Haben als hätte man nicht
(1 Korinther 7,29-31)


Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,

in den zurückliegenden Wochen habe ich eine Biographie des römischen Kaisers Marc Aurel (121-180 n. Chr.) gelesen. Dieser „Philosoph auf dem Cäsarenthron“ war im 2. Jahrhundert n. Chr. der letzte große Vertreter der Stoa, einer der wichtigsten und wirkungsgeschichtlich bedeutendsten philosophischen Richtungen des Abendlandes.
Die Vertreter dieser um 300 v. Chr. (von Zenon von Kition 333/332-262/261 v. Chr.) begründeten philosophischen Schule – die „Stoiker“ also – gehen davon aus, dass die Welt in ihrer Gesamtheit ein sinnvoll geordnetes Ganzes ist, auch wenn uns die geheimnisvolle Ordnung, der alles darin folgt, nicht immer offensichtlich oder einsichtig ist. Der Mensch hat die Aufgabe, innerhalb dieser kosmischen Ordnung seinen Platz zu finden und auszufüllen. Dies gelingt ihm am besten, wenn er durch das Einüben emotionaler Selbstbeherrschung sein Schicksal zu akzeptieren lernt und gelassen und voller Seelenruhe nach Weisheit strebt.
Seneca (ca. 1-65 n. Chr.) und Epiktet (ca. 50-138 n. Chr.) – Zeitgenossen Jesu und der ersten Christen – waren Vertreter der Stoa und etwas später eben auch Marc Aurel, der mit seinen berühmt gewordenen „Selbstbetrachtungen“ die letzte bedeutende Schrift der stoischen Philosophie verfasst hat. Neben vielen anderen gehörten Friedrich der Große (1712-1786) und Helmut Schmidt (1918-2015) zu den Verehrern dieses römischen Kaisers und seiner Philosophie.
Dass Paulus die Stoiker kannte, ist wahrscheinlich. In der Apostelgeschichte lesen wir, dass in Athen einige Philosophen, darunter auch Stoiker, mit ihm diskutierten (Apg 17,18). Inwiefern er von ihnen auch beeinflusst wurde, ist umstritten. Der Predigttext für den heutigen Sonntag (1 Korinther 7,29-31) könnte allerdings darauf hindeuten.

1 Korinther 7,29-31: 29 Eins ist sicher, Geschwister: Es geht immer schneller dem Ende zu. Deshalb darf es in der Zeit, die uns noch bleibt, beim Verheirateten nicht die Ehe sein, die sein Leben bestimmt;
30 beim Traurigen darf es nicht die Traurigkeit sein und beim Fröhlichen nicht die Freude. Wer etwas kauft, soll damit so umgehen, als würde es ihm nicht gehören, 31 und wer von den Dingen dieser Welt Gebrauch macht, darf sich nicht von ihnen gefangen nehmen lassen. Denn die Welt in ihrer jetzigen Gestalt ist dem Untergang geweiht.


Haben als hätte man nicht! Sein Leben nicht von Vergänglichem bestimmen lassen. Sein Herz nicht an Menschen oder Dinge hängen, die keinen Bestand haben. Die Güter dieser Welt nutzen, ohne sich von ihnen gefangen nehmen zu lassen.
Was Paulus hier schreibt, hat sehr viel Ähnlichkeit mit der Haltung der Stoiker, von der eben die Rede war. Auch die Begründung ist ähnlich: „Die Welt in ihrer jetzigen Gestalt“, schreibt Paulus, „ist dem Untergang geweiht.“ – „Alles ist endlich!“, würden die Stoiker sagen, auch unser Leben. „Philosophieren“ ist für sie „nichts anderes, als sich auf den Tod vorzubereiten“ (Cicero 106-43 v. Chr.). „Philosophieren heißt sterben lernen“ (Michel de Montaigne 1533-1592). – „Das Wesen dieser Welt vergeht.“

Doch was ist das Wesen dieser Welt? Wie würdet ihr das beschreiben?
„Hauptsache gesund!“? – „Hauptsache glücklich!“? – „Tun und lassen können, was man will!“? – „Einen Baum pflanzen, ein Kind zeugen, ein Buch schreiben!“? – „Schaffe, schaffe, Häusle baue!“? – „Dasein für andere!“? – „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht!“?

Was ist das Wesen dieser Welt? Paulus und die Stoiker würden sagen: Das Wesen dieser Welt ist, dass alles, was wir für wesentlich halten, vergeht. Nichts bleibt. Oder wie eine Weisheitsschrift der Hebräischen Bibel schreibt: „Alles ist eitel und Haschen nach Wind.“ (Pred 1,14)
Mit dem Psalmisten könnten Paulus und die Stoiker beten: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ (Ps 90,12)
Oder ganz persönlich: „Herr, lehre doch mich, dass es ein Ende mit mir haben muss und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss. Siehe, meine Tage sind eine Handbreit bei dir, und mein Leben ist wie nichts vor dir. Ach, wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben! Sie gehen daher wie ein Schatten und machen sich viel vergebliche Unruhe; sie sammeln und wissen nicht, wer es kriegen wird.“ (Ps 39,5-7)

Was ist das Wesen dieser Welt?
Marc Aurel würde sagen: Der Weise hat immer den Tod vor Augen. „Warte nur, bald ruhest auch du!“ Die Lebenszeit ist knapp und kostbar. Hoffe nicht auf freie Zeit im Alter. Was wichtig ist, tue jetzt! Sorge dafür, dass du in deiner letzten Stunde guten Gewissens zurückblicken kannst. Und bis es so weit ist, tu den Menschen Gutes und preise die Götter! (vgl. Demandt, Marc Aurel 384f) – „Haben als hätte man nicht!“, sagt Paulus. Das hält er für wesentlich. Sich weder von anderen Menschen noch von den eigenen Emotionen noch vom Besitz gefangen nehmen zu lassen. Bindungen leben als wären wir frei. Emotionen beherrschen als führten sie uns zur Ruhe. Besitztümer gebrauchen als hätten sie keinen Wert. Die Welt haben als hätten wir sie nicht. Ein „merk-würdiger“ Gedanke! Ich übe mich gerade darin. Seit einigen Wochen habe ich Knieprobleme. Arthrose, sagt mein Orthopäde. Und ich frage mich: Wie kann man Schmerzen haben als hätte man sie nicht? Wie kann ich das, was gerade – und vielleicht auf Dauer – nicht zu ändern ist, hinnehmen, ohne mich davon gefangen nehmen zu lassen? Gar nicht so einfach!
Und sind die Worte des Paulus nicht auch ein bisschen ärgerlich? Werden unsere Beziehungen nicht entwertet, wenn sie in unserem Leben nicht an erster Stelle stehen sollen? Werden unsere Gefühle noch ernst genommen, wenn weder Trauer noch Freude unser Leben bestimmen darf? Dürfen wir die schönen Dinge des Lebens noch genießen, oder stehen wir dann gleich in dem Verdacht, uns von ihnen gefangen nehmen zu lassen? Das kann es doch auch nicht sein!

„Ruhelos ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.“
Diese Worte stehen am Anfang der Autobiographie des Kirchenvaters Augustinus (354-430 n Chr.). Ruhelos ist unser Herz, solange es an Vergänglichem – an Menschen, an Gefühlen, an Dingen – hängt und nicht an Gott. Ist es das, was Paulus sagen will? Oder anders gewendet, mit Martin Luthers (1483-1546) Großem Katechismus: „Woran du nun, sage ich, dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott.“
Geht es Paulus darum, wenn er schreibt: „Wer von den Dingen dieser Welt Gebrauch macht, darf sich nicht von ihnen gefangen nehmen lassen!“? Dass uns nicht etwas anderes zum Gott werden soll als Gott selbst? Nicht andere Menschen, nichts Materielles, nicht unser eigens Wohlergehen und Wohlbefinden? – „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir“, schreibt Paulus an anderer Stelle (Gal 2,20). Damit lenkt er den Blick auf das, was aus seiner Sicht wesentlich ist. Nicht ich, sondern „Christus in mir“ – darauf kommt es an! Dass der mein Leben prägt, der nicht der Vergänglichkeit unterworfen ist, wie ich selbst und die ganze Schöpfung (Röm 8,20), der von den Toten auferweckt wurde und auch noch da sein wird, wenn Himmel und Erde vergehen (Hebr 1,11).

Was bleibt, wenn alles vergeht?

Paulus würde sagen: „Christus!“ Christus bleibt. „Christus in mir!“ und „Ich in Christus!“. Er bleibt, wenn alles andere vergeht. Und darum bleibe auch ich, selbst wenn ich vergehe. Und das nicht erst, wenn ich sterbe, sondern schon jetzt: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“ (Gal 2,20)
Die Zeit ist kurz, sagt Paulus – und trifft damit das Lebensgefühl seiner Zeit genauso wie unser Lebensgefühl heute. Die Zeit ist kurz, in der wir etwas Sinnvolles tun oder gestalten können. Nie ist genügend Zeit da, um das, was wir eigentlich tun wollen, mit Freude und ganzer Aufmerksamkeit zu tun. Nie können alle Aufgaben erledigt, alle Erwartungen erfüllt werden. Immer bleibt etwas offen, immer kommt jemand zu kurz.
Der Scheinwerfer unserer Aufmerksamkeit ist auf so viele Dinge gerichtet. Nichts dürfen wir verpassen, keine E-Mail, keinen News-Feed, keine SMS. Wir zerstreuen unsere Aufmerksamkeit immer mehr in das, was nicht bleibt, sondern vergeht. Wir sind – im wahrsten Sinne des Wortes – „zerstreut“, können uns nicht mehr sammeln und konzentrieren, können Wesentliches nicht mehr von Unwesentlichem unterscheiden, müssen ständig „mal eben kurz die Welt retten“.
Und das ist ja auch richtig so! Wir sollen uns kümmern, uns einbringen, uns engagieren. Viele von uns waren gestern bei der #unteilbar-Demo (www.unteilbar.org). Fast 250.000 Menschen haben unter dem Motto „Solidarität statt Ausgrenzung“ für eine offene und freie Gesellschaft“ demonstriert. Das ist wichtig und richtig! Und doch würde Paulus auch hierzu sagen: Demonstriert als würdet ihr nicht demonstrieren. Lasst euch nicht überwältigen von den Problemen dieser Welt. Denn das Wesen dieser Welt vergeht. Das kann auch unglaublich entlastend und befreiend sein!
Habt als hättet ihr nicht. Arbeitet als hinge nichts davon ab. Lebt als gäbe es keine Erwartungen zu erfüllen, keine Rollen zu spielen. Nicht als Partner oder Partnerin, als Elternteil oder Kind, als Arbeitnehmer oder Arbeitgeberin, als Konsument, als gläubiger Mensch oder Atheist. Hinterfragt auch die eigenen inneren Rollen: den „Ewig zu kurz gekommenen“, die „Ich hab’s euch doch gleich gesagt, aber auf mich hört ja niemand!“, den „Was kann ich als Einzelner schon tun?“, die „Aus dir wird doch nie was!“. Ihr seid nicht festgelegt darauf. Am Ende zählt etwas ganz anderes!

Christus in mir!
Wenn alles vergeht, dann bleibt nur dieses eine: Christus in mir und ich in ihm. Jener Christus, der selbst ein rastlos Wandernder war. Der von sich sagte: „Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“ (Mt 8,20) Ein Heimatloser, der von sich behauptet: „Ich bin der Weg!“ Das heißt: Bei ihm kommt man nicht an, mit ihm muss man mitgehen. Die Bibel nennt das „Nachfolge“.
Und wer Jesus nachfolgt, wird selbst zu einem „Vorübergehenden“, wie es in einem apokryphen Evangelium heißt (ThEv 42). Weise Worte dazu stehen auf einem monumentalen Tor im Hof einer Moschee in Nordindien: „Jesus, der Sohn Marias, über dem Frieden sei, hat gesagt: ‚Die Welt ist eine Brücke. Geht über sie hinüber, aber baut keine Häuser auf ihr.’“ (Inschrift, Fatehpur Sikri, um 1600) Ob er das wirklich gesagt hat? Vermutlich nicht, aber es würde zu ihm passen. Es klingt nach ihm.
Was passiert, wenn wir – wie Jesus oder Paulus oder die Stoiker – unser Leben von seinem Ende her meditieren? Wenn wir fragen: Was bleibt, wenn wir nicht mehr sind? Unsere Kinder und Enkelkinder, ein paar Freunde und Bekannte erinnern sich noch an uns. Und dann? Ein Grabstein trägt unseren Namen. Und sonst? An die wenigsten von uns wird man auch nach 2.000 Jahren noch denken – wie an einen Marc Aurel, einen Seneca oder einen Paulus. Bekommen wir eine andere Sicht auf die Dinge, auf unser Sein und Tun, wenn wir unser Leben von seinem Ende her bedenken?

Sabine Bobert, evangelische Theologin und Professorin für Praktische Theologie in Kiel, sieht das so. Sie hat daraus sogar ein eigenes Coaching-Konzept entwickelt (www.mystik-und-coaching.de). „Benediktinische Mönche und Nonnen“, schreibt sie, „meditieren jeden Abend in den Gesängen zum Tagesschluss ihre eigene Lebensgrenze. Wer sich seine Lebensgrenze bewusst vor Augen hält“, sagt sie, „wird nicht depressiv, sondern erwacht zu seinem eigenen Leben. Der Tod ängstigt vor allem dann, wenn man vorher nicht gelebt hat. Der bewusst betrachtete Tod kann ängstliche Menschen sogar mutig machen. Statt mit tausend Ängsten haben sie es nur noch mit einer zu tun: mit der Angst, vor dem Sterben nicht gelebt zu haben. Der Tod mahnt wie ein Freund: ‚Verschwende Dein Leben nicht.’ Und scheinbare Kleinigkeiten macht er kostbar ... Worüber werde ich mich auf meinem Sterbebett mehr ärgern – dass ich nicht genug Überstunden gemacht habe oder dass ich überreizt und grob mit anderen umgegangen bin? Wenn ich nur noch zwei Monate zu leben hätte: Würde ich viel fernsehen? Würde ich shoppen? Würde ich mich weiterhin über Kleinigkeiten aufregen?“ (Bobert, Mystik und Coaching, 39ff.)

„Die Zeit ist kurz.
Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.
Denn das Wesen dieser Welt vergeht.“ (1 Kor 7 + Gal 2)


„Christus in mir“ kann dem Rasen, dem „Haschen nach Wind“, Einhalt gebieten.
„Christus in mir“ kann mich sammeln aus der Zerstreutheit der Informationsflut, die mich fortzuspülen droht.
„Christus in mir“ kann mich konzentrieren auf das Wesentliche, mir Beständigkeit und Sicherheit geben in einer vergänglichen Welt.
„Christus in mir“ kann mich durch das Leben und das Sterben tragen – jeden Tag.

Edith Stein (1891-1942) war eine deutsche Philosophin und Frauenrechtlerin jüdischer Herkunft. Sie konvertierte 1922 zum Katholizismus. Zwanzig Jahre später fand sie „als Jüdin und Christin“ im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau den Tod. Von ihr ist folgendes Abendritual überliefert:

„Wenn die Nacht kommt und der Rückblick zeigt,
dass alles Stückwerk war
und vieles ungetan geblieben ist,
was man vorhatte,
wenn so manches tiefe Beschämung und Reue weckt:
dann alles nehmen, wie es ist,
es in Gottes Hände legen und Ihm überlassen.
So wird man in Ihm ruhen können,
wirklich ruhen
und den neuen Tag wie ein neues Leben beginnen.“


Ein Ritual auch für den Abend des Lebens:

Wenn das Ende kommt und der Rückblick zeigt,
dass alles Stückwerk war,
wenn so manches tiefe Beschämung und Reue weckt:
dann alles nehmen, wie es ist,
es in Gottes Hände legen und Ihm überlassen.
So wird man in Ihm ruhen können,
bis Er uns auferweckt von den Toten.


Amen


Lied: „Vergehen“ von Christina Lux!


Literatur

Sabine Bobert, Mystik und Coaching. Kiel 2011.
Alexander Demandt, Marc Aurel. Der Kaiser und seine Welt. München 2018.
Massimo Pigliucci, Die Weisheit der Stoiker. Ein philosophischer Leitfaden für stürmische Zeiten. München 2017.

Marc Aurels „Selbstbetrachtungen“ online:
http://gutenberg.spiegel.de/buch/des-kaisers-marcus-aurelius-antonius-selbstbetrachtungen-1479/1

Marc Aurels „Selbstbetrachtungen“ heute:
https://www.zeit.de/2015/09/mark-aurel-selbstbetrachtungen-antike-vorbild
https://www.zeit.de/1983/04/selbstbetrachtungen


(c) Volkmar Hamp