Der Name Gottes ist Gerechtigkeit
Adventspredigt zu Jeremia 23,5-8



Liebe Geschwister, liebe Freunde, liebe Gäste,

Advent heißt „Ankunft“. Wir feiern in diesen Wochen vor Weihnachten das Ankommen Gottes in dieser Welt. Der Monatsspruch für den Monat Dezember, ein Vers aus dem Lobgesang des Zacharias in Lukas 1, formuliert das so:

„Durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes wird uns besuchen das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.“ (Lk 1,78-79)

Der Predigttext für den heutigen ersten Adventssonntag ist ein paar Jahrhunderte älter und bringt doch dieselbe Hoffnung zum Ausdruck, dass da irgendwann ein Licht aufgeht über uns allen und es hell wird in dieser Welt; dass der Messias, der Gesalbte Gottes, kommen und sein Reich aufrichten, seine Königsherrschaft antreten wird – eine Herrschaft, die geprägt ist von Recht und Gerechtigkeit.

Jeremia 23,5-8
5 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.
6 Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: „Der HERR ist unsere Gerechtigkeit“.
7 Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, dass man nicht mehr sagen wird: „So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!“,
8 sondern: „So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.“ Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.


Von dem kommenden Messias, dem Gesalbten Gottes, ist hier die Rede. Und der Name, den man ihm geben wird, ist: „Der HERR ist unsere Gerechtigkeit“ (V. 6).
Advent und Gerechtigkeit? Hat das etwas miteinander zu tun? Was ist das überhaupt: „Gerechtigkeit“?
In diesem deutschen Wort klingt der Begriff des „Rechts“ mit. Es geht um das, was „recht“, was „richtig“ ist. Woran denkt ihr dabei? Dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind? Das alle dieselben Rechte und Pflichten haben sollten? Dass es so etwas wie eine „ausgleichende Gerechtigkeit“ geben muss, die die schlimmsten Unterschiede zwischen den Menschen ins Lot bringt?
Der hebräische Begriff, der hier im Jeremiabuch für „Gerechtigkeit“ steht, ist viel grundsätzlicher, viel weiter gefasst als das, was wir uns im Allgemeinen darunter vorstellen. Da geht es nur am Rande um „fixierte Gesetze“, um „Rechtsprechung“ in einem juristischen Sinn. Da geht es um die „rechte Ordnung“, die der Welt insgesamt zugrunde liegt. Da geht es darum, sein Leben in Übereinstimmung mit dieser „Weltordnung“, mit dem der Welt innewohnenden Sinn zu gestalten.
„Gerechtigkeit“ ist im Alten Testament – wie im Alten Orient überhaupt – ein Beziehungsbegriff. Es geht darum, wie Menschen miteinander und in dieser Welt so leben können, dass der Bestand und die Ordnung der Schöpfung nicht gefährdet, sondern gesichert werden.
Gerechtigkeit bindet die Menschen in ihrem Handeln aneinander und verbindet sie mit Gott und mit der Natur. Gerechtigkeit schafft einen sinnhaften Zusammenhang, in dem jeder Mensch in dieser Welt unter der Obhut Gottes ein gutes Leben führen kann. Gerechtigkeit meint ein angemessenes Verhalten, das die Verfugung der Welt nicht verletzt, das Ordnung und Beziehung stiftet, anstatt sie aufzulösen.

Der amerikanische Philosoph John Rawls (1921-2002) definiert Gerechtigkeit als Fairness. Und er schlägt ein Gedankenexperiment vor, mit dem wir überprüfen können, ob das, was wir für gerecht halten, tatsächlich gerecht ist. Vielleicht habt ihr Lust, dieses Gedankenexperiment mit mir nachzuvollziehen.
Also: Stellt euch vor, ihr hättet die Aufgabe und die Macht, euch eine gerechte Ordnung für diese Welt auszudenken, die Gesetze zu bestimmen, die in dieser Welt gelten sollen. Die Sache hat nur einen Haken, den Rawls den „Schleier des Nichtwissens“ nennt. Das heißt: Ihr dürft euch zwar die Ordnung für diese Welt ausdenken, ihr wisst dabei aber nicht, welchen Platz ihr selbst am Ende in dieser Ordnung einnehmt.

  • Wenn ihr also über eine gerechte Weltwirtschaftsordnung nachdenkt, wisst ihr nicht, ob ihr am Ende diejenigen seid, die hier bei Primark am Alexanderplatz billige Jeans und T-Shirts kaufen können – oder ob ihr zu den Näherinnen gehört, die diese Textilien in einer Fabrik in Bangladesh zusammenschneidern müssen.
  • Wenn ihr über Gesetze zum Schutz des Weltklimas nachdenkt, wisst ihr nicht, ob ihr am Ende in einem SUV durch die Vereinigten Staaten von Amerika cruised – oder ob ihr auf einer vom Klimawandel bedrohten Insel im Pazifik nach Muscheln tauchen müsst.
  • Wenn ihr über Gesetze zum Thema Flucht, Asyl und Migration nachdenkt, wisst ihr nicht, ob ihr in einem demokratischen Rechtsstaat in Europa zur Welt kommt – oder in einem Kriegs- und Hungergebiet im Nahen Osten oder in Afrika.
  • Wenn ihr über die Gleichstellung von Mann und Frau in unserer Gesellschaft nachdenkt, wisst ihr nicht, ob ihr als Mann oder als Frau geboren werdet – oder als irgendetwas dazwischen.

Wie sähe die Weltordnung aus, die ihr euch ausdenken würdet, wenn ihr keine Ahnung davon hättet, welche Position ihr in dieser Weltordnung einmal einnehmen müsst? – Das ist das Gedankenexperiment des Philosophen John Rawls.
Eine gerechte Welt zu schaffen – oder von ihr zu träumen – das bedeutet also, nicht nur auf sich selbst zu schauen, sondern zu versuchen, sich in andere Menschen, in ihre Träume und Bedürfnisse hineinzudenken. Eine gerechte Welt kann es nur geben, wenn sie nicht nur dem Eigenen, sondern immer auch dem Anderen gerecht wird. Gerechtigkeit ist nicht blind! Sie hat mit Ansehen und Einsehen zu tun, mit Einfühlungsvermögen, Empathie, Solidarität und Liebe.
Rawls Gedankenexperiment erinnert an den Kategorischen Imperativ des Aufklärungsphilosophen Immanuel Kant (1724-1804): „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“
Und es erinnert an die „Goldene Regel“ Jesu, die sich so oder ähnlich in allen Religionen dieser Welt findet: „Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen.“ (Lk 6,31; Mt 7,12) Oder, wie es in einer Kirchenordnung aus dem ersten Jahrhundert nach Christus formuliert wird: „Erstens sollst du Gott lieben, der dich geschaffen hat, zweitens deinen Nächsten wie dich selbst; alles aber, was du willst, dass es dir nicht geschehe, das tue auch du keinem anderen.“ (Did 1,2)

„Schön und gut“, denkst du jetzt vielleicht, „ein nettes Gedankenexperiment! Aber ich bin nun mal nicht in der Position, die Regeln bestimmen zu können, nach denen diese Welt eingerichtet wird!“
Das ist richtig! Aber du bist sehr wohl in einer Position, in der du diese Regeln mitbestimmst! Durch dein Verhalten. Durch dein Reden und Handeln. Durch die Partei und die Politiker, die du wählst. Durch dein berufliches und ehrenamtliches Engagement. Durch das Klima, das du durch deine Facebook-Postings oder deine Kommentare im Freundeskreis schaffst.
Es macht einen Unterschied, ob die Schokolade in deinem Adventskalender ausbeuterische Kinderarbeit fördert oder fairen Handel. Es macht einen Unterschied, ob der Lachs am Weihnachtsabend die Überfischung der Meere vorantreibt oder nachhaltige Fischerei unterstützt. Es macht einen Unterschied, ob du sexistische, fremdenfeindliche und islamophobe Kommentare im Internet schweigend hinnimmst oder dich dagegen positionierst. Durch dein Verhalten kannst du diese Welt ein wenig mehr in Übereinstimmung mit der gerechten Weltordnung Gottes bringen – oder auch nicht. Es liegt an dir!
Und es liegt zugleich nicht an dir! Du bist nicht der- oder diejenige, die diese Welt retten, der sie gerecht machen, die der Gerechtigkeit Gottes zum Durchbruch verhelfen muss! Das ist unglaublich entlastend.

Noch einmal Jeremia:
5 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.
6 Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: „Der HERR ist unsere Gerechtigkeit“.


Zu der Zeit, als diese Sätze aufgeschrieben wurden, befand sich das Volk Israel nicht in einer Position, in der es Gerechtigkeit selbst hätte verwirklichen können. Jerusalem war zerstört, die Israeliten waren ins babylonische Exil deportiert worden. Sie waren nicht mächtig, sondern machtlos.
Gerechtigkeit konnten sie nicht einfordern, sondern nur erhoffen. Von dem Gott, dessen Name einst dem Mose offenbart worden war, der ihre Vorfahren aus einer ähnlichen Situation – der ägyptischen Sklaverei – befreit hatte. Diese Erfahrung, diese Tradition wird nun aktualisiert:

7 Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, dass man nicht mehr sagen wird: „So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!“,
8 sondern: „So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.“


Erfahrungen und Traditionen sind etwas Wunderbares! Doch wenn sie nur dazu dienen, das Vergangene zu feiern oder dem Gewesenen zu huldigen, dann ist das zu wenig. Erfahrungen und Traditionen wollen immer nach ihrem Potential für die Gegenwart und für die Zukunft befragt werden.
Was bedeutet das heute, dass Gott uns einst aus der Sklaverei befreit hat? Was bedeutet das heute, dass Gott vor 2000 Jahren in seinem Sohn Jesus Christus diese Welt besucht hat? Was bedeutet das heute, dass Martin Luther vor 500 Jahren seine 95 Thesen gegen die Verfehlungen der Kirche seiner Zeit veröffentlicht hat? Was bedeutet das heute, dass Martin Luther King vor 50 Jahren für seinen Kampf um die Freiheitsrechte der Farbigen gestorben ist? Was bedeutet das heute, dass diese Gemeinde vor 25 Jahren einen Neuanfang gewagt und sich den Menschen in diesem Kiez zugewandt hat? Was bedeutet das heute, dass du dich vor 5, 10, 25 oder 50 Jahren entschieden hast, Jesus nachzufolgen und dein Leben als Christ zu leben?
Wir leben nicht nur von der Erinnerung an die großen Taten Gottes in der Vergangenheit, sondern auch von der Erfahrung seiner Nähe und Hilfe in der Gegenwart! Beides zusammen bildet den Grund unserer Hoffnung für die Zukunft!
Darum möchte ich dich einladen, dich in der jetzt anbrechenden Adventszeit für solche Erfahrungen der Gegenwart Gottes zu öffnen. Das kann auf ganz unterschiedliche Art und Weise geschehen.
Vielleicht hast du einen Adventskalender, hinter dessen Türen sich nicht nur jeden Tag ein Stück Schokolade verbirgt, sondern ein geistlicher Impuls für den Tag.
Vielleicht ist es die Mittags- oder Abendandacht in der Kirche um die Ecke, in der dir Gott in dieser Adventszeit begegnen will, oder ein adventliches Orgel-, Chor-, Gospel- oder Rockkonzert.
Vielleicht nimmst du dir auch einfach nur jeden Tag ein bisschen Zeit, um in der Bibel zu lesen (oder in einem anderen guten Buch), zu beten, still zu werden vor deinem Gott und zu hören, was er dir zu sagen hat.
Vielleicht nutzt du diese Zeit als Zeit der Ruhe und Besinnung auf das Wesentliche und fragst dich, was Gott im kommenden Jahr mit dir und deinem Leben vorhaben könnte. Vielleicht gilt es, wichtige Entscheidungen zu treffen.
Wie auch immer ihr diese Zeit des Wartens auf das Kommen Gottes in diese Welt und in euer Leben füllt, ich wünsche euch für die Adventszeit Begegnungen mit dem lebendigen Gott. Begegnungen mit dem, dessen Name „Gerechtigkeit“ ist und „Barmherzigkeit“ und „Liebe“.
Ich wünsche euch, dass Gott euch herausholt aus den Ecken, in die ihr euch verbannt oder verstoßen fühlt, und dass er euer Leben zu einem Land macht, in dem es sich wohnen lässt, in dem ihr jede Hilfe findet, die ihr braucht, und die Sicherheit, die euch gut tut.

Gott segne euch!
Amen


Literatur:
John Rawls, Gerechtigkeit als Fairness. Ein Neuentwurf. Frankfurt am Main 2003.