Muttertag
(Sprüche 8,22-36)



Liebe Kinder und Jugendlichen, liebe Erwachsene,

heute ist Muttertag. Sprechen wir also über Mütter! Wir alle haben eine. Keine Mutter – kein Leben. Nicht ohne Grund nennt Adam, der erste Mensch, seine Frau „Eva“ (hebr. Chawwah). Das heißt: „Die Leben schenkt“. „Denn sie wurde die Mutter aller, die da leben.“ (Gen 3,20) Wir sprechen von „Mutter Erde“, von unserer „Muttersprache“, von „Mutterwitz“. Scheint wichtig zu sein, die Mutter!
Was Gott betrifft, sind wir es gewohnt „Vater“ zu ihm zu sagen. In jedem Gottesdienst beten wir das Vaterunser. Dabei ist Gott genauso gut Mutter wie Vater für uns. Wir haben es gehört und gesehen: Gott will uns trösten, „wie einen seine Mutter tröstet“ (Jes 66,13).
Ganz am Anfang der Bibel – noch vor der Geschichte von Adam und Eva, dem ersten Mann, der ersten Frau – wird erzählt, wie Gott den Menschen schuf. Auch das haben wir bereits gehört in diesem Gottesdienst: „Da schuf Gott den Menschen als sein Bild. Als Bild Gottes schuf er ihn. Männlich und weiblich schuf er sie.“ (Gen 1,27)
Mann und Frau – beide zusammen sind „Ebenbild Gottes“. Nicht der Mann allein. Nicht die Frau allein. Darum ist Gott auch kein „Mann“ und keine „Frau“. Darum dürfen wir ihn nicht nur „Vater“, sondern auch „Mutter“ nennen.
Oft sind es die Frauen, die Mütter, die in den Geschichten der Bibel die heimliche Hauptrolle spielen. Sara und Hagar, Lea und Rahel, Mirjam, Rahab und Tamar und wie sie alle heißen. Und Maria natürlich, die Mutter Jesu.
Und dann gibt es da noch eine ganz besondere Frau. Von der wird im Buch der Sprüche erzählt. Ihr Name? Frau Weisheit! Chokma heißt das auf Hebräisch, Sophia auf Griechisch, Sapientia auf Lateinisch. Alles – wie das deutsche Wort „Weisheit“ – Frauennamen.
Die Weisheit ist eine Frau! Und wie alle Frauen war sie ein kleines Mädchen, bevor sie erwachsen wurde. In der Bibel, im Buch der Sprüche singt sie ein Lied über diese Zeit (Spr 8,22-31 / Bibel in gerechter Sprache):

22 Die Ewige schuf mich zu Beginn ihrer Wege,
als Erstes all ihrer Werke von jeher.
23 Gewoben wurde ich in der Vorzeit;
zu Urbeginn, vor dem Anfang der Welt.
24 Bevor es das Urmeer gab, wurde ich geboren.
Bevor die Quellen waren, von Wasser schwer.
25 Bevor die Berge verankert wurden,
vor den Hügeln wurde ich geboren.
26 Noch hatte sie weder Erde noch Felder erschaffen
oder den ersten Staub des Festlands.
27 Als sie den Himmel ausspannte, war ich dabei,
als sie den Erdkreis auf dem Urmeer absteckte,
28 als sie die Wolken oben befestigte,
als die Quellen des Urmeers kräftig waren,
29 als sie das Meer begrenzte, damit das Wasser ihren Befehl nicht überträte,
als sie die Fundamente der Erde einsenkte:
30 Da war ich der Liebling an ihrer Seite.
Die Freude war ich Tag für Tag und spielte die ganze Zeit vor ihr.
31 Ich spielte auf ihrer Erde und hatte meine Freude an den Menschen.


Die Weisheit: ein spielendes Kind. An Gottes Seite, als er / als sie die Welt erschuf. Noch bevor es hell wurde, bevor Himmel und Erde entstanden, bevor Menschen Worte fanden, um die Dinge zu benennen, bevor das Leben Klänge und Farben bekam, bevor es Spaghetti und Streuselkuchen gab, Schulferien und Muttertage, Liebeslieder und Fangesänge – vor alledem war sie da: die Weisheit.
Und sie war ein Kind. Gottes Kind. Sein erstes Geschöpf. Sein Liebling. Und sie tat, was alle Kinder tun: Spielen. Sie spielte vor Gott. Auf seinem Erdkreis. Mit seinen anderen Kindern. Mit den Menschenkindern.
Das ist die Weisheit. Ein kleines Mädchen, das keine Pläne entwirft und keine Strategien hat, das nicht auf Erfahrungen zurückgreift oder Visionen entwickelt, das nicht der Vergangenheit nachhängt oder von der Zukunft träumt, das nicht belehrt oder vor-schreibt, was wie zu funktionieren hat.
Die Weisheit spielt – zweckfrei, planlos, selbstvergessen, voller Freude, versunken im Hier und Jetzt. Sie spielt – und fast scheint es so, als stecke sie Gott an mit ihrem Spiel.
Und Gott spielt mit. Er erschafft die Zeit und den Raum, Erde und Meer, das Leben, die Pflanzen, die Tiere und den Menschen. Die Welt – ein Ergebnis des Spieltriebs Gottes! Seiner kindlichen Freude am Sein, an der Schönheit der Dinge. Seiner Kreativität. Seiner Lust, Neues zu schaffen.
So erzählt es die Weisheit! In Gemeinschaft will Gott sein – mit dem Leben, mit seinen Geschöpfen, mit seinen Ebenbildern, den Menschen.
Schöpfung als Spiel von Gott und Weisheit. Der Dichter Kurt Marti stellt sich das so vor:

Sie spielte vor dem Erschaffer
umspielte, was er geschaffen,
und schlug, leicht hüpfend von Einfall zu Einfall,
neue Erschaffungen vor:
Warum nicht einen anmutig gekurvten Raum?
Warum nicht Myriaden pfiffiger Moleküle?
Warum nicht schleierwehende Wirbel, Gase?
Oder Materie, schwebend, fliegend, rotierend?

So sei es, lachte Gott,
denn alles ist möglich,
doch muss Ordnung ins Ganze –
durch Schwerkraft zum Beispiel.
Dazu aber wünschte Sophia sich
ebensoviel Leichtigkeit.
Da ersann Gott die Zeit.

Und Sophia klatschte in die Hände.
Sophia tanzte, leicht wie die Zeit,
zum wilden melodischen Urknall,
dem Wirbel, Bewegungen, Töne entsprangen,
Räume, Zukünfte, erste Vergangenheiten –
der kosmische Tanz,
das sich freudig ausdehnende All.
Fröhlich streckte Sophia Gott die Arme entgegen.
Und Gott tanzte mit.


Doch wie jedes Kind ist auch die Weisheit irgendwann erwachsen geworden. Keine Ahnung, wie viele Jahrhunderte, Jahrtausende das gedauert hat. Jedenfalls ist sie jetzt eine erwachsene Frau. Eine weise Frau. Frau Weisheit eben. Und sie hat Kinder. Töchter und Söhne. Uns. Die ermahnt sie im weiteren Verlauf unseres Predigttextes, sich an ihr zu orientieren:

32 Nun, Töchter und Söhne, hört auf mich:
Glücklich können sich alle schätzen, die auf meinen Wegen gehen.
33 Hört auf die Ermahnungen und werdet weise; gebt nicht auf!
34 Glücklich können sich alle schätzen, die auf mich hören,
die Tag für Tag meine Türen bewachen und meine Türpfosten hüten.
35 Denn wer mich findet, der hat Leben gefunden
und wird von der Ewigen Freude erhalten.
36 Wer mich verfehlt, fügt sich selbst Gewalt zu.
Alle, die mich hassen, lieben den Tod.


So einfach ist das also. Wer Gott findet, findet das Leben. Wer ihn verfehlt, verfehlt das Leben. Wer sich an Gott, an seiner Weisheit orientiert, kann sich freuen. Wer ihren Rat in den Wind schlägt, fügt sich selbst und anderen Schaden zu.
Und damit wir nicht immer wieder neu darüber nachdenken müssen, was denn nun das Gute, das Weise, das Richtige ist, gibt es in der Bibel wunderbare Sätze, die das zusammenfassen:
„Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst!“
„Handle anderen Menschen gegenüber so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“
Und weil heute Muttertag ist:
„Ehre deine Mutter. Und deinen Vater auch.“
Dazu eine kleine Geschichte von einem Rabbi, einem Lehrer des Judentums. Der muss ja eigentlich wissen, wie das damals war, als Gott dem Mose diesen Satz diktierte. Rabbi Gellman schreibt (Marc Gellman, Was denkt Gott?, 60 und 67-69):

Als Mose auf dem Gipfel des Berges Sinai von Gott die Zehn Gebote empfing, schrieb er sie auf zwei große Steintafeln. Aber Mose schrieb nicht alles auf, was Gott sagte. Mose wusste, je mehr er schrieb, desto mehr Steine würde er brauchen und desto mehr Steine musste er folglich auch den Berg hinunterschleppen. Deshalb fasste Mose sich kurz!
(Als er beim 5. Gebot angekommen war, sagte Gott zu Mose:)
„Sage den Kindern, sie sollen tun, was ihre Eltern von ihnen verlangen, auch wenn sie denken, es sei dumm. Aber du musst den Kindern auch sagen, dass sie nicht tun sollen, was ihre Eltern von ihnen verlangen, wenn es unrecht ist oder wenn es jemanden verletzt. Sage den Kindern, dass die meisten Dinge, zu denen ihre Eltern sie auffordern, gut und richtig sind und sie zu guten Menschen machen, wenn sie einmal groß sind. Sage den Kindern, die Wünsche ihrer Eltern zu erfüllen sei eine der wichtigsten Möglichkeiten, ihnen Liebe und Respekt zu erweisen.
Und sage den Kindern auch, wenn sie tun wollen, was ihre Eltern wünschen, sollen sie es gleich tun. Sag ihnen, dass sie weder bei mir noch bei ihren Eltern Anerkennung ernten können, wenn sie etwas erst dann tun, wenn man es ihnen hundertmal gesagt hat. Die Kinder merken selbst bald genug, dass Eltern sein schwer ist. Babys kommen nicht mit einer Gebrauchsanweisung für ihre Erziehung auf die Welt. Die meisten Eltern müssen die meiste Zeit raten, aber sie raten auch fast immer richtig, denn wenn man ein Kind liebt, ergibt sich vieles ganz von selbst. Ich habe die Liebe gemacht, damit das so funktioniert.
Sage den Kindern auch, dass ihre Eltern einmal alt werden und dass sie dann für sie sorgen sollen. Das kann für die Kinder harte Arbeit sein. Es kann Geld kosten, und es kann Zeit kosten, aber wenn ein Elternteil eine ganze Schar Kinder versorgen kann, dann sollte auch eine ganze Schar Kinder in der Lage sein, einen Elternteil zu versorgen.
Vergiss nicht, den Kindern zu sagen, dass die prompte Erfüllung der Wünsche ihrer Eltern nur eine Möglichkeit ist, ihnen Liebe und Respekt zu erweisen. Dinge zu tun, die die Eltern nicht verlangen und nicht erwarten, ist manchmal sogar noch besser als zu tun, was sie verlangen und möchten. Eure Eltern ohne besonderen Grund zu umarmen und zu küssen, ihnen zu danken, dass sie für euch Essen einkaufen gehen, ihnen zu sagen, dass ihr stolz auf sie seid und dass ihr findet, sie hätten ihre Sache mit euch gut gemacht, sie bei einem Spiel gewinnen zu lassen, das ihr besser könnt, als sie, sie um ihren Rat zu bitten, sooft ihr könnt, und diesen Rat sogar manchmal zu befolgen, bei ihnen vorbeizuschauen, um eben mal nachzusehen, ob es ihnen gut geht – all das sind wunderbare Möglichkeiten, eure Eltern zu ehren, die weit darüber hinausgehen, dass ihr eure Socken ordentlich aufhebt und euer Bett macht.
Vielleicht ist die beste Möglichkeit, euren Eltern Liebe und Respekt zu erweisen, dass ihr selbst wieder Kinder bekommt und sie gut erzieht. Auf diese Weise können eure Eltern sehen, dass ihr bei ihnen wirklich gut groß geworden seid. Das ist die Hauptsache! Mose, du musst die Kinder das Wichtigste lehren, was sie über ihre Eltern wissen müssen, nämlich dass sie ohne sie nicht da wären. Schärfe den Kindern ein, nie zu vergessen, dass sie ihren Eltern das Wissen verdanken, was richtig ist, und dass sie ihnen Hoffnung, Mut und Kraft verdanken. Das Allerwichtigste, was die Kinder über Eltern lernen müssen, ist: Ohne sie wären sie gar nicht da.“
Mose hörte all das, aber er hatte nicht genug Steine, um alles aufzuschreiben, darum schrieb er nur:
Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.“


„Im Anfang war das Wort“, schreibt der Evangelist Johannes (Joh 1,1). Logos heißt das im Griechischen. Das kann man mit „Weisheit“ übersetzen. „Und die Weisheit wurde ein Mensch und wohnte unter uns“ (Joh 1,14). Sie wurde ein Kind. Das feiern wir Weihnachten. Wie könnte es anders sein!?
Und als dieses Kind, als Jesus erwachsen ist, da sagt er: „Wahrlich ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ (Mk 10,15) „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet, ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ (Mt 18,3)
So schließt sich der Kreis. Die Weisheit, die seit Anbeginn der Schöpfung vor Gott spielt wie ein Kind, kommt als Kind in diese Welt, um uns daran zu erinnern, dass wir wie die Kinder werden müssen, um Gott begegnen zu können.
Verrückt, oder?
Aber so ist es wohl! Im Reich Gottes werden nur Kinder sein. Kinder unseres Vaters / unserer Mutter im Himmel. Kleine Kinder und große Kinder. Junggebliebene Kinder und altgewordene Kinder. Manche 80 Jahre alt und älter. Manche nicht einmal geboren. Da werden Kinder sein, die selber Kinder haben. Väter und Mütter. Opas und Omas. Und solche, die Kinder geblieben sind, obwohl sie erwachsen wurden. Jungen und Mädchen, Frauen und Männer, Väter und Töchter, Söhne und Mütter. Und sie alle werden lachen und Gott loben und mit seiner Freundin, der Weisheit, spielen.
Und wann immer wir heute schon lachen und feiern und der Weisheit folgen – hier im Wedding und überall, der Weisheit der Mütter und Väter und Kinder – ist Gottes Reich schon mitten unter uns.

Amen.

(c) Volkmar Hamp