Von Licht und Finsternis, Sünde und Vergebung
(1 Johannes 1,5 - 2,6)

Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,

der Predigttext für den heutigen Sonntag ist lang, kompliziert und hochtheologisch. Darum verzichte ich darauf, diesen Text vorab zu lesen. Stattdessen will ich versuchen, euch Schritt für Schritt in den Gedankengang mit hineinzunehmen, der dort entfaltet wird. Mal schauen, ob das funktioniert. Zur besseren Orientierung erscheinen die Verse, um die es gerade geht, hier vorne auf der Leinwand. Der Text steht in 1. Johannes 1,5 – 2,6. Und er beginnt mit einem Paukenschlag:

„Die Botschaft, die wir von Jesus Christus empfangen haben und die wir an euch weitergeben, lautet: Gott ist Licht; bei ihm gibt es nicht die geringste Spur von Finsternis.“ (1 Joh 1,5)

Das ist der Auftakt-Vers und so etwas wie die Überschrift oder der Leitgedanke über allem, was folgt.

„Gott ist Licht; bei ihm gibt es nicht die geringste Spur von Finsternis.“ (1 Joh 1,5)

Dieser Gegensatz von Licht und Finsternis ist ein bekanntes, häufig auftauchendes Motiv, nicht nur in der Bibel, sondern bis in die Popkultur unserer Zeit hinein, vom „Herrn der Ringe“ bis „Star Wars“. Da wird das friedliche, sonnenbeschienene Auenland von schwarzen Ringgeistern und grausamen Orks aus dem dunklen Reich Mordor bedroht. Da kämpfen Yedi-Ritter mit Lichtschwertern gegen Darth Vader, den „finsteren Vater“, und müssen aufpassen, nicht auf „die dunkle Seite der Macht“ gezogen zu werden. Da stellt sich der Teenager-Zauberer Harry Potter dem dunklen Lord Voldemort und seinen finsteren Plänen entgegen.
In der Bibel beginnt dieser Kampf des Lichts gegen die Finsternis schon auf den ersten Seiten der Genesis. Dort werden die Erschaffung des Lichts und die Scheidung zwischen Licht und Finsternis als erste Schöpfungswerke Gottes besungen (Gen 1,3-5). Und dann taucht das Motiv an ganz unterschiedlichen Stellen immer wieder auf. „Der Herr ist mein Licht und mein Heil“, singt ein Psalmendichter (Ps 27,1). „Sein Gebot ist eine Leuchte und seine Weisung ein Licht“, schreibt ein Weisheitslehrer (Spr 6,23). „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht“, verkündet ein Prophet (Jes 9,1).
Die Weihnachtsgeschichten der Evangelien und andere neutestamentliche Texte greifen dieses Bild dann wieder auf und deuten es auf das Kommen Jesu in diese Welt (Lk 1,78; vgl. Mt 4,16). Mit Jesus, heißt es, ist das Licht Gottes in die Finsternis der Welt gekommen und hat sie hell gemacht (Joh 1,5).
„Ich bin das Licht der Welt“, sagt Jesus im Johannesevangelium. „Wer mir nachfolgt, wird nicht mehr in der Finsternis umherirren, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Joh 8,12) Und in der Bergpredigt heißt es dann von jenen, die Jesus nachfolgen: „Ihr seid das Licht der Welt.“ (Mt 5,14)
Finsternis und Licht – mit diesem „Kontrastsymbol“ wird in der Bibel Grundsätzliches über Gott, Jesus und uns Menschen ausgesagt. „Gott ist Licht; bei ihm gibt es nicht die geringste Spur von Finsternis.“ Jesus bringt dieses Licht Gottes in unsere Welt und erhellt so die Dunkelheit, in der wir leben. Wir wiederum sind aufgefordert, Jesus nachzufolgen und so selbst zum „Licht der Welt“ zu werden, das heißt: diesen Planeten ein bisschen heller, ein bisschen freundlicher, ein bisschen friedfertiger zu machen.
Nur gelingt uns das nicht immer. Aus eigener Kraft schon gar nicht. „Das Gute, das ich will, das tue ich nicht“, schreibt der Apostel Paulus, „sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ (Röm 7,19) Und den Grund dafür sieht er in der Macht der Sünde, die in ihm und in uns allen wohnt (Röm 7,20). Um diese Macht der Sünde, sozusagen die „dunkle Seite der Macht“, geht es nun auch in unserem Predigttext.

„Wenn wir behaupten, mit Gott verbunden zu sein, in Wirklichkeit aber in der Finsternis leben, lügen wir, und unser Verhalten steht im Widerspruch zur Wahrheit. Wenn wir jedoch im Licht leben, so wie Gott im Licht ist, sind wir miteinander verbunden, und das Blut Jesu, seines Sohnes, reinigt uns von aller Sünde.
Wenn wir behaupten, ohne Sünde zu sein, betrügen wir uns selbst und verschließen uns der Wahrheit. Doch wenn wir unsere Sünden bekennen, erweist Gott sich als treu und gerecht: Er vergibt uns unsere Sünden und reinigt uns von allem Unrecht, das wir begangen haben. Wenn wir behaupten, wir hätten nicht gesündigt, machen wir Gott zum Lügner und geben seinem Wort keinen Raum in unserem Leben.“ (1 Joh 1,6-10)


Sünde ist kein Thema, über das man gerne spricht. Der Begriff kommt in unserem Alltag darum auch eher selten vor. Wir sprechen gelegentlich von Schuld und vom Schuldigwerden. Aber Sünde? Da denken wir vielleicht an die Verkehrssünderkartei in Flensburg, an peinliche Jugend- oder Modesünden oder an das Volkslied „Wir sind alle kleine Sünderlein“.

=> https://www.golyr.de/volkslieder/songtext-wir-sind-alle-kleine-suenderlein-576938.html

Sünde im biblischen Sinne ist aber nicht in erster Linie ein moralischer oder juristischer Begriff. Sünde ist ein Beziehungsbegriff. Das griechische Wort, das wir mit „Sünde“ übersetzen (hamartía), meint eigentlich „Zielverfehlung“. Und das Ziel, das hier verfehlt wird, ist: in einer guten, intakten Beziehung zu Gott, zu sich selbst, zu anderen Menschen und zur uns umgebenden Schöpfung zu leben. Wo immer diese Beziehungen gestört sind oder gefährdet werden, spricht die Bibel von „Sünde“. Da wird das Ziel verfehlt, das Gott eigentlich für unser Leben und für seine Schöpfung vor Augen hat.
In unserem Predigttext wird das mit dem Begriff der „Verbundenheit“ deutlich gemacht. Koinonía (Gemeinschaft) steht da im Griechischen. Gemeinschaft mit Gott und Gemeinschaft untereinander, das ist das Ziel aller Wege Gottes mit uns. Sünde ist, diese Gemeinschaft – die Beziehung in der Vertikalen (zu Gott) und in der Horizontalen (zu uns selbst, zu anderen Menschen, zur Schöpfung) – in Frage zu stellen, zu beschädigen und zu zerstören. Dann tut sich ein Abgrund auf, ein „Sund“, der uns voneinander und von Gott trennt. Das ist die Macht der Sünde.
Und dieser Macht können wir nicht entkommen! Menschen, so unterschiedlich sie sind, verbindet dieses eine: „Sie sind“, wie der Apostel Paulus es formuliert, „allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen.“ Oder in einer modernen Übersetzung: „Alle haben gesündigt, und in ihrem Leben kommt Gottes Herrlichkeit nicht mehr zum Ausdruck!“ (Röm 3,23) Wir alle (ohne Ausnahme!) haben Leichen im Keller, Dreck unterm Teppich und Flecken auf der weißen Weste. Das gilt auch (und vor allem!) für die, die sich selbst für „gerecht“ oder „ganz in Ordnung“ halten.
Dazu eine kleine Geschichte aus dem Lukasevangelium (Lk 18,10-14). Jesus wendet sich mit dieser Geschichte an „einige, die in falschem Selbstvertrauen meinten, in Gottes Augen gerecht zu sein, und die deshalb für die anderen nur Verachtung übrig hatten“ (Lk 18,9).
Ihnen erzählt er ein Beispiel:

„Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein Pharisäer und der andere ein Zolleinnehmer. Der Pharisäer stellte sich selbstbewusst hin und betete: ‚Ich danke dir, Gott, dass ich nicht so bin wie die übrigen Menschen – ich bin kein Räuber, kein Betrüger und kein Ehebrecher, und ich bin auch nicht wie jener Zolleinnehmer dort. Ich faste zwei Tage in der Woche und gebe den Zehnten von allen meinen Einkünften.’ Der Zolleinnehmer dagegen blieb in weitem Abstand stehen und wagte nicht einmal, aufzublicken. Er schlug sich an die Brust und sagte: ‚Gott, vergib mir sündigem Menschen meine Schuld!’“ (Lk 18,10-13)

Jesus beschreibt hier eine total gestörte Beziehung. Der angeblich Gerechte lebt in innerer und äußerer Distanz zu seinen Mitmenschen und damit auch zu Gott. Er verharrt in seiner Beziehungslosigkeit und damit im Machtbereich der Sünde. Der Zolleinnehmer hingegen bittet um Vergebung, um die Wiederherstellung der Beziehung zu Gott und mit den Menschen. Und am Ende heißt es:

„Der Zolleinnehmer war in Gottes Augen gerechtfertigt, als er nach Hause ging, der Pharisäer jedoch nicht.“ (Lk 18,14a)

Diese Geschichte illustriert einen Begriff, der auch in unserem Predigttext wichtig ist: die Vergebung. „Wenn wir unsere Sünden bekennen“, lesen wird dort, „erweist Gott sich als treu und gerecht: Er vergibt uns unsere Sünden und reinigt uns von allem Unrecht, das wir begangen haben.“ (Vers 9) Oder kurz und knapp: „Das Blut Jesu, seines Sohnes, reinigt uns von aller Sünde.“ (Vers 8)

Das sind starke Worte! Die Vorstellung dahinter ist, dass Sünde in irgendeiner Form gesühnt werden muss, damit sie vergeben werden kann.
Im alten Israel gab es dafür ein Ritual. Einmal im Jahr – am jüdischen Festtag Jom Kippur, dem „Tag der Sühne“ oder dem „Versöhnungstag“ – legte der Hohepriester symbolisch einem Ziegenbock die Sünden des Volkes auf und schickte ihn in die Wüste. Das Tier wurde so für Israel zum „Sündenbock“. Die Menschen konnten, befreit von der Sünde des vergangenen Jahres, einen neuen Anfang mit Gott und miteinander machen.
Diese Vorstellung greifen die neutestamentlichen Autoren auf, wenn sie Jesus als das „Lamm Gottes“ beschreiben, das unsere Sünden auf sich und damit von uns wegnimmt. Jesus, so sagen sie, hat sich selbst für uns zum „Sündenbock“ gemacht, damit wir mit Gott versöhnt leben können.
Um das richtig zu verstehen, muss man sich allerdings klar machen, dass es schon in der Hebräischen Bibel und dann auch bei Jesus und im Neuen Testament eine scharfe Kritik an jeder „Opfertheologie“ gibt. „Ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer“, heißt es beim Propheten Hosea, „an der Erkenntnis Gottes und nicht am Brandopfer.“ (Hos 6,6) Und genau diesen Vers zitiert Jesus, wenn er seine Zuwendung zu den Sündern mit folgenden Worten rechtfertigt: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Darum lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer. Denn ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten.“ (Mt 9,12-13)
Natürlich braucht Gott kein „Opfer“, um uns unsere Sünden zu vergeben! Er tut dies, weil er „gnädig, barmherzig, geduldig und von großer Güte“ ist (Joel 2,13; Jona 4,2). Jesus aber wird zum Opfer, weil er genau diesen Gott verkündigt. Er wird zum Opfer, weil er der Liebe und Barmherzigkeit Gottes das Wort redet und damit den Hass der Lieblosen und Unbarmherzigen auf sich zieht. Und er geht diesen Weg konsequent zu Ende, bis zum Tod am Kreuz! Er opfert sein eigenes Leben für die gute Nachricht von der Königsherrschaft Gottes, die eine Herrschaft der Liebe und Barmherzigkeit ist.
Dieses Opfer, so könnte man sagen, nimmt Gott an, indem er Jesus von den Toten auferweckt. Und er bestätigt damit, dass keine anderen Opfer nötig sind. Die Botschaft Jesu von der Barmherzigkeit Gottes gilt! Nichts, wirklich nichts kann uns jetzt noch trennen von seiner Liebe (Röm 8,39). Wir wissen nun: Beziehungen können heil werden! Zuallererst die Beziehung zu Gott. Dann aber auch unsere Beziehungen untereinander, die Beziehung zu uns selbst und zur ganzen Schöpfung. Und das, obwohl wir nicht perfekt, nicht gerecht, nicht sündlos sind!

Davon handelt der nächste Abschnitt unseres Predigttextes:

„Meine lieben Kinder, ich schreibe euch diese Dinge, damit ihr nicht sündigt. Und wenn jemand doch eine Sünde begeht, haben wir einen Anwalt, der beim Vater für uns eintritt: Jesus Christus, den Gerechten. Er, der nie etwas Unrechtes getan hat, ist durch seinen Tod zum Sühneopfer für unsere Sünden geworden, und nicht nur für unsere Sünden, sondern für die der ganzen Welt.“ (Joh 2,1-2)


Jesus – ein Anwalt? Ein ungewohntes Bild. „Paraklet“ steht da im Griechischen, „Beistand“, „Tröster“. Ganz sicher ist Jesus kein Strafverteidiger, der nur seine Pflicht tut. Er ist an unserer Seite. Er stärkt uns den Rücken, wenn niemand anders mehr an uns glaubt. Er ist ein Beistand und Tröster. Er gibt uns Halt und Zuversicht.
Und das prägt! Es prägt unser Fühlen, Denken und Handeln. Wer die Barmherzigkeit und Liebe Gottes in Jesus Christus erfahren hat, wird mit anderen Menschen barmherzig sein und liebevoll mit ihnen umgehen. Wer weiß, dass Gott Schuld vergibt und Versagen nicht nachträgt, der wird auch anderen gegenüber nicht nachtragend sein und mit der Zeit lernen zu vergeben. Nicht weil das eine Pflicht oder ein Automatismus wäre oder weil die Zeit nun mal alle Wunden heilt, sondern weil lieben und vergeben kann, wem selbst vergeben wurde und wer sich selbst geliebt weiß (Lk 7,47).
Und so werden wir (hoffentlich!) nach und nach Jesus immer ähnlicher. Werden, so wie er das Licht der Welt ist, selber mehr und mehr Licht der Welt und Salz der Erde (Mt 5,13-16). Damit andere Menschen durch uns den Gott erkennen, in dem keine Spur von Finsternis ist (1 Joh 1,5).

So verstehe ich die letzten Verse unseres Predigttextes:

„Wie können wir sicher sein, dass wir Gott kennen? Es zeigt sich daran, dass wir seine Gebote befolgen. Wenn jemand behauptet, Gott zu kennen, aber seine Gebote nicht befolgt, ist er ein Lügner und gibt der Wahrheit keinen Raum in seinem Leben. Wer sich hingegen nach Gottes Wort richtet, den hat die Liebe Gottes von Grund auf erneuert, und daran erkennen wir, dass wir mit Gott verbunden sind. Wer von sich sagt, er sei mit ihm verbunden und bleibe in ihm, der ist verpflichtet, so zu leben, wie Jesus gelebt hat.“ (1 Joh 2,3-6)

Zum Zuspruch der Liebe Gottes gehört der Anspruch der Liebe Gottes! Wer sich von Jesus geliebt weiß, wird selber lieben. Wer die Barmherzigkeit Gottes erfahren hat, wird selbst barmherzig sein. Wem seine Schuld von Gott vergeben wurde, der wird anderen ihre Schuld nicht nachtragen. So gewinnt das Reich Gottes Raum. So wird das Dunkel erhellt und die Welt beginnt, nach Gott zu schmecken.




(c) Volkmar Hamp