„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“
2. Korinther 12,1-10


Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,

kommende Woche ist es wieder mal so weit. In PyeongChang in Südkorea beginnen die Olympischen Winterspiele 2018. Auch wenn das Motto der Spiele eigentlich „Dabei sein ist alles!“ sein sollte, wird es einmal mehr vor allem darum gehen, „höher, schneller, weiter“ zu kommen als die sportliche Konkurrenz. Auf dem Treppchen zu stehen – wenn möglich, ganz oben! – ist das Ziel der meisten Teilnehmenden. Dafür nehmen sie ein jahrelanges, zermürbendes Training auf sich. Und manche helfen wohl auch diesmal wieder mit gesundheitsgefährdendem Doping nach.
„Höher, schneller, weiter“ – das hätte auch das Motto der Gemeinde in Korinth sein können. Deren Mitglieder befanden sich zwar nicht in einem sportlichen Wettkampf, aber in einem geistlichen. Und auch da wird mit harten Bandagen gekämpft. Wer hat die außergewöhnlichsten Erfahrungen im Glauben? Wer kann die spektakulärsten Geistesgaben vorweisen? Weissagung, Prophetie, Reden in fremden Sprachen! Sich dieser Erfahrungen und Gaben zu rühmen, das war der „Sport“ der ekstatischen „Siegerfrömmigkeit“, die sich in der korinthischen Gemeinde ausgebreitet hatte.
Ist uns das fremd? Vielleicht in dieser speziellen Form. Aber im persönlichen Leben oder als Gemeinde „schneller, höher, weiter“ kommen zu wollen als andere, das kennen wir schon. Psychologen sprechen vom „Selbstoptimierungswahn“, der viele Menschen heute ergriffen habe. „Wie kann ich noch besser werden?“ Das ist die zentrale Frage, die sie beschäftigt. Ein Trend, der sich seit einigen Jahren in unseren Köpfen festgesetzt hat. Die Mentalität des „schneller, höher, weiter“ wird auf die Spitze getrieben. Gut zu sein reicht schon lange nicht mehr aus. Das Ziel ist, immer besser zu werden. Nicht nur besser als andere, sondern vor allem auch besser als man selbst noch vor kurzer Zeit war.
Das klingt zunächst mal gar nicht schlecht. Denn darin zeigt sich eine große Motivation und Leistungsbereitschaft. Und der Wunsch nach Entwicklung und Wachstum. Aber oft artet dieser Wunsch nach Verbesserung aus in ein Streben nach Perfektion, nach Vollkommenheit. Und daran können wir nur scheitern. Die verbissene Selbstoptimierung erzeugt einen Druck, der für uns und für andere unerträglich wird.
Paulus kannte das. Auch er war dem Druck ausgesetzt, sich den Korinthern gegenüber mit besonderen geistlichen Erfahrungen und Höhenflügen ausweisen zu sollen. Er hat sich diesem Druck gestellt und ihn gleichzeitig in Frage gestellt. Darum geht es im heutigen Predigttext aus dem 2. Korintherbrief.
2. Korinther 12,1-10 (NGÜ)
1 Ich bin – wie gesagt – gezwungen, mich selbst zu rühmen. Eigenlob nützt zwar nichts; trotzdem will ich nun noch auf Visionen und Offenbarungen vonseiten des Herrn zu sprechen kommen.
2 Ich kenne einen Menschen (Paulus spricht hier von sich selbst!), der zu Christus gehört und der – es ist jetzt vierzehn Jahre her – bis in den dritten Himmel versetzt wurde. Ob er dabei in seinem Körper war, weiß ich nicht; ob er außerhalb seines Körpers war, weiß ich genauso wenig; Gott allein weiß es.
3-4 Auf jeden Fall weiß ich, dass der Betreffende ins Paradies versetzt wurde (ob in seinem Körper oder ohne seinen Körper, weiß ich – wie gesagt – nicht; nur Gott weiß es) und dass er dort geheimnisvolle Worte hörte, Worte, die auszusprechen einem Menschen nicht zusteht.
5 Im Hinblick auf diesen Menschen will ich mich rühmen; an mir selbst jedoch will ich nichts rühmen – nichts außer meinen Schwachheiten.
6 Wenn ich wollte, könnte ich mich sehr wohl auch mit anderen Dingen rühmen, ohne mich deshalb zum Narren zu machen; denn was ich sagen würde, wäre die Wahrheit. Trotzdem verzichte ich darauf, weil ich nicht möchte, dass jemand eine höhere Meinung von mir hat als die, die er sich selbst bilden kann, wenn er sieht, wie ich lebe, und hört, was ich lehre.
7 Ich verzichte darauf, weil diese Offenbarungen etwas ganz Außergewöhnliches darstellen. Gerade deshalb nämlich – um zu verhindern, dass ich mir etwas darauf einbilde – ist mir ein Leiden auferlegt worden, bei dem mein Körper wie von einem Stachel durchbohrt wird: Einem Engel des Satans wurde erlaubt, mich mit Fäusten zu schlagen, damit ich vor Überheblichkeit bewahrt bleibe.
8 Dreimal habe ich deswegen zum Herrn gebetet und ihn angefleht, der Satansengel möge von mir ablassen.
9 Doch der Herr hat zu mir gesagt: „Meine Gnade ist alles, was du brauchst, denn meine Kraft kommt gerade in der Schwachheit zur vollen Auswirkung.“ Daher will ich nun mit größter Freude und mehr als alles andere meine Schwachheiten rühmen, weil dann die Kraft von Christus in mir wohnt.
10 Ja, ich kann es von ganzem Herzen akzeptieren, dass ich wegen Christus mit Schwachheiten leben und Misshandlungen, Nöte, Verfolgungen und Bedrängnisse ertragen muss. Denn gerade dann, wenn ich schwach bin, bin ich stark.


Wenn ich schwach bin, bin ich stark? So ein Unsinn! Wenn ich stark bin, bin ich stark. Wenn ich schwach bin, bin ich verletzlich und gefährdet. Wenn ich stark bin, kann ich für mich selber sorgen, mich zur Not verteidigen und mein Leben in die eigene Hand nehmen. Wenn ich schwach bin, bin ich darauf angewiesen, dass andere für mich sorgen und sich um mich kümmern. Und wer will schon auf andere angewiesen sein?
Paulus hat keinen Grund, sich den Korinthern gegenüber minderwertig zu fühlen. Er kann auf außergewöhnliche Erfahrungen mit Gott verweisen, zum Beispiel auf eine „Himmelsreise“, bei der er besondere göttliche Offenbarungen erfahren hat. Doch Paulus spricht von diesen Erfahrungen, als wären sie einem anderen widerfahren. Mag der sich dafür rühmen, Paulus findet für sich nichts Rühmenswertes daran.
Denn er zahlt einen hohen Preis dafür. Jedenfalls deutet er das so. Damit er nicht überheblich werde und sich etwas einbilde auf seine besonderen Erfahrungen mit Gott, habe dieser ihm ein Leiden, eine Krankheit, einen „Stachel im Fleisch“ auferlegt. „Einem Engel des Satans“, schreibt Paulus, „wurde erlaubt, mich mit Fäusten zu schlagen, damit ich vor Überheblichkeit bewahrt bleibe.“ (Vers 7)
Das ist die martialisch-mythische Ausdrucksweise seiner Zeit und seines kulturellen Hintergrunds. Doch Paulus bringt damit etwas zum Ausdruck, das wir alle empfinden, wenn wir mit der Begrenztheit des eigenen Lebens oder der eigenen Kraft konfrontiert werden. Wenn wir krank werden oder alt oder aus anderen Gründen nicht mehr so am Leben teilhaben können wie wir es eigentlich gewohnt sind und gerne wollen. Eine solche Situation stellt unser Selbstvertrauen und unser Gottvertrauen, unser Selbstwertgefühl und unseren Glauben an die Güte Gottes auf eine harte Probe!
Dreimal, schreibt Paulus, habe er darum gebeten, von diesem Übel befreit zu werden. Ohne Erfolg! Auch das ist eine Erfahrung, die viele Menschen, viele Christen machen: Es läuft nicht immer alles nach Wunsch! Nicht jedes Gebet wird von Gott erhört – zumindest nicht so, wie wir das gerne hätten.
Natürlich hört Gott unsere Gebete. Er hat auch den verzweifelten Paulus gehört. Aber die Antwort, die er gibt, entspricht so gar nicht dessen Erwartung:

„Meine Gnade ist alles, was du brauchst, denn meine Kraft kommt gerade in der Schwachheit zur vollen Auswirkung.“ (Vers 9)

Oder wie Luther es übersetzt hat:

„Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (Vers 9)

Oder wie man auch übersetzen könnte:

„Meine Gnade genügt dir. Die Kraft erreicht ihre Vollendung in Schwachheit.“ (Vers 9)

Ist das etwas, was man hören will, wenn man sich schwach und elend fühlt? Kann solch ein Satz in Zeiten der Not und des Elends ein Trost und eine Stärkung sein? Ich weiß es nicht. Ich hoffe, es möge so sein. Jedenfalls hat mein Vater, der jetzt alt und gebrechlich geworden ist, sich neulich gewünscht, dass genau dieser Satz einmal über seiner Todesanzeige stehen soll. „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“
Einer, der sich intensiv mit einer ähnlichen Situation auseinandergesetzt hat, wie Paulus sie hier andeutet, war André Heinze. Von 2002 bis zu seinem frühen Tod im März 2013 war er Professor für Neues Testament an unserer Theologischen Hochschule in Elstal. In einem Vortrag über „Die Macht der Krankheit“ sagte er wenige Monate vor seinem Tod:

„Meine Krankheit hat aus mir einen Kranken gemacht. Einen Menschen, der nun ... mit den neu gesetzten Grenzen seines Lebens umgehen muss. Diese Macht der Krankheit habe ich mit Wucht und Schmerz erlebt und erlebe sie auch weiterhin so. Diese Macht löst bei mir Trauer, Enttäuschung, Wut und, ja, immer auch Tränen aus.
Durch Menschen ... und durch meinen Glauben habe ich aber auch diese ganz andere Erfahrung machen können: Ich habe erleben können, das die Krankheit aus mir einen veränderten Menschen gemacht hat, mit Achtung auf das jetzt Wichtige, mit Respekt vor eigenen Grenzen und damit immer auch den Grenzen anderer, mit der Entdeckung der Fülle des Lebens mitten im Erleben der Gegenwart. Konzentration statt Ausweitung, Tiefe in den gegebenen Grenzen statt immer mehr Erweiterung dieser Grenzen. So erlebe ich die Füllung meines Lebens in den mir durch die Krankheit gegebenen Grenzen. Und es ist tatsächlich eine Füllung. Diese Erfahrungen lösen bei mir Staunen, Ehrfurcht vor dem Leben, Achtung, Freude und, ja, immer auch neuen Humor aus.
Diese Entdeckung der verändernden Macht der Krankheit ist nach meiner Überzeugung ein wesentliches Moment der Erfahrung von einer Heilung und Gesundung, die über die Heilung und Gesundung von körperlichen Widerfahrnissen hinausgeht. Heilung, die mitten in der Erfahrung der destruktiven Macht von Krankheit eine Erfahrung von Lebensfülle weckt. Wo solche Heilung stattfindet, dort kann die Macht der Krankheit eine Macht sein, die zu einem neuen Blick auf das Leben ermutigt. Die Macht der Krankheit wird so zu einer Macht, die hilft, Leben neu zu entdecken.“ (Heinze, Die Macht der Krankheit, 153)


Vielleicht ist das, was André Heinze hier beschrieben hat, eine gute Auslegung dessen, was Gott dem Apostel Paulus auf seine Frage nach dem Sinn des eigenen Leidens geantwortet hat:

„Meine Gnade genügt dir. Die Kraft erreicht ihre Vollendung in Schwachheit.“ (Vers 9)

Meine Gnade genügt. Fordere nicht mehr. Es gibt nichts einzuklagen. Kein gutes Leben, keine Erleichterung, kein Glück. Niemand hat ein Recht auf Erfolg, auf Schönheit, auf Gesundheit oder Liebe.
Meine Gnade genügt. Erwarte nicht mehr. Nicht, dass dein Leben deinen Wünschen und Vorstellungen entspricht. Nicht, dass immer alles nach Plan läuft. Vor allem aber: Erwarte kein Leben ohne Leid und Not.
Meine Gnade genügt. Sie ist alles, was du brauchst. Ich habe Ja gesagt zu dir. Nun sag du auch Ja zu mir. Auch dazu, dass du – vielleicht – leiden und – ganz sicher – sterben musst.
Meine Gnade genügt.

Ich selbst bin noch weit davon entfernt, das mit Paulus „von ganzem Herzen zu akzeptieren“ (Vers 10). Immer noch und immer wieder begehre ich auf gegen die Erkenntnis, dass es kein Leben ohne Krankheit, Leid und Tod gibt.
Und doch ist es so. Und manchmal habe ich auch eine Ahnung davon, was es heißt, dass ich gerade dann stark bin, wenn ich schwach bin (Vers 10).
Gerade dann, wenn ich mein Leben nicht mehr im Griff habe sondern loslassen muss mache ich die Erfahrung getragen zu werden.
Gerade dann, wenn mir Dinge entgleiten oder ich mir selbst entgleite, mache ich die Erfahrung, aufgefangen zu werden.
Gerade dann, wenn ich an meine Grenzen komme, erlebe ich, dass dort – auf der Grenze! – ganz besondere Lebens- und Gotteserfahrungen auf mich warten.
Und wer weiß, vielleicht liegt hinter der Grenze ein neues, weites Land?!
Ganz sicher liegt es da!
Wie der Weg dorthin aussieht, hat André Heinze in einem kurzen Gedicht beschrieben, mit dem ich schließen möchte. Es heißt „Drei Dinge“ (André Heinze, Exegese – Spiritualität – Theologie, 129).


Drei Dinge

Drei Dinge sind wichtig.
Beten, Denken und Tanzen.

Zum Ende des Lebens muss zuerst der Tanz aufhören,
der Körper, der müde, fordert sein Recht.

Dann hört das Denken auf,
denn die Welt ist zu groß geworden, sie zu fassen.

Schließlich verstummt das Gebet,
weil das Staunen die Worte beendet.

Und dann,
dann wird der, zu dem man gebetet hat, einen tragen.
Er wird die Welt zum Verstehen bringen.
Und er wird mich tanzen lassen vor ihm.



Amen.


Literatur:
André Heinze, Die Macht der Krankheit. Was Krankheit aus Menschen macht. In: Ders., Exegese – Spiritualität – Theologie. Beiträge zu einer Theologie im Hier und Jetzt. Herausgegeben von Christian Wehde und Simon Werner. Evangelische Verlagsanstalt Leipzig 2016, 145-153.


(c) Volkmar Hamp