Kraft, Liebe und Erkenntnis
Epheser 3,14-21

Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,

der Predigttext für den heutigen Sonntag steht in einem gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. verfassten Rundschreiben an die christlichen Gemeinden in Kleinasien. Im Neuen Testament ist dieses Schreiben uns als „Brief des Apostel Paulus an die Heiligen in Ephesus“ überliefert.
Der Text gehört zu jenen Abschnitten aus diesem Schreiben, die Generationen von Theologiestudierenden in ihren Griechisch-Prüfungen an den Rand des Wahnsinns getrieben haben, weil die ersten sechs Verse dieses Textes aus einem einzigen, vielfach verschachtelten Satz bestehen, dessen Syntax oder innere Ordnung sich dem des Griechischen nur rudimentär mächtigen allenfalls ansatzweise erschließt – einem Satz also, wie dem, den ich gerade von mir gegeben habe.
Weil das alles ein bisschen kompliziert ist, habe ich euch diesen Text auf einer Folie mitgebracht und versucht, dabei die Struktur des Abschnitts deutlich zu machen.

Epheser 3,14-21:
14 Darum beuge ich meine Knie vor dem Vater,
15 von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden seinen Namen hat,

16 damit er euch nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit verleihen möge,
dass ihr durch seinen Geist an Kraft erstarkt am inneren Menschen,
17 dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne,
die ihr in Liebe verwurzelt und gegründet seid,
18 damit ihr ermächtigt werdet,
mit allen Heiligen zu begreifen,
was die Breite und Länge und Höhe und Tiefe ist,
19 und zu erkennen die das Erkennen übersteigende Liebe Christi,
damit ihr zur ganzen Fülle Gottes erfüllt werdet

20 Dem aber,
der über alles hinaus, was wir erbitten oder ersinnen können,
noch weit mehr zu tun vermag aufgrund der Kraft, die in uns wirkt,
21 dem sei die Herrlichkeit in der Kirche und in Christus Jesus
für alle Generationen zu jeder Zeit.


Große Worte! Geschrieben zu einer Zeit, in der die christliche Kirche noch alles andere als „groß“ war. Zwar gab es in der römischen Provinz Asia seit etwa 40 Jahren vereinzelte Gemeinden. Doch die waren klein und eine Minderheit in der hellenistisch geprägten Kultur der Griechen und Römer mit ihren vielen, imposanten Götter- und Heldengestalten. Und sie waren sich untereinander nicht grün: Christen mit jüdischen Wurzeln sprachen jenen, die nicht aus dem Judentum kamen, den Glauben ab – und umgekehrt.
In dieser Situation mahnt der Verfasser des Epheserbriefes die christlichen Gemeinden zur Einheit. Sie sollen sich auf das besinnen, was sie im Kern ihres Glaubens miteinander verbindet, was sie gemeinsam haben: auf Christus!

„Denn durch ihn“, so lesen wir ein Kapitel zuvor, „haben wir beide (Judenchristen wie Heidenchristen) in dem einen Geist Zugang zum Vater.“ Und dann: „Ihr seid also jetzt nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes. Ihr seid auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut; der Schlussstein ist Christus Jesus selbst. Durch ihn wird der ganze Bau zusammengehalten und wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn. Durch ihn werdet auch ihr im Geist zu einer Wohnung Gottes erbaut.“ (Eph 2,18-22)

Darum also geht es: dass der Gemeinde Christi und jedem/jeder Einzelnen in ihr bewusst wird: Sie ist ein Ort ist, an dem Gott wohnt. An dem Menschen erleben, wie Gott ist, und die Erfahrung machen, dass sie selbst zu „Hausgenossen Gottes“ werden können. Das ist das Anliegen des Epheserbriefes, und darum geht es auch in dem Gebet, das dessen Verfasser in den letzten Versen von Epheser 3 formuliert. Ein Gebet, von dem wir – wie ich finde – beten lernen können. Das uns zeigt, wie und was wir beten können. Sozusagen eine kleine „Schule des Betens“.

Da beugt einer seine Knie vor dem Vater im Himmel. Das ist das Erste, was wir von diesem Gebet lernen können: die Spannung nicht aufzulösen, die darin liegt, dass wir Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, ganz vertraut und liebevoll „Vater“ nennen dürfen. Vor Gott nicht in Angst zu erstarren, aber ihn auch nicht kumpelhaft zu vereinnahmen, sondern ihm gegenüber so etwas wie „Ehrfurcht“ zu wahren. Ehrfurcht davor, dass wir zu dem „Vater“ sagen dürfen, der die Geschicke aller Menschen und Völker, ja, der ganzen Schöpfung, in seiner Hand hält.
Vielleicht müssen wir die Kategorie des „Heiligen“ neu entdecken, die der Theologe und Religionswissenschaftler Rudolf Otto (1869-1937) vor 100 Jahren als mysterium tremendum und mysterium fascinosum beschrieben hat, als ein zugleich Ehrfurcht gebietendes und faszinierendes Geheimnis. Vielleicht ist Gott immer beides zugleich: anziehend und abschreckend, fesselnd und bedrohlich.
Dann kann die äußere Haltung – das Beugen der Knie – Ausdruck einer inneren Einstellung sein – wie das Händefalten, das Augenschließen oder das Senken des Kopfes. Vielleicht verändert sich unser Beten, wenn wir – wenigstens innerlich – dabei eine Haltung einnehmen, die von großer Nähe, aber auch von Ehrfurcht und Respekt dem Heiligen gegenüber geprägt ist. Mir jedenfalls würde es schwer fallen, in einer solchen Haltung für den Sieg eines Fußballclubs zu beten, wie das ein christlicher Fanclub des HSV in der vergangenen Woche getan hat. Gott, denke ich, hat wichtigere Dinge zu tun, als sich um den HSV zu kümmern, oder!?

Damit bin ich beim Zweiten was wir von diesem Text lernen können. Es geht darin ja nicht nur um das Wie des Betens sondern auch um das Was. Worum sollen, können und dürfen wir Gott bitten? Jetzt wird’s spannend – und sehr konkret!

Das Erste, um das wir Gott bitten dürfen, ist innere Kraft und Stärke: „dass ihr durch seinen Geist an Kraft erstarkt am inneren Menschen“ (16b).
Deshalb haben wir am Ende unseres Begegnungsteils das Lied „Kraft“ von Glashaus eingespielt. Weil wir alle Situationen kennen, wie sie in diesem Lied beschrieben werden. Situationen, in denen wir nur apathisch dastehen und nicht glauben können, was um uns herum geschieht. In denen wir vor Angst erstarren und uns geschlagen geben wollen.
Und doch gibt es da eine innere Kraft, um die wir bitten dürfen und die Gott uns durch seinen Geist auch schenken will. Und wenn wir selbst zu kraftlos sind, ein solches Gebet zu formulieren, dann sind hoffentlich andere da, die das für uns tun – so wie der Verfasser des Epheserbriefes es für die Christen in der Provinz Asia tat.

Da ist eine Kraft.
Sie leuchtet hell in mir.
Da ist eine Kraft.
Sie leuchtet auch in dir.


Das Zweite, um das wir Gott bitten dürfen, ist Christus selbst, dass wir in seiner Liebe verwurzelt und gegründet sind: „dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne“ (17a).
Was bedeutet das? Es bedeutet, dass wir von innen heraus, vom Herzen her – im Zentrum unseres Denkens, Fühlens und Wollens – von Christus geprägt werden. Wenn wir nur glauben! Wenn wir darauf vertrauen, dass er es gut mit uns meint. Letztlich bedeutet es, dass wir, weil wir in der Liebe Christi verwurzelt und gegründet sind, selbst zu Liebenden werden. Ein britischer Freund von mir, Pastor der Baptisten in Großbritannien, hat kurz nach dem Anschlag in Manchester am vergangenen Montag folgenden Text veröffentlicht:

Du kannst Hass nicht mit noch mehr Hass stoppen.
Du kannst Dunkelheit nicht mit noch mehr Dunkelheit vertreiben.
Du kannst Schmerz nicht mit noch mehr Schmerz reduzieren.
Du kannst Zorn nicht mit noch mehr Zorn entschärfen.
Du kannst Ungerechtigkeit nicht mit noch mehr Ungerechtigkeit überwinden.
Du kannst Gewalt nicht mit noch mehr Gewalt vermindern.
Darum habe ich erneut beschlossen, für Liebe, Licht, Heilung, Frieden, Gerechtigkeit und Gnade in mir selbst zu bitten, damit ich dies alles auch mit anderen teilen kann.


Wie reagieren wir auf Hass, Terror und Gewalt? Beten wir darum, dass wir nicht in die Spirale von Gewalt und Gegengewalt hineingezogen werden, sondern ihr die Liebe Christi entgegen setzen können, in der wir verwurzelt und gegründet sind.

Damit komme ich zum Dritten, um das wir Gott bitten dürfen, zur Erkenntnis: „damit ihr ermächtigt werdet, mit allen Heiligen zu begreifen, was die Breite und Länge und Höhe und Tiefe ist, und zu erkennen die das Erkennen übersteigende Liebe Christi“ (18-19a).
Mit der Erkenntnis ist das ja so eine Sache. Wir glauben, so vieles zu kennen und zu wissen und kratzen doch – wenn wir ehrlich sind – bestenfalls an der Oberfläche der Erkenntnis. Vor allem, wenn es um Gott und den Glauben geht. Was wissen wir da schon?

Es gibt ein kleines, über hundert Jahre altes Buch, das der englische Schuldirektor, Theologe und Schriftsteller Edwin A. Abbott (1838-1926) im Jahre 1884 veröffentlicht hat. Der Originaltitel lautet „Flatland. A Romance of Many Dimensions“, im Deutschen: „Flächenland. Ein mehrdimensionaler Roman, verfasst von einem alten Quadrat“ (Stuttgart 1982) (vgl. zum Folgenden Watzlawick, Wie wirklich ist die Wirklichkeit?, 214-219).
Erzählt wird die Geschichte des Bewohners einer zweidimensionalen Welt. Einer Welt also, die nur Länge und Breite, aber keine Höhe kennt. Einer Welt, die flach wie ein Bogen Papier ist und nur von Linien, Dreiecken, Quadraten und Kreisen bevölkert wird. Die können sich frei auf, oder besser gesagt, in dieser Oberfläche bewegen. Doch sind sie wie Schatten unfähig, sich über sie zu erheben oder unter sie abzusenken. Und sie sind sich dieser Einschränkung nicht bewusst! Die Idee einer dritten Dimension, der Höhe, ist für sie unvorstellbar.
Nun hat der Erzähler dieser Geschichte, das alte Quadrat, eines Tages einen sonderbaren Traum. In diesem Traum findet er sich plötzlich in einer eindimensionalen Welt wieder, deren Bewohner entweder Striche oder Punkte sind, die sich alle auf ein und derselben Linie vor- oder rückwärts bewegen. Dieser Strich ist ihre Welt – Strichland –, und die Idee, sich auch nach rechts oder links, statt nur noch vorne oder rückwärts zu bewegen, erscheint ihnen vollkommen absurd.
Vergeblich bemüht sich das alte Quadrat, dem längsten Strich in Strichland (ihrem König) die Wirklichkeit von Flachland verständlich zu machen. Doch der König hält ihn schlicht für geistesgestört. Schließlich verliert das alte Quadrat die Geduld:

„Warum soll ich meine Worte verschwenden: Ich bin die vollständige Form deiner Unvollständigkeit. Du bist eine Linie, aber ich bin eine Linie aus Linien und heiße in meinem Land ein Quadrat! Und selbst ich, dir unendlich überlegen, gelte gering neben den großen Adligen von Flächenland, von wo ich gekommen bin, dich zu besuchen, in der Hoffnung, deiner Ignoranz abhelfen zu können.“ (S. 150)

Auf diese wahnwitzige Behauptung hin stürzen sich der König und alle seine strich- und punktförmigen Untertanen auf das Quadrat. Das aber wird in diesem Augenblick durch das Läuten der Frühstücksglocke in die flachländische Wirklichkeit zurückgeholt.
Dann geschieht das Unglaubliche: Das alte Quadrat bekommt Besuch von einem Fremden, der behauptet, eine Kugel zu sein und aus Raumland, einer Welt mit drei Dimensionen zu stammen. Und ähnlich, wie das Quadrat selbst sich in seinem Traum bemüht hatte, den Bewohnern von Strichland zu erklären, was ein Quadrat, ein Dreieck oder ein Kreis ist, versucht nun der Besucher aus Raumland, ihm die Augen dafür zu öffnen, wie eine dreidimensionale Wirklichkeit beschaffen und wie beschränkt im Vergleich damit sein Flächenland ist.

Die Geschichte weiter zu erzählen, würde an dieser Stelle zu lange dauern. Das alte Quadrat will irgendwann die Geheimnisse immer höherer Welten erforschen, Welten mit vier, fünf oder sechs Dimensionen, wovon dann selbst der kugelförmige Bewohner aus Raumland nichts mehr hören will.
Die Quintessenz des Buches ist nun aber nicht, dass der Autor schon im 19. Jahrhundert gewisse Erkenntnisse der modernen theoretischen Physik vorweggenommen hat. Seine Quintessenz ist, dass er uns die Relativität und Vorläufigkeit aller unserer Erkenntnisse vor Augen führt.

Warum erzähle ich euch das? Weil es wunderbar zu unserem Predigttext passt! Ja, wir sollen uns um Erkenntnis bemühen. Ja, Gott will, dass wir mehr und mehr begreifen, wie die Welt, der Mensch, die Gesellschaft funktionieren. Ja, Gott selbst hat uns den Verstand gegeben und uns dadurch „ermächtigt“, immer tiefer in die Geheimnisse des Universums und des Lebens einzudringen.
Doch was immer wir erkennen – oder glauben, erkannt zu haben – all unser Wissen bleibt Stückwerk (1 Kor 13,9). Nie haben wir die „Wahrheit“ für uns gepachtet. Immer könnte alles auch ganz anders sein.
Der Kommunikationswissenschaftler, Psychotherapeut, Soziologe und Philosoph Paul Watzlawick (1921-2007) schreibt in seinem Buch „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“:

„Die Geschichte der Menschheit zeigt, dass es kaum eine mörderischere, despotischere Idee gibt als den Wahn einer ‚wirklichen’ Wirklichkeit (womit natürlich die eigene Sicht gemeint ist), mit all den schrecklichen Folgen, die sich aus dieser wahnhaften Grundannahme dann streng logisch ableiten lassen. Die Fähigkeit, mit relativen Wahrheiten zu leben, mit Fragen, auf die es keine Antworten gibt, mit dem Wissen, nichts zu wissen, und mit den paradoxen Ungewissheiten der Existenz, dürfte dagegen das Wesen menschlicher Reife und der daraus folgenden Toleranz für andere sein.“ (s. 218f)

Unser Text formuliert das anders: Was immer wir auch erkennen oder zu erkennen glauben, was immer wir wissen oder zu wissen glauben – und das kann eine ganze Menge sein! – all unsere Erkenntnis und unser ganzes Wissen bleiben Stückwerk und werden „überstiegen“ von der Liebe Christi.
Am Ende kommt es nicht auf unser Wissen an. Ob wir die „Wahrheit“ über die Welt, über das Leben und den Menschen oder über Gott erkannt haben. Am Ende werden wir gefragt werden – und uns selber fragen –, ob wir geliebt haben. „Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei“, schreibt der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief, „doch am größten unter ihnen ist die Liebe.“ (1 Kor 13,13).

„Dem aber, der über alles hinaus, was wir erbitten oder ersinnen können, noch weit mehr zu tun vermag aufgrund der Kraft, die in uns wirkt, dem sei die Herrlichkeit in der Kirche und in Christus Jesus für alle Generationen zu jeder Zeit.“ (Eph 3,20-21)

Amen

Literatur:
Edwin A. Abbott, Flächenland. Ein mehrdimensionaler Roman, verfasst von einem alten Quadrat. Stuttgart 1982 (Originaltitel 1884: Flatland. A Romance of Many Dimensions).
Stephen Mitchell, Ephesos. Heiligtum und Tempel der Artemis. In: John Julius Norwich (Hg.), Metropolen der Alten Welt. Von Uruk zu den Pyramiden der Maya. Leipzig 2014, 64-69.
Rudolf Otto, Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen. Breslau 1917.
Paul Watzlawick, Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Wahn – Täuschung – Verstehen. München 1976 (Neuausgabe 1978).

(c) Volkmar Hamp