Was wir von Noah lernen können ...
(Genesis 8,1-12)


1 Da gedachte Gott an Noah und an alles wilde Getier und an alles Vieh, das mit ihm in der Arche war; und Gott ließ Wind auf Erden kommen, und die Wasser fielen.
2 Und die Brunnen der Tiefe wurden verstopft samt den Fenstern des Himmels, und dem Regen vom Himmel wurde gewehrt.
3 Da verliefen sich die Wasser von der Erde und nahmen immer mehr ab nach hundertfünfzig Tagen.
4 Am siebzehnten Tag des siebenten Monats setzte die Arche auf dem Gebirge Ararat auf.
5 Es nahmen aber die Wasser immer mehr ab bis auf den zehnten Monat. Am ersten Tage des zehnten Monats sahen die Spitzen der Berge hervor.
6 Nach vierzig Tagen tat Noah an der Arche das Fenster auf, das er gemacht hatte,
7 und ließ einen Raben ausfliegen; der flog immer hin und her, bis die Wasser vertrockneten auf Erden.
8 Danach ließ er eine Taube ausfliegen, um zu erfahren, ob die Wasser sich verlaufen hätten auf Erden.
9 Da aber die Taube nichts fand, wo ihr Fuß ruhen konnte, kam sie wieder zu ihm in die Arche; denn noch war Wasser auf dem ganzen Erdboden. Da tat er die Hand heraus und nahm sie zu sich in die Arche.
10 Da harrte er noch weitere sieben Tage und ließ abermals die Taube fliegen aus der Arche.
11 Sie kam zu ihm um die Abendzeit, und siehe, sie hatte ein frisches Ölblatt in ihrem Schnabel. Da merkte Noah, dass die Wasser sich verlaufen hatten auf Erden.
12 Aber er harrte noch weitere sieben Tage und ließ die Taube ausfliegen; sie kam nicht wieder zu ihm. 



Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,

woran denkt ihr, wenn ihr an die Geschichte von Noah und der Großen Flut denkt? An Kinderbibelbilder, auf denen eine lange Schlange paarweise aufgereihter Tiere in die Arche zieht? Oder an den Regenbogen über dem Berg Ararat, als die Tiere sie wieder verlassen? Oder fällt euch die Taube ein, das Symbol der Friedensbewegung in den 60er und 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts?
All diese Dinge gingen mir durch den Kopf, als ich erfuhr, welcher Predigttext für den heutigen Sonntag vorgeschlagen war. So erinnerte ich mich an ein Kinderbibelbild, auf dem tatsächlich zwei prächtige Löwen mit mächtigen Mähnen die Rampe zur Arche hinauf stolzierten. Ich weiß noch, wie ich dachte: „Wenn das tatsächlich zwei Löwenmännchen gewesen wären damals, die Nachzucht nach der Sintflut hätte nicht geklappt!“
Und überhaupt: Wie soll das denn funktioniert haben mit all den Millionen Tierarten in einem Schiff? Mehr als 200 Tage lang? Was haben die gefressen? Wie waren die untergebracht? Wie sind die miteinander klar gekommen?
Und was war mit den Fischen? Wenn die auch gestorben sind in den Fluten, gab es auf der Arche dann Aquarien? Für jedes Fischpaar eins? Und wenn die Fische im Wasser überlebt haben, wieso mussten all die anderen Tiere wegen der Bosheit der Menschen sterben? Ist das nicht ungerecht?
Und dann fiel mir noch jenes kleine Mädchen ein, das in einem Kinderbrief an den lieben Gott fragte: „Durften wirklich nur zwei von jeder Tierart in die Arche? Wo wir doch drei Katzen haben!?“
Das ist schon eine „merk-würdige“ Geschichte, die da ganz am Anfang der Bibel erzählt wird. Gott bereut, die Menschen erschaffen zu haben, weil alles Dichten und Trachten des menschlichen Herzens von Anfang an immer nur böse war. Er beschließt, die Menschheit zu vernichten – gemeinsam mit allen Landtieren, allem Gewürm und allen Vögeln unter dem Himmel (Gen 6,5-7). Nur Noah findet Gnade vor den Augen des Herrn (Gen 6,8). Er und seine Familie und von jedem Tier ein Paar werden gerettet (Gen 6,9 – 8,20). Und am Ende beschließt Gott, die Erde nie wieder zu verfluchen um der Menschen willen – und zwar aus genau demselben Grund, aus dem er sie zu Beginn der Flut noch vernichten wollte, eben „weil das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens böse ist von Jugend auf“ (Gen 8,21-22).
Hä? Was soll denn das? Hätte Gott sich das ganze Theater dann nicht sparen können? Warum diese totale Zerstörung, wenn am Ende nichts besser ist als vorher? Was ist das denn für ein Gott, der darüber nicht nachdenkt, bevor er sein Zerstörungswerk in Gang setzt?
Ihr merkt schon, man kommt mit dieser Geschichte nicht zurecht, wenn man sie auf diese Weise liest. Hier wird kein historisches Geschehen aus ferner Vorzeit berichtet. Hier wird – wie auch sonst in der Urgeschichte der Bibel (Gen 1-11) – in Form einer Erzählung etwas über die Grundbedingungen menschlicher Existenz ausgesagt. Und zu diesen Grundbedingungen gehört, dass unser Leben auf dieser Erde immer gefährdet ist.

Shit happens – oder: Das Leben ist immer gefährdet
Shit happens! Schicksalsschläge passieren. Es gibt Unglücke und Katastrophen. Und niemand ist davor gefeit.
Manchmal lässt sich dafür ein Schuldiger finden, aber längst nicht immer. Und oft ist nicht derjenige schuld, den das Unglück trifft, sondern ein ganz anderer. Dann stellt sich die Frage, wie man angesichts solcher Schicksalsschläge noch an einen allmächtigen und guten Gott glauben kann.
Die Geschichte von Noah und der Großen Flut beschreibt kein historisches Geschehen. Geologen haben sich vergeblich bemüht, diese eine, alles vernichtende Flut in der Erdgeschichte nachzuweisen. Und alle Berichte, auf dem Berg Ararat sei die versteinerte Arche Noah gefunden worden, haben sich als „Fake News“ erwiesen.
Aber in dieser Geschichte – als Urgeschichte – verdichten sich menschliche Erfahrungen. Erfahrungen von der Gefährdung des Lebens durch die Gewalt der Natur zum Beispiel. Und von wunderbarer Rettung aus Todesnot.
Als diese Geschichte ihre jetzige Form bekam (im 6. Jhdt. v. Chr.), war gerade eine ganz andere „Flut“ über Israel hinweg gegangen. Die Eroberung durch die Großmächte der Assyrer und der Babylonier hatte vielen Israeliten die Existenz weggespült und sie selbst auf ihren Fluten in die Verbannung getragen.
Die Propheten hatten dieses Geschehen als Strafe Gottes für die Sünden des Volkes gedeutet. Und sie hatten dem gedemütigten und verschleppten Volk Rettung aus der Gefangenschaft und die Rückkehr ins Gelobte Land in Aussicht gestellt.
Es gibt Schicksalsschläge und Katastrophen, die können wir als „Strafe Gottes“ oder selbst verschuldete Konsequenz eigenen Handelns deuten. Heute vielleicht mehr denn je! So steht seit ein paar Wochen ein Buch des Physikers Harald Lesch auf den Bestsellerlisten, das den Titel trägt: „Die Menschheit schafft sich ab. Die Erde im Griff des Anthropozän“ (Komplett-Media, Grünwald 2016).
Lesch beschreibt darin, wie der Mensch in den letzten Jahrhunderten das „Macht euch die Erde untertan!“ aus der biblischen Schöpfungsgeschichte (Gen 1,28) perfektioniert und zugleich pervertiert hat. Statt sie zu bebauen und zu bewahren – wie der Schöpfungsauftrag an den Menschen eigentlich lautet (Gen 2,15) –, hat er die Erde ausgebeutet und ihr irreparable Schäden zugefügt. Ja, wir sind drauf und dran unsere eigenen Lebensgrundlagen auf diesem Planeten zu vernichten und uns auf diese Weise „selbst abzuschaffen“.
Manche hoffen angesichts dieser Entwicklung, dass es vielleicht noch rechtzeitig gelingt, eine „Arche“ zu bauen – Mehrgenerationenraumschiffe zum Beispiel, die uns zu fernen Planeten bringen, auf denen das menschliche Leben weitergehen kann. Aber wer soll an Bord dieser Raumschiffe gehen – wenn sie je gebaut werden – und wer bleibt zurück?
Viel wahrscheinlicher ist, dass der Klimawandel oder ein Atomkrieg das menschliche Leben auf diesem Planeten vernichten, bevor es gelingt, solche „Archen“ zu bauen. Die sog. „Atomkriegsuhr“ – eine symbolische Uhr der Atomwissenschaftler dieser Welt – steht seit dem 26. Januar 2017 auf zweieinhalb Minuten vor zwölf. Näher am Abgrund nuklearer Selbstzerstörung stand die Menschheit bisher nur selten!
Die „Arche“ – vielleicht ist das der Planet, auf dem wir leben? Wenn es uns nicht gelingt, ihn zu bewahren, wird das Zeitalter des Menschen (das Anthropozän) als eines der kürzesten Erdzeitalter in die Geschichte des blauen Planeten eingehen.
Das ist der „große Horizont“, vor dem wir diese alte Geschichte heute lesen können. Darin und darunter gibt es die vielen „kleinen Horizonte“, die uns vielleicht viel näher sind: große und kleine Katastrophen, die uns in unserem persönlichen Leben treffen und unser Herz beschweren.
Wer hier die „Schuldfrage“ stellt, greift – wie die Freunde Hiobs – oft zu kurz. Einen klaren „Tun-Ergehen-Zusammenhang“ (Unglück als Strafe für Schuld) gibt es nicht immer. Mancher Schicksalsschlag trifft uns, ohne dass irgendjemand etwas dafür kann, am wenigsten wir selbst. Und es gibt Situationen, in denen wir ausbaden, was andere verschuldet haben – oder umgekehrt.
Wie gehen wir mit solchen Situationen um? Welche „Arche“ trägt uns durch solche Geschichten hindurch? Wie bewahren wir in ihnen die Hoffnung?

Gott denkt an uns – oder: Wir sind nie allein
Das erste, was mir dazu von unserem Predigttext her einfällt, ist, dass wir auch in solchen Situationen nie alleine sind. Gott denkt an uns! So wie er in unserer Geschichte an Noah und die Tiere dachte, die mit ihm in der Arche waren (Vers 1a). Auch wenn die in ihren dunklen Kasten Eingeschlossenen noch nichts davon ahnten, Gott hatte sich längst auf den Weg gemacht, um sie zu retten (Vers 1b-3). Spürbar wird das in dieser Geschichte erst, als die Arche auf festem Grund aufsetzt (Vers 4). Angefangen hat es aber schon viel früher. Ich finde, das ist ein tröstlicher Gedanke. Gott ist da und sorgt am Ende dafür, dass wir nicht ins Bodenlose fallen.
Der evangelische Pfarrer und Kirchenliederdichter Arno Pötzsch (1900-1956) hat diesen Gedanken 1941 – also mitten im Zweiten Weltkrieg – in einem Gedicht so festgehalten:

„Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand, die er zum Heil uns allen barmherzig ausgespannt.
Es münden alle Pfade durch Schicksal, Schuld und Tod doch ein in Gottes Gnade trotz aller unserer Not.
Wir sind von Gott umgeben auch hier in Raum und Zeit und werden in ihm leben und sein in Ewigkeit.“


Schöne Sätze! Doch was können sie uns bedeuten? Sicher nicht, dass Gott uns vor allem Leid und allem Unglück schützt. Das wusste auch Arno Pötzsch, der immerhin zwei Weltkriege miterlebte. Ein Leben ohne Leid und Schmerz gibt es nicht!
Aber in allem Leid und Schmerz können wir die Erfahrung machen, dass Gott uns hält. „Wir alle fallen“, schreibt Rainer Maria Rilke (1875-1926) in einem Gedicht (1902), „diese Hand da fällt. / Und sieh dir andre an: es ist in allen. // Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen / unendlich sanft in seinen Händen hält.“
Diese Erfahrung können wir machen. Und diese Erfahrung ist in der uralten Geschichte von Noah und der Arche für uns aufgehoben.

Beten – und nicht in Resignation und Passivität versinken
Doch was tun wir, wenn wir mitten in solch einer Situation stecken, in der alles über uns zusammenschlägt und wir kein Land mehr sehen? Was tut Noah in unserer Geschichte? Noah öffnet ein Fenster zum Himmel (Vers 6). Und er schickt Vögel aus, die das Terrain da draußen für ihn erkunden (Vers 7-12).
Für mich übersetze ich das so: Noah betet. Und dabei verfällt er nicht in Resignation und Passivität, sondern streckt geduldig seine Fühler aus, um nach Zeichen für das rettende Eingreifen Gottes zu suchen.
„Not lehrt beten“, sagt ein altes Sprichwort. Der Schriftsteller Theodor Fontane (1819-1898) fügt hinzu: „Sie lehrt auch denken und wer immer satt ist, der betet nicht viel und denkt nicht viel.“
Da ist vermutlich was dran. Auch wenn an dem Punkt der Noah-Geschichte, an dem wir uns hier befinden, das Schlimmste schon vorbei ist. Da hat die Arche schon 150 Tage starken Seegang hinter sich und ist bereits auf festem Grund gelandet.
Und trotzdem braucht Noah noch viel Geduld, bis die Wasser sich verlaufen haben und er mit seinen Leuten und den Tieren wieder festen Boden unter den Füßen spürt.
Ich glaube, genau das ist die Herausforderung, vor der auch wir stehen: die Geduld nicht zu verlieren! Hoffnung zu bewahren. Nicht in Resignation und Passivität zu versinken, sondern immer wieder nach Zeichen der Gegenwart Gottes in dieser Welt und in unserem Leben Ausschau zu halten – und vielleicht auch selbst an der einen oder anderen Stelle solche Zeichen zu setzen und zu sein.
Das gilt im persönlichen Leben – und vielleicht ist es da besonders schwer, weil es besonders existentiell und nah ist! Das gilt aber auch im Blick auf die Welt, in der wir leben, in der es zweieinhalb Minuten vor zwölf ist und in der sich Stürme zusammenbrauen, deren Folgen wir noch gar nicht abschätzen können.
„Mach ein Fenster dran!“, sagt Gott zu Noah, als er ihm den Auftrag zum Bau der Arche gibt (Gen 6,16). Ich stelle mir vor, wie Noah da den Kopf geschüttelt hat. Ein Fenster? Wozu denn das? Das ist doch nur eine undichte Stelle, durch die Wasser eindringen kann! Aber Gott weiß, dass wir solche „Fenster“ brauchen. Fenster, durch die wir Kontakt aufnehmen können mit der Welt da draußen und mit ihm. Fenster, durch die wir einen Blick werfen dürfen in seine Wirklichkeit.
„Nah ist / und schwer zu fassen der Gott. / Wo aber Gefahr ist, wächst / das Rettende auch.“ Das schrieb der Lyriker Friedrich Hölderlin (1770-1843) vor etwa 200 Jahren in einem Gedicht. Eine tiefe Wahrheit, wie ich finde! Und wenn wir gleich miteinander Abendmahl feiern, dann gibt uns Gott dadurch ein Zeichen für diese Wahrheit. Brot und Wein sind nämlich – wie das Ölblatt im Schnabel der Taube – Zeichen dafür, dass Gott uns und diese Welt nicht aufgibt, dass ER alles Fallen „unendlich sanft in seinen Händen hält“, dass nicht der Tod, sondern das Leben das letzte Wort haben wird und dass wir uns als Teil der großen Begeisterung Gottes für das Leben verstehen dürfen.

Gott segne euch!

© Volkmar Hamp