Ein heiliger Weg (Jesaja 35,3-10)


Liebe Geschwister, liebe Freunde!

der Predigttext für den heutigen zweiten Adventssonntag steht im Buch des Propheten Jesaja:

Jesaja 35,3-10:
3 Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!
4 Sagt den verzagten Herzen: „Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.“
5 Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden.
6 Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande.
7 Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.
8 Und es wird dort eine Bahn sein und ein Weg, der der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toren dürfen nicht darauf umherirren.
9 Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen.
10 Die Erlösten des HERRN werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.


Müde Hände, wankende Knie, verzagte Herzen – das kennen wir. Auch im Advent. Vielleicht gerade im Advent. Während es um uns herum festlich leuchtet und die Glocken süßlich klingen, ist dem einen oder der anderen von uns vielleicht gar nicht feierlich ums Herz. Krankheit und Alter machen auch im Advent keine Pause. Kummer und Sorgen hören nicht auf, nur weil Weihnachten vor der Tür steht. Da ist unsere Situation durchaus vergleichbar mit der des Volkes Israel, in die der Prophet seine Worte spricht.
Den Israeliten war die Rückkehr aus dem babylonischen Exil angekündigt worden. Sie sollten in ihre Heimat zurückkehren. Dort würde eine neue Zeit des Heils anbrechen. Und tatsächlich: Sie kehrten zurück. Sie kamen wieder nach Jerusalem, an den Zion, zum Berg Gottes. Die Verheißung der Propheten hatte sich erfüllt. So schien es jedenfalls. Doch die Freude über die Rückkehr ins gelobte Land war nicht von langer Dauer. Die erhofften paradiesischen Zustände blieben aus. Im Gegenteil. Das Paradies entpuppte sich als harte Arbeit unter widrigen Umständen. Enttäuschung machte sich breit. Sollte das der Lohn gewesen sein für all die Anstrengungen und Mühen? Für die Entbehrungen des Exils und den Aufwand auf dem Weg zurück? Das Grummeln nahm zu. Die Unzufriedenheit wuchs. Das Erreichte wurde kleingeredet. In den Gesprächen zählte nur noch, was fehlte.
Kommt euch das irgendwie bekannt vor? Was ist aus den „blühenden Landschaften“ geworden, die der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (1930-2017) uns in den 90er Jahren versprochen hat? Eine in manchen Teilen braune Wüste! Was ist aus den Hoffnungen und Träumen geworden, die du vor 10, 15, 20 Jahren für dein Leben hattest? Ein paradiesischer Garten oder ein Trümmerfeld? Oder irgendwas dazwischen?
Müde Hände, wankende Knie, ein verzagtes Herz – findest du dich in dieser Beschreibung wieder? Ich hin und wieder schon. Auch im Advent. Dann hilft es nicht, den Kopf einzuziehen oder mit demselben durch die Wand zu wollen. Dann hilft es auch nicht, wenn andere sagen: „Kopf hoch! Das wird schon wieder!“ Wenn ich miterlebe, welche Päckchen andere Menschen manchmal zu tragen haben, dann fehlen mir oft die Worte. Hilf- und sprachlos stehe ich daneben und sehe auf das, was sie beschwert.
In genau solch eine Situation spricht in unserem Bibeltext der Prophet. Einer aus der Schule des Jesaja, der die Verheißungen aus der Zeit des babylonischen Exils in Erinnerung ruft und sagt: Wer behauptet, diese Verheißungen seien übertrieben gewesen, der irrt! Auch wenn ihre endgültige Erfüllung noch aussteht. Die Rückkehr ins gelobte Land und die Heimkehr nach Jerusalem, das waren nur Etappen auf dem Weg. Selbst der Wiederaufbau des Tempels war nur ein Angeld auf die messianische Zeit, die noch vor uns liegt.
Die jetzigen Mühen und Enttäuschungen sind kein Grund, an der Verheißung Gottes zu zweifeln. Die Zeit, in der die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden, kommt noch. Die Zeit, in der die Menschen nicht mehr auf Erlösung warten, sondern sie erleben, kommt noch. Darum „stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie“. Es gibt eine gute Nachricht für verzagte Herzen, und die lautet:

„Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott!
Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.“ (Vers 4)


Moment! Gott kommt zur Rache? Ist es das, was wir wollen, was wir wünschen und erträumen? Werden hier nicht nur die Fantasien von Zukurzgekommenen befriedigt? Von denen, die sich wünschen, dass es den anderen auch einmal schlecht gehen soll, so wie ihnen selbst?
Das kann man so verstehen. Umso wichtiger ist es, weiterzulesen! Denn wie sieht diese „Rache“ aus? Blinde sehen, Taube hören, Lahme springen, Stumme singen. Es gibt Wasser in der Wüste und Ströme in dürrem Land. Es gibt Teiche und Brunnen, wo vorher Trockenheit war. Es gibt gangbare Wege, wo zuvor kein Fuß Halt fand. Es gibt keine Gefahr mehr für Leib und Leben. Keinen Schmerz, kein Seufzen, kein Leid, keinen Tod. Advent. ER kommt – und alles wird gut! Eine schöne Rache ist das!
Als Christen lesen wir diese Verheißung auf zweifache Weise. Zum einen als Erinnerung an den, der schon gekommen ist. Das feiern wir Weihnachten, wenn wir das Kind in der Krippe feiern, den Mann am Kreuz. Den, der auf die Frage seines Cousins und Wegbereiters Johannes des Täufers, ob er denn nun wirklich derjenige sei, der da kommen sollte, oder ob sie noch auf einen anderen warten müssten, antwortete: „Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt.“ (Mt 11,5) Worauf wollt ihr noch warten?
Unser Predigttext erinnert uns also an die Vergangenheit. Er erinnert uns daran, dass mit dem Kommen Jesu, des Messias, des Christus, in diese Welt die wunderbare Zukunft, von der hier die Rede ist, schon begonnen hat. Da, wo Christus mitten unter uns Gestalt gewinnt – wie immer das aussieht – ist das Reich Gottes bereits da, hat angefangen, was irgendwann vollendet wird, ist ausgesät, was jetzt schon im Verborgenen wächst und einst in all seiner Pracht hervorbricht, wenn die Herrschaft Gottes über diese Welt für alle Menschen sichtbar wird.
Und das ist das Zweite, was unser Predigttext für uns tut: Er erinnert uns an die Zukunft, die auf uns zukommt. An den neuen Himmel und die neue Erde, die Gott schaffen wird, an „die Hütte Gottes bei den Menschen“.

„Und er wird bei ihnen wohnen und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; Denn das Erste ist vergangen ... Siehe, ich mache alles neu!“ (Offb 21,3-5)


Kaum zu glauben? Nur zu glauben!
Die Hoffnung stirbt zuletzt? Nein, die Hoffnung bleibt.
Wie Glaube und Liebe bleiben (1 Kor 13,13).

Und was bedeutet das für uns heute? In diesem Advent 2018? In dieser „Zwischenzeit“ zwischen dem Kommen Christi in diese Welt und seiner Wiederkunft am Ende der Zeiten?

Die Augen der Blinden werden aufgetan.
Das hat Jesus vorweggenommen, wenn er Blinden die Hände auflegte und sie heilte. Das geschieht heute, im wortwörtlichen Sinn zum Beispiel durch die Arbeit der Christoffel Blindenmission (www.cbm.de). Weltweit sind 253 Millionen Menschen blind oder sehbehindert. 89% von ihnen leben in Entwicklungsländern. 75% aller Sehbehinderungen könnten vermieden werden, wenn diesen Menschen rechtzeitig geholfen würde. Und genau das tut diese Organisation. Sie bringt damit ein Stück der neuen Welt Gottes auf diese Erde.
Dasselbe geschieht aber auch im übertragenen Sinn. Wenn einem, der blind ist für sei-ne eigenen Bedürfnisse und die anderer Menschen, plötzlich die Augen aufgehen und er anfängt, sich zu kümmern, um sich selbst und um andere. Wenn einer, die nur Au-gen für sich selbst und für ihr engstes Umfeld hat, plötzlich klar wird, dass auf dieser Welt alles mit allem zusammenhängt und sie beginnt, diese Zusammenhänge zu sehen und so zu leben, dass ihr Verhalten anderen nicht schadet.
Die Augen der Blinden werden aufgetan.

Die Ohren der Tauben werden geöffnet.
Auch das lesen wir von Jesus, dass er Tauben die Ohren öffnete. Ein Zeichen für das Anbrechen der Gottesherrschaft. Und auch das gilt im übertragenen Sinn auch heute. Wenn eine, die taub ist für das Schreien Leidender, plötzlich aufmerksam wird, hinhört und hilft oder doch wenigstens mitleidet. Wenn einer, der immer nur redet und redet, plötzlich schweigt und anfängt zu hören, was andere sagen und denken.
Die Ohren der Tauben werden geöffnet.

Lahme springen wie Hirsche.
Wie viele Lahme hat Jesus aufgerichtet, und sie sprangen umher und lobten Gott? Ein Zeichen für die anbrechende Gottesherrschaft! Und auch das passiert heute. Leute, die sich haben hängen lassen, kommen wieder in die Gänge und brechen auf zu neuen Ufern. Menschen, die über eigene Unzulänglichkeiten oder Fehler anderer gestolpert und gefallen sind, richten sich auf, machen Schritte nach vorn und entdecken eine neue Zukunft. Träge kommen in Bewegung. Faule packen mit an. In ihrem Fühlen, Denken und Handeln eingerostete lassen sich auf Neues ein.
Lahme springen wie Hirsche.

Stumme werden frohlocken.
Auch das geschieht, wo Jesus ist. Stummen öffnet er den Mund, und sie loben Gott. Und auch das gibt es heute. Mundtot gemachte melden sich zu Wort. Millionen Frauen machen mit dem Hashtag #MeToo auf das Ausmaß sexueller Belästigung und sexueller Übergriffe aufmerksam, unter denen sie leiden. Der Hashtag #MeTwo greift das auf und wendet sich gegen die Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund.
Die Rentnerin Monika Salzer gründet in Österreich die „Omas gegen rechts“, eine Plattform für zivilgesellschaftlichen Protest gegen das Wiedererstarken rechtsnationalen Gedankenguts in der Politik ihres Landes. Ihr Motto: „Alt sein heißt nicht stumm sein!“ Dazu schreibt sie in einem Grundsatztext: „Heraustreten aus der eigenen ‚kleinen Welt’ und eine gemeinsame starke Stimme für die Zukunft aller Kinder und Enkelkinder bilden ist die Herausforderung der Stunde. Denn vielleicht werden sie uns eines Tages fragen: Was habt ihr getan?“ (www.omasgegenrechts.com).
Zu Ungerechtigkeit, Diskriminierung und Gewalt nicht schweigen. Sich nicht den Mund verbieten lassen. Sich vielleicht auch mal den Mund verbrennen, weil man sagt, was man denkt und fühlt und glaubt. All das kann ein Zeichen für das Anbrechen der Gottesherrschaft mitten unter uns sein!
Stumme werden frohlocken.

Und dann entstehen Wege. Mitten in der Wüste. Gangbare Wege. Wege, die man „heilig“ nennen kann. Reserviert für das, was sich von Gott her Bahn bricht in dieser Welt. Wege, auf denen kein Platz ist für das, was dem Wesen Gottes widerspricht. Wege, auf denen nichts Unsinniges, sondern Sinnvolles geschieht. Wege, auf denen das Neue, das vom Göttlichen inspiriert ist, nicht gleich zerrissen, zerredet, klein gemacht wird. Wege, auf denen Erlösendes geschieht, weil dort die von Gott Erlösten unterwegs sind.

Kaum zu glauben? Nur zu glauben!
Die Hoffnung stirbt nicht zuletzt.
Die Hoffnung bleibt!

Als Gemeinde sind wir miteinander unterwegs auf solch einem „heiligen Weg“. Zumindest hoffe und wünsche ich mir das für uns. Im nächsten Jahr wollen wir einige große Schritte machen, um in Zukunft hier an diesem Ort noch besser, noch kraftvoller miteinander unterwegs sein zu können.
Wir werden dafür viel Zeit, Geld und Energie in die Sanierung und Erweiterung dieses Gebäudes investieren. Wir tun das nicht, damit wir es hier schöner haben oder damit wir in den Augen der Öffentlichkeit besser dastehen. Wir tun das, damit dieser Raum, dieses Grundstück, wir als Gemeinde noch besser dem Ziel dienen können, für das wir da sind: müde Hände zu stärken, wankende Knie zu festigen und verzagten Herzen Mut zuzusprechen.
Der Weg dahin, die kommenden eineinhalb bis zwei Jahre werden uns einiges abverlangen. Vielleicht wird uns das manchmal vorkommen wie ein Weg durch die Wüste. In solchen Situationen möchte ich mich an diesen 2. Advent 2018 erinnern und an das, was Gott uns heute zusagt:
Wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen ... Die Erlösten des HERRN werden wiederkommen ... ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen. (Vers 7+10)
Ich weiß, dass diese Verse nicht auf unsere Gemeinde und unser Bauprojekt gemünzt sind. Aber ich glaube, Gott hat nichts dagegen, wenn wir sie darauf beziehen. Genauso wenig, wie er etwas dagegen hat, wenn ihr sie auf die Wüstenzeiten in eurem eigenen Leben bezieht.

„Seid getrost, fürchtet euch nicht! Gott ist da!“ (Vers 4)

Amen.

© Volkmar Hamp