Zeig dein Mitgefühl
(Lukas 10,30-35)



Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,

auch in diesem Jahr beschäftigen wir uns in unseren Gottesdiensten in der Fastenzeit mit dem Thema der Fastenaktion der Evangelischen Kirche in Deutschland: „Zeig dich! Sieben Wochen ohne Kneifen.“ Jeder Sonntag hat dabei seinen eigenen Schwerpunkt. Der Schwerpunkt für heute lautet: „Zeig dein Mitgefühl!“
„Zeig dein Mitgefühl!“ – Das dachte sich in der vergangenen Woche auch der Präsident der Vereinigten Staaten, als er Überlebende und Hinterbliebene von Opfern des jüngsten Amoklaufs an einer amerikanischen Highschool zu sich ins Weiße Haus lud. Auf seinem „Spickzettel“ für diese Begegnung stand als letzter Punkt: „I hear you. / Ich höre, ich verstehe euch.“ Offensichtlich musste der Präsident sich selbst daran erinnern, dass er in dieser Situation nicht vergessen durfte, den Opfern sein Mitgefühl auszudrücken. Schließlich wollte er am Ende, nachdem er als wichtigste Idee gegen solche Gewaltexzesse die Bewaffnung von Lehrern angekündigt hatte, nicht als herzloser Klotz dastehen, dem die Opfer solcher Taten weniger wichtig sind als die Millionenspenden, die er von der Waffenlobby seines Landes erhält. „Zeig dein Mitgefühl!“ – Das kann man so machen. Ist dann halt kacke!
Jesus zeigt, wie es anders geht. Auf die Frage eines Gesetzeslehrers, was man tun müsse, um das ewige Leben zu erhalten, antwortet er diesem mit dem Doppelgebot der Liebe und dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Ihr kennt das alle. Darum lese ich als Predigttext nur einen Ausschnitt aus dem Gesamtzusammenhang, das Gleichnis selbst:

Lukas 10,30-35:
„Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halbtot liegen.
Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinab zog; und als er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit: als er zu der Stalle kam und ihn sah, ging er vorüber.
Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte es ihn; und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich’s dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.“


„Tausendmahl berührt – tausendmal ist nichts passiert!“ – Das ist eine Textzeile in einem alten Liebeslied von Klaus Lage aus den 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Im Blick auf unseren Predigttext kann man diese Textzeile abwandeln: „Tausendmal gehört – tausendmal hat’s nicht gestört!“ Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Denn dieses Gleichnis ist so bekannt, so „selbst-verständlich“, dass es uns vielleicht schwerfällt, uns zum 10., 20., 100. Mal davon berühren zu lassen.
Und es gibt viele gute Gründe, diese biblische Geschichte nicht wirklich an sich heran zu lassen! Wir können doch nicht immer und in jeder Situation für alle Menschen Mitgefühl zeigen! An wie vielen Menschen in Not hasten wir Tag für Tag vorbei? Auf dem Lebensweg Gestürzte, unfähig wieder aufzustehen, viele selber schuld an ihrer Misere, viele aber auch nicht. Wir nehmen sie wahr, sie tun uns leid – und schon gehen wir weiter. Unsere Alltagsgeschwindigkeit und Mitgefühl passen nicht zueinander. Die Bilder rasen vorbei. Nicht nur unterwegs, auch medial: Massaker in Ost-Ghuta, Rohingya-Flüchtlingselend in Myanmar, Krieg im Jemen, Hunger im Südsudan. Tagesschau, Facebook, YouTube. Scrollen, sehen, weiterscrollen. Ohnmacht spüren, Leid wegklicken, weitermachen.
Von drei Personen gehen zwei vorbei, erzählt Lukas. In unserer Welt sind es wohl eher neun von zehn. Und ich kann sie verstehen! Man kann doch nicht immer das ganze Elend dieser Welt an sich heran lassen. Schließlich zahlen wir Steuern, damit der Staat sich darum kümmert. Oder wir spenden an Wohlfahrtsverbände und Hilfsorganisationen, damit die das für uns tun. Und das ist jetzt gar nicht vorwurfsvoll oder abwertend gemeint! Niemand ist dazu verpflichtet oder verdammt, „mal eben schnell die Welt zu retten“. Das wäre eine heillose Überforderung, an der schon viele kaputt gegangen sind.
Deshalb beginnt Mitgefühl für andere mit einem guten Gespür für uns selbst! Darum ist das Liebesgebot auch ein Doppelgebot: „Liebe deine Nächsten wie dich selbst!“ Nur wer sich selbst liebt, kann auch andere lieben. Nur wer für sich selbst sorgt, kann sich auch um andere sorgen. Wer seine eigenen Fähigkeiten und Grenzen kennt, kann einschätzen, wann er „ja“ und wozu er „nein“ sagen muss. Solch ein Mensch wird weder achtlos an anderen vorbeigehen, noch seine Kraft im Mit-Leiden erschöpfen. „Wem willst du Gutes tun, wenn du dir selbst nicht gut sein kannst?“, fragt der Zisterzienser-Abt Bernhard von Clairvaux im 11. Jahrhundert seinen Freund Papst Eugen den III. „Wem willst du Gutes tun, wenn du dir selbst nicht gut sein kannst?“
Und doch heißt unser Predigtthema: „Zeig dein Mitgefühl!“ Weil beides zusammen gehört! Wenn ich weiß, was mir selbst gut tut, was ich für ein sicheres, erfülltes Leben brauche, dann werde ich gleichzeitig sensibel für die Bedürfnisse und Nöte anderer Menschen, die doch dasselbe oder Ähnliches brauchen. Mitgefühl entsteht, wenn ich mich in sie hineinversetzen, ihre Angst spüren, ihre Sorge fühlen kann.
So geht es zumindest dem Samariter in unserer Geschichte: Er sieht den in Not geratenen Menschen, er fühlt seinen Schmerz und dann hilft er ihm. Das ist der Dreischritt der Nächstenliebe: sehen, empfinden, innehalten. Das ist die Bewegung des Mitgefühls: wahrnehmen, sich anrühren lassen, sich aufhalten lassen. Wer am Boden liegt, braucht Menschen, die sich berühren und in ihrem Alltagstrott unterbrechen lassen, um wieder auf die Beine zu kommen. Wenn diese Menschen dann noch, wie der Samariter im Gleichnis Jesu, über Know-how und Geld verfügen – umso besser! Aber das Entscheidende ist, dass wir bereit und in der Lage sind, uns in den oder die andere hinein zu versetzen. Mitzufühlen, was es heißt, in dieser oder jener Situation zu sein.
Ein indianisches Sprichwort sagt: „Urteile nie über einen anderen, bevor du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gegangen bist.“ Das ist vielleicht nicht bequem, aber eine wichtige Voraussetzung für echtes Mitgefühl.
Ich will, dass du in meine Schuhe schlüpfst,

schreibt die Autorin Susanne Niemeyer.

Sie gehören dir nicht,
möglich, dass sie dir nicht gefallen,
dass du so etwas nie tragen würdest und dass sie überdies auch zwei Nummern zu klein sind.
Sorry. Mitgefühl ist selten bequem.

Du findest das peinlich.
Weil ich nicht du bin,
weil das nicht zu dir passt,
nicht das Gefühlige und auch nicht die roten Ballerinas, die seltsam verloren aussehen an deinem Fuß und drücken hinten und vorn.
Du fragst dich,
was die anderen wohl denken werden, aber sorry. Mitgefühl kennt keine Scham.

Du sagst, du willst dich nicht runterziehen lassen.
Du hast gerade eigene Sorgen,
die reichen dir vollkommen.
Am Ende, sagst du,
geht es uns beiden schlecht.
Sorry. Mitgefühl hat keine Angst.

Es geht einfach los,
in einem Paar fremder Schuhe. Sieht, was eine andere sieht.
Fühlt, was ein anderer fühlt.
Wünscht, was eine andere wünscht.
Geht mit.


Der niederländische Maler Vincent van Gogh (1853-1890) hat in einem eindrucksvollen Gemälde eine eher ungewöhnliche Szene aus unserem Gleichnis festgehalten (Vincent van Gogh: Der barmherzige Samariter (nach Delacroix) 1890, Ölgemälde auf Leinwand, 76 x 60 cm, Kröller Müller Museum, Otterlo/Holland).

Wedding2018-02-25

Das Bild zeigt nicht, wie sich der barmherzige Samariter mit gütigem Blick über den am Boden liegenden Verletzten beugt, wie man das von anderen Bildern zu dieser Geschichte kennt. Nein, van Goghs Samariter müht sich damit ab, den Mann, der sich seltsam schwer auf ihn stützt, auf sein Pferd zu heben. Dabei ist dieser Samariter ein stattlicher Mann! Und trotzdem sieht man ihm an, wie schwer es ihm fällt, diese Aufgabe zu bewältigen. Vielleicht hätte er den Fremden lieber gleich wie einen Sack vor sich auf den Pferderücken legen sollen!
Doch van Goghs Samariter bietet mehr als nur die allernötigste Hilfe. Er bietet menschliche Zuneigung. Er hantiert mit dem Verletzten nicht wie mit einem leblosen Sack! Er hebt ihn vorsichtig, den Kopf nach oben, ganz behutsam auf sein Pferd, um ihm möglichst weitere Schmerzen zu ersparen. Vorsichtig, geradezu liebevoll geht er mit dem Verletzten um, bemüht sich, ihn menschenwürdig zu behandeln.
Und der? Der klammert sich einerseits Halt suchend an seinen Retter, andererseits versucht er nach besten Kräften, es dem Samariter so leicht wie möglich zu machen. Doch viel geht da nicht! Glücklicherweise ist der Samariter stark – und das Pferd geduldig und gutmütig.
Die Räuber, die den Verletzten überfallen und so übel zugerichtet haben, sind längst verschwunden. Die leere Kiste am linken unteren Bildrand zeugt noch von ihrem Verbrechen. Dahinter macht sich eilig der Levit aus dem Staub. Der Priester verschwindet schon am Horizont. Beide kehren dem Geschehen im Vordergrund den Rücken zu.
Van Goghs Bild ist keine erbauliche Illustration für eine rührselige Geschichte! Es zieht uns in seinen Bann. Es lädt uns ein, uns mit der einen oder anderen Person aus dieser Geschichte zu identifizieren.
Und wir kennen die alle! Auch von uns selbst. Natürlich fühlen wir uns ertappt, wenn wir hier sehen, wie der Priester und der Levit an dem Hilfebedürftigen vorbeieilen und ihm den Rücken zuwenden. Das machen wir selbst doch irgendwie auch jeden Tag. In der U-Bahn, auf der Straße, oder wenn wir beim Zeitunglesen von den Nachrichten aus aller Welt schnell weiterblättern zum Sport.
Aber wir dürfen uns auch mit dem Verwundeten identifizieren, mit dem unter die Räuber gefallenen! Wie oft sind wir selbst niedergeschlagen, mit den Nerven am Ende, verzweifelt, verletzt, kaputt und ohnmächtig? Wie oft fühlen wir uns „wie unter die Räuber gefallen“? Lehrer und Lehrerinnen, wenn sie vor einer schwer zu bändigenden Klasse stehen. Angestellte, die in ihrem Betrieb von allen Seiten Druck erfahren. Selbständige, die Monat für Monat um ihre berufliche Existenz kämpfen. Eltern, die von den Sorgen um ihre Kinder zerrissen werden. Wir möchten uns aufrappeln, aufstehen aus eigener Kraft – und schaffen es manchmal einfach nicht! Dann brauchen wir jemanden, der mit uns und für uns stark ist. Eine Freundin, die ein Stück Weg mitgeht. Einen Freund, der uns ein paar Meter trägt.
Und natürlich dürfen und sollen wir uns auch mit dem barmherzigen Samariter identifizieren. Warum nicht? Wenn das gerade jetzt unsere Rolle ist. Wenn Gott uns in diesem Moment einen Hilfebedürftigen vor die Füße legt, von dem wir ahnen oder wissen: Wenn ich jetzt nicht helfe, dann hilft dem keiner!
Viel wäre schon gewonnen, wenn wir mit uns selbst, miteinander und mit denen, die unsere Hilfe brauchen, so vorsichtig und behutsam umgehen würden, wie der barmherzige Samariter in diesem Bild! Mitgefühl kann unbeholfen wirken und unbequem sein. Aber wenn wir dabei nicht den Respekt und die Achtung vor uns selbst und dem anderen verlieren, ist alles gut! Dann müssen wir nicht perfekt sein in Sachen Barmherzigkeit und keine Superhelden des Mitgefühls.
Mitgefühl verlangt nach einer gesunden Mischung aus Spontaneität und Nachdenken. Und manchmal brauchen wir Bundesgenossen, die uns dabei zur Seite stehen. Hauptsache, wir zeigen, dass wir ein Herz haben!
Und Mitgefühl kann man üben! In Situationen, in denen es nicht gleich um alles, aber doch schon um viel geht. Wenn eine Freundin Kummer hat, wenn ein Kollege sich um seinen Vater sorgt, wenn ein Kind Angst vor der Schule hat oder ein Nachbar seinen Job verliert. Oder wenn man selbst erschöpft und am Ende ist und sich erst einmal um sich selbst, um die eigene Seele kümmern muss.
Wir kennen den guten Ausgang der Geschichte: Der Samariter schafft den Transport. Er bringt den Zerschlagenen in eine Herberge und zahlt am Ende noch für dessen Versorgung und Pflege. Dann geht er weiter seinen Geschäften nach. Doch er verspricht auch zurückzukommen und sich nach dem Verletzten zu erkundigen. Er hakt das Geschehene nicht ab. Es geht ihm nach. Es beschäftigt ihn weiter.
„Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Das sagt der König in Jesu Gleichnis vom Weltgericht in Matthäus 25. Wer Mitgefühl zeigt und Barmherzigkeit übt, der kommt Gott ganz nah. Der „küsst“ Gott, wie es in einem Gedicht von Siegfried Eckert heißt:


GOTT KÜSSEN

Neulich
küsste ich gott

steckte ihm
einige groschen
für ein paar zigaretten zu

wischte ihm
die tränen
aus den augen

besuchte ihn
im krankenhaus

schenkte ihm
eine scheibe brot
für seinen knurrenden magen

lud ihn
in mein zimmer ein
auf eine tasse tee


ODER AUCH SO:

Neulich
küsste ich gott

ließ mir
von ihm
den nacken massieren

wusste,
ER drückt wieder
beide Augen zu

spürte,
wie er mich in die Arme nahm

hörte ihn sagen:
Geliebtes Kind,
es ist gut, es ist gut!

Lass uns gemeinsam lieben,
einander zuerst,
dann den, der uns braucht.

(c) Volkmar Hamp