Advent - Trost und Herausforderung
Adventspredigt zu Jesaja 63,15 – 64,3


Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,

bei uns im Wedding geschieht es nicht oft, dass man die Gelegenheit bekommt, an zwei Sonntagen nacheinander zu predigen. Das liegt an der Vielfalt der Menschen, die sich diese Aufgabe teilen, und an der guten Organisation des Ganzen durch unser „GottesdienstGestalten“-Team. Wenn sich dann – wie heute durch den Tausch eines Predigttermins – diese Gelegenheit doch einmal ergibt, muss man sie nutzen und daraus die kürzeste Predigtreihe der Welt machen. Die heutige Predigt knüpft also an das am letzten Sonntag Gesagte an.
Da ging es, wie sich das für den ersten Adventssonntag gehört, um die Verheißung des kommenden Messias und seine Königsherrschaft – eine Herrschaft, in der Recht und Gerechtigkeit regieren werden. Der Prophet Jeremia erinnerte sein Volk an die große Befreiungstat Gottes in der Vergangenheit, als er die Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten herausführte. Und er kündigte ihnen für die Situation, in der sie sich jetzt befanden – die babylonische Gefangenschaft nach der Zerstörung Jerusalems und des Tempels Jahrhunderte später – eine ähnliche, wenn nicht noch größere Befreiungstat Gottes an:

Jeremia 23,5-8
5 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.
6 Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: „Der HERR ist unsere Gerechtigkeit“.
7 Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, dass man nicht mehr sagen wird: „So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!“,
8 sondern: „So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.“ Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.


Gerechtigkeit, habe ich am vergangenen Sonntag gesagt, ist in der Bibel ein Beziehungsbegriff. Es geht darum, wie Menschen miteinander und in dieser Welt so leben können, dass der Bestand und die Ordnung der Schöpfung nicht gefährdet, sondern gesichert werden. Gerechtigkeit zu leben, das bedeutet, nicht nur auf sich selbst zu schauen, sondern zu versuchen, sich in andere Menschen, in ihre Träume und Bedürfnisse hineinzudenken. Eine gerechte Welt kann es nur geben, wenn sie nicht nur dem Eigenen, sondern auch dem Anderen gerecht wird.
Als Christen glauben wir, dass diese „gerechte Welt“ nichts ist, was wir aus uns heraus und in eigener Kraft ins Werk setzen müssen oder können, sondern dass Gott selbst derjenige ist, der sich aufmacht, um die Welt und alle Menschen zu einem Leben in Gerechtigkeit zu befreien.
Deshalb erinnert Jeremia sein Volk an die große Befreiungserfahrung, die es in der Vergangenheit mit Gott gemacht hat. Etwas Ähnliches, sagt er, werde nun wieder geschehen. Erfahrungen und Traditionen, habe ich das ausgelegt, sind etwas Wunderbares! Doch wenn sie nur dazu dienen, das Vergangene zu feiern oder dem Gewesenen zu huldigen, dann ist das zu wenig. Erfahrungen und Traditionen wollen immer nach ihrem Potential für die Gegenwart und für die Zukunft befragt werden. Wir leben nicht nur von der Erinnerung an die großen Taten Gottes in der Vergangenheit, sondern auch von der Erfahrung seiner Nähe und Hilfe in der Gegenwart! Beides zusammen bildet den Grund unserer Hoffnung für die Zukunft!
Aber was tun wir, wenn solche Erfahrungen ausbleiben? Was geschieht, wenn die Hoffnung auf Gottes Eingreifen in der Gegenwart immer wieder enttäuscht wird?
An dieser Stelle setzt der Predigttext für den heutigen Sonntag ein. Er stammt aus dem Buch des Propheten Jesaja. Ein Prophet aus der dritten Generation der Jesaja-Schule blickt dort auf die Zeit Jeremias und die Rückkehr des Volkes Israel aus der babylonischen Gefangenschaft zurück. Einer, der nach den Jahren im babylonischen Exil die Rückkehr ins Gelobte Land miterlebt hat – und nun feststellen muss, dass die Verhältnisse dort längst nicht so „paradiesisch“ sind wie gedacht und von Jeremia angekündigt: Der Wiederaufbau gestaltet sich mühsamer als erwartet. Das heilige Land ist nach wie vor besetzt, wenn auch jetzt von den Persern, die den von ihnen unterworfenen Völkern eine höhere Autonomie zugestehen als die Assyrer und Babylonier vor ihnen das taten. Doch Israel ist immer noch auf die Gnade seiner Besatzer angewiesen und nicht sein eigener Herr. Und das wird auch so bleiben! Hatte Gott nicht versprochen, das zu ändern? Selbst zu erscheinen, um nun endlich – nach der langen Strafe des Exils – sein Reich aufzurichten? Sollten nicht alle Täler erhöht und alle Berge erniedrigt werden, um der anbrechenden Gottesherrschaft den Weg zu ebnen (vgl. Jes 40,3-5)? Nichts davon war sichtbare Realität geworden! Wo war Gott? Warum kam er nicht, um seinem Volk zu helfen? So lebten die Israeliten in einer großen Zerrissenheit, hin und her geworfen zwischen Freude und Dankbarkeit über den Neuanfang im einstmals „Gelobten Land“ und tiefen Zweifeln im Blick auf die nun angeblich anbrechende Heilszeit. Eine Situation, die sich für das jüdische Volk bis heute nicht geändert hat! Doch genau das ist Advent! Das Licht scheint in die Dunkelheit, aber die Dunkelheit ist noch nicht vertrieben. Der amerikanische Theologe Frederick Buechner (geb. 1926) beschreibt das so:

„Was kommt, ist das Licht der Welt. Es ist Christus. Das ist der Trost des Advents. Die Herausforderung aber ist, dass es noch nicht da ist. Nur die Hoffnung darauf ist gekommen, nur das Warten darauf. In der Zwischenzeit sind wir weiter in der Dunkelheit, und die Dunkelheit, Gott weiß das, ist auch in uns. Wir schauen aus und warten auf das Heilige, das uns heilen und heiligen wird, das uns befreit von der Dunkelheit.
Advent, das ist wie die Stille im Theater kurz bevor der Vorhang sich hebt. Das ist wie der verschwommene Ring rund um den Wintermond, der den Schnee ankündigt, der die Nacht in silbernes Licht tauchen wird. Aber für jetzt, für unsere Zeit, ist immer noch Dunkelheit, da wo wir sind.“


Dunkelheit. Das ist unsere Situation. Das ist auch die Situation, in der sich die nach Jerusalem zurückgekehrten Deportierten wiederfinden. Und mitten in dieser Situation sitzt der Prophet aus der Schule des großen Jesaja in seiner Stube und schreibt sich im Licht einer Öllampe den Kummer darüber von der Seele:

Jesaja 63,15 – 64,3: 63,15 So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.
16 Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, Herr, bist unser Vater; „Unser Erlöser“, das ist von alters her dein Name. 17 Warum lässt du uns, Herr, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind!
18 Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten.
19 Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde. 64,1 Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kund würde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten,
2 wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten
3 und das man von alters her nicht vernommen hat. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren.

Am vergangenen Sonntag haben wir über einen der vielen Namen Gottes nachgedacht. „Dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird“, hieß es da beim Propheten Jeremia: „‚Der HERR ist unsere Gerechtigkeit’“. (Jeremia 23,6) Im heutigen Predigttext geht es um einen anderen Namen Gottes: „‚Unser Erlöser’, das ist von alters her dein Name.“ (Jesaja 63,16)
„Erlösung“ – das ist heute ein irgendwie abstrakter, ein vergeistigter Begriff geworden. In der Welt des Alten Testamentes ist das noch anders. Da ging es beim Stichwort „Erlösung“ ganz konkret um die „Auslösung“, den „Loskauf“ eines Menschen aus der Sklaverei oder um seinen „Freikauf“ von einer drohenden Strafe.
„Erlösung“, das bedeutet: Jemand anders bezahlt für mich. Jemand anders tilgt meine Schuld. Jemand anders setzt mich in Freiheit. Und unser Predigttext macht deutlich: Nicht die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volk, nicht die Geschichte, die hinter uns liegt, nicht einmal die Religion oder Kirche, der wir uns zugehörig fühlen, sondern einzig und allein das persönliche, kindliche Vertrauen auf Gott, den Vater, darauf, dass dieser Gott es gut mit uns meint, bringt uns Erlösung.

„Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, Herr, bist unser Vater; ‚Unser Erlöser’, das ist von alters her dein Name.“ (Jesaja 63,16)
In diesen Worten finde ich meine eigene Sehnsucht wieder – und das, was ich jedem und jeder von euch wünsche: Gott zu erleben als Vater und Mutter, als Erlöser und Erlöserin. Nicht nur als Gott der Vergangenheit, als den Gott unserer Vorfahren! Nicht als fromme Tradition und theologisches Erbe einer zweitausendjährigen Kirchengeschichte! Nicht als dogmatische Position und theoretisches Wissen, sondern als persönliche Erfahrung in diesem Advent: Da ist einer, der „er-löst“ mich in meiner Dunkelheit.
Der tröstet mich in meiner Traurigkeit. Der richtet mich auf in meinem Versagen. Der lässt mich nicht fallen trotz meiner Schuld. Der löst mich heraus aus den Zwängen meiner Biographie und meines Charakters. Der löst mich heraus aus der Zwangsjacke der Vorurteile und Bilder, die andere sich von mir gemacht haben. Der befreit mich von aller Selbstüberforderung und von dem Druck, allen gerecht werden zu müssen. Der will nur eins: dass ich lebe, dass ich glücklich werde – und dass ich Leben und Glück auf dieser Welt mehre. Damit in der Dunkelheit, die uns alle umgibt, bis Gott sein Reich aufrichtet, Inseln des Lichts aufleuchten, die etwas von dem vorwegnehmen, was einmal Realität für alle sein wird.

„Was kommt, ist das Licht der Welt. Es ist Christus. Das ist der Trost des Advents. Die Herausforderung aber ist, dass es noch nicht da ist. Nur die Hoffnung darauf ist gekommen, nur das Warten darauf.“ (Frederick Buechner)


Ich bin jetzt 53 Jahre alt. Das heißt, wenn dieses Jahr vorbei ist, liegen 216 Adventssonntage und 54 Weihnachtsfeste hinter mir. Und immer noch hat sich die damit verbundene Verheißung nicht erfüllt. Immer noch ist die darin zum Ausdruck kommende Sehnsucht ungestillt. Wie kann man damit leben?
Dem Jesaja-Schüler, der unseren Predigttext verfasst hat, fällt das unglaublich schwer. Er wünscht sich ein radikales, ein „end-gültiges“ Eingreifen Gottes:

„Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kund würde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten und das man von alters her nicht vernommen hat.“ (Jesaja 64,1-3)

Wenn ich ehrlich bin, wünsche ich mir manchmal auch, dass Gott endlich die Herrschaft übernimmt. Dass er all dem ein Ende macht, was Menschen durch ihre Macht- und Habgier, durch ihre politischen und religiösen Ideologien anrichten auf dieser Welt. Ich wünsche mir, dass die Dunkelheit dem Licht weicht, das nur Gott bringen kann. Weil er Licht ist und in ihm keine Finsternis wohnt (1. Johannes 1,5). Aber noch ist es nicht so weit. Noch „sind wir weiter in der Dunkelheit, und die Dunkelheit, Gott weiß das, ist auch in uns.“ (Frederick Buechner)
In der Nacht von Montag auf Dienstag ist unter der S-Bahn-Brücke an der Frankfurter Allee ein Obdachloser gestorben. Sein Name war Waldemar. Er war Pole. Er hatte gehofft, sich hier in Deutschland eine bescheidene Existenz aufbauen zu können und ist damit gescheitert. Am Montagabend sind Anne und ich noch zweimal an ihm vorbeigegangen. In die Notschlafstelle der Berliner Stadtmission gleich um die Ecke wollte er wohl nicht. Er war schon länger krank, wie wir aus dem Nachruf erfahren haben, der jetzt seit ein paar Tagen dort unter der Brücke hängt – gleich über den Kerzen und Blumen, die Passanten für ihn hinterlassen haben. Eine ordentliche Versorgung konnte er sich nicht leisten, weil er nicht versichert war.
Seit Tagen geht mir dieses Schicksal nach – und nahe. Es ist Teil der Dunkelheit, die auch dieser Advent – trotz aller Lichter – nicht vertreiben wird. Es ist Teil der Dunkelheit um mich herum und, Gott weiß das, auch der Dunkelheit in mir. Weil ich mich seit Tagen frage, ob ich nicht etwas hätte tun können, tun müssen vielleicht. Wie begegne ich der Dunkelheit in dieser Welt? Wie begegne ich der Dunkelheit in mir?
Unser Predigttext endet – trotz aller Verzweiflung und aller offenen Fragen – mit versöhnlichen, mit tröstenden Worten. Gott begegnet uns in unserer Dunkelheit!

„Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren.“ (Jesaja 64,3)

Es bleiben Zweifel. Fragen. Stimmt das denn, dass Gott denen, die auf ihn harren, wohl tut? Leiden nicht auch die Gerechten, die Glaubenden, die auf Gott Wartenden? Vielleicht hat Waldemar zu ihnen gehört!?
Doch trotz aller Fragen und Zweifel wünsche ich mir und euch, dass wir Gott in dieser Adventszeit genau so erleben: als einen, der uns wohltut, bei dem wir nicht verraten und verkauft, sondern befreit und erlöst sind; als einen, der vielleicht noch nicht alle Dunkelheit vertreibt, aber mit seinem Licht in unsere Dunkelheit hinein kommt.
Da ist eine gehörige Portion Trotz dabei. Oder Glaube: „eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ (Hebräer 11,1)

„Was kommt, ist das Licht der Welt. Es ist Christus. Das ist der Trost des Advents. Die Herausforderung aber ist, dass es noch nicht da ist. Nur die Hoffnung darauf ist gekommen, nur das Warten darauf. In der Zwischenzeit sind wir weiter in der Dunkelheit, und die Dunkelheit, Gott weiß das, ist auch in uns. Wir schauen aus und warten auf das Heilige, das uns heilen und heiligen wird, das uns befreit von der Dunkelheit.“ (Frederick Buechner)

Amen.

(c) Volkmar Hamp