Die Letzten werden die Ersten sein ... (Matthäus 20,16)


Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,

im diesjährigen Passionskalender unseres Gemeindebundes (Leben mit Passion – 47 Tage frohbotschaften 2017) findet sich ganz am Anfang ein Text von Ulrich Wagner, der mit den Worten beginnt: „Ich liebe die Passionszeit“.
Hm, dachte ich zuerst, die Passionszeit lieben? Eine Zeit, in der wir uns das Leiden und Sterben Christi vergegenwärtigen? Eine Zeit, die wir eher dem Schweren und Dunklen zuordnen als dem Leichten und Hellen?
„Ich liebe die Passionszeit“, schreibt Ulrich Wagner, „weil auf einmal alles eine Bedeutung hat. Es hat Bedeutung, weil es mit dem Tod endete.
Mit dem Tod eines Menschen, der mit Leidenschaft seinen Weg ging. Unbeirrt. Der sich nicht von Rechtgläubigen abbringen ließ, die die Religion zu einem Machtinstrument umfunktioniert hatten. Der es ablehnte, Kompromisse mit den gesellschaftlichen Gebräuchen zu machen. Der es hasste, wenn man auf andere mit dem Finger wies in der festen Überzeugung, Recht zu haben.
Es konnte nicht gut gehen mit ihm. Er trieb es auf die Spitze. Was dachte er, ist er eigentlich? Jesus ging zu den Menschen. Brachte ihnen göttliche Heiterkeit, Trost, Heilung, Lebensmut.
Ich denke manchmal: So eine Passion für die Menschen, die brauchte man heute. Und zuerst in der Kirche, wo sie es ja eigentlich wissen sollten.“
„Passion, Leidenschaft für die Menschen“ – auch das gehört zur Passionszeit. Und wenn die Evangelische Kirche in Deutschland ihre diesjährige Fastenaktion 7 Wochen ohne „Augenblick mal!“ nennt, „Sieben Wochen ohne sofort!“, dann steht dahinter diese „Passion für die Menschen“. Dann ist das ein Versuch, leidenschaftlich deutlich zu machen, worum es Gott mit uns Menschen eigentlich geht.
Das Motto für die vierte dieser „7 Wochen ohne sofort!“ lautet: „Nicht sofort drankommen“. Und der dafür vorgeschlagene Predigttext ist nur ein einziger, kleiner Vers aus dem Matthäusevangelium (Matthäus 20,16):

„So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.“

Die Geschichte, deren Schlusssatz dieses Wort ist, haben wir vorhin schon gehört: das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, die alle zu unterschiedlichen Zeiten am Tag eingestellt werden, also unterschiedlich lange arbeiten, am Ende aber doch denselben Lohn bekommen.

„So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.“

Die Theologin Susanne Krahe hat ein ganzes Buch über diesen einen Satz geschrieben. Mit diesem Satz, so stellt sie fest, wird bildhaft umschrieben, was man auch als das „Umkehrungs- oder Überraschungsprinzip“ in der Bibel bezeichnen kann. Plötzlich stehen die eingefahrenen Ordnungen auf dem Kopf. Es passiert etwas, womit niemand rechnen konnte! Alle Urteile, die auf Moral, Sitte und Gerechtigkeit zu basieren scheinen, werden in den Rang des „Vorläufigen“ verwiesen. Gottes „Moral“, seine ganz anders geartete „Gerechtigkeit“, seine „barmherzige Freiheit“ überholt alle bis dahin gültigen Maßstäbe.
„Die Letzten werden die Ersten sein“ – dieses Jesuswort ist eine „evangelische Regel“, die geradewegs ins Zentrum der Frohen Botschaft führt.
„Die Letzten werden die Ersten sein“ – dieser Satz gehört zu den Grundpfeilern urchristlicher Theologie. Er ist „auf den Punkt gebrachtes Evangelium“. In diesem Wort wird ausgedrückt, was das „Besondere“ am christlichen Glauben, an Jesus und der gesamten biblischen Tradition ist.
„Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt“ (Mt 11,5). Diese Verheißung einer wunderbaren Verwandlung – beim Propheten Jesaja zu lesen und in den Evangelien auf Jesus bezogen – ist das Geheimnis des Glaubens, im Alten wie im Neuen Testament. Die unbändige Hoffnung, dass in den Augen Gottes alles gut ist, weil er alles neu macht, hat zu jeder Zeit Menschen ermutigt, mitten in ihren Leidens- und in ihren Freudengeschichten den Gott des Lebens zu suchen und zu finden.
Judith Holofernes, die Frontfrau der Band „Wir sind Helden“, bringt das – ganz unfromm – so auf den Punkt:

„Bist du zu schlau, um nicht unangenehm aufzufallen, und nicht schön genug, um damit durchzukommen? Weißt du genau, wie es ist, immer rauszufallen,
nur nicht weit genug, woanders anzukommen? Es tut weh, so zu sein, wie du solltest. Es tut weh, zu sein, wie du bist.
Aber wenn der Quarterback kommt, um dir die Brille abzunehmen, sag ihm: Danke, die bleibt, wo sie ist. Ich weiß doch: Die Verletzten sollen die Ärzte sein. Die Letzten sollen die Ersten sein. Sieh es ein: The Meek shall inherit the earth.
(Die Sanftmütigen werden die Erde besitzen).
Die Verletzten sollen die Ärzte sein. Die Letzten sollen die Ersten sein. Die Ersten sehen als Letzte ein:
The Geek shall inherit the earth.
(Die Verrückten werden die Erde besitzen).“

Die Bibelfesten unter euch wissen natürlich, worauf die Liedermacherin hier anspielt: auf die sog. „Seligpreisungen“ am Anfang der Bergpredigt Jesu (Mt 5-7):
„Selig sind, die da geistlich arm sind;
denn ihrer ist das Himmelreich.
Selig sind, die da Leid tragen;
denn sie sollen getröstet werden.
Selig sind die Sanftmütigen;
denn sie werden das Erdreich besitzen.
Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit;
denn sie sollen satt werden.
Selig sind die Barmherzigen;
denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Selig sind, die reinen Herzens sind;
denn sie werden Gott schauen.
Selig sind, die Frieden stiften;
denn sie werden Gottes Kinder heißen.
Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden;
denn ihrer ist das Himmelreich.“
(Mt 5,3-10)


„Die Letzten werden die Ersten sein“ – wenn das wirklich ein Grundprinzip im Reich Gottes ist, was bedeutet das dann für uns, für unseren Alltag, für unser Leben in der Gemeinde und in dieser Welt?
Es bedeutet zunächst und vor allem, dass wir aufhören dürfen, uns selbst wie der letzte Dreck zu fühlen! Was immer uns klein macht, wann immer andere Menschen uns sagen: „Du bist das Letzte!“, dürfen wir uns hinstellen und widersprechen und sagen: „Nein! Bin ich nicht! Weil Gott mich geschaffen hat und mich liebt, bin ich auch wertgeachtet in seinen Augen. Und mein Wert hängt nicht davon ab, wie andere mich sehen, sondern wie Gott mich anschaut – mit den Augen eines liebenden Vaters oder einer liebenden Mutter.“
Wer sich selbst so sieht – als von Gott geliebtes und wertgeschätztes Geschöpf –, der kann dann auch andere Menschen auf diese Weise sehen. Eine kleine Szene ganz am Anfang der Passionsgeschichte, kurz vor dem Einzug Jesu in Jerusalem macht das deutlich (Mt 20,20-28; Mk 10,35-45). Da geht es um die Frage, wer im von Jesus angekündigten Reich Gottes die „Ehrenplätze“ rechts und links von ihm besetzen darf. Jesus weist diese Frage zurück und gibt seinen Jüngern – dem „Umkehrungsprinzip Gottes“ folgend – eine ganz andere „Platzanweisung“:

„Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun. So soll es nicht sein unter euch; sondern wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener; und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht, so wie der Menschensohn nicht gekommen ist, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele.“ (Mt 20,25-28)

„Die Letzten werden die Ersten sein“ – wer das glaubt, darf das „Gegenwort“ dazu nicht unterschlagen! „Die Letzten werden die Ersten sein ... und die Ersten werden die Letzten sein.“
Wenn die Hoffnung der „Letzten“ wahr werden soll, müssen die „Ersten“ sich zurücknehmen. Dann müssen sich die Verhältnisse ändern – zuerst im eigenen Herzen. Das „Umkehrungsprinzip“ Gottes bewirkt aufseiten der Menschen „Umkehr“ – weg von der Fixierung auf die eigene Größe und den Kampf um die ersten Plätze, hin zu einem solidarischen Miteinander, das auch einmal anderen den Vortritt lässt.
Wenn die Seligpreisungen der Bergpredigt nicht zu einer billigen Vertröstung auf jenseitiges Glück verkommen sollen, dann sind wir herausgefordert, jetzt schon unseren Beitrag dazu zu leisten, dass sie Wirklichkeit werden! Dass die Schere zwischen Arm und Reich sich schließt. Dass Leidende getröstet und Sanftmütige nicht untergebuttert werden. Dass Gerechtigkeit und Friede sich küssen (Ps 85,11). Dass Barmherzigkeit regiert und nicht die Macht des Stärkeren. Dass nicht Diskriminierung und Verfolgung das Miteinander auf diesem Planeten prägen, sondern die Freiheit der Kinder Gottes und das Vertrauen auf seine Zuwendung und Gnade.
Das beginnt im Kleinen. Wie wir miteinander umgehen in der Familie, in der Gemeinde, in dieser Stadt. Und es wirkt sich aus im Großen. Wie wir politische Entscheidungen treffen, mit den Ressourcen unseres Planeten haushalten oder unser globales Miteinander gestalten.
Und wenn du jetzt denkst: „Das alles ist eine Nummer zu groß für mich! Was kann ich schon bewirken? Wie kann Gott mich gebrauchen, um deutlich zu machen, dass seine Herrschaft längst angebrochen ist und sein Reich mitten unter uns wächst?“, dann schau mal in die Bibel, mit welchem „Bodenpersonal“ er den Himmel erdet. Da sind nämlich viele dabei, an die wir bei dieser Aufgabe sicher nicht zuerst gedacht hätten:
Noah hatte ein Alkoholproblem. Sara und Abraham waren alt. Isaak war blind. Rebekka manipulativ. Jakob war ein Betrüger. Lea war hässlich. Josef war ein Träumer. Mose ein Mörder. Gideon hatte Angst. Samson lange Haare. Rahab war eine Prostituierte. Jeremia war zu jung. David hatte eine Affäre. Elia Suizidgedanken. Jesaja predigte nackt. Jeremia hatte Grund zu klagen. Jona lief weg. Naomi war eine Witwe. Hiob ein vom Leben Gezeichneter. Johannes 1 aß Heuschrecken. Johannes 2 war selbstgerecht. Die Jünger schliefen ein beim Gebet. Marta hat sich um alles Sorgen gemacht. Maria war das egal. Maria Magdalena war krank. Den Jungen mit den Broten und den Fischen kannte niemand. Die samaritanische Frau hatte einen schlechten Ruf. Zachäus war zu klein. Petrus zu impulsiv. Markus hatte aufgegeben. Timotheus ein Magenproblem. Und Lazarus: Der war tot.
Wenn du also das nächste Mal denkst, dass Gott dich nicht gebrauchen kann: Schau mal in die Bibel! „Die Letzten werden die Ersten sein ... und die Ersten die Letzten.“

Amen

Literatur:
Susanne Krahe, Die Letzten werden die Ersten sein. Das Umkehrungsprinzip in der Bibel. Würzburg 1997.

(c) Volkmar Hamp