Das wichtigste Gebot
(Matthäus 12,28-34)



Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,

nach einer Woche, in der wieder einmal der Hass in dieser Welt sein hässliches Gesicht gezeigt hat (Charlottesville, Barcelona, Turku), geht es im Predigttext für den heutigen Sonntag um die Liebe. Das ist schön und herausfordernd zugleich. Wie schaffen wir das, auf Hass nicht mit Hass zu reagieren? Wie kann – trotz allem – die Liebe Richtschnur unseres Handelns sein? Und welche Art von „Liebe“ wäre das?
Nach einer „Richtschnur“, einem „Orientierungspunkt“ fragt auch ein Schriftgelehrter in unserem heutigen Predigttext (Markus 12,28-34):

Markus 12,28-34:
28 Einer der Schriftgelehrten hatte diesem Streitgespräch (einem Streitgespräch Jesu mit einer Gruppe von jüdischen Gelehrten über die Auferstehung der Toten – Mk 12,18-27) zugehört und gesehen, wie gut Jesus den Sadduzäern geantwortet hatte. Nun trat er näher und fragte ihn: „Welches ist das wichtigste von allen Geboten?“
29 Jesus antwortete: „Das wichtigste Gebot ist: ‚Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der alleinige Herr. 30 Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit deinem ganzen Verstand und mit aller deiner Kraft!’ (5. Mose 6,4-5). 31 An zweiter Stelle steht das Gebot: ‚Liebe deine Mitmenschen wie dich selbst!’ (3. Mose 19,18) Kein Gebot ist wichtiger als diese beiden.“
32 „Sehr gut, Meister!“, meinte darauf der Schriftgelehrte. »Es ist wirklich so, wie du sagst: Gott allein ist der Herr, und es gibt keinen anderen außer ihm. 33 Und ihn zu lieben von ganzem Herzen, mit ganzem Verstand und mit aller Kraft und seine Mitmenschen zu lieben wie sich selbst ist viel mehr wert als alle Brandopfer und alle übrigen Opfer.“
34 Jesus sah, mit welcher Einsicht der Mann geantwortet hatte, und sagte zu ihm: „Du bist nicht weit vom Reich Gottes entfernt.“ Von da an wagte niemand mehr, Jesus eine Frage zu stellen.


Ein spannendes Gespräch! Da ist ein Schriftgelehrter, ein Theologe, ein gebildeter Mann beeindruckt von den argumentativen Fähigkeiten Jesu und möchte nun auch eine Frage loswerden.

„Welches ist das wichtigste von allen Geboten?“ (Vers 28)

Für den Angehörigen einer Religion, in der das Halten der von Gott gegebenen Gebote ein entscheidendes Kriterium für die Zugehörigkeit zu dieser Religion, zum Volk Gottes ist, ist das eine unerhörte Frage! Andere jüdische Gelehrte haben sich geweigert, diese Frage zu beantworten. Sie unterschieden zwar innerhalb der 613 Einzelgebote, die die Thora, das jüdische Gesetz bilden, „leichte“ und „schwere“ Gebote voneinander, forderten aber in der Regel, dass alle diese Gebote gleichermaßen zu befolgen seien.
Dass das leicht zu einer Überforderung werden kann, ist klar. Der amerikanische Schriftsteller A.J. Jacobs hat vor einigen Jahren ein Buch darüber geschrieben. „Die Bibel & ich“ heißt dieses Buch und handelt „von einem, der auszog, das Buch der Bücher wörtlich zu nehmen“. In einem Selbstversuch nimmt der Schriftsteller, der selbst jüdische Wurzeln hat, sich vor, ein Jahr lang streng nach der Bibel zu leben und ihre Gebote möglichst wörtlich zu befolgen. Alle 613! Was er dabei erlebt, ist lustig und tiefsinnig zugleich. Und es macht deutlich, dass die Frage des Schriftgelehrten in unserer Geschichte eine wichtige und sinnvolle Frage ist.
Wir brauchen im Dschungel der ethischen Herausforderungen, die uns jeden Tag begegnen, einen Kompass, um uns zurechtzufinden. Heute mehr denn je! Wir brauchen eine Ethik, die sich nicht an 613 Einzelfragen abarbeitet, sondern auch auf die 614. und 615. Frage noch eine Antwort findet. Eine solche Ethik finden wir nur, wenn wir sie aus einigen wenigen Grundprinzipien ableiten können. Und genau darauf zielt die Frage des Schriftgelehrten in unserer Geschichte: „Was ist die Quintessenz der biblischen Gebote? Auf welches Grundprinzip lassen sie sich zurückführen?“
Jesus nimmt diese Frage sehr ernst. Er beantwortet sie mit dem berühmten „Doppelgebot der Liebe“:

„Das wichtigste Gebot ist: ‚Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der alleinige Herr. Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit deinem ganzen Verstand und mit aller deiner Kraft!’ (5. Mose 6,4-5). An zweiter Stelle steht das Gebot: ‚Liebe deine Mitmenschen wie dich selbst!’ (3. Mose 19,18) Kein Gebot ist wichtiger als diese beiden.“ (Mk 12,29-31)

Das Erste, was an dieser Antwort Jesu auf die Frage des Schriftgelehrten nach dem „wichtigsten Gebot“ auffällt, ist, dass Jesus kein neues, kein eigenes Gebot formuliert, sondern zitiert das, was immer schon galt, seit Gott sich seinem Volk offenbart und mit ihm einen Bund geschlossen hat.
Jeder gläubige Jude betet zweimal am Tag das „Schema Jisrael“, das mit den Worten aus dem 5. Buch Mose beginnt, die Jesus hier aufgreift:

„Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig. Gepriesen sei Gottes ruhmreiche Herrschaft immer und ewig! Darum sollst du den Ewigen, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft ...“

Und jeder fromme Jude kennt den Satz aus dem 3. Buch Mose, mit dem schon dort die vielen Einzelgebote für den Umgang mit anderen Menschen zusammengefasst werden:

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der HERR.“

Was hier von Jesus als Quintessenz der biblischen Gebote präsentiert wird, ist also nichts Neues, sondern etwas Uraltes! Jesus stellt sich ganz bewusst in die Tradition des Judentums, wenn er das Doppelgebot der Liebe zum Dreh- und Angelpunkt seiner Ethik macht. Und viele spätere Versuche, ethisches Handeln aus grundlegenden Prinzipien zu begründen – der kategorische Imperativ Immanuel Kants, die Erklärung der Menschenrechte – stehen auch in dieser theologischen, jüdisch-christlichen Tradition.
Aber was ist gemeint, wenn Jesus – in Übereinstimmung mit der Tradition – die Gottes- und die Nächstenliebe zum Zentrum seiner Ethik macht? Liebe ist ja ein vieldeutiges, ein schillerndes, reichlich unkonkretes und abgegriffenes Wort! Kann man Liebe gebieten? Ist Liebe nicht ein „Gefühl“, das uns ergreift und überwältigt – oder auch nicht? Wie kann man ein „Gefühl“, das sich nicht erzwingen und beherrschen lässt, zur Grundlage ethischer Entscheidungen machen?
Das wäre absurd und ein grobes Missverständnis der „Liebe“, von der hier die Rede ist! Da geht es nicht um Emotionen, nicht darum, ob wir jemanden sympathisch oder liebenswert finden oder nicht. Da geht es um etwas ganz anderes.
Das zeigt schon ein Blick auf das hebräische Wort, das in den hier zitierten Bibelstellen aus dem Alten Testament für „lieben“ steht. Dieses Wort (ahab) stammt nämlich nicht aus der Liebeslyrik oder der erotischen Literatur, sondern aus der Diplomatensprache des Alten Orients. Es bedeutet so viel wie „aufrichtige Loyalität gegenüber einem Bundespartner üben“. Weil Gott seinem Volk seine Zuwendung geschenkt und mit ihm einen Bund geschlossen hat, kann er von diesem Volk im Gegenzug „Liebe“ – aufrichtige Loyalität – erwarten. Und weil dieser Bund Gottes nicht nur einzelnen, sondern allen Angehörigen des Volkes Israel gilt, sind nach alttestamentlichem Verständnis in diese „aufrichtige Loyalität“ nicht nur die engsten Verwandten und Freunde mit eingeschlossen, sondern alle Menschen, die zum Volk Gottes dazu gehören. Man könnte also das, was hier „Liebe“ genannt wird, auch mit „Solidarität“ übersetzen, mit „Füreinander einstehen“ und „Füreinander da sein“.
So weit kann der Schriftgelehrte in unserer Geschichte auch mit Jesus mitgehen.

„Sehr gut, Meister!“, sagt er zu Jesus. „Es ist wirklich so, wie du sagst: Gott allein ist der Herr, und es gibt keinen anderen außer ihm. Und ihn zu lieben von ganzem Herzen, mit ganzem Verstand und mit aller Kraft und seine Mitmenschen zu lieben wie sich selbst ist viel mehr wert als alle Brandopfer und alle übrigen Opfer.“

Eine wichtige, eine grundlegende Erkenntnis, die sein Gesprächspartner teilt. Immer wieder zitiert Jesus den Propheten Hosea, der schon im 8. Jahrhundert vor Christus seinem Volk eingeschärft hat, dass Gott Barmherzigkeit will und nicht Opfer (Hos 6,6; Mt 9,13; 12,7). Aber – wie gesagt – das ist nichts wirklich Neues! Eigentlich. Und trotzdem sagt Jesus zu diesem Schriftgelehrten am Ende einen Satz, der deutlich macht: Der hat zwar angefangen zu begreifen, worum es Jesus geht, aber so ganz begriffen hat er es noch nicht!

„Du bist nicht fern vom Reich Gottes.“ (Vers 34)

Das meint doch wohl: Du hast zwar eine Menge verstanden von dem, worum es mir und meinem Vater im Himmel geht, aber etwas Wesentliches fehlt dir noch. Damit stellt sich für mich die Frage, ob es da einen Unterschied gibt zwischen dem, wie Jesus das Doppelgebot der Liebe versteht, und dem, was im Alten Testament und im Judentum damit gemeint ist?
Ich glaube, diesen Unterschied gibt es. Die „Nächstenliebe“ hat im Alten Testament nämlich durchaus Grenzen. Sie gilt zwar nicht nur – wie man eigentlich erwarten könnte – den engsten Verwandten und Freunden, sondern darüber hinaus allen, die zum Volk Gottes dazu gehören – auch den Fremdlingen, die im eigenen Land wohnen (Lev 19,33-34). Aber dann ist auch Schluss! Der „Ungläubige“, der „Ausländer“, der jenseits der eigenen Grenzen lebt und diese Grenzen gegebenenfalls auch bedroht, fällt nicht mehr unter das Gebot der „Liebe“. Er wird sogar nicht selten mit martialischen Worten der Rache Gottes anbefohlen:

„Der Gerechte wird sich freuen, wenn er solche Vergeltung sieht,
und wird seine Füße baden in des Frevlers Blut.“ (Psalm 58,11)


Das ist kein Vers aus dem Koran, der in einem Terroristen-Video des sog. „Islamischen Staates“ zitiert wird. Das ist ein Bibelvers! Und damit eine Tradition, mit der wir uns auseinandersetzen müssen, wenn wir danach fragen, welchen Geltungsbereich eine von der Bibel inspirierte Ethik der Liebe eigentlich haben soll.
Ich habe Christen ernsthaft mit Versen wie diesen gegen die „Willkommenskultur“ in unserem Land argumentieren hören: Wir sollen zwar, sagten sie, die Fremden im Lande lieben, aber eben nicht jene, die versuchen, als Flüchtlinge – zumal als Wirtschaftsflüchtlinge – allererst in unser Land zu kommen. Die gehörten nicht zu jenen, denen das biblische Gebot, auch den „Fremden“ zu lieben, gelte. Und die „Ungläubigen“ – Muslime vor allem – schon mal gar nicht!
Vielleicht kann man eine solche Haltung mit alttestamentlichen Bibelversen begründen, auch wenn ich persönlich glaube, dass sie auch schon dem Geist der Hebräischen Bibel widerspricht. An Jesus und seinem Liebesevangelium muss sie endgültig scheitern. Denn genau das ist der Unterschied zwischen dem alttestamentlichen Gebot der Gottes- und Nächstenliebe und dem Liebesgebot Jesu: dass die Liebe bei Jesus keine Grenzen kennt!
In der Parallelstelle zu unserem Predigttext im Lukasevangelium (Lk 10,25-37) wird das ausdrücklich thematisiert. Dort fragt ein Gesetzeslehrer Jesus, was er tun müsse, um das ewige Leben zu ererben. Jesus gibt diese Frage an ihn zurück: „Was steht im Gesetz geschrieben?“ Und als Antwort zitiert der Schriftgelehrte – wie Jesus in unserem Text – das Doppelgebot der Liebe aus dem Alten Testament.
Damit ist eigentlich alles gesagt. „Du hast recht geantwortet“, sagt Jesus, „tu das, so wirst du leben.“ Doch damit gibt sich der Gesetzeslehrer nicht zufrieden. Nun will er wissen, wer denn der Nächste sei, den man zu lieben habe. Und als Antwort auf diese Rückfrage erzählt Jesus eine seiner bekanntesten Geschichten: das Gleichnis vom bramherzigen Samariter.
Mit dieser Geschichte macht er deutlich, dass nach seinem Verständnis die Ethik der Gottes- und Nächstenliebe keine Grenzen kennt. Nicht Sympathie oder Antipathie entscheiden, nicht Verwandtschaftsgrad, Religions- oder Volkszugehörigkeit, sondern wann immer wir einem Menschen in Not begegnen, sind wir herausgefordert zu dem Nächsten zu werden, der diesem Menschen die Liebe Gottes nahebringt. Und diese Liebe schließt – wenn wir Jesus ernst nehmen – selbst unsere Feinde mit ein:

„Ihr habt gehört, dass gesagt ist: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben (3. Mose 19,18) und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel.“ (Mt 5,43-45a)

Das ist ein hoher Anspruch! Ein unerfüllbarer Anspruch? Vielleicht. Jedenfalls gibt es schon in den neutestamentlichen Briefen eine Tendenz, diesen hohen Anspruch wieder kleinzureden. Da ist dann kaum noch von der Liebe zu allen Menschen die Rede, sondern vorzugsweise von der „Geschwisterliebe“ innerhalb der Gemeinde (1 Joh 4,7-21). Und das ist ja auch schon eine ganze Menge, wenn wir uns untereinander lieben wie Christus uns geliebt hat.
Aber die Liebe, die Solidarität, von der Jesus spricht, die Liebe Gottes reicht weiter! Sie gilt allen Menschen, den Nahen und den Fernen, den Freunden und den Feinden. Diese – im wahrsten Sinne des Wortes – grenzenlose, universale Liebe ist und bleibt der Maßstab, an dem auch wir uns orientieren sollen – so unvollkommen und fehlerhaft uns das möglich ist.
Das bedeutet nun freilich nicht, dass wir keine Unterschiede mehr machen dürfen. Es bedeutet vor allem nicht, dass wir Unrecht und Schuld nicht beim Namen nennen sollen. Im Gegenteil: Weil die Liebe Gottes, seine Loyalität und Solidarität, zuallererst den Ausgebeuteten und Armen, den Opfern von Gewalt und Unterdrückung, den Kleingehaltenen und Zukurzgekommenen gilt, darf und soll auch unsere Liebe, unsere Loyalität und Solidarität, parteiisch sein. Sie gilt – wie im Gleichnis vom barmherzigen Samariter – vor allem den unter die Räuber gefallenen, den Geschlagenen und Geschundenen.
Zugleich aber – und das ist vielleicht die eigentliche, die größere Herausforderung – schließt sie die anderen nicht aus. Die göttliche Liebe reagiert auf Hass nicht mit Hass, auf Gewalt nicht mit Gewalt. Sie lässt sich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwindet das Böse mit Gutem (Röm 12,21).
Das Neue Testament hat sogar ein eigenes Wort für diese Liebe: agápe. Dieses Wort steht auch im griechischen Urtext unseres Predigttextes. Es umschreibt die von Gott inspirierte, uneigennützige Liebe, die – anders als die erotische oder freundschaftliche Liebe (éros und philía) – nicht auf Gegenliebe oder eine Gegenleistung aus ist. Agape ist „schöpferische Liebe“ (Anders Nygren). Sie liebt nicht das, was an sich schon liebenswert ist. Im Gegenteil! Was an sich keinen Wert hat, erhält Wert gerade dadurch, dass es Gegenstand der göttlichen Liebe wird.
Die „Königsdisziplin des Liebens“ ist also kein Gefühl. Es ist die willentliche Entscheidung, einem anderen Wesen unbedingte Wertschätzung entgegen zu bringen. Deswegen kann zu agápe auch aufgefordert werden, zu éros und philía nicht. Während die erotische und die freundschaftliche Liebe sich auf Menschen richten, mit denen man besonders verbunden sein möchte, gilt die agápe unterschiedslos allen Menschen. Auch denen, mit denen einen sonst nichts verbindet, mit denen man eigentlich vielleicht auch nichts zu tun haben möchte. Den Nahen und den Fernen, den Freunden und den Feinden. Von dieser Liebe heißt es im 1. Johannesbrief:

„Wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat: Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (1 Joh 4,16)


Literatur:
A.J. Jacobs, Die Bibel & ich. Von einem, der auszog, das Buch der Bücher wörtlich zu nehmen. Berlin 2008.

(c) Volkmar Hamp