jesaja erinnert das Volk Israel daran, dass es dabei nicht stehen bleiben soll. Die Dankbarkeit soll nicht nur um sich selber kreisen, sondern Kreise ziehen.

Jesaja 58,5-8 (Gute Nachricht):
Ist das vielleicht ein Fasttag, wie ich ihn liebe, wenn ihr auf Essen und Trinken verzichtet, euren Kopf hängen lasst und euch im Sack in die Asche setzt? Nennt ihr das ein Fasten, das mir gefällt?
Nein, ein Fasten, wie ich es haben will, sieht anders aus! Löst die Fesseln der Gefangenen, nehmt das drückende Joch von ihrem Hals, gebt den Misshandelten die Freiheit und macht jeder Unterdrückung ein Ende! Ladet die Hungernden an euren Tisch, nehmt die Obdachlosen in euer Haus auf, gebt denen, die in Lumpen herumlaufen, etwas zum Anziehen und helft allen in eurem Volk, die Hilfe brauchen!
Dann strahlt euer Glück auf wie die Sonne am Morgen und eure Wunden heilen schnell; eure guten Taten gehen euch voran und meine Herrlichkeit folgt euch als starker Schutz.


Dankbarkeit soll nicht nur um sich selber kreisen, sondern Kreise ziehen.

Ich las neulich ein Interview mit Prof. Johannes Vogel, dem Leiter des Naturkundemuseums hier in Berlin. Darin sagte er mit Blick auf die Natur, die uns umgibt, das Teilen von Lebens-räumen und den Dingen, die für das Leben wichtig sind, sei ein Grundprinzip des Lebens.
Das klingt wie ein Widerspruch zu dem allgegenwärtigen „Kampf ums Dasein“, von dem in der Biologie sonst immer die Rede ist. Jeder gegen jeden. Survival of the fittest. Nur die am besten Angepassten überleben. Jeder ist sich selbst der Nächste, und wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht.
Doch das ist tatsächlich nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass Zusammenarbeit - Kooperation - in der Natur eine mindestens genauso gute, wenn nicht die bessere Überlebensstrategie ist. So haben Forscher herausgefunden, dass sogar Bäume gattungsübergreifend miteinander kommunizieren, einander Informationen, Wasser und Nährstoffe zukommen lassen, weil sie gemeinsam bessere Entwicklungsmöglichkeiten haben, als jeder für sich allein. Und bei allem Fressen und Gefressenwerden im Tierreich, gibt es auch dort jede Menge Überlebensstrategien, die darauf beruhen, dass man sich gegenseitig hilft und unterstützt: Haie und Putzerfische, Ameisen und Blattläuse, Vogelspinnen und Breitmaulfrösche - das sind nur einige wenige Beispiele dafür. Selbst in der oft so gewalttätig erscheinenden Natur hilft man sich gegenseitig aus. Was der Elefant fallen lässt, kommt dem Dungkäfer zugute.
„Ein funktionierendes Ökosystem“, sagt Prof. Vogel, „beruht auf einem ausgeglichenen Verhältnis von Geben und Nehmen.“ Nur bei uns ach so „zivilisierten“ Menschen funktioniert das irgendwie nicht. Wir leben über unsere Verhältnisse, verbrauchen mehr Ressourcen als nachwachsen können, betreiben Raubbau an der Natur - und damit an unseren eigenen Lebensgrundlagen.

Was können wir dem entgegensetzen? Wie können wir lernen, nicht gegeneinander und auf Kosten zukünftiger Generationen zu leben, sondern miteinander und im Einklang mit der Natur?

Jesaja würde sagen: Teilt! „Ladet die Hungernden an euren Tisch, nehmt die Obdachlosen in euer Haus auf, gebt denen, die in Lumpen herumlaufen, etwas zum Anziehen und helft allen, die eure Hilfe brauchen! Dann strahlt euer Glück auf wie die Sonne am Morgen und eure Wunden heilen schnell; eure guten Taten gehen euch voran und meine Herrlichkeit folgt euch als starker Schutz.“

Das ist auch für Prof. Vogel der springende Punkt. Eigentlich, sagt er, gibt unsere Erde genug für alle her - nur die Verteilung müsste stimmen! Der Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi hat das so auf den Punkt gebracht: „Die Welt“, sagte er, „hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.“
Teilen ist eine gute Übung gegen die Gier. Wenn wir begreifen, dass alles, was wir besitzen, letztlich ein unverdientes Geschenk ist, Gnade, Gabe Gottes, uns anvertraut, um uns daran zu erfreuen, aber auch, um andere daran teilhaben zu lassen - dann entwickeln wir vielleicht ein entspanntes Verhältnis zu dem, was wir haben. Dann konsumieren wir nicht ohne Sinn und Verstand, sondern mit einem Gefühl dafür, dass das, was Gott uns schenkt, nicht nur für uns, sondern für alle reichen soll.
Prof. Vogel weist in dem bereits erwähnten Interview auf eine Schwierigkeit hin, die dem entgegensteht, darauf, „dass wir uns zu sehr auf Instrumente der Einsamkeit einlassen.“ „Wir starren in Bildschirme, statt einander in die Augen zu schauen“, meint er. Es gehe nur noch um den Einzelnen und nicht mehr um das große Ganze.
Feste wie der Tag der deutschen Einheit oder das Erntedankfest setzen dem etwas entgegen. Sie weiten unseren Blick über den eigenen Tellerrand hinaus auf das, was anderen wichtig ist, was andere brauchen. Sie laden uns ein zu teilen: Erfahrungen und Erinnerungen, aber auch die materiellen Güter, die Gott uns schenkt.
„Jede Generation hat ihre Aufgabe“, las ich dieser Tage. Einen nachhaltigen und gerechten Wohlstand zu schaffen, sei die unsere. So zu wirtschaften, dass die Art, wie wir leben, allen Menschen dient und wir den Planeten, auf dem wir leben, nicht über die Maßen erschöpfen. Zu teilen, was wir haben, mag dazu ein guter Anfang sein.

„Dann strahlt euer Glück auf wie die Sonne am Morgen und eure Wunden heilen schnell; eure guten Taten gehen euch voran und meine Herrlichkeit folgt euch als starker Schutz.“

Amen.

(c) Volkmar Hamp