Damit das Fest des Lebens weitergeht ...
(Johannes 2,1-11)



Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,

ein Gedicht des Schriftstellers Hermann Hesse (1877-1962) enthält folgende berühmt gewordene Zeilen:

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“


Noch stehen wir am Anfang eines neuen Jahres. Und die Perikopenordnung der evangelischen Kirche schlägt für diesen dritten Sonntag im neuen Jahr einen Predigttext vor, der ziemlich am Anfang des Johannesevangeliums steht und dem auch irgendwie „ein Zauber innewohnt“.
Es handelt sich um die bekannte Geschichte von der Hochzeit zu Kana (Joh 2,1-11), das erste „Zeichen“, das Jesus im Johannesevangelium tut, um seine Herrlichkeit zu offenbaren und den Glauben seiner Jünger zu wecken (Joh 2,11).
Das Johannesevangelium geht ja überhaupt rasant zur Sache. Es hält sich nicht mit Geschichten über die Kindheit Jesu auf, sondern startet gleich nach einem furiosen Prolog (Joh 1,1-18) mit dem Zeugnis Johannes des Täufers über Jesus (Joh 1,19-28). Am nächsten Tag folgt die erste Begegnung der beiden (Joh 1,19-34), an den kommenden beiden Tagen die Berufung der ersten Jünger (Joh 1,35-42 und 43-51) und dann – „am dritten Tage“ – ist da diese Hochzeit zu Kana in Galiläa (Joh 2,1a).
Das geht so sehr Schlag auf Schlag, dass Johannes gar nicht auffällt, dass er eigentlich schon beim fünften Tag seiner Jesusgeschichte angekommen ist. Aber vielleicht zählt er hier auch vom Beginn des öffentlichen Handelns Jesu.
Sei’s drum: Da war also – ganz am Anfang der Jesusgeschichte – diese Hochzeit. Die Mutter Jesu war da. Und Jesus und seine Jünger waren auch eingeladen (Joh 2,1b-2).

Johannes 2,3-11:
3 Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: „Sie haben keinen Wein mehr.“
4 Jesus spricht zu ihr: „Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen!“
5 Seine Mutter spricht zu den Dienern: „Was er euch sagt, das tut.“
6 Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße (das sind etwa 40 Liter).
7 Jesus spricht zu ihnen: „Füllt die Wasserkrüge mit Wasser!“
Und sie füllten sie bis obenan.
8 Und er spricht zu ihnen: „Schöpft nun und bringt’s dem Speisemeister!“
Und sie brachten’s ihm.
9 Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten’s, die das Wasser geschöpft hatten –, ruft der Speisemeister den Bräutigam 10 und spricht zu ihm: „Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie trunken sind, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten.“
11 Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat. Es geschah zu Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.


Semeia – „Zeichen“ – so heißen im Johannesevangelium die „Wunder“ Jesu. Diese Wunder stehen also nicht für sich selbst, sondern für etwas anderes. Sie sind Zeichen dafür, dass Jesus der von Gott gesandte Offenbarer ist, dass mit ihm tatsächlich die Herrlichkeit Gottes in dieser Welt anbricht. Und weil die Wunder „Zeichen“ sind, müssen sie gelesen, gedeutet und verstanden werden.
Fragen wir also, wofür das Wunder in dieser Geschichte als Zeichen steht – und wie die Menschen, die es miterleben, dieses Zeichen deuten!
Das muss man sich ja auf der Zunge zergehen lassen, dass das erste Wunder, das Jesus im Johannesevangelium wirkt, die Verwandlung von Wasser in Wein ist. Keine Krankenheilung, keine Totenauferweckung, keine Speisung Hungernder, keine Rettung von Schiffbrüchigen aus Todesnot – sondern die Verwandlung von Wasser in Wein, damit ein Bräutigam sich bei seiner Hochzeit nicht blamiert.
Darüber kann man schon mal nachdenken, oder?! Lässt Jesus sich hier nicht instrumentalisieren, um das Luxusproblem eines Einzelnen zu lösen? Rührt sein anfänglicher Widerwille, sich mit diesem Problem überhaupt zu beschäftigen, vielleicht genau daher?
Das ist ja eine starke Szene! Da bemerkt die Mutter Jesu, dass bei diesem Hochzeitsfest der Wein ausgeht. Vielleicht hat sie ein schlechtes Gewissen deswegen. Vielleicht ist die Horde junger Männer, die mit ihrem Sohn zu dieser Hochzeit eingeladen wurde, nicht ganz unschuldig an diesem Problem.
Jedenfalls geht Maria zu ihrem Sohn und sagt: „Sie haben keinen Wein mehr!“ (V. 3) Und wer eine Mutter hat, der weiß, dass ein solcher Satz – auch wenn er als Indikativ formuliert ist – einen Imperativ, eine Aufforderung, eine Bitte, einen Befehl enthält.
„Der Müll ist schon wieder voll!“, „Es hat geschneit heut Nacht!“, „Wir haben kein Mineralwasser mehr!“ – solche Sätze sind, von einer Mutter an ihren erwachsenen Sohn gerichtet, mehr als Beschreibungen eines schlichten Sachverhalts. Sie haben immer Aufforderungscharakter. Sie sagen: „Kümmere dich bitte darum! Bring den Müll raus! Geh Schnee schippen! Hol Wasser aus dem Keller!“
Und natürlich hat Jesus das auch so verstanden! Wie jeder 30jährige, der ein Leben lang von seiner Mutter solche Sätze gehört hat.
Und doch ist die Reaktion Jesu ungewöhnlich schroff. „Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ (V. 4) So spricht man doch nicht mit der eigenen Mutter! Jeder, der diese Geschichte hört oder liest, spürt an dieser Stelle: Hier geht es nicht um ein logistisches Problem bei einer Hochzeit. Hier geht es auch nicht um einen Mutter-Kind-Konflikt. Hier geht es um viel, viel mehr.
Zehn Kapitel später wird deutlich, worum es eigentlich geht. Da sagt Jesus zu seinen Jüngern: „Jetzt ist die Zeit gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.“ (Joh 12,23) Und anschließend erklärt er ihnen, dass diese „Verherrlichung“ durch Leid und Tod hindurch geschehen muss (Joh 12,24-33).
Darauf spielt der Verfasser des Johannesevangeliums hier an. Wenn Jesus sich jetzt diesem Problem widmet, dann bewahrt er nicht nur den Gastgeber dieser Hochzeit vor einer peinlichen Blamage – dann offenbart er seine Herrlichkeit, sein Wesen, sich selbst. Und setzt damit eine Geschichte in Gang, die wenig später zu seinem eigenen Leiden und Sterben führen wird.
Denn was immer Jesus jetzt tut, es wird nicht unbemerkt bleiben. Menschen werden begreifen, wer Jesus ist, an ihn glauben, ihm nachfolgen. Und das wird Widerstand auslösen, Gegner auf den Plan rufen, sein Leben und das seiner Nachfolger gefährden.
Ob seiner Mutter das klar war, wird man bezweifeln dürfen. Sie ist – wie die meisten Mütter – von ihrem Sohn dermaßen überzeugt, dass sie dessen Einwand einfach ignoriert und die Diener des Bräutigams an ihren Sohn verweist: „Was er euch sagt, das tut.“ (V. 5)
Und Jesus? Jesus lässt sich umstimmen. Ob durch den äußeren Druck der Mutter oder aus eigenem Antrieb, ist letztlich egal. Er entscheidet sich in dieser Situation, ein Zeichen zu geben, wer er in Wahrheit ist: der von Gott gesandte Offenbarer, in dem der Himmel die Erde berührt, der Sohn Gottes, in dem die Herrlichkeit Gottes in dieser Welt sichtbar wird! (V. 11)
Und was für ein Zeichen das ist! Sechs Wasserkrüge à 40 Liter! 240 Liter Wein! Wer soll das trinken? Viele haben sich über dieses „Luxuswunder“ schon Gedanken gemacht, bei dem Jesus mehr verwandelt, als nötig gewesen wäre. Wein im Überfluss! „Wir trinken heute noch davon“, soll der Kirchenvater Hieronymus (347-420) geantwortet haben, als man ihn nach dem Sinn dieses überflüssigen Überflusswunders gefragt hat.
Warum gerade dieses Wunder als erstes „Zeichen“ im Johannesevangelium? Weil es etwas sehr Wichtiges und Grundlegendes über Gott und Jesus deutlich macht! Nämlich, dass das Ziel aller Wege Gottes mit und in dieser Welt ist, dass das Fest des Lebens weitergehen kann! Das Wunder in dieser Geschichte ist, dass Jesus Wasser in Wein verwandelt und so seinen Gastgeber vor einer großen Peinlichkeit bewahrt. Das Zeichen aber, für das dieses Wunder steht, ist, dass die Herrlichkeit Gottes in dieser Welt immer dann sichtbar wird, wenn wir erleben, wie Gott dafür sorgt, dass das Fest des Lebens weitergehen kann!
Ich habe in der vergangenen Woche einen Artikel für unser GJW-Magazin HERRLICH geschrieben. Darin geht es um Albert Schweitzer (1875-1965) und seine Philosophie der „Ehrfurcht vor dem Leben“.
„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will!“, sagt Schweitzer. Und weil das so ist, fühlt er sich dazu aufgefordert, „allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vor dem Leben entgegenzubringen wie dem eigenen ... Gut ist, Leben erhalten und Leben fördern; böse ist, Leben vernichten und Leben hemmen.“ (Schweitzer, Kultur und Ethik. 2. Teil, 239)
Nichts anderes geschieht hier in dieser Geschichte. Jesus sorgt dafür, dass das Fest des Lebens weitergehen kann. Hochzeiten sind ja ein Symbol dafür. Sie sind selbst ein Fest der Liebe und des Lebens. Wenn also Jesus hier dafür sorgt, dass diese Hochzeit weitergehen kann, dann ist das ein Zeichen für das, wofür Jesus auch sonst steht: dafür, dass wir „das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10).
„Schön und gut“, denkst du jetzt vielleicht, „es mag ja sein, dass Gott und Jesus für diese ‚Fülle des Lebens’ stehen. Und irgendwie glaube ich das ja auch. Nur fühlt es sich in meinem Leben gerade nicht so an! Und in dem, was um uns herum in dieser Welt geschieht, schon mal gar nicht!“
Da hast du Recht. Das ist so. Was hier bei dieser Hochzeit geschieht, ist eben nur ein „Zeichen“. Es geschieht nicht immer und überall. Auf manchen Hochzeiten geht der Wein aus. Nicht jedes Leben ist von überfließender Fülle geprägt. Und mit der „Ehrfurcht vor dem Leben“ ist es oft auch nicht sehr weit her.
Und doch sind – nicht erst seit Jesus – diese „Zeichen“ in der Welt! Menschen vertrauen darauf, dass Gott es gut mit ihnen meint. Und immer da, wo wir miteinander das Leben feiern, feiern wir zugleich den Gott des Lebens.
„Es ist Zeit zu handeln“, schreiben Anna aus Polen, Thomas aus Deutschland, Matt aus Südafrika, Anna aus Finnland, Joana aus Portugal, Leen aus Belgien, Maria aus Mexiko, Jan aus Norwegen, Magda aus Sri Lanka, Ilaria aus Italien, Nathalia aus Brasilien und viele, viele andere in ihrem „Manifest“ zu einem dreieinhalb Monate dauernden Marsch von Berlin nach Aleppo, zu dem sie am 26. Dezember 2016 aufgebrochen sind (www.civilmarch.org).

„Es ist Zeit zu handeln. Wir können nicht weiter vor unseren Bildschirmen sitzen und nichts tun, schreiben, wie schrecklich das ist, behaupten, dass wir machtlos sind. Nein, wir sind nicht machtlos. Dafür sind wir viel zu viele!
Wir gehen von Berlin nach Aleppo über die sogenannte ‚Flüchtlingsroute’, nur in die andere Richtung.
Uns wurde beigebracht, uns der Situation und dem Krieg zu fügen. Uns wurde beigebracht, uns vor den Mächtigen, die die Fäden ziehen, zu fürchten. Wir wurden dazu gebracht, auf der Seite der ‚Guten’ zu stehen und den ‚Bösen’ die Schuld zu geben, die Aufteilung von Menschen in die Besseren und die Schlechteren zu akzeptieren, diejenigen, die nachts in Sicherheit in ihrem warmen Bett schlafen können und diejenigen, die um ihr Leben bangen und flüchten müssen. ‚So ist das eben’, wurde uns gesagt.
Aber wir können das nicht länger akzeptieren. Wir haben unsere stille Zustimmung widerrufen. Wir sind bereit, der Machtlosigkeit ein Ende zu bereiten. Wir wollen losgehen und Menschen helfen, die genau so sind wie wir, außer dass sie eben nicht das Glück haben, in Berlin, London oder Paris geboren zu sein. Als Bürger für Bürger werden wir marschieren, Hand in Hand, von Berlin über die Tschechische Republik, Österreich, Slowenien, Kroatien, Serbien, Mazedonien, Griechenland und die Türkei nach Aleppo. Es ist ein langer Weg. Genau so lang wie der, den die Geflüchteten nehmen mussten, um ihr Leben zu retten. Jetzt wollen wir dasselbe tun, um weitere Leben zu retten. Und wir werden dies zusammen, in einer großen, großen Gruppe tun.
Wir sind ganz normale Menschen. Wir repräsentieren keine bestimmte politische Partei oder Organisation. Wir werden weiße Flaggen tragen, um der Welt unsere Nachricht mitzuteilen: Genug ist genug. Dieser Krieg muss enden!
Und dieser Krieg kann beendet werden. Dazu sind nur ein paar Unterschriften nötig. Aber während wir darauf warten, dass dies passiert, können wir dem Leid der Bewohner Aleppos nicht weiter tatenlos zusehen. Kein Mensch verdient es, das durchzumachen. Es ist kein ‚normaler’ Krieg mehr, wenn Kinderkrankenhäuser zu Zielen werden. Wir wollen nicht weiterhin aus sicherer Distanz dabei zusehen. Und wir werden es nicht tun! Wir sind fest entschlossen, dieses Gefühl von Machtlosigkeit abzuschütteln und zu handeln. Wir sind entschlossen, wir sind vereint und wir werden so lange marschieren, wie nötig. Für den Frieden.
Denkst du auch, dass es jetzt reicht? Willst du auch mehr tun, als vor deinem Bildschirm zu weinen? Wir sind schon zu lange tatenlos geblieben. Unsere Tränen und unsere Wut müssen in Handlung umgesetzt werden. Dies ist unsere Handlung. Wir gehen nach Aleppo. Was wird dort passieren? Werden sie eine Gruppe von 5.000 Menschen bombardieren? Werden sie es wagen, das zu tun? Du denkst, wir sind verrückt? Wir denken, dass es verrückt ist, weiterhin tatenlos herumzusitzen und zu warten, bis alle sterben.
Lasst uns nicht weiter warten. Lasst uns einfach losgehen und diesen Wahnsinn stoppen.
Wir gehen am 26. Dezember von Berlin aus los. In einer Gruppe von 3.000 Menschen. Wirst du uns begleiten?“


Auch das, was Anna aus Polen, Thomas aus Deutschland, Joana aus Portugal und all die anderen mit diesem „Marsch auf Aleppo“ tun, ist letztlich nur ein Zeichen. Es wird die Welt nicht verändern. Und es wird vermutlich auch nicht der entscheidende Impuls sein, diesen unseligen Krieg zu beenden.
Aber es ist doch ein Anfang. Und vielleicht ist es genau das, worauf es ankommt! Dass jeder und jede von uns an genau der Stelle, wo er oder sie es mag, kann und will, Zeichen setzt und immer wieder neu damit beginnt, das Leben zu feiern und zu fördern.


Stufen (Hermann Hesse)

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern. Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe Bereit zum Abschied sein und Neubeginne, Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern In andre, neue Bindungen zu geben. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, An keinem wie an einer Heimat hängen, Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten. Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen; Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde Uns neuen Räumen jung entgegen senden, Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden, Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!



Einspiellied:
Gerhard Schöne, Spar deinen Wein nicht auf für morgen

(c) Volkmar Hamp