Schritte wagen
(Josua 3,1-17)


Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,

zu Beginn des neuen Jahres beschäftigen wir uns in unseren Gottesdiensten mit Weg-Geschichten aus dem Neuen und dem Alten Testament.
Letzte Woche waren wir mit den heiligen drei Königen unterwegs. Sie folgten dem Stern, der zum Kind in der Krippe führte. Zu Christus, dem Friedefürst, der so ganz anders war als erwartet. Kein mächtiger Herrscher wie König Herodes in seinem Palast, sondern ein ohnmächtiges Kind in einer bescheidenen Hütte.
Wenn Gott Mensch wird, dann so: als Schwächster unter den Schwachen. Ein Säugling. Ein Windelkönig. „MENSCH GERNEGROSS“ formuliert der Dichtertheologe Kurt Marti (1921-2017) und denkt dabei vielleicht auch an Herodes. Als Gegenbild dazu nennt er das Kind in der Krippe „gott gerneklein“. Das Kleine, das Schwache, das Zerbrechliche hat Gott sich erwählt, um darin zu wohnen. Und um dadurch die Welt zu verwandeln. Das ist die Botschaft von Weihnachten.
Klein ist auch das Volk, um das es heute geht. Klein und heimatlos. Unterwegs seit vierzig Jahren, seit Mose es aus der Sklaverei in die Freiheit führte. In eine Freiheit freilich, die sich als scheinbar endloses Umherirren in der Wüste entpuppte. Vierzig Jahre Sand und Wind und Manna und Wachteln. Leben auf Sparflamme. Eigentlich nur Überleben.
Doch dann ist es endlich so weit. Das Volk steht an der Schwelle zum Gelobten Land. Zwischen ihm und der Zukunft nur noch ein Fluss, der Jordan. Den gilt es zu überwinden. Dann – so hoffen sie – wird alles gut.
Bibelkenner wissen: Das Volk, von dem hier die Rede ist, musste schon einmal ein ähnliches Hindernis überwinden. Damals, auf der Flucht vor Pharao. Vor ihnen das Schilfmeer – hinter ihnen die Soldaten des Königs. Ihr kennt die Geschichte. Sie steht im 14. Kapitel des zweiten Buchs Mose.

Exodus 14 (in Auszügen):
10 Und als der Pharao nahe herankam, hoben die Israeliten ihre Augen auf, und siehe, die Ägypter zogen hinter ihnen her. Und sie fürchteten sich sehr und schrien zu dem HERRN ... 13 Da sprach Mose zum Volk: Fürchtet euch nicht, steht fest und seht zu, was für ein Heil der HERR heute an euch tun wird. Denn wie ihr die Ägypter heute seht, werdet ihr sie niemals wiedersehen. 14 Der HERR wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein ...
21 Als nun Mose seine Hand über das Meer reckte, ließ es der HERR zurückweichen durch einen starken Ostwind die ganze Nacht und machte das Meer trocken, und die Wasser teilten sich. 22 Und die Israeliten gingen hinein mitten ins Meer auf dem Trockenen, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken. 23 Und die Ägypter folgten und zogen hinein ihnen nach, alle Rosse des Pharao, seine Wagen und Reiter, mitten ins Meer ...
27 Da reckte Mose seine Hand aus über das Meer, und das Meer kam gegen Morgen wieder in sein Bett, und die Ägypter flohen ihm entgegen. So stürzte der HERR sie mitten ins Meer. 28 Und das Wasser kam wieder und bedeckte Wagen und Reiter, das ganze Heer des Pharao, das ihnen nachgefolgt war ins Meer, so dass nicht einer von ihnen übrig blieb. 29 Aber die Israeliten gingen trocken mitten durchs Meer, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken.
30/31 So errettete der HERR an jenem Tage Israel aus der Ägypter Hand ... Und das Volk fürchtete den HERRN, und sie glaubten ihm und seinem Knecht Mose.


Es gibt eine rabbinische Auslegung zu dieser Geschichte, in der heißt es: Das Meer teilte sich vor den Israeliten nicht als Mose seine Hand über das Wasser reckte, sondern als er seinen Fuß ins Wasser setzte. Damit soll gesagt werden: Hindernisse werden nicht beseitigt, indem wir träge darauf warten, dass Gott ein Wunder tut, sondern indem wir – im Vertrauen auf Gottes Hilfe – erste Schritte machen. Spannend, dass genau das der Clou an unserem heutigen Predigttext ist, einer Parallelüberlieferung zur Exodus-Geschichte in Josua 3: der Erzählung von der Jordanüberquerung des Volkes Israel mit Moses Nachfolger Josua.

Josua 3 (in Auszügen):
1 Und Josua machte sich früh auf, und sie zogen aus Schittim und kamen an den Jordan, er und alle Israeliten, und blieben dort über Nacht, ehe sie hinüberzogen. ... 5 Und Josua sprach zum Volk: Heiligt euch, denn morgen wird der HERR Wunder unter euch tun ...
9 Und Josua sprach zu den Israeliten: Herzu! Hört die Worte des HERRN, eures Gottes! 10 Daran sollt ihr merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist und dass er vor euch vertreiben wird die Kanaaniter, Hetiter, Hiwiter, Perisiter, Girgaschiter, Amoriter und Jebusiter: 11 Siehe, die Lade des Bundes des Herrn der ganzen Erde wird vor euch hergehen in den Jordan. 12 So nehmt nun zwölf Männer aus den Stämmen Israels, aus jedem Stamm einen. 13 Wenn dann die Fußsohlen der Priester, die die Lade des HERRN, des Herrn der ganzen Erde, tragen, in dem Wasser des Jordans stillstehen, so wird das Wasser des Jordans, das von oben herabfließt, nicht weiterlaufen, sondern stehen bleiben wie ein einziger Wall.
14 Als nun das Volk aus seinen Zelten auszog, um durch den Jordan zu gehen, und die Priester die Bundeslade vor dem Volk hertrugen, 15 und als die Träger der Lade an den Jordan kamen und die Füße der Priester, die die Lade trugen, ins Wasser tauchten ..., 16 da stand das Wasser, das von oben herniederkam, aufgerichtet wie ein einziger Wall ...; aber das Wasser, das zum Meer ... hinunterlief, ..., das nahm ab und floss ganz weg. So ging das Volk hindurch gegenüber von Jericho. 17 Und die Priester, die die Lade des Bundes des HERRN trugen, standen still im Trockenen mitten im Jordan. Und ganz Israel ging auf trockenem Boden hindurch, bis das ganze Volk über den Jordan gekommen war.


„Über den Jordan gehen“ – das ist ein geflügeltes Wort, eine Redensart, ein Sprichwort, das hier in dieser Geschichte seinen Ursprung hat. Wenn man sagt, jemand sei „über den Jordan gegangen“, dann heißt das nicht, dass da einer zu einer Reise in den Nahen Osten aufgebrochen ist. Wenn etwas „über den Jordan geht“, dann geht es kaputt, dann wird es zerstört. Auf ziemlich respektlose, schnodderige Art und Weise wird so manchmal auch über den Tod eines Menschen gesprochen.
Doch diese flapsige Art zu reden wird dem Ursprung dieser Redensart nicht gerecht. Der Jordan schied in Palästina die lebensfeindliche Wüste vom fruchtbaren Land, das dahinter lag und den Israeliten als ihr „Gelobtes Land“ versprochen war. Dieses Land, in dem – wie man sagte – „Milch und Honig floss“, wurde später zum Bild für den Himmel, für das Paradies, für die neue Welt Gottes, die im jüdisch-christlichem Glauben nach dem Tod auf uns wartet.
„Über den Jordan gehen“ heißt also eigentlich: „ins verheißene Land des Friedens einziehen“. Der Jordan wurde für Juden und Christen, was für Griechen der Fluss Styx ist: die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und dem Reich der Toten. Nur dass nach ihrer Vorstellung auf der anderen Seite nicht ein trostloser Hades wartete, sondern der Himmel – ein Land, in dem Milch und Honig fließt.

I looked over Jordan, what did I see,
Coming for to carry me home? A band of angels coming after me,
Coming for to carry me home.


„Home“ / „Heimat“ – das war, was das Volk Israel schmerzlich vermisste, was sie auf der anderen Seite des Jordans zu finden hofften. „Home“ / „Heimat“ – das ist, was wir suchen auf unserem Lebensweg: ein Zuhause, das Gefühl angekommen zu sein, Zufriedenheit, im Frieden zu sein mit uns selbst, mit der Welt und mit den anderen Menschen.
Jahreswechsel sind eigentlich, wenn man es objektiv betrachtet, nichts Besonderes. Auch da folgt nur ein Tag auf den anderen, in diesem Fall ein 1. Januar auf einen 31. Dezember. Und doch sehen viele – ihr vielleicht auch – im Jahreswechsel eine Gelegenheit über Vergangenes nachzudenken und sich auf Zukünftiges auszurichten. Insofern sind Jahreswechsel „Wegscheiden“, „Grenzflüsse“, die unser Gemüt stärker berühren als „normale“ Tages- oder Monatswechsel. Mir jedenfalls geht das so. Und zwei Wochen nach dem Jahreswechsel von 2018 zu 2019 ist dieser „Übergang“ für mich immer noch nicht ganz abgeschlossen. Vielleicht geht euch das ähnlich.
Aus der Geschichte von der Jordanüberquerung möchte ich zunächst einen Gedanken mitnehmen: Im Blick auf die Zukunft – auf das, was auch in diesem neuen Jahr auf uns zukommt – kommt es darauf an, erste Schritte zu wagen. Die Füße ins Wasser zu setzen, auch wenn noch gar nicht klar ist, ob sich da wirklich ein gangbarer Weg auftut. „Wege entstehen dadurch, dass wir sie gehen“, soll der Schriftsteller Franz Kafka (1883-1924) einmal gesagt haben. In Wahrheit stammt dieser Satz aus einem Gedicht des spanischen Dichters Antonio Machado (1875-1939).

Wanderer, deine Spuren sind
der Weg, und sonst nichts;
Wanderer, es gibt keinen Weg,
der Weg entsteht im Gehen.
Im Gehen entsteht der Weg,
und wenn man den Blick zurückwirft,
sieht man den Pfad, den man
nie wieder betreten wird.
Wanderer, es gibt keinen Weg,
nur Kielwasser im Meer.

„Der Weg entsteht im Gehen.“ Ich finde, das ist ein schönes Bild für das, was die Bibel „Vertrauen“ nennt. Auch die Israeliten in unserer Geschichte wussten nicht so ganz genau, was sie jenseits des Jordans erwartete. Einst hatte Mose Kundschafter ausgeschickt. Die hatten erzählt, dass dort Milch und Honig fließe. Aber auch, dass das Volk, das dort wohnt, stark sei und ihre Städte befestigt (Num 13,27f). Gerade eben waren die Kundschafter Josuas zurückgekehrt und bestätigten das. Nur mit Mühe und Not hatten sie es zurück ins Lager geschafft. Trotzdem waren sie zuversichtlich, dass man das Land und die Stadt Jericho erobern könne. Aber konnte man sich da ganz sicher sein?
Es braucht schon eine gehörige Portion Vertrauen und Zuversicht, um die ersten Schritte in eine unbekannte Zukunft zu gehen. Vor allem dann, wenn dort neue, noch nicht gegangene Wege warten. Mir jedenfalls fällt das nicht immer leicht. Und wenn ich an das denke, was in diesem Jahr auf uns als Gemeinde zukommt, dann bekomme ich schon ein bisschen weiche Knie und zittrige Hände.
Was kann da helfen? Nehme ich die Geschichte von der Jordanüberquerung Israels als Anhaltspunkt, dann sind das für mich folgende Dinge:

1. Ich bin nicht alleine unterwegs
In unserer Geschichte macht sich nicht ein Einzelner auf den Weg, sondern eine Gemeinschaft. Es muss ja nicht immer gleich ein ganzes Volk sein. Auch wenn ich das schön fände, wenn unser Volk ein bisschen mehr Gemeinsinn zeigen, sich wieder auf einige für alle verbindliche Grundwerte einigen würde. Nicht ganz alleine unterwegs zu sein, das hilft nämlich. Und letztlich ist Gemeinde so etwas wie eine „Weggemeinschaft“. Wir sind miteinander unterwegs, damit niemand alleine gehen muss. Und das, was wir uns für dieses und das kommende Jahr vorgenommen haben, schaffen wir sowieso nur, wenn möglichst viele mit anpacken und dabei sind.

2. Ich bin mit Gott unterwegs
In unserer Geschichte ist es die „Bundeslade“, die das Mitgehen Gottes mit seinem Volk symbolisiert. In dieser Lade lagen, so wird es überliefert, die Tafeln mit den Zehn Geboten, die Gott dem Mose am Sinai offenbart und auf die das Volk sich verpflichtet hatte. Wege in eine unbekannte Zukunft gehen sich leichter, wenn wir sie mit Gott gehen, wenn wir uns dabei an dem orientieren, was ER uns an Orientierungshilfen mit auf den Weg gegeben hat. Das können die Zehn Gebote sein. Im Neuen Testament ist es die Liebe. Die Liebe zu Gott, zu uns selbst, zum Nächsten, zum Feind. Sie ist der Kompass, der uns den Weg zeigt – auch in unwegsamem Gelände.

3. Wir warten aufeinander und lassen keinen zurück
„Und die Priester, die die Lade des Bundes des HERRN trugen, standen still im Trockenen mitten im Jordan. Und ganz Israel ging auf trockenem Boden hindurch, bis das ganze Volk über den Jordan gekommen war.“ (Vers 17) – Das zeichnet unsere Weggemeinschaft miteinander und mit Gott aus, dass wir aufeinander achthaben und einander mitnehmen. Natürlich wird und muss es immer wieder solche geben, die vorausgehen und das Land der Zukunft erkunden. Und immer wieder wird es solche geben, die die Nachhut bilden, die vorsichtig sind und erst einmal abwarten, ob der vorgeschlagene Weg in die Zukunft auch wirklich gangbar ist. Gemeinsam unterwegs zu sein heißt für die einen, immer wieder innezuhalten und auf die anderen zu warten. Für die anderen heißt es, dranzubleiben und sich – wenn nötig – auch mal ein Stück tragen zu lassen. Damit am Ende alle das gemeinsame Ziel erreichen.

Diese Auslegung unseres Predigttextes beinhaltet ganz sicher nicht alles, was zu diesem Text gesagt werden könnte. Aber sie passt vielleicht in unsere Situation am Anfang eines neuen Jahres und zu dem, was wir als Gemeinde in diesem Jahr miteinander vorhaben. Andere Weg-Geschichten setzen andere Akzente. Eine davon möchte ich zum Schluss erinnern. Es kann ja passieren – und passiert immer wieder –, dass wir in die Irre gehen, uns verlaufen, falsche Abzweigungen nehmen und das Ziel verfehlen. Was dann?
Jesus erzählt (in Lukas 15,11-32) die Geschichte eines jungen Mannes, dem genau das passiert. Er hatte die Gemeinschaft, zu der er gehörte – seine Familie – verlassen, um endlich ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben führen zu können. Das ging gründlich schief. Am Boden zerstört und völlig verzweifelt beschließt der junge Mann, zu seinem Vater zurückzukehren und ihn um Verzeihung zu bitten. Große Erwartungen hat er keine. Seine Rechte als Kind und Erbe glaubt er verwirkt zu haben. Mit einer Anstellung als Tagelöhner auf dem Hof seines Vaters wäre er schon zufrieden. Immerhin könnte er dann überleben.
Doch es kommt anders. Ihr kennt die Geschichte. „Der Vater“, heißt es, „sah ihn schon von weitem kommen und wurde von Gefühlen überwältigt. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn.“ (Lk 15,20) Und plötzlich geht es nicht mehr um Schuld und Vergebung. Es geht um die Bedingungslosigkeit elterlicher Liebe. „Holt schnell das beste Gewand und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand und zieht ihm Schuhe an. Bringt das Mastkalb her und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. Denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.“ (Lk 15,22-24)
Die Bedingungslosigkeit elterlicher Liebe wird in dieser Geschichte zum Bild für das, was Gott uns, seinen Menschenkindern gegenüber empfindet. Es wird eine Liebe in Aussicht gestellt, die so radikal und bedingungslos ist, dass sie „die Vergebung ebenso erfasst und mit sich reißt wie ihren Anlass, den Zorn. Diese Liebe lässt sich in einem Geist der Großzügigkeit auf die Zukunft ein, statt der Vergangenheit verhaftet zu bleiben.“ (Nussbaum, Zorn und Vergebung, 119)
Ich glaube, dass diese Liebe tatsächlich das Ende aller Weg-Geschichten mit Gott ist. Sie ist die Heimat, die das Volk Israel „jenseits des Jordans“ zu finden hofft. Sie ist das, was die heiligen drei Könige nicht in der Macht des Herodes, sondern in der Ohnmacht des Jesuskindes entdecken. Sie ist, womit wir rechnen dürfen – egal wie verwinkelt und verworren, mit wie vielen Irrwegen, Umwegen und Sackgassen unser Lebensweg sich gestaltet.

I looked over Jordan, and what did I see,
Coming for to carry me home?
A band of angels coming after me,
Coming for to carry me home.

Sometimes I'm up, and sometimes I'm down,
But still my soul feels heavenly bound.
If I get there before you do,
I'll cut a hole and pull you through.

If you get there before I do,
Tell all my friends I'm coming too.


Amen.


Literatur:

Martha Nussbaum, Zorn und Vergebung. Plädoyer für eine Kultur der Gelassenheit. Darmstadt 2017.


© Volkmar Hamp