Elisa und die Schunemiterin (2. Könige 4,8-37)


Liebe Geschwister, liebe Freunde,

Predigttext für den heutigen Sonntag ist eine Geschichte aus dem Alten Testament. Eine jener Geschichten, die scheinbar wenig mit unserer Lebenswelt und unseren Erfahrungen heute zu tun haben. Sie handelt vom Propheten Elisa, einem Mann Gottes, der im 9. Jahrhundert v. Chr. im Norden Israels gelebt hat. Und von einer namenlosen Frau aus Schunem, einem Ort in der fruchtbaren Jesreel-Ebene, 15 km östlich von Megiddo.
Einst ein selbständiger Stadtstaat wurde Schunem um 1400 v. Chr. zerstört und später von dem israelitischen Stamm Issachar neu besiedelt. Aufgrund der fruchtbaren Umgebung lebten dort zur Zeit Elisas wohlhabende Leute. Die Schunemiterin, von der in 2. Könige 4,8-37 erzählt wird, war eine solche wohlhabende Frau. Und das ist ihre Geschichte:

Als eines Tages der Prophet Elisa bei ihr vorbeikommt, nötigt ihn diese begüterte und gastfreundliche Frau, bei ihr einzukehren. Daraus entwickelte sich eine Freundschaft oder doch zumindest eine gute Bekanntschaft. Jedenfalls macht Elisa es sich zur Gewohnheit, diese Frau zu besuchen, wenn er in der Gegend ist.
Schnell erkennt die Schunemiterin, dass Elisa ein besonderer Mensch ist, ein „Gottesmann“, ein „Prophet“. Den lässt man nicht auf der Couch im Wohnzimmer schlafen! Und so bittet sie ihren Ehemann, für Elisa eine komfortablere Unterkunft zu schaffen. Während man sonst in dieser Zeit in Israel für einen Gast auf dem Dach des Hauses eine Hütte aus Reisig errichtet, die mit Hilfe einer Leiter zugänglich ist, wird für Elisa extra ein Obergemach aus Lehmwänden gemauert und mit Möbeln ausgestattet, die für damalige Verhältnisse geradezu luxuriös sind: ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch und ein Leuchter. Elisa soll es bequem und vornehm haben – ein Detail, das sowohl den Reichtum des gastfreundlichen Hauses als auch die Hochachtung seiner Bewohner ihrem Gast gegenüber zum Ausdruck bringt.
Elisa – so wird erzählt – bedankt sich auf besondere Weise für die Gastfreundschaft seiner Gönnerin. Als er wieder einmal bei ihr einkehrt, ruft er die Frau zu sich. Respektvoll bleibt sie an der Tür stehen, um zu hören, was der Gottesmann ihr zu sagen hat. Da kündigt der Prophet ihr an, dass sie übers Jahr ein Kind bekommen wird, einen Sohn. Vermutlich ist dies das Einzige, was dieser wohlhabenden Frau zu ihrem Glück noch fehlt, denn sie hat keine Kinder und ihr Mann ist schon alt.
Bescheiden wehrt die Frau ab. „Lüg mich nicht an!“, sagt sie und meint doch wohl: „Mach mir keine falschen Hoffnungen!“ (Vers 28) Glauben kann sie dem Gottesmann die gute Nachricht nicht, und doch wünscht sie sich nichts sehnlicher, als dass sie in Erfüllung geht. Und tatsächlich, das Wunder geschieht! Die Frau wird schwanger und bekommt einen Sohn.
So weit, so gut! Doch dabei bleibt es nicht. Eines Tages, als das Kind herangewachsen ist, geht es hinaus aufs Feld, um dort den Arbeitern zuzuschauen, die unter der Aufsicht des Vaters die Ernte einbringen. Da klagt es plötzlich über heftige Kopfschmerzen. Der Vater lässt das Kind zu seiner Mutter nach Hause bringen. Doch obwohl die sich sofort um ihren Sohn kümmert, passiert das Unvorstellbare: Um die Mittagszeit stirbt der Kleine auf dem Schoß seiner Mutter, vielleicht an einem Sonnenstich – nichts Ungewöhnliches in der heißen Erntezeit.
Eigentlich, so sollte man meinen, müsste diese Geschichte hier zu Ende sein. Wehklagen und Trauer noch, eine herzzerreißende Beerdigung – das war’s! Vorwürfe vielleicht in die eine oder andere Richtung: „Warum hast du unseren Sohn nicht vor der Sonne geschützt?“ – „Warum hast du ihn hinaus aufs Feld gelassen?“ Tränen und Verbitterung.
Doch wenn das das Ende der Geschichte wäre, stünde sie wohl kaum in der Bibel! Die Frau aus Schunem handelt anders, als wir es erwarten und wohl auch tun würden. Sie bringt das Kind in das dem Gottesmann vorbehaltene Obergemach und legt es dort auf sein Bett. Hier wird es niemand vermuten. Kein Mensch soll von seinem Tod erfahren. Anschließend verschließt sie die Tür. Vielleicht, damit niemand das Kind findet. Vielleicht aber auch – so stellte man sich das damals vor –, um dafür zu sorgen, dass die Seele des Kindes in seiner Nähe bleibt. Ihrem Mann sagt sie nichts vom Tod des Jungen. Sie bittet ihn nur, ihr einen Knecht und eine Eselin zur Verfügung zu stellen, damit sie Elisa aufsuchen könne. Sie würde auch bald zurückkommen.
Der Mann wundert sich. Den Propheten sucht man doch sonst nur an Feiertagen auf! Doch die Schunemiterin drängt zu Eile. Erklären will sie sich nicht. Vielleicht hat sie Sorge, dass ihr Vorhaben gefährdet wird, wenn ihr Mann und die anderen Leute vom Tod des Kindes erfahren. Vielleicht erwartet sie Einwände dagegen, dass sie – gegen alle Vernunft – ihr ganzes Vertrauen und all ihre Hoffnung auf den Gottesmann setzt. Sie bricht also auf und treibt den Knecht zur Eile an.
Bei Elisa angekommen, fällt sie vor ihm nieder, umklammert seine Füße und überhäuft ihn mit Vorwürfen, in denen ihr ganzes Leid zum Ausdruck kommt. Sie hatte doch nicht um ein Kind gebeten! Das war doch Elisas Idee gewesen, sein „Geschenk“ an sie! Und ein Kind begraben zu müssen – ist das nicht viel schwerer als erst gar keins zu haben?
Doch unter all der Wut und Trauer, in all ihren Vorwürfen ist doch auch ein letzter Rest Hoffnung, ein unzerstörbarer Funken Vertrauen verborgen. Und so schwört die Frau, Elisa nicht unverrichteter Dinge zu verlassen. „So wahr Jahwe lebt und so wahr du lebst, ich lasse dich nicht los!“ (Vers 30)
Vielleicht ist es dieses Vertrauen, diese Beharrlichkeit, die Elisa dazu bringt, sich auf den Weg nach Schunem zu machen. Vielleicht auch einfach nur die Tatsache, dass seine Glaubwürdigkeit auf dem Spiel steht, wenn dieses Kind tatsächlich seiner Mutter genommen wird. Immerhin bedeutet Elisa „Gott hilft“. Gott hat dieser Frau geholfen und ihr einen Sohn geschenkt. Gott kann doch nicht so grausam sein, ihr dieses Geschenk jetzt wieder wegzunehmen!?
Also macht Elisa sich auf den Weg und folgt der Frau nach Schunem. Dort angekommen, geht er in seine Kammer hinauf, in der das tote Kind auf seinem Bett liegt. Indem er sich auf das Kind legt – Mund auf Mund, Auge auf Auge, Hände auf Hände –, überträgt er etwas von seiner Lebenskraft auf den toten Jungen. Der Körper des Jungen wird wieder warm – ein untrügliches Zeichen dafür, dass Elisa ihn vom Tod erweckt hat!
Der Schluss der Geschichte ist schnell erzählt. Elisa ruft die Mutter des Kindes zu sich herein und sagt nur drei Worte zu ihr: „Nimm deinen Sohn!“ Ein zweites Mal hat er ihr das Kind geschenkt. Dankbar und demütig fällt sie wortlos vor ihm nieder. Dann nimmt sie das Kind und geht hinaus.


So weit die biblische Geschichte. Ich habe sie in ihren wesentlichen Zügen nacherzählt (vgl. Würthwein, ATD 11,2, 289-294). Der biblische Text enthält noch viele weitere Details. Doch was fangen wir mit dieser Geschichte an, die doch sehr wie ein Märchen aus uralten Zeiten klingt? Dazu drei Gedanken:


1. Wunder geschehen!

Menschen machen Erfahrungen wie die hier geschilderten. Sie erleben, dass Tote zu neuem Leben erweckt werden. Manchmal im wörtlichen, viel häufiger aber auch im übertragenen Sinne. „Glaube versetzt Berge“, sagt man – ein Sprichwort, das bekanntlich auf Jesus selbst zurückgeht. Und das stimmt!
Vermutlich kennt ihr Geschichten von todkranken Menschen, die im Vertrauen darauf, wieder gesund zu werden, nicht aufgegeben, all ihre Selbstheilungskräfte mobilisiert haben und wieder gesund geworden sind. Vielleicht habt ihr Menschen erlebt, die am Ende all ihrer Pläne und Hoffnungen angekommen waren und doch weitergemacht haben – und plötzlich lag da ein neuer Weg vor ihnen. Vielleicht kennt ihr Leute, die unglaubliche Schwierigkeiten und Hindernisse überwunden haben, um ihrem Leben eine positive Wendung zu geben – und plötzlich hatten sie Erfolg damit.
Nicht wenige dieser Menschen bringen solche Erfahrungen – ein neues Leben oder das alte Leben neu geschenkt bekommen zu haben – mit Gott in Verbindung. Gott, sagen sie, ist eben „ein Gott, der hilft“, wie der Name Elisa (übersetzt: „Gott hilft“) es ausdrückt. Und manchmal verdichten sich solche Erfahrungen dann in Geschichten wie der von Elisa und der Schunemiterin – oder in Gedichten, Liedern, Psalmen:

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.
Woher kommt mir Hilfe?
Meine Hilfe kommt vom HERRN,
der Himmel und Erde gemacht hat.
(Psalm 121,1-2)


Heute ist der 11. September. Heute vor 15 Jahren brachten 19 Selbstmordattentäter vier Flugzeuge in ihre Gewalt und verübten damit einen koordinierten Terroranschlag auf wichtige zivile und militärische Gebäude in den USA. Die Bilder der brennenden Zwillingstürme des World Trade Centers haben sich tief in unser Gedächtnis eingeprägt. 3.000 Menschen kamen damals ums Leben. Hunderttausende wurden im anschließenden „Krieg gegen den Terror“ in Afghanistan und im Irak getötet. Und kein Wunder hat dieses massenhafte Töten und Sterben verhindert.
Wunder geschehen. Ohne Frage! Aber sie sind doch die Ausnahme, nicht die Regel. Niemand hat einen Anspruch oder ein Recht darauf. Auf jeden Todkranken, der durch ein Wunder geheilt wird, kommen hundert andere, bei denen das nicht geschieht. Auf 1.000 Geflüchtete, die im Mittelmeer gerettet werden, kommen ebenso viele, die dort ertrinken. Und die haben nicht weniger gebetet, gehofft und geglaubt als die anderen!
Darum ist mir der zweite Gedanke genauso wichtig, wie der erste:


2. Gott ist bei uns, auch wenn kein Wunder geschieht!

Der Name Gottes ist nämlich nicht: „Gott hilft“. Das ist der Name seines Propheten. Der Name Gottes ist Jahwe: „Ich bin für dich da“. Der Name Gottes ist Immanuel: „Gott mit uns“. Und das gilt auch und gerade dann, wenn Hilfe ausbleibt, wenn kein Wunder geschieht!
Dass es solche Situationen gibt, wissen natürlich auch schon die Menschen im Alten Testament. Viele Psalmen beschäftigen deshalb sich mit der Frage, die auch uns manchmal umtreibt, warum es dem Gottesfürchtigen schlecht und dem Gottlosen gut geht. Auch das Hiobbuch setzt sich mit diesem Problem auseinander. Und die Antwort Hiobs auf die Erfahrung von Verlust und Leid ist eine Art „heilige Resignation“: „Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen; der Name des HERRN sei gelobt!“ (Hiob 1,21)
Doch wie man mit der Frage nach dem Leid umgehen kann, lässt sich – wie so vieles – am besten von Jesus lernen. Im Garten Gethsemane, im Angesicht des Todes, betet er zu seinem himmlischen Vater: „Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber.“ (Mt 26,39)
Ein solches Gebet ist verständlich und legitim. Wir dürfen uns dankbar freuen, wenn es erhört wird. Aber Jesus geht in seinem Gebet noch einen Schritt weiter. Er sagt: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“ (Lk 22,42) Mit dieser Bitte aus dem Vaterunser (vgl. Mt 5,10) legt er sein Schicksal ganz in Gottes Hände – vollkommen unabhängig davon, wie es ausgeht.
Und wie wir alle wissen, ging der Kelch nicht an Jesus vorüber. Er hat ihn geleert bis auf den Grund und ist daran zugrunde gegangen. Und so sind die letzten Worte Jesu am Kreuz so etwas wie eine „Schule des Betens“ in leidvollen Situationen. Manche Seelsorger und Seelsorgerinnen, die in der Sterbebegleitung arbeiten, sehen in ihnen eine Art „Programm zum guten Sterben“ und entnehmen ihnen wichtige Impulse für ihre Hospizarbeit. Diese „sieben letzten Worte Jesu am Kreuz“ sind ...

- ... Worte der Vergebung („Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ – Lk 23,34),
- ... Worte des Zuspruchs („Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ – Lk 23,43),
- ... Worte der Fürsorge („Frau, siehe, dein Sohn!“ und: „Siehe, deine Mutter!“ – Joh 19,26-27),
- ... Worte der Klage und der Verzweiflung („Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ – Mk 15,34; Mt 27,46; vgl. Ps 22,2),
- ... Worte existenzieller Bedürftigkeit („Mich dürstet.“ – Joh 19,28; vgl. Ps 22,16),
- ... Worte des Abschiednehmens und des Zu-Ende-Bringens („Es ist vollbracht.“ – Joh 19,30),
- ... Worte des Loslassens und der Zuversicht („Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ (Lk 23,46; vgl. Ps 31,6).

So beten zu lernen – nicht erst im Angesicht des Todes! – könnte eine gute Vorbereitung auf das eigene Leiden und Sterben sein. So beten zu können ist Ausdruck eines Glaubens, der keine Wunder braucht, weil er selbst das größte Wunder ist. Damit bin ich beim dritten (und letzten) Gedanken:


3. Nicht Wunder lehren uns glauben – Der Glaube lehrt uns das Wundern!

Es gibt Menschen – und in bestimmten Phasen unserer religiösen Entwicklung sind wir alle solche Menschen! –, die unterhalten eine Art „Handelsbeziehung“ mit Gott. Sie sagen: „Wenn du dies oder jenes für mich tust, wenn dies oder jenes in meinem Leben geschieht ..., dann will ich glauben. Dann will ich mich dir anvertrauen und mein Leben an dir ausrichten.“ Oder umgekehrt: „Ich glaube. Ich vertraue dir ..., aber nur, wenn und solange du meine Wünsche und Erwartungen nicht enttäuschst.“ Religionspsychologen benennen einen solchen Glauben mit den lateinischen Worten „Do ut des“ – „Ich gebe, damit du gibst“ – oder: „Wie du mir, so ich dir“.
Das funktioniert natürlich auch anders herum: „Wie ich dir, so du mir!“ Ich vertraue dir mein Leben an – dafür hast du dafür zu sorgen, dass ich ein gutes Leben habe, dass ich von schweren Schicksalsschlägen verschont bleibe und am Ende möglichst schmerzfrei, friedlich und „lebenssatt“ einschlafe.
Keine Frage: Man kann so glauben! Kinder im Schulalter glauben häufig so. Und manche Menschen legen diese Art zu glauben niemals ab. Aber ein erwachsener, ein reifer Glaube ist das nicht! Vor allem ist es kein Glaube, der durch Krisen und Enttäuschungen trägt, sondern in solchen Situationen schnell verloren geht.
Die Schunemiterin in unserer Geschichte könnte man als Repräsentantin eines solchen Glaubens sehen, doch vielleicht würde man ihr damit auch Unrecht tun. Wer weiß denn schon, wie sie reagiert hätte, wenn Elisas Versuche, ihren Sohn ins Leben zurück zu holen gescheitert wären?
Solche Geschichten – von ausgebliebenen Wundern, gescheiterten Rettungsversuchen, unerfüllten Lebensträumen und enttäuschten Erwartungen – sind in der Bibel eher selten. Und wenn es sie gibt, dann nur, weil auch sie – wie das Hiobbuch oder die Passionsgeschichte – mit einem finalen „Happy End“ erzählt werden können.
Und das ist auch richtig so! Genau das ist nämlich die Botschaft der Bibel, des Evangeliums: dass da ein „Happy End“ auf uns wartet, in dem unser ganzes Leben – auch seine Brüche und das Scheitern, alle Verletzungen und jede Träne – aufgehoben ist. Der Seher Johannes beschreibt das im vorletzten Kapitel seines Buches so:

„Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen ... Siehe, ich mache alles neu!“ (Offenbarung 21,3-5)

Die Autorin Susanne Niemeyer (www.freudenwort.de) hat den Glauben, der auf dieses Wunder wartet, in einem Gedicht beschrieben, mit dem ich schließen möchte:

Und wenn morgen die Welt unterginge,
dann möchte ich sagen können, danke,
es hat gereicht.
Ich habe jeden Apfel und jeden Hummer genossen
und eins von beiden war immer da.
An Wolkenspielen habe ich mich satt gesehen
und Wein war in den Gläsern und Brot auf dem Tisch
und unsere Gedanken schwappten über.

Und wenn morgen die Welt unterginge,
dann möchte ich sagen können, danke,
ich habe geliebt.
Mein Herz habe ich verschenkt,
obwohl ich Angst hatte.
Ich habe geküsst, auch wenn zu arbeiten
ergiebiger gewesen wäre,
ich habe Münzen in Mützen geworfen und
morgens im Bus gelächelt.

Und wenn morgen die Welt unterginge,
dann möchte ich sagen können, danke,
ich habe gelebt
und die Lebensmittel nicht
zu meiner Lebensmitte gemacht
und mein Bankkonto nicht meine Freiheit
bestimmen lassen
und mein Glück nicht an die Couch gehängt,
die ich mir leisten konnte oder auch nicht.

Wenn morgen mein Leben endete,
dann möchte ich sagen können, danke,
ich habe geglaubt,
dass Gottes Reich mitten zwischen uns ist,
und der Eintritt ist frei.

(aus: Brot & Liebe. Wie man Gott nach Hause holt)



Literatur:
Ernst Würthwein, Die Bücher der Könige. 1. Kön. 17 – 2. Kön. 25 (ATD 11,2). Göttingen1984.
Angelika Daiker / Judith Bader-Reissing, Versöhnt sterben. Palliative Care im Licht der letzten sieben Worte Jesu. Patmos Verlag, Freiburg i.B. 2014.
Ulrich Wendel, Sieben Worte für das Leben. Ein Begleiter für die sieben Wochen der Passionszeit SCM R.Brockhaus, Witten 2013.

Musik:
Heinrich Schütz, Die sieben Worte Jesu Christi am Kreuz (1645 – SWV 478).
Joseph Haydn, Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze (1787/1796 – Passionsmusik: Hob. XX/1a; Streichquartett: Hob. XX/1:B = Hob. III:50-56; Klavier-Auszug: Hob. XX/1:C; Oratorium: Hob. XX/2)

(c) Volkmar Hamp