Geduldig sein und das Herz stärken
(Jakobus 5,7-8)


Liebe Geschwister, liebe Freundinnen und Freunde,


ich halte mich für einen einigermaßen geduldigen Menschen. Ich weiß nicht, wie andere das sehen, aber ich selbst schätze mich so ein. Und doch gibt es Situationen, in denen es selbst mir schwer fällt, geduldig zu sein. Als ich im Frühjahr dieses Jahres auf die Ergebnisse einiger medizinischer Untersuchungen warten musste war das zum Beispiel so. Und im Blick auf Veränderungen, die bei mir in den nächsten Wochen und Monaten anstehen, ist das wieder so. In kleinen Dingen, die keine großen Auswirkungen auf mein Leben haben, fällt Geduld mir leicht. In großen Dingen eher nicht.
Den ersten Christen ging das nicht viel anders. Da hatte Jesus ihnen den baldigen Anbruch der Gottesherrschaft angekündigt, und gekommen war – die Kirche (Alfred Loisy). Der gekreuzigte Jesus von Nazareth war zwar von den Toten auferstanden, das glaubten und bezeugten sie, aber seine Ankündigung wiederzukommen und das Reich Gottes endgültig sichtbar aufzurichten, hatte er noch nicht eingelöst. So gingen die Jahre ins Land. Die ersten Auferstehungszeugen starben. Darunter auch solche, die fest daran geglaubt hatten, sie würden die Wiederkunft Christi noch miterleben. Was nun?
In dieser Zeit – um 100 n. Chr. – schreibt der Verfasser des Jakobusbriefes seinen Rundbrief an die gesamte damals bekannte Christenheit, die er „die zwölf Stämme in der Zerstreuung, der Diaspora“ nennt (Jak 1,1). Er schreibt unter anderem folgendes:

Jakobus 5,7-8
„So seid nun geduldig, Brüder und Schwestern, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.“


Das Kommen des Herrn ist nahe! Das ist traditionell das Motto, das über dem zweiten Adventssonntag steht. Das Kommen des Herrn ist nahe! An diesem Tag erinnern wir uns an dieses Versprechen, dessen Erfüllung auch heute noch aussteht.
Welche Bedeutung hat das für uns? Sehnt ihr euch das Kommen des Herrn, den endgültigen Anbruch der Gottesherrschaft herbei? Oder haltet ihr es eher mit jenen Christen, die der Liedermacher Manfred Siebald in einem seiner Lieder so beschreibt: „Sie beten laut: ‚Herr, komm doch wieder!’ und denken leise: ‚Jetzt noch nicht!’.“

Worauf warten wir?
Was erhoffen wir?
Was sehnen wir herbei?

Für die Adressaten des Jakobusbriefes war das klar: Sie warteten auf das Kommen des Herrn. Parousía, das Wort, das hier im Griechischen steht, meint ursprünglich das plötzliche, machtvolle Erscheinen eines Gottes oder irdischen Herrschers. Da tritt ein Mächtiger durch die Tür – und seine Anwesenheit verändert mit einem Schlag alles.
So stellten sich die ersten Christen die Wiederkunft Jesu am Ende der Zeit vor. Mit ihr würde alles anders werden. Das Reich Gottes, die Herrschaft der Gerechtigkeit und des Friedens, würde Wirklichkeit sein – nicht mehr nur hier und da in einzelnen Taten der Liebe, sondern umfassend und für alle Menschen. Daran glaubten und darauf hofften sie. Das glauben und hoffen auch wir.

Aber wie sollen wir uns das vorstellen?
Wie kommt denn das Reich Gottes in diese Welt?

Das Bild, das Jakobus in seinem Brief gebraucht, ist uns vertraut. Von einem Bauern ist da die Rede, der auf die Ernte, auf „die kostbare Frucht der Erde“ wartet. So hat auch Jesus schon vom Reich Gottes gesprochen. In Bildern des Säens und Erntens, des Wachsen und Reifens.
Das müssen wir uns immer wieder klar machen, weil wir so gerne sagen, dass das Reich Gottes „gebaut“ wird und dass wir durch unser christliches Engagement beim „Bau des Gottesreiches“ helfen.
So ein Quatsch! Die neue Welt Gottes wird nicht gebaut. Sie wächst heran. Sie ist längst eingesät in diese Welt und wird irgendwann hervorbrechen. Technische Bilder können das nicht angemessen beschreiben. Als ob wir im Blick auf die Gottesherrschaft irgendetwas beizutragen, zu bewerkstelligen, herbeizuführen hätten!
Es ist kein Zufall, dass Jesus, wenn er vom Reich Gottes spricht organische Bilder bevorzugt, Bilder aus dem Bereich der Landwirtschaft und der Natur:

„Mit dem Reich Gottes“, sagt er, „ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät; dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst, und der Mann weiß nicht, wie. Die Erde bringt von selbst ihre Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn in der Ähre. Sobald aber die Frucht reif ist, legt er die Sichel an; denn die Zeit der Ernte ist da.“ (Mk 6,26-29)

Genauso Jakobus: „Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen.“

In Palästina, das muss man wissen, wird Mitte Oktober gepflügt und gesät, kurz nachdem der „Frühregen“ gefallen ist. Der bringt die Saat zum Sprossen und sorgt dafür, dass sie wächst. Im späten Frühjahr des Folgejahres fällt dann der „Spätregen“. Er bringt die Frucht zur Reife, so dass im Frühling das Getreide geerntet werden kann. Im Herbst folgen dann die anderen Früchte.
Jakobus geht es – anders als Jesus – aber nicht um diesen Vorgang das Säens und Erntens selbst als Bild für das Gottesreich. Ihm geht es um die Geduld des Bauern, mit der dieser die Frucht der Erde erwartet und die Sorge um das Gelingen der Ernte getrost Gott überlässt. Der Vergleichspunkt in unserem Predigttext ist also nicht das Warten auf den Anbruch der Gottesherrschaft, sondern die Art und Weise dieses Wartens.
„Der Bauer kann das Wachsen und Reifen der Früchte nicht beschleunigen, sondern in der von Gott gewährten, durch Regen gesegneten Zeit nur mit unentwegter Geduld und Hoffnung erwarten.“ (Schrage 53) „Der Vergleich aus der Landwirtschaft deutet auf ein festliegendes Zeitmaß; die Ernte kommt im Rhythmus der Natur. Darauf kann man sich verlassen; aber ändern kann man daran nichts.“ (Popkes 322)
Ein afrikanisches Sprichwort sagt: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“ Oder: „Aus einem Ei schlüpft ein Küken, wenn man es ausbrütet, nicht wenn man es aufschlägt.“
Geduld ist eine Tugend. Das Bild vom geduldig wartenden Bauern macht deutlich, dass Wachstumsprozesse – auch das Wachsen der Gottesherrschaft – ihre Zeit brauchen. Sie können nicht abgekürzt werden. Wir können sie nicht beschleunigen. Das Bild macht aber auch deutlich, dass am Ende solcher Prozesse – als unaufhaltsam-sichere Konsequenz – die Ernte steht. Darum sind Resignation und Verbitterung über die ungerechten Zustände in der Welt und über das Ausbleiben des Eingreifens Gottes keine Option. Wie der Bauer geduldig auf die Ernte wartet, weil er weiß, dass sie sicher kommen wird, so können wir im sicheren Wissen um die Wiederkunft Christi geduldig sein.

Aber was bedeutet das konkret?
Abwarten und Tee trinken?
Die Hände in den Schoß legen und Gott einen guten Mann sein lassen?

Das deutsche Wort „Geduld“ geht auf eine germanische Wurzel zurück, die so viel wie „tragen“ oder „ertragen“ bedeutet. Das Wort, das hier im Griechischen steht, kann man auch mit „Langmut“ übersetzen. Dieses schöne, alte Wort („Langmut“ – langer, ausdauernder Mut) kommt dem, was Jakobus mit „Geduld“ meint, sehr nahe. Kein passives „den Kopf in den Sand stecken“, sondern ein mutiges Zugehen auf das, was auf uns zukommt.
„Schön und gut“, denkst du jetzt vielleicht, „aber ich bin nun mal nicht mutig. Und geduldig schon gar nicht. Wie also komme ich da hin, wo Jakobus mich haben will?“
„Seid auch ihr geduldig“, schreibt Jakobus, „und stärkt eure Herzen“. Für mich ist das der Schlüsselsatz in unserem Text: „Stärkt eure Herzen!“
Im Jakobusbrief ist das „Herz“ ein sehr wankelmütiges, labiles Organ. Man kann es betrügen (1,26) und bitteren Neid und Streit in ihm haben (3,14). Man kann es mästen (5,5) oder heiligen (4,8). Und man kann es stärken (5,8).
Als Mittelpunkt und Quelle des geistigen Lebens mit allem Denken, Wollen und Fühlen steht das Herz in diesem Brief und überhaupt in der Bibel für die Größe und für die Schwäche des Menschen zugleich. So wankelmütig und verzagt unser Herz auch manchmal ist, Jakobus traut uns zu, dass wir es „stark machen“, dass wir uns gegen die Sorgen der Gegenwart und gegen die Angst vor der Zukunft wappnen können.

Aber wie? Wie stärkt man sein Herz?

Leider bleibt Jakobus die Antwort auf diese Frage schuldig. Das kann man bedauern. Man kann es aber auch als Aufforderung verstehen, sich selbst darüber Gedanken zu machen, was das sein könnte, das unser Herz stärkt. Das kann jeder und jede von uns nur für sich selbst herausfinden.
Also erzähle ich euch, was mein Herz stark macht. Vielleicht bringt euch das auf die eine oder andere Idee, was eure Herzen stärken könnte.

  • Da ist zuerst und vor allem die Liebe. Einen Menschen zu haben, bei dem ich zu Hause bin und einfach sein kann. Und für diesen Menschen selbst ein Zuhause zu sein. Das macht mein Herz stark.
  • Da ist die Familie. Menschen, die unter allen Umständen und solange sie leben mit mir verbunden sind – in guten wie in schlechten Tagen. Das macht mein Herz stark.
  • Dann sind da die Bücher. Türen in andere Welten, die meinen Blick weiten und meinen Verstand fordern. Nachdenken. Umdenken. Neu denken. Das macht mein Herz stark.
  • Und natürlich ist da dieses eine, besondere Buch: die Bibel. Diese uralten Texte, mit denen Menschen seit Jahrtausenden die Erfahrung machen, dass ihnen darin Gott begegnet. Das macht mein Herz stark.
  • Ein Starkmacher ist für mich auch die Musik. Melodien, Harmonien, Rhythmen für gute und für schlechte Tage. Texte, die mich berühren und begleiten. Das macht mein Herz stark.
  • Da ist die Möglichkeit, kreativ zu sein. Etwas zu gestalten. Mit Worten. Mit Bildern. Etwas Schönes. Etwas Sinnvolles. Das macht mein Herz stark.
  • Da sind Begegnungen mit anderen Menschen, Erfahrungen in der Natur, Erlebnisse auf Reisen, Überraschungen bei der Arbeit oder beim Unterwegssein in der Freizeit. Das macht mein Herz stark.
  • Da ist das Engagement für andere Menschen, für meine Ideale, für die Dinge, die mir wichtig sind. Das macht mein Herz stark.
  • Und da ist der Glaube, dass am Ende alles gut wird, weil am Ende immer Gott ist. Auch wenn ich nicht weiß, wie nah das wirklich ist, was Jakobus das „Kommen des Herrn“ nennt. Ich weiß, dass er kommt und dass es gut sein wird, wenn er kommt. Das macht mein Herz stark.

Und ein starkes Herz ist ein geduldiges Herz.
Damit schließt sich der Kreis, den unser Predigttext beschreibt:

„So seid nun geduldig, Brüder und Schwestern, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.“

Ich schließe mit einigen kurzen Gedanken „über die Geduld“, die Rainer Maria Rilke mal in einem Brief an einen jungen Dichter (Franz Xaver Kappus) geäußert hat:

„Man muss den Dingen die eigene, stille, ungestörte Entwicklung lassen, die tief von innen kommt und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann. Alles ist austragen – und dann gebären ... Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen des Frühlings steht, ohne Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte.
Er kommt doch! Aber er kommt nur zu den Geduldigen, die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge, so sorglos, still und weit ...
Man muss Geduld haben mit dem Ungelösten im Herzen, und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben, wie verschlossene Stuben, und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.
Es handelt sich darum, alles zu leben. Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antworten hinein.“



Literatur:

  • Wolfgang Schrage, Der Jakobusbrief. In: Horst Balz / Wolfgang Schrage, Die Briefe des Jakobus, Petrus, Johannes und Judas (NTD 10). Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen und Zürich 1985.
  • Wiard Popkes, Der Brief des Jakobus (ThHK 14). Evangelische Verlagsanstalt: Leipzig 2001.
  • Hubert Frankemölle, Der Brief des Jakobus (ÖTK 17/1+2). Gütersloher Verlagshaus: Gütersloh / Echter Verlag: Würzburg 1994.


(c) Volkmar Hamp