Ein Wort an Gemeindeleitungen - und alle anderen auch!
(1. Petrus 5,1-4)


Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,

der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im 1. Petrusbrief, Kapitel 5, in den Versen 1-4. Dieser Brief ist ein sich der Autorität des Petrus bedienendes Rundschreiben an kleinasiatische Gemeinden, das wohl gegen Ende des 1. Jahrhunderts nach Christus verfasst wurde.
Diese Gemeinden hatten damals aufgrund ihres Glaubens mit Anfeindungen und Repressionen zu kämpfen. Juden warfen ihnen vor, vom Glauben an den einen Gott abgefallen zu sein, weil sie Jesus als Messias und Gottessohn verehrten. Für Römer und Griechen waren sie „Atheisten“ und „Staatsfeinde“, weil sie den heidnischen Göttern keinen Respekt erwiesen und nicht am Kult für den Kaiser in Rom teilnahmen.
In dieser Situation macht der Verfasser des ersten Petrusbriefes den Gemeinden Mut, trotzdem nicht die Hoffnung zu verlieren. Ihren Gegnern gegenüber sollen sie durch ihre Lebensführung deutlich machen, dass sie keine Gefahr für die bestehende Ordnung sind, auch wenn sie auf die Überwindung dieser Ordnung durch den als Weltenherrscher wiederkehrenden Christus hoffen.
In diesem Zusammenhang kommen gegen Ende des Briefes dann auch die leitenden Gremien der Gemeinden in den Blick:

1 Petrus 5,1-4
1 Jetzt noch ´ein Wort` an die Gemeindeältesten unter euch. Ich bin ja selbst ein Ältester und bin ein Zeuge der Leiden, die Christus auf sich genommen hat, habe aber auch Anteil an der Herrlichkeit, die ´bei seiner Wiederkunft` sichtbar werden wird. Deshalb bitte ich euch eindringlich:
2 Sorgt für die Gemeinde Gottes, die euch anvertraut ist, wie ein Hirte für seine Herde.
Seht in der Verantwortung, die ihr für sie habt, nicht eine lästige Pflicht, sondern nehmt sie bereitwillig wahr als einen Auftrag, den Gott euch gegeben hat.
Seid nicht darauf aus, euch zu bereichern, sondern übt euren Dienst mit selbstloser Hingabe aus. 
3 Spielt euch nicht als Herren der ´Gemeinden` auf, die Gott euch zugewiesen hat, sondern seid ein Vorbild für die Herde.
4 Dann werdet ihr, wenn der oberste Hirte erscheint, mit dem Siegeskranz unvergänglicher Herrlichkeit gekrönt werden.


Nun kann man sich fragen: Warum steht so etwas in einem offenen Brief, der nicht an die Gemeindeleitungen adressiert ist, sondern an die Gesamtgemeinden, also an alle ihre Mitglieder, und dort wohl auch öffentlich verlesen werden sollte? Hätte es nicht gereicht, diese Worte den „Ältesten“ persönlich ins Stammbuch zu schreiben? Müssen das auch die hören, die nicht in Leitungsverantwortung sind?
Offensichtlich ist das so! Die Gemeinde soll wissen, an welchen Maßstäben ihre Leitungsgremien sich zu orientieren haben. Sie bekommt damit eine Art „Kontrollfunktion“.
Gemeinden brauchen – wie alle größeren sozialen Gruppen – Strukturen und Ordnungen. Aufgaben und Rollen müssen verteilt werden. Hierarchien entstehen. Doch mündige Christen sollen sich nicht kritiklos ihren Kirchenleitungen unterwerfen, sondern deren Handeln und Verhalten nach bestimmten Kriterien beurteilen. Das beinhaltet auch ein Widerstandsrecht gegen Fehlverhalten und Machtmissbrauch von Leitungspersonen.
Ich glaube allerdings nicht, dass das der einzige Grund ist, warum diese Anweisungen für Gemeindeleitungen im ersten Petrusbrief öffentlich gemacht werden. Ein zweiter Grund ist wohl, dass die hier beschriebenen Maßstäbe eben nicht nur für Menschen in Leitungsverantwortung gelten, sondern für alle Gemeindemitglieder. Gleich anschließend heißt es nämlich:

Für euch alle gilt:
Geht zuvorkommend miteinander um; kleidet euch in Bescheidenheit!


Und das ist nichts anderes als eine kurze Zusammenfassung dessen, was zuvor den Gemeindeältesten ins Stammbuch geschrieben wurde.
In der Gemeinde gibt es keine Christen erster oder zweiter Wahl. Es gibt keine Zwei-Stufen-Ethik für „Anfänger“ auf der einen und „Fortgeschrittene“ auf der anderen Seite. Was gilt, gilt für alle! Das muss es auch, denn prinzipiell kann in der Gemeinde jeder und jede jederzeit Leitungsverantwortung übernehmen oder übertragen bekommen.
Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen und behaupten, es gibt noch einen dritten Grund, warum diese Sätze über die Gemeindeältesten in diesem öffentlichen Rundschreiben stehen: Auch Menschen außerhalb der Gemeinde sollen wissen, an welchen Maßstäben und Werten Christen sich in ihrem Verhalten orientieren. Diese Maßstäbe und Werte haben nämlich auch über den Gemeindekontext hinaus Vorbildcharakter.

Für die inhaltliche Auslegung unseres Textes ergeben sich daraus drei Anknüpfungspunkte:

1. Wir können erstens fragen, was dieser Text Gemeindeleitungen – auch eurer Gemeindeleitung hier im Wedding – zu sagen hat.
2. Wir können zweitens fragen, welche Bedeutung dieser Text für jeden und jede von uns hat, unabhängig davon, ob wir in Leitungsverantwortung sind oder nicht.
3. Und wir können drittens danach fragen, ob dieser Text auch eine gesellschaftliche, eine soziale und politische Bedeutung hat, die über den Gemeindekontext hinausweist. Können wir aus ihm etwas für das Zusammenleben in dieser Stadt, in unserem Land, auf diesem Planeten lernen?

Ich will versuchen, die konkreten Aufforderungen in unserem Text in dieser dreifachen Weise aufzudröseln.


1. Sorgt für die Gemeinde Gottes, die euch anvertraut ist, wie ein Hirte für seine Herde. (Vers 2a)

Ich bin mir sicher, bei den ersten Lesern und Leserinnen unseres Brief leuchtete bei diesem Satz sofort ein ganzer Weihnachtsbaum von Bildern und Assoziationen auf:
- vom guten Hirten, der sein Leben für die Schafe lässt (Joh 10,22),
- von dem Hirten im Gleichnis Jesu, der das eine verlorene Schaf sucht und dafür die neunundneunzig anderen zurücklässt (Lk 15,3-7),
- von Gott, dem Hirten aus dem 23. Psalm, bei dem es uns an nichts mangelt (Ps 23,1),
- von dem „Hüter Israels“, der weder schläft noch schlummert, sondern sein Volk jederzeit vor allem Übel behütet (Ps 121),
- aber auch von den Hirten Israels, deren Fehlverhalten der Prophet Hesekiel anprangert: die nicht das Volk, sondern nur sich selber weiden (Hes 34,2)!
All diese Bilder und Assoziationen schwingen mit, wenn die Ältesten der Gemeinde hier aufgefordert werden, für die Gemeinde, die ihnen anvertraut ist, so zu sorgen wie ein Hirte für seine Herde.
Menschen in Leitungsverantwortung sollen „hüten“. Sie sollen sich selbst hüten. Vor allem Möglichen. Dazu gleich mehr. Vor allem aber sollen sie behutsam mit den ihnen anvertrauten Menschen umgehen! Wer dazu neigt, anderen gegenüber wie ein Elefant im Porzellanladen zu agieren eignet sich nicht für Leitungsfunktionen. Weder in der Gemeinde noch sonst irgendwo!
Behutsam miteinander umzugehen, ist aber auch keine schlechte Angewohnheit für „normale“ Gemeindeglieder, für uns alle. Wenn Menschen sich in unserer Mitte fühlen wie ein Meißener Porzellantässchen im Elefantenhaus dann läuft unter uns etwas gehörig schief. Leute, die ihr Leben am Vorbild des guten Hirten ausrichten gehen behutsam miteinander um. In einer Gesellschaft, die in Sprache und Verhalten immer mehr verroht, sind sie Inseln der Achtsamkeit. Dem Hass in Wort und Tat setzen sie Liebe entgegen und überwinden das Böse mit Gutem.
So weit die erste Aufforderung an die Ältesten der Gemeinde und an uns alle: Geht zuvorkommend miteinander um. Sorgt füreinander wie ein Hirte für seine Herde!
Nun das Zweite:


2. Seht in der Verantwortung, die ihr für die Gemeinde habt, nicht eine lästige Pflicht, sondern nehmt sie bereitwillig wahr als einen Auftrag, den Gott euch gegeben hat. (Vers 2b)

Als aktueller Gemeindeleiter hier im Wedding kann ich zeugnishaft sagen: Das ist nicht immer leicht! Ein bisschen Pflichtbewusstsein kann über manche Durststrecke hinweg helfen, in der die Verantwortung, die man trägt, einem auf die Nerven geht. Gemeinde leiten ist – wie Leben an sich – nicht nur ein Kür-, sondern auch ein Pflichtprogramm. Entscheidend ist, welches Verhältnis ich zu beidem gewinne. Und das gilt wieder nicht nur für Gemeindeleitungen, sondern für uns alle.
Wenn es uns gelingt, den Ort, an den uns das Leben verschlagen hat, als den Ort zu begreifen, an dem Gott uns jetzt und hier haben will, dann ist schon viel gewonnen. Dann ist auch die Verantwortung für unser Leben und für die uns anvertrauten Menschen zu übernehmen keine lästige Pflicht mehr, sondern ein göttlicher Auftrag.
Wenn uns das über einen längeren Zeitraum nicht gelingt, dann sollten wir darüber nachdenken, ob Gott uns nicht vielleicht an einem anderen Ort und in einer anderen Verantwortung haben will.
Ich glaube, auch gesamtgesellschaftlich wäre uns allen geholfen, wenn mehr Menschen die Verantwortung für sich selbst, für andere Menschen und für diesen Planeten nicht als lästige Pflicht, sondern als selbstverständlichen Auftrag begreifen würden. Niemand ist eine Insel. Die Herausforderungen, vor denen wir als Einzelne, als Gesellschaft und als Weltgemeinschaft stehen, werden wir nur miteinander bewältigen – oder gar nicht.
Ob das nun der Klimawandel ist, die Digitalisierung, die Migrationsbewegungen rund um unseren Globus, die Fragen nach Reich und Arm, nach Krieg und Frieden, nach globaler Gerechtigkeit. Wenn wir auch in diesen Fragen die Verantwortung, die wir füreinander und für diese Welt haben, nicht als lästige Pflicht sehen würden, sondern als göttlichen Auftrag, wie würden wir dann leben, denken, entscheiden!?
Damit komme ich zum Dritten – und jetzt wird’s konkret:


3. Seid nicht darauf aus, euch zu bereichern, sondern übt euren Dienst mit selbstloser Hingabe aus. (Vers 2c) 

„Geld ist die Wurzel allen Übels“, heißt es in einem Sprichwort. Dieses Sprichwort geht auf einen Bibelvers zurück, auf 1. Timotheus 6,10. Dort allerdings ist nicht das Geld selbst das Problem, sondern die Liebe zum Geld, die Geldgier oder Habsucht:

„Die Liebe zum Geld ist eine Wurzel, aus der alles nur erdenkliche Böse hervorwächst. Schon manche sind vom Glauben abgeirrt, weil sie der Geldgier verfallen sind, und haben dadurch bitteres Leid über sich gebracht.“ (1 Tim 6,10)

Geldgier und Leitungsverantwortung – das passt nicht zusammen! In der Kirche nicht und nirgendwo. Denn wer das Geld zu sehr liebt, der wird korrupt und korrumpierbar. Das erleben wir jeden Tag. In der Wirtschaft, in Gesellschaft und Politik und leider manchmal auch in der Kirche.
Als Gemeinden versuchen wir, dem dadurch entgegenzuwirken, dass Leitungsämter bei uns in aller Regel Ehrenämter sind. Und dort, wo sie hauptamtlich wahrgenommen werden, kann man nicht wirklich reich werden dabei. Aus Geldgier wird niemand Pastor oder Pastorin im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden. Und in anderen Kirchen – wenn auch nicht in allen – sieht es ähnlich aus. Und überall dort, wo das anders ist, ist Skepsis geboten!
Geldgier ist aber nicht nur in der Kirche ein Problem. Wir leben – wie der Soziologe und langjährige Sonderberichterstatter der UNO für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, das nennt – in einer vom Geld, vom Kapital bestimmten „kannibalischen Weltordnung“. Geld regiert die Welt! Und dabei geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander.
Seid nicht darauf aus, euch zu bereichern, sondern übt euren Dienst, eure Arbeit, euer Engagement in Familie, Beruf und Gesellschaft mit selbstloser Hingabe aus! Geht zuvorkommend miteinander um; kleidet euch in Bescheidenheit!
Was bedeutet solch ein Satz für uns? Für die Gestaltung von Arbeitsverhältnissen? Für unseren persönlichen Umgang mit Geld und Besitz? Für unsere Lebensgestaltung und unser Konsumverhalten?


4. Spielt euch nicht als Herren der Gemeinden auf, die Gott euch zugewiesen hat, sondern seid ein Vorbild für die Herde. (Vers 3)

Vielleicht liegt hier die größte Gefahr für Menschen in Leitungsverantwortung: andere beherrschen zu wollen, anstatt ihnen „nur“ ein Vorbild zu sein. Einem Vorbild kann man nacheifern, muss es aber nicht. Vor allem nicht in allem! Herrschaft schafft Distanz. Oben und Unten. Gott möchte aber, dass seine Kinder sich auf Augenhöhe begegnen. Herrschaft beruht auf Macht. Sie erreicht ihre Ziele zur Not auch mit Druck und Zwang. In der Kirche soll das nicht so sein! Weil hier nur einer herrscht, nämlich Gott selbst, ist jede Herrschaft von Menschen über andere Menschen ausgeschlossen. Der Apostel Paulus formuliert das so:

„Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ (Gal 3,26-28)

„Allesamt einer in Christus Jesus“ – was für eine Vision! Und wieder möchte ich das nicht nur auf die Gemeinde beziehen und auf die Gestaltung von Leitungsverantwortung innerhalb der Kirche. Wenn die Unterschiede zwischen Menschen – die es nach wie vor gibt und immer geben wird! – keine Rolle mehr spielen für die Wertschätzung, die wir einander entgegen bringen, dann leben wir die Vision, die Gott nicht nur für die Kirche, sondern für alle seine Geschöpfe hat.

  • Sorgt füreinander wie Hirten und Hirtinnen für ihre Herden!
  • Übernehmt Verantwortung! Zuallererst für euch selbst, dann aber auch für andere Menschen und für die Welt in der wir alle miteinander leben. Nicht als lästige Pflicht, sondern als Gottes Auftrag an euch!
  • Seid nicht gierig! Lasst euch nicht von materiellen Dingen beherrschen. Sorgt ausreichend gut für euch selbst – und dann übt euch in selbstloser Hingabe an andere Menschen und sinnvolle Aufgaben.
  • Meidet die Herrschsucht! Seid Vorbilder, an denen andere Menschen sich orientieren können, ohne zu ihnen aufblicken zu müssen. Bleibt miteinander auf Augenhöhe.

Dann werdet ihr, wenn der oberste Hirte erscheint, mit dem Siegeskranz unvergänglicher Herrlichkeit gekrönt werden. (Vers 4)

(c) Volkmar Hamp