Untertan der Obrigkeit 2.0
Römer 13,1-7


Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,

vor ziemlich genau zwei Jahren habe ich an dieser Stelle schon einmal über den Text gepredigt, der auch für den heutigen Sonntag als Predigttext vorgeschlagen ist (-> diese Predigt findet sich hier). Damals – kurz vor der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten – sagte ich: „Wir leben in politisch unruhigen Zeiten“ – und dass in dieser Hinsicht auch für die Zukunft „nicht viel Gutes“ zu erwarten sei.
Ich musste kein Prophet sein, um damit Recht zu behalten. Was in den vergangenen zwei Jahren gesellschaftlich und politisch passiert ist – in Amerika, in Europa, auch hier bei uns in Deutschland, zuletzt in Brasilien und in vielen anderen Ländern dieser Welt –, gibt wenig Grund, heute positiver in die Zukunft zu schauen als damals.
Der Bibeltext, um den es geht, steht im Brief des Paulus an die Gemeinde in Rom:

Römer 13,1-7 (NGÜ)
1 Jeder soll sich der Regierung des Staates, in dem er lebt, unterordnen. Denn alle staatliche Autorität kommt von Gott, und jede Regierung ist von Gott eingesetzt.
2 Dem Staat den Gehorsam zu verweigern heißt also, sich der von Gott eingesetzten Ordnung zu widersetzen. Wer darum (dem Staat) den Gehorsam verweigert, wird zu Recht bestraft werden.
3 Wer hingegen tut, was gut ist, braucht von denen, die regieren, nichts zu befürchten; fürchten muss sie nur der, der Böses tut. Du möchtest doch leben, ohne dich vor der Regierung fürchten zu müssen? Dann tu, was gut ist, und du wirst (sogar noch) Anerkennung von ihr bekommen.
4 Denn die Regierung ist Gottes Dienerin, und du sollst durch sie Gutes empfangen. Wenn du jedoch Böses tust, hast du allen Grund, sie zu fürchten. Schließlich ist sie nicht umsonst Trägerin der richterlichen Gewalt. Auch darin ist sie Gottes Dienerin. Indem sie den Schuldigen zur Verantwortung zieht, vollstreckt sie an ihm das Urteil des göttlichen Zorns.
5 Es ist also notwendig, sich (dem Staat) unterzuordnen, und das nicht nur aus Angst vor der Strafe, sondern auch, weil das Gewissen es fordert.
6 Darum (ist es auch richtig, dass) ihr Steuern zahlt. Denn die Beamten sind Diener Gottes, die ihre Pflicht tun, damit der Staat seine Aufgaben erfüllen kann.
7 Gebt jedem das, was ihr ihm schuldet: Zahlt dem, der Steuern einzieht, die Steuern, zahlt dem Zollbeamten den Zoll, erweist dem Respekt, dem Respekt zusteht, und erweist dem Ehre, dem Ehre zusteht.


„Jeder soll sich der Regierung des Staates, in dem er lebt, unterordnen.“ Oder wie die Lutherbibel übersetzt: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott angeordnet.“ (vgl. 1 Petr 2,13-17; Tit 3,1; 1 Tim 2,2)
Alle staatliche Autorität kommt von Gott, und jede Regierung ist von Gott angeordnet? Geht’s noch? Hitler, Stalin, Erdogan, Trump, Bolsonaro – alles von Gott eingesetzte staatliche Autoritäten? Das ist starker Tobak!
Da überrascht es nicht, dass Römer 13 in 2.000 Jahren Kirchengeschichte eine nicht immer rühmliche Wirkungsgeschichte hatte: „Mit Berufung auf diesen Text wurde die jeweilige staatliche Ordnung religiös überhöht, wurden Unterordnung und Gehorsam als Christenpflicht gefordert, wurde die Todesstrafe gerechtfertigt und ein politisches Widerstandsrecht bestritten.“ (Wolfgang Thierse) Ein inzwischen 100 Jahre altes, aber immer noch lesenswertes Buch – „Der Untertan“ von Heinrich Mann (1871-1950) – hat der auch mit diesem Text begründeten deutschen Obrigkeitshörigkeit ein Denkmal gesetzt, die mit verantwortlich war für zwei Weltkriege und unermessliches Leid.
Gut, dass Römer 13 nicht der einzige Text der Bibel ist, in dem es um unser Verhältnis zum Staat geht! Ein Jesuswort fällt mir ein: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ (Mk 12,17) Und die sogenannte clausula Petri aus Apostelgeschichte 5,29: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ – übrigens ein fast wörtliches Zitat des Philosophen Sokrates: „Ich will lieber dem Gotte als euch gehorchen, und solange ich atme und die Kraft dazu habe, nicht ablassen, zu philosophieren, euch zu mahnen ...“ (apol 29d).
Philosophen und Theologen sind sich also einig: Es gibt – bei aller Loyalität – auch Grenzen für den Gehorsam gegenüber staatlichen Autoritäten. Diese Grenzen sind erreicht, wenn der Staat nicht seine ureigene Aufgabe erfüllt, die darin besteht, das Gute zu mehren und dem Bösen zu wehren.
Darum formuliert der 1. Petrusbrief ganz ähnlich wie Römer 13: „Seid untertan aller menschlichen Ordnung um des Herrn willen, es sei dem König als dem Obersten oder den Statthaltern als denen, die von ihm gesandt sind zur Bestrafung der Übeltäter und zum Lob derer, die Gutes tun.“ (1 Petr 2,13-14)
Mit Berufung auf Bibelstellen wie diese kann der Staat darum auch in die Pflicht genommen werden. Wir dürfen ihn an seine Aufgabe erinnern, Gutes zu fördern und Böses zu verhindern. Und wir dürfen uns dem totalitären Missbrauch staatlicher Macht entgegenstellen.
Die ersten Christen lebten im 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung in einem mehrheitlich nichtchristlichen Umfeld. Das gilt auch für die Gemeinde in Rom, dem Zentrum des damals alles beherrschenden römischen Weltreichs.
Kurz bevor Paulus den Römerbrief schrieb, war hier der erst 16jährige Nero an die Macht gekommen. Der war in den ersten fünf Jahren seiner Regierungszeit ein durchaus fähiger, ausgleichender und beliebter Kaiser. Das lag wohl am Einfluss seines Lehrers, des stoischen Philosophen Seneca. Zu dieser Zeit ahnte noch niemand, dass Nero sich später zu einem irren Tyrannen entwickeln würde. Er pflegte nicht nur am Kaiserhof die hohe Kunst des Mordens und brachte fast seine ganze Familie um. Nach dem verheerenden Brand Roms im Juli 64 machte er dafür die Christen der Stadt zum Sündenbock und ließ sie als lebendige Fackeln am Straßenrand verbrennen.
Vermutlich wurde auch Paulus während dieser ersten Christenverfolgung der Geschichte umgebracht. Ob er das 13. Kapitel seines Römerbriefs da noch genauso geschrieben hätte, wie er das einige Jahre zuvor getan hat?
Wir wissen es nicht. Es ist auch egal. Wir sind herausgefordert, diesen Text heute unter den Bedingungen unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu lesen.
Und da ist erstens das in Römer 13 vorausgesetzte Gegenüber von Herrschenden und Untertanen prinzipiell aufgehoben. Bei uns geht alle staatliche Gewalt vom Volk aus. Zumindest sieht unsere Verfassung das so vor (Art. 20,2 GG). Das heißt: Wir entscheiden mit, wer uns regiert. Wir delegieren Macht an unsere Parlamente, an unsere Regierungen und unsere Gerichte. Und wir können ihnen diese Macht auch wieder entziehen, wenn sie nicht verantwortungsvoll damit umgehen.
Zweitens leben wir in einem säkularen Staat. Auch wenn die Mütter und Väter des Grundgesetzes unsere Verfassung im Bewusstsein ihrer „Verantwortung vor Gott und den Menschen“ ausgearbeitet haben ist darin die weltanschauliche Neutralität des Staates festgeschrieben. Unser Grundgesetz garantiert allen Menschen unveräußerliche Grundrechte, auch die Glaubens-, Gewissens- und Religionsfreiheit. Das ist ein hohes Gut, beinhaltet aber auch die Herausforderung, die daraus folgende weltanschauliche und kulturelle Vielfalt in gegenseitigem Respekt zu gestalten und zu schützen.

Was bedeutet das für uns Christen?

Es bedeutet erstens, dass wir mit verantwortlich sind für das, was in unserem Land geschieht und wohin sich unser Land entwickelt. Wir haben eine „Obrigkeit“, die keinen „Untertanengeist“ von uns fordert, sondern kritisches Mitdenken und Mitgestalten. Eine zeitgemäße Übersetzung des Satzes „Jedermann sei der Obrigkeit untertan!“ wäre demnach für uns: „Jedermann sei der Demokratie verpflichtet und verhalte sich dementsprechend!“ (Wolfgang Thierse)
Konkret heißt das, dass wir unsere demokratischen Rechte kennen und unsere demokratischen Pflichten wahrnehmen! Wählen gehen, sich engagieren, mitmischen! In demokratischen Organisationen, in der Kirche, in politischen Parteien. In zivilgesellschaftlichen Strukturen und Initiativen. Im privaten Umfeld und in den sozialen Medien. So mühselig und enttäuschend das manchmal sein mag, es ist in jedem Fall besser als immer nur auf „die da oben“ zu schimpfen, aber selbst kein Engagement zu zeigen und keine Verantwortung zu übernehmen.
Zweitens sind wir als Christen auch dazu aufgerufen, das politische Geschehen in unserm Land (und darüber hinaus) kritisch zu begleiten!
So sehr wir uns an die Regeln unserer rechtsstaatlichen Demokratie zu halten haben, sie dürfen nicht zu blindem Gehorsam und duckmäuserischem Untertanengeist führen. Es gibt so etwas wie ein „politisches Wächteramt der Kirche“. Christen dürfen und sollen den Finger in die Wunden legen, die politische Entscheidungen und gesellschaftliche Entwicklungen schlagen.
Sie legen dafür die Maßstäbe der Gottesherrschaft an: Liebe, Gerechtigkeit, Frieden. Sie fragen, ob geltendes Recht und die Art seiner Anwendung den Standards der Menschenwürde, der Menschenrechte, der Gerechtigkeit und der Demokratie entsprechen. Sie erinnern aber auch daran, dass es eine Spannung gibt zwischen „Recht“ und „Gerechtigkeit“, zwischen „gesetzeskonform“ und „richtig“, zwischen Gesetz und Gewissen.
Da mag es „rechtens“ sein, einen abgelehnten Asylbewerber im Kreißsaal eines Krankenhauses festzunehmen um ihn abzuschieben, während seine Frau gerade ein Kind bekommt – „richtig“ ist es trotzdem nicht!
Da mag es „rechtens“ sein, ein lebenslang in seinem Kiez verwurzeltes Rentnerehepaar durch unbezahlbare Mieterhöhungen aus seiner Wohnung zu vertreiben – „richtig“ ist es nicht.
Drittens: Natürlich geben wir dem Kaiser, was des Kaisers ist! Steuern und Zölle zu zahlen, ist heute nicht mehr – wie zur Zeit des Paulus – ein Akt der Anerkennung staatlicher Herrschaft, sondern ein Akt der Beteiligung aller an der Finanzierung notwendiger Gemeinschaftsaufgaben.
Wie hoch diese Abgaben sein müssen und wie sie eingesetzt werden, ist immer wieder neu auszuhandeln. Daran können wir uns beteiligen. Steuervermeidung um jeden Preis, Steuerhinterziehung und Steuerbetrug sind aber keine Kavaliersdelikte. Sie sind Verweigerung der Solidarität zwischen den Starken und den Schwachen, den Arbeit habenden und den Arbeitslosen, den Gesunden und den Kranken, den Jungen und den Alten. Da sollten wir nicht mitmachen. Und nicht zulassen, dass andere dies im großen Stil tun.
Viertens gilt: „Dem Kaiser, was des Kaisers ist!“, aber auch: „Gott, was Gottes ist!“ (Mk 12,17). Wir sollen „Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29).
Im Grundgedanken der Demokratie ist nicht nur die Möglichkeit sondern geradezu die Verpflichtung zu permanenter Aufmerksamkeit und Kritik allen Tätigkeiten und Vorhaben der Regierenden und anderer gesellschaftlicher Gruppen gegenüber enthalten. Ich sagte es schon: Es gibt so etwas wie ein „Wächteramt der Kirche“. Immer wieder sollen wir in den politischen und gesellschaftlichen Diskurs das einbringen, was vom Evangelium der Liebe Gottes allen Menschen gegenüber zu gesellschaftlichen und politischen Themen zu sagen ist.
Das kann im Extremfall dazu führen, dass wir Widerstand leisten müssen, wenn Staaten nicht die ihnen zukommenden Aufgaben erfüllen. Welche Form dieser Widerstand hat und wie weit er geht, das ist eine Gewissensentscheidung, die jeder und jede für sich selber treffen muss. Der Maßstab aber, an dem unser Gewissen sich orientieren soll, ist dem Römerbrief und vielen anderen Bibelstellen zufolge klar: Es ist die Liebe. Die Liebe zu Gott, zu uns selbst, zum Nächsten und zum Feind.
Dazu lesen wir im unmittelbaren Kontext unseres Predigttextes:

„Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an ... Segnet, die euch verfolgen; segnet, und verflucht sie nicht ... Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann ... Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ (Röm 12,9-21 i.A.).

„Untertan der Obrigkeit“ – in unserer parlamentarischen Demokratie heißt das: Engagiert euch! Seid politisch interessiert, wach und aufmerksam! Seid kritisch, aber bleibt solidarisch! Zieht euch nicht zurück, sondern begebt euch hinein in den gesellschaftlichen und politischen Diskurs. Es geht nicht darum, untertan zu sein, sondern zugetan! Den Menschen zugetan. Oder wie der unserem Abschnitt folgende Vers im Römerbrief es formuliert:

„Seid niemand etwas schuldig, außer, dass ihr euch untereinander liebt, denn wer den anderen liebt, der hat das Gesetz erfüllt.“ (Röm 13,8)

Wir feiern gleich miteinander Abendmahl. Das kann man unter ganz unterschiedlichen Perspektiven tun.
Wir erinnern beim Abendmahl an den Tod Jesu, der als politischer Aufrührer hingerichtet wurde, weil seine Botschaft der Liebe und der Gerechtigkeit dem römischen Imperium und seinen Handlangern in Israel ein Dorn im Auge war.
Wir erinnern beim Abendmahl aber auch an die Auferweckung Jesu von den Toten, durch die Gott Jesu Evangelium der Liebe und der Gerechtigkeit für alle Zeiten bestätigt und beglaubigt hat.
Wir feiern im Abendmahl die Gemeinschaft mit dem auferstandenen Christus und untereinander. Damit nehmen wir zeichenhaft vorweg, was wir als das Ziel aller Dinge glauben: dass Gott einmal sein Reich aufrichten wird – ein Reich, in dem nicht mehr Hass und Gewalt, sondern Liebe und Gerechtigkeit herrschen.
Wenn wir miteinander Abendmahl feiern, dann ist das Segnung und Sendung zugleich: Wir vergewissern uns der Gemeinschaft mit Christus und untereinander und werden darin gesegnet. Zugleich lassen wir uns senden, damit diese Gemeinschaft der Liebe, des Friedens und der Gerechtigkeit jetzt schon Gestalt gewinnt in unserer Welt.

Amen.

Literatur:
Heinrich Mann, Der Untertan (1918). Deutscher Taschenbuch Verlag: München 26. Aufl. 1984.
James Romm, Seneca und der Tyrann. Die Kunst des Mordens an Neros Hof. C.H. Beck: München 2018.
Wolfgang Thierse, Römer 13,1-7: „Die Staatsgewalt und der Untertan“. Das Verhältnis von Staat und Bürger. Fastenpredig im Berliner Dom, 30. März 2014 (http://www.thierse.de/reden-und-texte/reden/seitentitelfastenpredigtreihe-2014-im-berliner-dom-30-maerz-2014/).
Heinrich Schlier, Der Römerbrief (HTHK NT 3). Verlag Herder: Freiburg 2002.
Ulrich Wilckens, Der Brief an die Römer. 3. Teilband: Röm 12-16 (EKK VI/3). Benziger Verlag: Einsiedeln – Köln / Neukirchener Verlag: Neukirchen-Vluyn 1982.

(c) Volkmar Hamp